Bis auf den letzten Platz war Hörsaal C der Universität zu Köln besetzt. Mehrere Hundert Interessierte kamen am 23. Juli 2026 zusammen, um über die humanitäre Lage in Gaza zu diskutieren und sich über Möglichkeiten der Unterstützung zu informieren. Organisiert wurde das Symposium von der internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzt*innen in sozialer Verantwortung (IPPNW), dem Institut für Sprachen und Kulturen der islamisch geprägten Welt (ISKIW) sowie Studierendenvertretungen der Universität zu Köln. Im Publikum saßen Studierende, Beschäftigte der Universität, medizinisches Fachpersonal und weitere Interessierte.
Der volle Hörsaal machte deutlich, wie groß das Interesse an dem Leid der Menschen in Gaza weiterhin ist. An diesem Abend stand die Versorgung der Zivilbevölkerung im Mittelpunkt.
Vom abgesagten Symposium zum vollen Hörsaal
Ursprünglich sollte die Veranstaltung bereits am 2. Juli im Universitätsklinikum Köln stattfinden. Die zuvor zugesagte Raumvergabe wurde jedoch kurzfristig widerrufen. Zur Begründung hieß es, die Räumlichkeiten gehörten nicht der Universität und seien deshalb nicht der richtige Ort für gesellschaftspolitische Debatten. Diese sollten an der Universität selbst stattfinden.
Dass das Symposium zur medizinischen Versorgung in Gaza nicht im Universitätsklinikum stattfinden konnte, sorgte bei vielen Studierenden und Lehrenden für Irritation.
Humanitäre Lage: Zahlen, die sprachlos machen
Den Auftakt machte Anica Heinlein, Leiterin des Berliner Büros von CARE Deutschland. Sie schilderte die aktuelle Versorgungslage in Gaza und betonte, dass die anhaltende Krise trotz fortdauernder Kampfhandlungen zunehmend aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwinde.
Besonders eindrücklich waren die von ihr vorgestellten Zahlen: Einer Person stehen in Gaza derzeit durchschnittlich nur etwa sechs Liter Wasser pro Tag zur Verfügung – für Trinken, Kochen, Hygiene und alle weiteren Bedürfnisse. Das entspreche ungefähr einer einzigen Toilettenspülung. Zum Vergleich verbraucht eine Person in Deutschland durchschnittlich mehr als 120 Liter Wasser täglich.
Hinzu kommt die weitgehende Zerstörung der Infrastruktur. Wachsende Müllberge begünstigen die Ausbreitung von Krankheiten, während die Ernährungsunsicherheit weiter zunimmt. Lebensmittel sind aufgrund eingeschränkter Hilfslieferungen und Importbeschränkungen vielerorts kaum verfügbar oder für viele Menschen unbezahlbar.
Als besonders gravierend bezeichnete Heinlein den anhaltenden Treibstoffmangel. Seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 ist die öffentliche Stromversorgung in Gaza weitgehend zusammengebrochen. Externe Stromlieferungen aus Israel wurden eingestellt. Dadurch könnten viele Krankenhäuser nur eingeschränkt oder zeitweise gar nicht arbeiten.
Zugleich, so Heinlein, gehe die internationale Spendenbereitschaft spürbar zurück. Sowohl auf politischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Während der humanitäre Bedarf weiter wachse, stehen Hilfsorganisationen immer weniger finanzielle Mittel zur Verfügung, so die Vorstandsvorsitzende von VERNO.
Abschließend erinnerte sie daran, dass hinter allen Statistiken Menschen stehen, die unter extremen Bedingungen versuchten, ihren Alltag aufrechtzuerhalten.
Zum Abschluss ihres Vortrags erinnerte Heinlein daran, dass sich die Folgen der Krise nicht allein in Zahlen ausdrücken lassen. Hinter jeder Statistik stehen Menschen, die unter schwierigsten Bedingungen ihren Alltag bewältigen. Ihre Geschichten zeigten den Durchhaltewillen und die Widerstandskraft der Menschen in Gaza. Ein Gedanke, der im Verlauf des gesamten Abends immer wieder aufgegriffen wurde.
Medizinische Hilfe unter schwierigsten Bedingungen
Nach dem Überblick über die allgemeine Versorgungslage richtete sich der Blick auf das Gesundheitssystem in Gaza.
Prof. Dr. Sabine Damir-Geilsdorf (ISKIW, Universität zu Köln) und Uwe Trischmann (IPPNW) stellten die langjährige Arbeit von Dr. Riad Othman, Nahostreferent von medico international, vor.
Das lokale medizinische Team von medico international organisiere trotz der schwierigen Bedingungen weiterhin die Versorgung Verwundeter und Binnenvertriebener in Gaza. Die Referierenden betonten, dass die Gesundheitsversorgung vor allem durch den Einsatz der Menschen vor Ort aufrechterhalten werde.
Nach ihrer Darstellung haben die langjährige Besatzung des Gazastreifens sowie massive Einschränkungen bei Hilfslieferungen das Gesundheitssystem nahezu zum Erliegen gebracht. Medikamente, Verbandsmaterial, medizinische Geräte und Treibstoff gelangten nur in unzureichendem Umfang nach Gaza. Krankenhäuser und medizinisches Personal müssen deshalb unter Bedingungen arbeiten, die eine angemessene Versorgung nahezu unmöglich machen.
„Es ist ein menschengemachtes Problem“
Dr. Abed Schoukry, Professor an der Islamischen Universität Gaza, sprach über die Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung vor Ort. Er selbst kam im November 2024 gemeinsam mit seiner Familie aus Gaza nach Deutschland.
Seine zentrale Botschaft lautete: „Es ist ein menschengemachtes Problem. Deshalb könne es auch von Menschen gelöst werden.“ Schoukry schilderte die langfristigen psychischen Folgen von Bombardierung, Vertreibung und dem Verlust von Angehörigen. Gleichzeitig hob er hervor, dass viele Menschen trotz allem an ihrem Recht auf Würde und Selbstbestimmung festhalten.
Als Beispiel für die Widerstandskraft der medizinischen Versorgung, berichtete er von einer unter schwierigsten Bedingungen durchgeführten Hornhauttransplantation.
Re-Move Kids: Evakuierung schwerverletzter Kinder
Die Initiative Re-Move Kids setzt sich für die Evakuierung und medizinische Versorgung amputierter und schwer verletzter Kinder aus Gaza ein. Unter der Schirmherrschaft des Marburger Oberbürgermeisters Thomas Spies arbeitet sie mit dem Universitätsklinikum Gießen, Hilfsorganisationen und Kommunen zusammen.
Nach Angaben der Initiative haben inzwischen 15 Städte ihre Bereitschaft erklärt, schwer verletzte Kinder zur Behandlung aufzunehmen. Die größte Hürde sei daher nicht die medizinische Versorgung, sondern die politische Weigerung, Evakuierungen tatsächlich zu ermöglichen.
Die Referierenden betonten zudem, dass eine Evakuierung grundsätzlich gemeinsam mit einer Bezugsperson erfolgen müsse. Eine Trennung von den engsten Angehörigen würde Kinder, die bereits Krieg, Flucht und schwere Verletzungen erlebt haben, zusätzlich traumatisieren. Ebenso machten sie deutlich, dass eine Prothese lediglich ein Teil der Behandlung sei. Langfristige Rehabilitation und psychosoziale Unterstützung seien unverzichtbar.
Verantwortung in Europa
Die Vorträge machten deutlich, dass die Situation in Gaza keine Naturkatastrophe ist. Sie ist menschengemacht. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen der israelischen Regierung und der Staaten, die diese Politik militärisch oder finanziell unterstützen. Der politische Wille, die Zivilbevölkerung in Gaza zu schützen und humanitäre Hilfe zu ermöglichen, fehlt. Stattdessen prägt genozidale Politik, samt Luftangriffen und systematischer Blockade, den Alltag der Menschen.
Die Veranstaltung zeigte, dass es in Deutschland auch eine große Bereitschaft gibt, zu helfen. Städte wie Marburg machen es vor. Die Aufnahme und medizinische Versorgung schwerverletzter Kinder ist möglich. Es müssen weitere Städte folgen und Druck auf politische Institutionen gemacht werden: mit Briefen, Sprechstunden mit Politiker*innen und Social Media.
Mit langanhaltendem Applaus endete ein Abend, der vor allem eines deutlich machte:
An der Bereitschaft von Menschen in Deutschland, humanitäre Hilfe zu leisten, mangelt es nicht.
Es fehlt an politischen Entscheidungen, diese Hilfe zu ermöglichen.



