Zigaretten und ein Nagel: Ein anderthalbjähriger Junge soll von israelischen Soldaten brutal misshandelt worden sein – offenbar, um seinen Vater zu einem Geständnis zu zwingen. etos.media-Redakteur Jakob Reimann über Berichte aus Gaza, die ein verstörendes Bild voller Verrohung zeichnen.
WARNUNG: Der Text enthält drastische Beschreibungen von Gewalt gegen ein Kind.
Israelische Besatzungssoldaten sollen in Gaza einen anderthalb Jahre alten palästinensischen Jungen brutal gefoltert haben, offenbar um seinen Vater zu einem Geständnis zu zwingen. Dies geht aus mehreren lokalen und internationalen Berichten von Sonntag und Montag hervor.
Laut Al Jazeera befand sich der junge Vater Osama Abu Nassar am Samstag gemeinsam mit seinem Sohn Karim (in manchen Berichten wird er Jawad genannt) nahe dem Flüchtlingslager al-Maghazi im Zentrum des Gazastreifens unterwegs, um Süßigkeiten zu kaufen. Dann gerieten sie unter Beschuss israelischer Streitkräfte. Nach Angaben des Roten Kreuzes wurde Vater Osama in die Schulter geschossen. Eine Quadcopterdrohne näherte sich den beiden und erteilte dem Vater über Lautsprecher Befehle. Augenzeugen, die die Szene von den Dächern umliegender Häuser beobachteten, berichteten dem Fernsehsender Palestine TV, Soldaten hätten den Mann angewiesen, das Kind auf dem Boden zu legen und sich zum nächsten Kontrollpunkt zu begeben. Dort habe sich der Vater nackt ausziehen müssen und sei von israelischen Soldaten durchsucht worden.
Der kleine Karim sei daraufhin vor den Augen seines Vaters gefoltert worden. Der Journalist Osama al-Kahlout interviewte die Mutter des Kindes, während der Großvater Muhammad laut Al Jazeera ein ärztliches Attest aus dem Al-Aqsa-Märtyrerkrankenhaus in Deir al-Balah vorlegte. Zunächst hielten die Ärzte die Verletzungen an den Beinen für Schuss- oder Schrapnellverletzungen. Die Untersuchungen ergaben jedoch ein wesentlich düstereres Bild. Auf dem einen Bein sollen israelische Soldaten Zigaretten ausgedrückt haben. Durch das andere Bein hätten sie einen Nagel hindurchgetrieben – „Ein- und Austritt“ in der Wade, heißt es im Bericht.
Nach zehn Stunden, in denen der kleine Karim gefoltert wurde, kam er frei. Mitarbeiter des Roten Kreuzes übergaben den schwer verletzten und geschundenen Jungen seinem Großvater. Palestine Chronicle berichtete am Montag, dass Vater Osama weiterhin in Haft sei. Kurz vor dem Vorfall bewegte sich Osama mit seinem Sohn auf den Schultern ostwärts in Richtung der sogenannten Yellow Line – jener imaginären Linie im Gazastreifen, an der sich israelische Besatzungstruppen das Recht herausnehmen, Menschen zu erschießen, wenn diese die Linie vermeintlich überschreiten. Zeugen berichten, er habe verwirrt gewirkt. Osama war seit Längerem in psychologischer Behandlung, nachdem israelische Soldaten sein Pferd getötet hatten, das seine einzige Einnahmequelle zur Versorgung seiner Familie war. Der Verlust hatte ihn aus der Bahn geworfen.
Zurück bleibt ein schwer verletztes Kind. Karim leidet unter Schmerzen, kann nicht schlafen, weint ununterbrochen, muss sich immer wieder übergeben. Seine Mutter weicht nicht von seiner Seite, legt ihm kalte Kompressen auf die Stirn, reibt seine Beine mit Salbe ein, gibt ihm Schmerzmittel. Die entzündeten Wunden haben bei dem kleinen Jungen Fieber hervorgerufen.
UPDATE 25.3.2026, 15:57 Uhr: Die israelischen Streitkräfte wiesen gegenüber Times of Israel die dargestellten Vorwürfe mittlerweile als „falsch und unbegründet“ zurück; der Vater habe sein Kind als „menschlichen Schutzschild“ benutzt. „Trotz der Aufforderungen, stehen zu bleiben, rannte der Mann weiter und stellte eine unmittelbare Gefahr dar, woraufhin Warnschüsse am Straßenrand abgegeben wurden“, so das Militär weiter. Die durch die Schüsse verursachten Splitter waren demnach wahrscheinlich für die Verletzungen des Kleinkindes verantwortlich. [Dies widerspricht dem medizinischen Bericht aus dem Al-Aqsa Hospital und Fotos, auf denen scheinbar Eintritt, Verlauf und Austritt eines länglichen Gegenstands an der Wade des Kinds erkennbar sind; Anm. J.R.] Der Vater habe während der Vernehmung zugegeben, dass er seinen kleinen Sohn mitgenommen hatte, um Angriffe der Soldaten zu verhindern; auch habe er sich als Hamas-Aktivist zu erkennen gegeben und eingeräumt, dass er am 7. Oktober 2023 auf israelisches Gebiet eingedrungen war.



