Heute jährt sich der Beginn des ersten bewaffneten Auslandseinsatzes der Bundeswehr in Somalia 1993 zum 33. Mal. Die deutsche Somalia-Mission war von offenem Rassismus, kolonialem Überlegenheitsdenken und der politischen Normalisierung militärischer Auslandseinsätze gezeichnet. Erstmals nach Hitler haben bewaffnete Deutsche am Feldflughafen Beled Weyne wieder einen Menschen im Ausland erschossen. etos.media-Redakteur Jakob Reimann beleuchtet die Geschichte eines historischen Wendepunkts deutscher Außenpolitik und zeigt, warum es bei UNOSOM II nicht um Somalia ging, sondern um ein jüngst wiedervereinigtes Deutschland auf der Suche nach sich selbst.
Der Spiegel-Beitrag ist so rassistisch wie entlarvend: „Samstag, 15. Mai [1993], am Feldflughafen von Beled Weyne: Die Deutschen kommen“, hieß es im Film von damals. „Selbst die örtlichen N****kinder dürfen am Empfang teilnehmen.“ Wir sehen einen kleinen Jungen, durch Zaun und Stacheldraht weit vom Happening der deutschen Militärs abgetrennt: „Für die notwendige Distanz ist gesorgt.“
Anlässlich des 20. Jubiläums des ersten bewaffneten Auslandseinsatzes in der Geschichte der Bundeswehr in Somalia veröffentlichte das größte deutsche Nachrichtenmagazin dieses in Teilen groteske zeitgeschichtliche Dokument im Juni 2013 erneut. Ein Transall-Transportflugzeug setzt auf und hat 21 deutsche Soldat:innen des Vorkommandos mit an Bord. Diesen historischen Moment ließ sich der damalige CDU-Verteidigungsminister Volker Rühe – Mitglied der elitären Hamburger „Freitagsgesellschaft“, Treiber hinter der Normalisierung von „Out of area“-Einsätzen der Bundeswehr und begeisterter NATO-Osterweiterer – nicht nehmen und begrüßte die ankommende „Truppe“ in Zentralsomalia höchstpersönlich. „Seit Samstag, 9.55 Uhr wird zurückgeholfen“, zieht das Hamburger Magazin durchaus geschmacklos die Parallele zu 1939, als zum letzten Male bewaffnete Deutsche offiziell ausländische Grenzen überschritten.
Der weiße Retter
„Ein kleiner Schritt für den Fallschirmjäger, ein großer Schritt für Deutschland“, fängt Spiegel treffend die Bedeutung der Situation ein, als der erste Uniformierte, der Hauptgefreite Tino Hausladen, mit seinem G3-Schnellfeuergewehr umgeschnallt aus der Transall steigt. Der Knabe hat Geburtstag und darf Grüße an Freundin und Familie über die zahlreich vor Ort versammelten Kameras nach Ebern in Unterfranken versenden. Die Deutschen sprangen für kanadische Truppen ein, die zunächst von Italien abgelöst werden sollten – doch Rom lehnte ebenso ab wie Nigeria und Malaysia. Die BRD folgte der Bitte des damaligen UN-Generalsekretärs Boutros Boutros-Ghali. Die UNOSOM-Einsätze in Somalia von April 1992 bis März 1995 sollten offiziell humanitäre Hilfe für die notleidende Zivilbevölkerung sichern und Stabilität bringen. Hintergrund war der drohende Zusammenbruch des Staates nach dem Sturz von Präsident Siad Barre 1991 und der sich anschließende Bürgerkrieg im Land am Horn von Afrika.
„Der Feind ist schwarz, schwer auszuschalten und flugfähig“, kommentiert Spiegel eine Aufnahme, die auf dem örtlichen Marktplatz eine Händlerin und mehrere Kinder zeigt. Presseoffizier Hanning Kempe schlendert mit einem kanadischen Soldaten durch die wuselige Szene. „Das ist das, was wir ihnen beibringen müssen, die Sache mit der Hygiene“, gibt dieser dem Deutschen mit auf den Weg. Offener Rassismus und Weißer-Retter-Komplex seitens der Militärs einerseits und der Spiegel-Redaktion andererseits halten sich über den viertelstündigen Beitrag hinweg die Waage. Der evangelische Militärseelsorger Lothar Matz macht „sich Gedanken über die Welt im Allgemeinen und die N****kinder im Besonderen“ und schießt dabei – es kommen durchaus Safari-Vibes auf – eifrig Fotos der Menschen. Hochsitzend auf dem weißen Panzerwagen philosophiert er über sein „erhabenes Gefühl, das man hier so hat“ – „wie so eine Invasionstruppe, die als Retter begrüßt wird“. Mit der Religion dürfte „der Kontrast zwischen Europa und Afrika“ zwar eigentlich nichts zu tun haben, aber sei es „ja etwas auffallend, dass der christliche Teil der Welt in der Regel in der besseren Situation ist“, so die scharfsinnige geopolitische Analyse des Geistlichen, „erkennbar am Kreuz auf dem Kampfanzug“.
Auf Fotos von damals zeigen sich Bundeswehr-Soldaten mit hochgeknöpfter Krempe an der rechten Seite ihrer Tropenhüte. Dies geschah „in Anlehnung an die so genannten Schutztruppen des deutschen Kaiserreiches in Afrika“, schreibt Militärjournalist Thomas Wiegold im Mai 2018. Man stellte sich als uniformierte Deutsche auf dem afrikanischen Kontinent also in eine Tradition mit jenen uniformierten Deutschen, die 90 Jahre zuvor im ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts im heutigen Namibia Zehntausende Herero und Nama töteten.
Der erste Tote
Insgesamt werden in kleineren Entsendungen zunächst 150 Deutsche nach Beled Weyne entsandt, um die Lage vor Ort zu sondieren. Das eigentliche Kontingent wird teils über 1.700 Bundeswehr-Soldaten umfassen. Mit dabei war auch ein Tierpark aus über 100 gepanzerten Fahrzeugen „Fuchs“, „Luchs“, „Wolf“ und „Wiesel“. Im kanadischen Kampfhubschrauber – „mit schussbereiten Maschinengewehren im Anschlag“ – fliegt Spiegel mit uns über die Gegend rund um den Truppenübungsplatz der Bundeswehr in Beled Weyne. Das Oasengebiet um den Shabelle-Fluss an der Grenze zu Äthiopien sei „geradezu geschaffen für den deutschen Wüstenfeldzug“. Die Deutschen sollten sich in Somalia eigentlich um die Logistik einer indischen Kampfbrigade kümmern – doch: Die indische Truppe kam nicht.
Die tatsächliche Aufgabe der Deutschen war dann oft nicht ganz klar, musste sich die Bundeswehr schließlich im vergleichsweise ruhigen Zentrum des Landes damit begnügen, ein Krankenhaus und Hilfslieferungen zu unterstützen. Bitten der UN wie der USA, im heftig umkämpften Mogadischu bei Straßenkämpfen gegen Rebellen mitzuschießen, wurden ausgeschlagen – waren doch derartige Geplänkel innenpolitisch damals noch unvermittelbar. Bei Straßenkämpfen in Mogadischu gingen die USA, unterstützt von UNOSOM-Truppen, gegen die Truppen von General Mohammed Farah Aidid, dem Militärführer des Vereinigten Somalischen Kongress, vor und begingen dabei verheerende Massaker an der Zivilbevölkerung; Hunderte Somalis wurden getötet, weit mehr verletzt. Der Hass auf die USA schwappte auf die Blauhelme über, „New white warlords“ nennt man sie bald. Bei Gegenschlägen somalischer Truppen wurden 160 UN-Soldat:innen getötet, ein Großteil davon aus der US-Armee. Auch der deutsche AP-Fotograf Hans Kraus und drei seiner Crewmitglieder kamen bei Angriffen ums Leben. Die US-Truppen wurden schließlich erniedrigt und traumatisiert aus dem Land gejagt. Ähnliche Debakel wie vom Himmel geschossene Kampfhubschrauber und durch die Straßen geschleifte Soldatenleichen – aufgearbeitet in Ridley Scotts „Black Hawk Down“ von 2001 – blieben der Bundeswehr somit erspart. US-Präsident Clinton sah sich gezwungen, seine gedemütigte Truppe nach Hause zu holen. Nach einem Jahr und Kosten in Höhe von rund 500 Millionen D-Mark zog auch die deutsche „Truppe“ im März 1994 ab.
Kurz vor dem Abzug drangen in der Nacht zum 21. Januar 1994 zwei Somalis in das deutsche Lager ein und wurden „in unmittelbarer Nähe des Betriebsstoff- und Munitionslagers [entdeckt]“, antwortet die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen im darauffolgenden März. Der eine Mann sei durch Abgabe von drei Warnschüssen in die Flucht geschlagen worden, in Richtung des anderen seien daraufhin drei Schüsse abgegeben worden. Die seien zwar „auf den Boden gerichtet“ gewesen, doch starb der 20-jährige Abdullahi Farah Mohamed direkt vor Ort durch einen Durchschuss. „Eine schuldhafte Dienstpflichtverletzung der beteiligten Soldaten ist nicht festzustellen“, so Kohls Verteidigungsministerium unter Volker Rühe in der Antwort zur ersten durch die Bundeswehr im Ausland getöteten Person. Darüber hinaus bestätigte die Bundesregierung in der Anfrage, dass sieben Soldaten „Rauschmittel (Marihuana) zu sich genommen haben“; und das obwohl Truppenpsychologen ein Informationsblatt verteilt hatten, „in dem nochmals vor dem Genuß von Betäubungsmitteln gewarnt wird“.
In die blutigen Fußstapfen der Kanadier
Die Deutschen quartierten sich auf dem Camp des kanadischen Fallschirmjägerregiments ein, das aus Somalia abziehen musste. Die rund 950 Personen starke Spezialeinheit war in Ungnade gefallen, nachdem kanadische Soldaten am 16. März 1993 den 16-jährigen Shidane Arone über Stunden hinweg zu Tode gefoltert hatten. Sie vergewaltigten ihn mit einem Besenstiel, setzten Waterboarding ein, drückten Zigaretten auf ihm aus, fügten ihm am Penis Brandwunden zu und prügelten ihn so lange, bis er tot umfiel. Die Sadisten fotografierten sich gegenseitig. Offiziell sprach die Militärführung bei den Folterknechten der „Somalia-Affäre“ von „faulen Äpfeln“, doch waren mindestens zehn Personen direkt beteiligt, während Dutzende mehr den Mord bezeugten und über Stunden hinweg nicht eingriffen.
Der Mord an dem Jugendlichen war nur die Spitze des Skandaleisbergs der kanadischen Truppe, in der sich Neonazis und Ku-Klux-Klan-Anhänger tummelten; gerne posierte man beim Canadian Airborne Regiment mit Swastikas, Adolf-Hitler-Shirts und ausgestrecktem Arm. Diese Anhänger weißer Vorherrschaft waren berüchtigt für ihren Sadismus und ihre Demütigungen und Misshandlungen der somalischen Bevölkerung. Auch getrunken wurde gern und viel: Hauptmann Michel Rainville versprach seiner Truppe Bierprämien fürs Schießen auf Somalis – ein Sixpack für die erste Verwundung, einen 24er-Kasten für den ersten Toten. Mehrere weitere unbewaffnete Zivilisten wurden erschossen oder zur Folter ins kanadische Lager verschleppt. Für die Menschen vor Ort waren die Kanadier keine Schutzmacht, sondern eine tödliche Bedrohung. Ihre Beteiligung an UNOSOM gilt heute als Lehrbuchbeispiel für gescheiterte Blauhelm-Einsätze. Die kanadischen Verbrechen wurden in Deutschland politisch wie medial nicht thematisiert, wollte doch die Kohl-Regierung die historische Zäsur für den deutschen Militarismus nicht durch Altlasten der kanadischen Wertepartner getrübt sehen.
Auf der Suche nach sich selbst
Am 21. April 1993 beschloss das Bundeskabinett den Einsatz des deutschen Unterstützungsverbandes an UNOSOM II (der trug den typisch deutschen Namen DtUStgVbd Somalia). Das Bundesverfassungsgericht entschied einen Monat später – also nach Eintreffen der ersten Truppen – auf Antrag der SPD im Eilverfahren, dass eine förmliche Zustimmung des Bundestages zwingend erforderlich sei, woraufhin das Parlament am 2. Juli mit 337 Ja- zu 185 Nein-Stimmen dem Einsatz zustimmte. Das war die erste Parlamentsabstimmung über einen bewaffneten Auslandseinsatz. In den damaligen Bundestagsdebatten ging es – erwartbar – ganz wenig um Somalia und ganz viel um Deutschland. Im Zentrum der Debatte stand das jüngst wiedervereinigte Deutschland, das aus der Geschichte gelernt hat und nun auf der Suche nach sich selbst ist – nach dem „neuen außen- und sicherheitspolitischen Konsens“, so FDP-Außenminister Klaus Kinkel in seiner Auftaktrede.
Den Vorwurf des damaligen Oppositionsführers SPD – Anfang der 1990er gab der friedensbewegte Flügel in der mittlerweile durchmilitarisierten Partei noch den Ton an –, mit dem Somalia-Einsatz betreibe die BRD „eine Militarisierung der deutschen Außenpolitik“, weist Kinkel als „absurd“ zurück. Wie hohl solche Worte in der Zeitenwende-Hochrüstungs-Ära drei Jahrzehnte später und angesichts des sich zusehends aggressiver und expansiver aufstellenden Militarismus doch klingen. Dass es ohne Zwang nun doch nicht gehen wird, stellte Kinkel klar heraus, als er zur Rechtfertigung des neuen militärischen Anspruchs der BRD die großen Geschütze auffuhr: „Haben wir denn vergessen, daß nur Waffengewalt […] den Verbrechen Hitlers 1945 ein Ende gesetzt hat?“ Ein halbes Jahr nach diesen bedeutungsschwangeren Worten erschießt ein deutscher Soldat erstmals nach „den Verbrechen Hitlers“ wieder einen unbewaffneten Zivilisten im Ausland.
Als Georg Bernhardt, der damalige Kommandeur der deutschen Somalia-Truppe, im Mai 1993 in Beled Weyne aus der Transall kletterte, fand er voller Stolz den passenden Satz für diesen historischen Moment: „Wir sind wieder in der Familie.“ Damit bewies der Generalmajor zielsicher politisches Gespür und historische Weitsicht. Denn bei der ersten bewaffneten Bundeswehr-Mission ging es freilich nicht um das Leid der Menschen in Somalia – sondern einzig um Deutschland. UNOSOM II war der Auftakt zu über einem Dutzend bewaffneter Auslandseinsätze, die seitdem folgen sollten. Nach fünf Jahrzehnten vermeintlicher Buße wurde Beled Weyne damit zum Wegbereiter der Normalisierung deutscher Uniformierter im Ausland – und legte den Grundstein für all die sonderbaren Geschichten, „unsere Sicherheit“ müsse am Hindukusch, im Sahel oder je nach Bedarf auch in den noch so entlegensten Winkeln der Welt „verteidigt“ werden. In Somalia fing das alles an.
Dieser Text erschien im Buch „Die große Mobilisierung. Die Bundeswehr von der Wiederbewaffnung zur Kriegstüchtigkeit“, das Reimann als Mitglied des AK Antimilitarismus mitherausgegeben hat (PapyRossa, 16,90 Euro).



