„Die große Mobilisierung“: Wie die BRD auf Kriegstüchtigkeit getrimmt wird

Zurück nach Hause geht’s dann in der Kiste.
Foto: boo_ist_online, Pixabay

Die Bundesregierung treibt in historischem Tempo Hochrüstung und Kriegsvorbereitung voran – und erklärt die militärische Logik zunehmend zum Maßstab für Politik und Gesellschaft. Der AK Antimilitarismus warnt vor dem Umbau des Sozial- und Wohlfahrtsstaats in einen durchmilitarisierten Ordnungsstaat und unterstützt eine neue antimilitaristische Gegenbewegung. Zum 70. Geburtstag der Bundeswehr brachte der AK den Sammelband „Die große Mobilisierung. Die Bundeswehr von der Wiederbewaffnung zur Kriegstüchtigkeit“ heraus. etos.media sprach mit den Herausgebern des Sammelbands über die „Zeitenwende“, deutsche Großmachtambitionen, sozialen Kahlschlag und Perspektiven einer wirksamen antimilitaristischen Praxis.

etos.media: Was war die Motivation, diesen Sammelband herausgegeben? Und wer hat hieran mitgewirkt?

AK Antimilitarismus: Anlass für das Buch war der 70. Geburtstag der Bundeswehr im November 2025: Zehn Jahre nach deutschem Faschismus, Holocaust und Weltkrieg hat sich die BRD am 12. November 1955 ein neues Militär zugelegt. Das Land, das die Welt zweimal in den Abgrund gestürzt hat, war gegen den Willen eines großen Teils der Bevölkerung nun wiederbewaffnet. In der Bonner Ermekeilkaserne verlieh Minister Theodor Blank (CDU) den ersten 101 Freiwilligen die Ernennungsurkunden – ein größeres Eisernes Kreuz, um die Bühne zu schmücken, haben sie vermutlich nicht gefunden.

Hier fing das alles an: Am 12. November 1955 vereidigte Verteidigungsminister Theodor Blank (CDU) in der Ermekeilkaserne die ersten 101 Rekruten für die neue Bundeswehr. Foto: Bundesarchiv, CC-BY-SA.

Mit dem Buch wollten wir versuchen, der politischen und medialen Glorifizierung des Militärischen, die wir spätestens seit Ausrufung der „Zeitenwende“ durch Ex-Kanzler Scholz im Februar 2022 erleben, unsere antimilitaristischen Analysen und Narrative entgegenzusetzen. Wir wollten Argumente und Einschätzungen für eine antimilitaristische Gegenöffentlichkeit bereitstellen, die sich dem bellizistischen Zeitgeist widersetzt.

Wir vom AK Antimilitarismus kennen uns aus journalistischen und aktivistischen Kreisen der antimilitaristischen Szene in Berlin. Viele der Autor:innen gehören zu den profiliertesten Stimmen in der antimilitaristischen Öffentlichkeit in der BRD.

etos.media: Sie behandeln im Sammelband Geschichte und Gegenwart der Bundeswehr in vier Abschnitten. Im ersten Teil „Die Bundeswehr im Wandel” befassen sich die Beiträge der Autor*innen mit der neuen Konjunktur von Kriegsdiskurs, Waffen und Ausrüstungen.

AK Antimilitarismus: Uns war bei der Planung klar, dass dieser Band von den tagesaktuellen Ereignissen, die die Militarisierung mit sich bringt, überholt werden wird. Daher haben wir unseren Fokus auf die Entwicklung seit Gründung der Bundeswehr bis heute gelegt. Die Fokussierung auf die Bundeswehr im Wandel, insbesondere seit den 1990er Jahren, soll aufzeigen, dass diese keine Armee zur Verteidigung ist, sondern die Annexion der DDR die Voraussetzung geschaffen hat, dass von deutschem Boden wieder Krieg ausgeht. Anhand der Beschreibung dieser militaristischen Kontinuität soll das Buch Anregung und Inspiration für diese neue Antimilitarismusbewegung sein.

etos.media: Wo verorten Sie die sogenannte „Zeitenwende“ analytisch: als realen sicherheitspolitischen Bruch oder als diskursive Verdichtung länger bestehender Militarisierungstendenzen?

AK Antimilitarismus: Es handelt sich um die massive Beschleunigung einer jedoch seit längerem bestehenden Militarisierung der BRD, welche in den Jahren 2013/2014 mit einem sukzessive steigenden Militäretat an Fahrt aufgenommen hat. Die fürs Militär bestimmten „Sondervermögen“ (es handelt sich faktisch natürlich um Sonderschulden) reihen sich in diese Entwicklung ein und stellen keineswegs einen Bruch oder eine neue Qualität dar. Mit dem Angriffskrieg Russlands wurde lediglich ein Möglichkeitsfenster genutzt, um die horrenden Ausgaben durchzusetzen – die Pläne, die Bundeswehr mittels „Sondervermögen“ hochzurüsten, kursierten jedoch bereits Monate vor dem russischen Überfall im BMVg, mindestens seit Oktober 2021. Die Dauerbeschallung der üblichen Verdächtigen, die hier vorsätzlich Kausalitäten falsch darstellen, ist nachweislich und offen gelogen.

Diese Hochrüstung muss gegen die bis dato vorherrschende gesellschaftliche Stimmung, welche nicht von Militarismus und Kriegsbegeisterung geprägt war, durchgedrückt werden. Gegen Ende der Nullerjahre war die Bundeswehr aufgrund ihres Scheiterns im völkerrechtswidrigen Afghanistan-Krieg in einer Legitimationskrise. So findet sich im schwarz-gelben Koalitionsvertrag des Jahres 2009 der Passus, Deutschland werde sich in Militärfragen von einer „Kultur der Zurückhaltung“ leiten lassen. Folgerichtig war das Nein des damaligen Außenministers Westerwelle zum Angriffskrieg gegen Libyen ebenfalls ein Ausdruck dieser Politik. Mit dem 2013er Paper „Neue Macht – neue Verantwortung“ brachte sich die Rüstungslobby in Stellung und rief noch lange vor IS und Annexion der Krim nach Aufrüstung und militärischer Intervention.

etos.media: Welche politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen mussten gegeben sein, damit massive Aufrüstung heute als alternativlos erscheinen kann?

AK Antimilitarismus: Dafür braucht es die Erzählung einer militärischen Bedrohung, denn nur so lässt sich dies gegenüber der Bevölkerung verkaufen. Allen voran Carsten Breuer, der als Generalinspekteur der Bundeswehr der ranghöchste Soldat im Land ist, hat in den vergangenen Jahren seinen Einfluss geltend gemacht. Über sein Amt ist er zu einem politischen Akteur geworden, dem in Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen viel Platz eingeräumt wurde, um seine Propaganda von einem bevorstehenden Angriff Russlands zu verbreiten. Dieses mantraartig vorgetragene Breuer-Narrativ ist jedoch nicht haltbar, da es weder politische Erklärungen aus Moskau – oder auch nur Andeutungen in dieser Hinsicht – noch eine geostrategische Sinnhaftigkeit gibt, die diese Annahme stützen würde. Breuer hat auch nie dargelegt, worauf sich seine Schreckenszahl 2029 überhaupt stützen würde. Im BMVg weiß man jedoch, dass es ohne diese Propaganda nicht geht und die Gesellschaft durch die Verbreitung dieser nicht haltbaren Annahmen auf Kriegskurs gebracht werden soll. Zu einem großen Krieg mit Russland, in den Deutschland mit hineingezogen wird, kann es freilich kommen. Die Herrschenden hierzulande haben nicht erkennen lassen, dass Deeskalation und Diplomatie Alternativen zu militärischen Drohgebärden sind, und man könnte fast behaupten, sie würden auf genau dieses Szenario des großen Kriegs hinarbeiten.

etos.media: Mit „Sondervermögen”, der faktischen Umgehung der Schuldenbremse und Aussagen wie Friedrich Merz’ „whatever it takes“ wird die Bereitschaft signalisiert, verfassungsrechtliche Grenzen für militärische Zwecke zu verschieben. Markiert diese Entwicklung einen Übergang in einen dauerhaften Ausnahmezustand der Aufrüstung – und was bedeutet das für demokratische Kontrolle und zivile Politik insgesamt?

AK Antimilitarismus: Mit all diesen Maßnahmen treibt die herrschende Klasse in atemberaubendem Tempo den Umbau von einem Sozial- und Wohlfahrtsstaat in einen durchmilitarisierten Ordnungsstaat voran. Es sind längst keine rhetorischen Worthülsen mehr, sondern knallharte Angriffe gegen Rentner:innen, Erwerbslose, Alleinerziehende, arme Menschen sowie prekarisierte Familien, die besonders hart vom sozialen Kahlschlag getroffen werden. Jede Woche finden sie neue Fronten ihrer Kürzungsorgie; aktuell hat Familienministerin Prien (CDU) den Unterhaltsvorschuss für Kinder von Alleinerziehenden auf den Metzgerblock gepackt.

Auf der anderen Seite ist eine massive Verschiebung des Haushalts zugunsten des Militärs zu beobachten. Verteidigungsminister Pistorius (SPD) hat diesen Konflikt schon vor einem Jahr besonders zynisch und arrogant formuliert: „Mit Sozialleistungen und mit Bildung lässt sich dieses Land nicht verteidigen“, sagte er im Deutschlandfunk. Spätestens wenn von der Regierung solche Aussagen kommen, sollten bei Sozialverbänden und Gewerkschaften die Alarmglocken läuten. Dass sich die Gewerkschaften bei all ihren Arbeitskämpfen und Bündnissen geweigert haben, der „Zeitenwende“-Politik eine klare Absage zu erteilen, ist ein großes Versagen.

etos.media: Der Krieg in der Ukraine fungiert vielfach als moralischer Referenzpunkt. Wo sehen Sie notwendige Solidarität – und wo beginnt die Normalisierung militärischer Logik?

AK Antimilitarismus: Dass der Krieg in der Ukraine tatsächlich ein moralischer Referenzpunkt ist, bezweifeln wir. Vielmehr wurde mit dem Krieg im öffentlichen Diskurs Druck erzeugt, sich für die eine oder die andere Seite der Kriegsbeteiligten zu entscheiden – in der deutschen Debatte zugunsten der Ukraine. Es ging hier nicht um moralische Anteilnahme, sondern um moralische Erpressung. Jede kritische Nachfrage, jeder Grauton, wurde mit einer Barrage moralinsaurer Statements belegt – letztlich nur, um den Status quo bundesdeutscher Herrschafts- und Wirtschaftsinteressen zu schützen. Auch in der linken, friedenspolitischen Debatte war und ist es oft nicht viel anders, nur teilweise mit umgekehrten Vorzeichen. Für uns als Antimilitarist:innen steht eine Parteinahme in Kriegen nicht zur Debatte.

Durch den Krieg in der Ukraine hat eine Polarisierung entlang der Frontlinien Einzug in den öffentlichen Diskurs gehalten. Und wie wir alle wissen, ist die Moral – nach der Wahrheit – bekanntlich das zweite Opfer eines jeden Krieges. Würden ethische  Fragen ins Zentrum gesetzt werden: Dann ginge es um die notwendige Solidarität mit der von Kriegshandlungen betroffenen Zivilbevölkerung (überall) oder den als Kanonenfutter verheizten Soldaten auf beiden Seiten, die stets aus der arbeitenden Klasse und oft gegen ihren Willen eingezogen werden. Ihnen sollte die reibungslose Möglichkeit zur Flucht oder Desertion gegeben werden. Und die militärische Logik stünde als solche selbst am moralischen Pranger.

etos.media: Inwiefern hat der Ukrainekrieg die Grenzen des Sagbaren verschoben und antimilitaristische Kritik politisch oder moralisch delegitimiert?

AK Antimilitarismus: Das Primat des Militärischen wurde seit Februar 2022 zum einzigen Weg erklärt. Die mediale Dauerbeschallung seit dem Angriff Russlands und folgend hat tiefe Spuren hinterlassen. Es hat einige Zeit gedauert, gegen all jene Akteure anzukommen, die antimilitaristische oder friedenspolitische Stimmen delegitimieren und mit Moskaus Politik und Interessen in Eins setzen wollten. Momentan erleben wir eine aufkommende Gegenbewegung: Wir sehen etwa die von Jugendlichen getragene „Schulstreiks gegen die Wehrpflicht“-Bewegung, deren Anliegen wir mit Nachdruck unterstützen. Darüber hinaus weigern sich immer mehr Menschen, den Zustand der autoritären Politik dauerhaft zu ertragen und dabei zuzusehen, wie das drohende Ende des Sozialstaates die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten verschärft.

etos.media: In einem weiteren Abschnitt in Ihrem Band behandeln mehrere Texte die Einsätze der Bundeswehr. So befasst sich Emran Feroz mit dem Afghanistan-Einsatz. Dieser gilt weithin als gescheitert. Warum hatte dieses militärische und politische Scheitern kaum bremsende Wirkung auf die aktuelle Aufrüstungspolitik?

AK Antimilitarismus: Die Autor:innen des Bandes zeigen anhand der Geschichte der Auslandseinsätze auf, dass es der BRD stets darum ging, sich international unentbehrlich zu machen. Darauf gehen Daniel Frede und Jakob Reimann explizit ein, indem sie dieses Vorhaben anhand der verschiedenen Bundeswehr-Einsätze im Sahel beschreiben, allen voran in Mali und Niger. Die deutsche Außenpolitik hat sich, wie wir alle wissen, sehr schwer damit getan, wie man mit dem gescheiterten Einsatz in Afghanistan umgehen sollte und was überhaupt die neue Stellung und Aufgabe der Bundeswehr sein könnte – und auch, wie man diese Aufgabe in der Öffentlichkeit kommunizieren sollte. Für seine Aussage nach einem Besuch im Bundeswehrcamp in Masar-e Scharif im Deutschlandradio Kultur, dass „militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege“, verlor Bundespräsident Köhler 2010 noch seinen Job.

Dass auch Deutschland imperiale Interessen verfolgt und diese militärisch in der Welt durchsetzen will, war zwar nicht neu, doch bis dato ein offenes Geheimnis. Doch so recht passte das nicht mit dem Bild des deutschen Bundeswehrsoldaten zusammen, der nach Afghanistan oder in den Kosovo entsendet wird, um dort Demokratie und Menschenrechte nach westlichem Vorbild zu installieren: Das Eingeständnis, dass statt der berühmten Brunnen und Mädchenschulen nun doch Handelsinteressen das deutsche Interesse am Hindukusch ausmachten, war damals tatsächlich noch ein Tabubruch.

etos.media: Welche Lehren aus Afghanistan wurden aus Ihrer Sicht bewusst nicht gezogen – und was sagt das über den Umgang mit Verantwortung und militärischem Scheitern?

AK Antimilitarismus: Der deutsche Imperialismus ist darauf angewiesen, einen funktionierenden Militärapparat zu unterhalten. Das heißt, die Kritik an der Bundeswehr und ihren Einsätzen hält sich in einem eng abgesteckten Rahmen. Da gibt es mal eine Enquete-Kommission im Bundestag oder einen Untersuchungsausschuss, der sich mit dem desaströsen Abzug aus Kabul beschäftigt – und das war es dann. Es ist aus Sicht der herrschenden Klasse nicht vorgesehen, dass es eine substanzielle Kritik oder eine Lehre aus dem Scheitern gibt: Es geht nicht darum, solche Dinge grundlegend zu hinterfragen, sondern darum, die Bundeswehr interventionsfähig zu halten. Scheitert ein Einsatz wie der in Mali, wird dennoch versucht, ihn gegenüber der Öffentlichkeit als Erfolg zu verkaufen – mit abgedroschenen PR-Hülsen über Stabilität, Demokratie und all diesen Märchen.

etos.media: Sie beschreiben eine zunehmende gesellschaftliche Durchdringung militärischer Logik. Wo beobachten Sie derzeit die folgenreichsten Verschiebungen – etwa in Bildung, Sozialpolitik oder öffentlicher Sprache?

AK Antimilitarismus: Die Auswirkungen der Militarisierung auf die Bereiche Bildung und Soziales wie auch auf den öffentlichen Diskurs über Krieg und Frieden sind gravierend. Es geht nicht darum, einen Bereich herauszupicken. Vonseiten der Unions-geführten Rechtsregierung hagelt es Angriffe auf den Sozialstaat und die ärmsten der Armen. Alles bedingt sich gegenseitig. Die herrschende Klasse braucht die Diskursverschiebung im Innern, um ihre Kriegstüchtigkeit zu propagieren. Sie zielen auf die Köpfe der Schüler:innen, weil sie auf den Nachwuchs als Kanonenfutter der Zukunft angewiesen sind. Daher werden von der Bundeswehr auch bewusst Minderjährige rekrutiert, trotz entsprechender internationaler Kritik und Rügen seitens des UN-Menschenrechtsrats an dieser menschenverachtenden Praxis. Die Bellizisten in der Politik arbeiten mit ihren Gleichgesinnten in der Industrie und den Medien an dem gemeinsamen Projekt, den Sozialstaat in den autoritären und auf allen Ebenen durchmilitarisierten Ordnungsstaat umzubauen.

etos.media: Wie verändert die neue Aufrüstung das Verhältnis zwischen ziviler Gesellschaft, Staat und Militär – insbesondere mit Blick auf innere Sicherheit, Kontrolle und Repression?

AK Antimilitarismus: Im Wording der Bundesregierung geht es um die „Gesamtverteidigung Deutschlands“. Das liest man im Operationsplan Deutschland ebenso wie in der Nationalen Sicherheitsstrategie. Es geht darum, Zugriff auf sämtliche Lebensbereiche zu erhalten und unter dem Framing einer vermeintlichen „Sicherheit“ alles und jede in die eigenen Kriegsvorbereitungen zu integrieren. Dazu können Vereine wie auch Unternehmen oder zivile Initiativen gehören. Es ist der Versuch des Staates, im Inneren der Gesellschaft die Reihen zu schließen. Das Formulieren von Grautönen oder nur das Hinterfragen ihres Kriegskurses müssen gesellschaftlich und medial delegitimiert werden.

etos.media: In welchem Verhältnis steht die aktuelle Militarisierung zur wirtschaftlichen Krisenlage Deutschlands – ist sie primär sicherheitspolitische Reaktion oder auch ein Instrument kapitalistischer Krisenbearbeitung?

AK Antimilitarismus: Mit dem Bedrohungsnarrativ, wonach Russland 2029 in der Lage sei, einen NATO-Mitgliedsstaat anzugreifen, will das sicherheitspolitische Establishment bewusst Angst schüren, um diese exzessive Hochrüstung zu legitimieren. Es handelt sich nicht um eine sicherheitspolitische Reaktion, sondern neben der Artikulation imperialistischer Großmachtsinteressen auch um eine Möglichkeit, über die Rüstung die kapitalistische Krise im Inland zu bewältigen. Dafür braucht es die Erzählung einer vermeintlichen Bedrohung. Sollte die BRD die irrsinnige NATO-Forderung, fünf Prozent des BIP ins Militär zu pumpen, umsetzen, nähert sich die BRD bis 2030 einem Haushalt, bei dem fast jeder zweite Euro für Militär aufgewendet wird. Dies ist wirtschaftlich nur sinnvoll, solange man einen Kriegszustand hat oder neue Kriege und Einsätze vom Zaun bricht.

etos.media: Welche Rolle spielt die Rüstungsindustrie heute konkret bei der politischen Durchsetzung militärischer Prioritäten?

AK Antimilitarismus: Die BRD schickt sich an, in der Rüstungsindustrie in Europa die Führungsrolle einzunehmen und parallel weiterhin fest an der Seite der USA zu stehen. Trotz oder gerade wegen des Scheiterns von FCAS ergeben sich für die deutsche Rüstungsindustrie neue Möglichkeiten bis hin zur Entwicklung eines eigenen Kampfjets.

Für die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie war 2025 bereits ein Rekordjahr. Auch im maritimen Bereich herrscht Goldgräberstimmung. Kürzlich ist ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) der größte U-Boot-Auftrag in der Unternehmensgeschichte gelungen. Der Haushalts- und Verteidigungsausschuss des Bundestages hat kurz vor der Sommerpause den Weg für neue Fregatten mit einem Auftragsvolumen von 6,3 Milliarden Euro erwartungsgemäß durchgewunkeninkt. Rüstungs-CEOs wie Rheinmetalls Armin Papperger gehen einerseits in den Etagen der Macht ein und aus und fungieren andererseits medial als geopolitische Scharfmacher, die den Rüstungswahn in eine Aura der Alternativlosigkeit hüllen wollen, um so weiter die Grundlage ihres Geschäftsmodells zu reproduzieren.

etos.media: Wir erleben eine Erosion der US-dominierten Weltordnung. Wie verändert diese multipolare Konstellation die militärische und außenpolitische Rolle Deutschlands – strategisch wie normativ?

AK Antimilitarismus: Auch wenn es einen wirtschaftlichen und politischen Niedergang der US-dominierten Weltordnung zu geben scheint, so bleibt die US-Dominanz im Militärischen auf unabsehbare Zeit ungebrochen. Daher wird die BRD, egal unter welcher Regierungskonstellation, mittelfristig nicht von den USA abrücken. Dafür sind die militärischen Verflechtungen etwa durch die nukleare Teilhabe oder die Ramstein Air Base viel zu eng. Parallel dazu versucht Deutschland in diesem Windschatten, in Europa eine militärische Großmacht zu werden. Dies ist der feuchte Traum der herrschenden Klasse in diesem Lande.

etos.media: Deutschland beruft sich auf eine regelbasierte internationale Ordnung. Wie erklären Sie vor diesem Hintergrund die deutsche Unterstützung Israels trotz massiver Vorwürfe von Kriegsverbrechen und Völkermord in Gaza – und welche Folgen hat diese Praxis für die Glaubwürdigkeit des Völkerrechts?

AK Antimilitarismus: Die regelbasierte internationale Ordnung ist die Ordnung des globalen Nordens und seiner Machtzentren. Mit dem Völkerrecht ist diese vermeintliche Ordnung nicht erst seit dem Überfall auf Jugoslawien 1999, an dem die BRD mit über einem Dutzend Kampfjets und Tausenden Soldaten beteiligt war, nicht vereinbar. Die Kriege, die Israel führt, sind freilich alle völkerrechtswidrig. Das Völkerrecht nimmt einerseits massiven Schaden, wenn Israel sich das Recht herausnimmt, ohne UN-Mandat jedes Land in Westasien nach Belieben angreifen zu können. Zweitens bleibt das ohne jede Konsequenz für das Regime und stiftet so zum Nachahmen an. Und drittens erfolgt diese Gesetzlosigkeit durch aktives Zutun des Westens, allen voran der USA und der BRD. Wenn der rechte Kanzler bei Israels illegalem Krieg gegen den Iran von „Drecksarbeit“ spricht und den wegen Kriegsverbrechen vom Internationalen Strafgerichtshof gesuchten Netanyahu nach Deutschland einlädt, trägt er damit jenes Regelwerk zu Grabe, das maßgeblich erst aus den Trümmern von Holocaust, Auschwitz und deutschem Faschismus geboren wurde – was für eine bittere historische Ironie.

etos.media: Angesichts von Krieg, Rechtsruck und multiplen Krisen: Wo sehen Sie heute realistische Ansatzpunkte für eine politisch wirksame antimilitaristische Praxis, die über moralische Kritik hinausgeht?

AK Antimilitarismus: Die Frage impliziert, dass eine antimilitaristische Haltung aus moralischen Gründen herrrührt. Und dass das etwas verwerfliches wäre. Eine antimilitaristische Haltung ist aber genau das: Die moralisch richtige Forderung, dass Kriege nicht mehr stattfinden und alles Militärische eine schlechte Idee aus der Vergangenheit ist. Vor allem in kriegischen Zeiten wie diesen, in denen auch weite Teile der (realpolitischen) Linken auf Kriegskurs einschwenken, ist es mehr als nötig und moralisch geboten, diese Haltung zu bewahren.

Wenn wir dann schon auf dem Gebiet der Ethik sind: Jede Ethik hat letzten Ende das gute Leben zum Ziel. Und zwar für alle. Als Antimilitarist:innen bedeutet das für uns, sich gegen jeden Krieg und gegen jedes Militär zu engagieren. Ohne Kompromisse. Krieg und Militär sind die größten Hürden, die einem möglichst guten Leben für möglichst alle im Wege stehen. Diese Haltung zum einen zu bewahren und bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Auseinandersetzung darüber zu führen, das haben wir uns als Arbeitskreis vorgenommen.

Der erste Schritt war eben unser Buch, mit dem wir auch konkrete Analysen und Argumente liefern, dass unsere Haltung eben nicht nur „moralisch“ ist, wie Ihre Frage andeutet, sondern angesichts der imperialistischen Großmachtsinteressen, die gesetzt den Fall auch kriegerisch durchgesetzt werden, die logisch einzig mögliche, wenn man Antimilitarismus ernst nimmt und praktisch antimilitaristisch aktiv werden will. Gerade ist es auch eine große Herausforderung, zum einen diese Haltung zu bewahren und zum anderem auch noch offen dafür einzutreten und sich dem Kriegsgetrommel zu verweigern. Sich praktisch zu verweigern, dabei mitzumachen und das auch konkret umzusetzen, ist der erste und moralisch richtige Schritt für eine antimilitaristische Praxis, die unserer Ansicht nach diesen Namen verdient.

Als konkreten Ansatzpunkt, diese Haltung auch einer größeren (Bewegungs-)Öffentlichkeit zu präsentieren, dazu haben sich durch die Rheinmetall entwaffnen-Kampagne Aktionen gegen die gleichnamige Waffenschmiede und andere Kriegsprofiteure des deutschen Militarismus herauskristallisiert – hier im Herzen der Bestie. Daher rufen wir auch dazu auf, sich im September am Rheinmetall entwaffenen-Camp in Köln und an den vielseitigen Aktionen zu beteiligen.

Buch „Die große Mobilisierung. Die Bundeswehr von der Wiederbewaffnung zur Kriegstüchtigkeit“, AK Antimilitarismus, PapyRossa (2025), 16,90 Euro.

Der AK Antimilitarismus auf Instagram.

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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Ein Kommentar

  1. Bei allem Verständnis, bitte korrekt zitieren: „Mit Sozialleistungen und mit Bildung lässt sich dieses Land nicht verteidigen“ sagte Boris Pistorius am 21. 05. 2025 in einem Interview mit der Zeit. Im Deutschlandfunk finden sich zu diesem Zeitpunkt keine Angaben dazu – und ihr eigener Link führt direkt zu besagtem Artikel in der Zeit. Sollte korrigiert werden.
    MfG

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