Fehlende Kompetenzen, politische Abhängigkeiten, Druck von außen – es gibt viele Gründe für die Einseitigkeit der deutschen Nahost-Berichterstattung. Aber sicher ist auch: Vielen Journalisten muss niemand eine anti-palästinensische oder pro-israelische Berichterstattung vorgeben. Sie machen sie aus voller Überzeugung, erklärt der Journalist und Autor Fabian Goldmann.
Es passiert nicht oft, dass sich im ZDF-Fernsehgarten etwas über Journalismus lernen lässt. Aber am 23. Juni 2024 war es so weit: Moderatorin Andrea Kiewel trug damals für jedermann gut sichtbar eine Halskette mit den Umrissen Israels – mitsamt den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten und den syrischen Golanhöhen. Dafür, dass die ZDF-Moderatorin vor einem Millionenpublikum offenbar die völkerrechtswidrige israelische Besatzungspolitik guthieß, hagelte es im Anschluss zurecht Kritik im Netz. Eine Sache aber kann man Kiewel mit Sicherheit nicht vorwerfen: dass sie die Kette nicht aus ehrlicher Überzeugung trug.
Dass Medienschaffende ihre politische Überzeugung per Goldschmuck präsentieren, ist die Ausnahme. Dass sie sie für ihr Publikum sichtbar zur Schau tragen, allerdings nicht. In Hunderten von Kommentaren, Kolumnen und Leitartikeln bekennen sich Journalistinnen regelmäßig zu Israel und der eigenen historischen Verantwortung für die Sicherheit des „jüdischen Staates“. „Volle Solidarität mit Israel!“ – Diese Losung hatte Bild-Chefredakteurin Marion Horn unmittelbar nach dem 7. Oktober ausgegeben. Ganz ähnlich hieß es im Spiegel: „Deutschland muss im Kampf gegen den Terror an der Seite Israels stehen“, erklärte dort Chefredakteur Dirk Kurbjuweit. Im Editorial des Focus schrieb Chefredakteur Georg Meck ganz ähnlich: „In jeder Sekunde muss klar sein, auf welcher Seite wir stehen.“ Auch im Berliner Tagesspiegel bekannte Chefredakteur Lorenz Maroldt: „Solidarität mit Israel in Deutschland: Es darf kein ‚Ja, aber‘ geben.“ Selbst noch knapp drei Jahre nach Beginn des Genozids bekannte Tagesthemen-Kommentator Jörg Thadeusz: „Am Israel Chai, lang lebe Israel.“
Israel und Palästina als Projektionsfläche für die eigenen Befindlichkeiten
Für mein Buch „Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza“ habe ich versucht, Wesen und Ursachen der Misere der deutschen Nahost-Berichterstattung zu ergründen. Ökonomische Zwänge, politische Abhängigkeiten, redaktionelle Vorgaben, Druck von außen: All das und vieles mehr spielt eine Rolle, wenn die mediale Berichterstattung sich mal wieder weniger an der Realität und mehr an israelischen Propagandabehauptungen orientiert. Aber sicher ist auch: Für die Schieflage der deutschen Nahost-Berichterstattung gibt es in vielen Fällen einen viel einfacheren Grund. Eine entscheidende Ursache für den Israel-Bias des deutschen Journalismus liegt schlichtweg im Israel-Bias vieler deutscher Journalisten.
An dieser These ist zunächst wenig gewagt. Ob in Politik, Kultur, Wirtschaft oder Bildung: Das Bekenntnis zur kollektiven historischen Verantwortung, zu Israel als Heimstätte der Überlebenden des von Deutschen begangenen industriellen Völkermords an den europäischen Jüdinnen und Juden, ist Teil der kulturellen Identität der Bundesrepublik. Problematisch wird es dann, wenn dieser Blick die eigene Wahrnehmung so verengt, dass er keine anderen Realitäten mehr zulässt und die Ereignisse in Nahost nur noch als Projektionsfläche für die eigenen Befindlichkeiten dienen.
Schon 1970 untersuchte der Politikwissenschaftler Kenneth Lewan die Berichterstattung der Tageszeitungen Welt, Süddeutsche Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung zum Sechstagekrieg und stellte fest: Deutsche Leitmedien interpretieren die Geschehnisse in der Region vor allem im Lichte der eigenen historischen Verantwortung und israelischer Sicherheitsinteressen. 56 Jahre später kam ich meinem Buch zu ganz ähnlichen Ergebnissen: Wenn deutsche Journalistinnen über Israel schreiben, dann bewegen sie sich meist in jenem engen Rahmen, der heute unter dem Label „Staatsräson“ die offizielle Positionierung Deutschlands zu Israel absteckt.
Ziel war das eigene Wohl, nicht das von Juden und Jüdinnen
Das Bekenntnis, dass Israels Sicherheit deutsche „Staatsräson“ sei, fand im Jahr 2008 mit einer Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel Eingang in den deutschen Diskurs. Seine Wurzeln reichen freilich viel weiter zurück. Um die Besonderheit deutscher Vergangenheitsbewältigung und Israel-Solidarität zu verstehen, die auch Generationen deutscher Journalisten verinnerlicht haben, hilft es, einen kurzen Abstecher zu ihrem Ursprung zu machen. CDU-Bundeskanzler Konrad Adenauer war es, der Anfang der 1950er die Nähe zur israelischen Regierung suchte und das bis heute andauernde besondere Verhältnis zwischen Deutschland und Israel begründete. Im Gegenzug für milliardenschwere deutsche Industriehilfen lieferte Israel, was die junge Bundesrepublik am dringendsten brauchte: Absolution für die eigene Vergangenheit. „Die Wiedergutmachung war Teil der Westbindung“, schreibt der Politikwissenschaftler Daniel Marwecki in seinem Buch „Germany and Israel: Whitewashing and Statebuilding.“
Israel-Solidarität nicht als eine Konsequenz, sondern als Entledigung der eigenen Vergangenheit, als Instrument der deutschen „Wiedergutwerdung“. Deutschlands „historische Verantwortung“ zielte nicht auf das Wohl von Jüdinnen und Juden oder anderer marginalisierter Gruppen, sondern auf das eigene. Die Schwachstellen dieser Israel-Zentrierung deutscher Vergangenheitsbewältigung waren schon immer unübersehbar: Warum hatte das Land, das sich wie kein anderes rühmte, aus der Geschichte gelernt zu haben, dann doch oft kein Problem, wenn Alt-Nazis führende Positionen in Politik, Behörden und Wirtschaft einnahmen? Warum ergaben sich offenbar keinerlei historische Verantwortlichkeiten aus der Ermordung Zehntausender Kommunistinnen und Kommunisten, Hunderttausender Roma und Sinti und über 25 Millionen Russen und anderer Sowjet-Bürgerinnen? Und wann nochmal wurde eigentlich der Völkermord an den Herero und Nama aufgearbeitet? Insbesondere in den letzten Jahren drängten sich weitere Fragen auf: Warum endet der Wille zum Schutz von Jüdinnen und Juden oftmals dann, wenn diese – beispielsweise auf Demos oder im Kulturbetrieb – die Politik Israels kritisieren? Warum drehen sich Antisemitismus-Debatten dann doch meist nur um „die anderen“ (Musliminnen, Palästinenser) und selten um uns deutsche Nazi-Nachfahren? Kann die Lehre aus einem Genozid ernsthaft sein, zu einem neuen Genozid zu schweigen oder ihn gar zu unterstützen?
Als „Gedächtnistheater“ beschrieb 2018 der jüdische Schriftsteller Max Czollek in seiner Streitschrift „Desintegriert euch!“ die deutsche Erinnerungspolitik, die allein darauf abziele, die deutsche Mehrheitsgesellschaft von ihrer Verantwortung freizusprechen und sie damit davon zu entbinden, wirklich gegen Rassismus und Rechtsextremismus in der Gesellschaft vorzugehen. Oder in den Worten des australischen Genozidforschers Dirk Moses: Deutschlands Erinnerungskultur entwickelte sich zu einem „Katechismus“, der vor allem der Aufrechterhaltung einer dominanten deutsch-weißen Identität diente.
„Indem wir Israel schützen, schützen wir uns selbst vor den Dämonen der Vergangenheit unseres eigenen Volkes“, erklärte SPD-Vorsitzender Martin Schulz im Jahr 2018 einmal bei einer der regelmäßigen Israel-Feierstunden im Bundestag. Die Wirkmacht dieses Bekenntnisses ist so stark, dass es selbst von Rechtsextremisten erfolgreich genutzt wird, um sich vom Verdacht der Menschenfeindlichkeit freizusprechen. „Man kann mir nicht vorhalten, dass ich Antisemit bin. Ich habe unglaublich gute Beziehungen nach Israel.“ So brachte einmal der heute selbst vom Verfassungsschutz beobachtete Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans Georg Maaßen in einem Interview beim rechten Online-Medium NiUS das Ergebnis von 80 Jahren deutscher Geschichtsaufarbeitung auf den Punkt. Die Generation, die mit diesem Blick auf Israel und die deutsche Geschichte aufgewachsen ist, besetzt heute die Chefetagen in Politik, Wirtschaft, Verbänden und Medien.
Wie Axel Springer die BILD zur „israelischen Zeitung“ machte
Wie tief dieses Selbstverständnis auch in der Medienwelt verankert ist, lässt sich am Beispiel vieler Verlagshäuser, Herausgeber und Journalistinnen veranschaulichen. Aber niemand macht es einem so einfach wie der Axel Springer-Verlag. Der 1946 vom Hamburger Unternehmer Axel Springer gegründete Verlag betreibt neben der auflagenstärksten Tageszeitung Bild und dem reichweitenstärksten Nachrichtenportal Bild.de in Deutschland auch die Tageszeitungen Welt und B.Z. sowie rund 150 weitere Medien in über 40 Ländern. Kein Verlag in Deutschland erreicht so viele Menschen, nimmt so erfolgreich Einfluss auf das politische Geschehen und prägt so sehr die mediale Agenda der ganzen Branche. Gleichzeitig verbreitet kein Verlag so viel Hass und Rassismus wie jener, der sich unablässig seiner bedingungslosen Solidarität mit Israel rühmt.
Selbst während der NS-Zeit für antisemitische Propaganda mitverantwortlich, wandelte sich Verlagsgründer Axel Springer Anfang der 1960er-Jahre zum glühenden Israel-Fan. Immer wieder unternahm er Reisen nach Israel, spendete große Beträge aus seinem Privatvermögen ans israelische Nationalmuseum und richtete die Berichterstattung seiner Publikationen entlang der Narrative der israelischen Regierungen aus. Zu „israelischen Zeitungen“ habe er Bild & Co. während Israels Sechstagekrieg von 1967 gemacht, bekannte Axel Springer einmal ganz offen. Später fügte er den Unternehmensgrundsätzen seines Verlages eine Passage hinzu, die in ähnlicher Form auch heute jeder Mitarbeiter unterschreiben muss: „Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes.“ Dass in seinen Redaktionen auch überzeugte Nazis arbeiteten, störte Springer hingegen nicht.
Auch heute noch macht der Springer-Verlag aus seinem Israel-Bias keinen Hehl. „Axel Springer steht in uneingeschränkter Solidarität mit dem Staat Israel.“ Dieser Satz steht seit dem 7. Oktober 2023 auf der Website des Verlages. In unzähligen Beiträgen haben Redakteurinnen und Autoren von Bild, Welt und B.Z. diese Position seitdem immer wieder bekräftigt. Das Ausmaß dieser „Solidarität“ hat längst jedes Maß überschritten, das auch nur im Entferntesten mit irgendeiner Vorstellung von Journalismus in Einklang zu bringen ist. Nicht nur haben Springer-Redakteure seit dem 7. Oktober die Kriegsverbrechen der israelischen Armee und das Leid der palästinensischen und libanesischen Bevölkerung nahezu vollständig ausgeblendet, bei Springer sind israelische Kriegsverbrechen Teil des Geschäfts. Im April 2024 deckte der Journalist Hanno Hauenstein im US-Magazin The Intercept auf, dass der Springer-Verlag über Beteiligungen an einem israelischen Verkaufsportal Geld mit dem völkerrechtswidrigen Siedlungsbau im Westjordanland macht.
Einen Einblick, wie eng Israels Regierung und Springer verwoben sind, gab im November 2024 die israelische Tageszeitung Yedioth Ahronoth. „Das Büro des Premierministers investierte einen Großteil seiner Ressourcen in die Pflege des Kontakts zum stellvertretenden Chefredakteur der Zeitung“, hieß es dort. Gemeint war Bild-Chefreporter Paul Ronzheimer. Der zwischenzeitliche Höhe- oder besser Tiefpunkt dieser Zusammenarbeit war die „exklusive“ Veröffentlichung eines „geheimen Hamas-Kriegspapiers“ im September 2024 durch Bild. Recherchen israelischer Medien zeigten später: Mit der weitgehend fingierten Story versuchte das Büro Netanjahus, ein mögliches Geiselabkommen mit der Hamas zu torpedieren. Bild half ihm dabei.
Für seine „entschlossene Unterstützung für den Staat Israel“ erhielt der Chef des Axel-Springer-Verlags, Mathias Döpfner, im Oktober 2025 von Israels Präsident Jitzchak Herzog die „Medal of Honor“ – die höchste zivile Auszeichnung des Landes. Für den Chef eines Verlags, der eigentlich journalistischer Unabhängigkeit verpflichtet sein sollte, ist solch ein Preis eine absolute Bankrotterklärung. Zumindest eines muss man Döpfner aber zugestehen: Er hat sich die Auszeichnung redlich verdient.
Springer ist ein Extrem-, aber kein Sonderfall
Ebenso bezeichnend wie die regelmäßigen Skandale des Springer-Verlags ist: Sie sorgen im Rest der deutschen Medienwelt bestenfalls für Schulterzucken. Der Umstand, dass Deutschlands größte Tageszeitung eher den Charakter eines Propaganda-Outlets der israelischen Regierung hat, scheint unter deutschen Medienschaffenden kaum jemanden zu interessieren. Auch wenn Bild für seine reißerische und boulevardeske Berichterstattung oftmals belächelt und manchmal kritisiert wird, sind die Springer-Medien doch ein völlig akzeptierter und teils respektierter Teil der deutschen Medienlandschaft. Bild ist kein von der restlichen Medienwelt verachteter und isolierter Paria. Wenn es darum geht, journalistische Prinzipien einer politischen Parteinahme zugunsten der israelischen Regierungspolitik zu opfern, ist Springer ein Grenz-, aber ganz sicher kein Sonderfall in der deutschen Medienlandschaft.
Überzeugungstäter wie Axel Springer und Mathias Döpfner sitzen längst nicht nur in den Chefetagen des Verlags. Ein Blick etwa in die Teilnehmerlisten der regelmäßigen Veranstaltungen und Israel-Reisen pro-israelischer Lobbyorganisationen wie ELNET bestätigt diesen Eindruck. Dort finden sich Mitarbeiter der unterschiedlichsten deutschen Medien: von Regionalzeitungen wie Tagesspiegel oder der Thüringer Allgemeinen über ARD und dpa bis hin zur taz. Letztlich braucht man sich die Recherchearbeit über Verbindungen deutscher Journalisten zu israelischen Institutionen aber eigentlich schon gar nicht mehr machen. Der journalistische Bias zu Gunsten Israels ist innerhalb der deutschen Medienlandschaft so weit verbreitet und akzeptiert, dass keinerlei Bedarf besteht, mit ihm hinter den Berg zu halten. Im Gegenteil: Die eigene Parteilichkeit wird von führenden deutschen Medienmachern selbstbewusst für die Öffentlichkeit sichtbar zur Schau gestellt.
Im Juni 2026 machte der Informationsdirektor beim Bayerischen Rundfunk, Thomas Hinrichs, bei einer Podiumsdiskussion bekannt, dass unter ihm das Bekenntnis zur Staatsräson eine „Voraussetzung“ sei, um über Israel zu berichten. Hinrichs verantwortet unter anderem die Auslandsstudios der ARD in Tel Aviv, Teheran und Istanbul und damit einen Großteil der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung zu dem Thema.
Dieser Israel-Bias großer Teile der deutschen Medienlandschaft ist für sich genommen schon problematisch. Nicht weniger problematisch ist die Kehrseite, die mit der kritiklosen Israel-Solidarität einhergeht: die rassistische Stimmungsmache gegen Palästinenser.
Palästinenser als die neuen Nazis
Die Projektion deutscher Geschichte auf Ereignisse und Akteure in Nahost liefert auch eine Erklärung für das Ausmaß an Dämonisierung, dem Palästinenser und ihre Unterstützerinnen in deutschen Medien ausgesetzt sind. In einem Weltbild, das Israel stets durch die Brille des Holocausts wahrnimmt, bleibt für die Gegner Israels zwangsläufig nur eine Rolle übrig: die der neuen Nazis.
Galten NS- und Holocaust-Vergleiche jahrzehntelang in der deutschen Öffentlichkeit als großes Tabu und waren immer wieder Anlass für Skandale, Debatten und Rücktrittsforderungen, wurden sie zur Beschreibung von Palästinensern ab dem 7. Oktober mehr und mehr zum allgemein akzeptierten rhetorischen Mittel. „Free Palestine ist das neue Hitler“, titelte die Welt. Der Chefredakteur der Zeitung Ulf Poschardt schrieb, Palästinenser hätten „unsägliches Leid im Geiste von Amon Göth, Heinrich Himmler oder Josef Mengele (minus deren teuflischem IQ) über das jüdische Volk gebracht“. Ein Beitrag im Nachrichtenmagazin Focus über die EU-Hilfen an das Palästina-Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNRWA trug den Titel: „Warum finanziert Deutschland eigentlich Hitlers Nachfolger?“ In dem Text fand sich auch dieser Satz: „Das Gute am Palästinenser: Er gibt freimütig Auskunft, über das, was er vorhat. Darin ähnelt er seinem großen Vorbild, dem deutschen Reichskanzler Adolf Hitler.“ In der Bild hieß es: „Die Bilder abgeschlachteter, verschleppter Juden erinnern nicht an den 11. September 2001, nicht an Japans Überfall auf Pearl Harbor. Sie erinnern an die Massenerschießungen im Holocaust“.
Die Wirkung solcher NS-Vergleiche ist klar: die ultimative Dämonisierung der Palästinenser. Und die Legitimation jeglicher israelischen Gewalt, gleich wie viele Menschenleben und wie viel Zerstörung diese auch kosten mögen. Diese Interpretation brauchte man in vielen Medien nicht einmal zwischen den Zeilen herauszulesen. Viele Journalisten formulieren ihre Vernichtungsfantasien gegen Palästinenser völlig ungeniert. „Es ist wie einst mit Nazi-Deutschland – Es hilft nur noch die totale Niederlage“, schrieb Welt-Autor Alan Posener am 11. November 2023. Einem Interview mit Israels Armeesprecher Arye Sharuz Shalicar gab der TV-Ableger der Tageszeitung den Titel „Moderne Hitlers, die kaputt gemacht werden müssen.“ Ähnliches konnte man in der taz lesen: Vom „Bombardement einer totalitär regierten Stadt, in der ein genozidales Massaker geplant wurde“, war dort die Rede, womit sowohl Israels Angriffe auf Gaza als auch die der Alliierten auf deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg gemeint waren. Der Titel des Beitrags: „Wer Gaza sagt, muss Dresden sagen.“
Immer wenn ich über Springers Nahost-Berichterstattung stolpere, muss ich an den Radiosender RTLM denken, der 1994 die ruandische Öffentlichkeit zum Genozid an den Tutsis anstachelte. Viele Moderatoren und Verantwortliche des Senders sitzen übrigens heute im Gefängnis. pic.twitter.com/kZkhXMNsd0
— Fabian Goldmann (@goldi) August 3, 2024
Wenn „linke“ Zeitungen klingen wie rechtsextreme Blogs
Wie grenzen- und konsequenzenlos die Möglichkeiten für deutsche Medien sind, Palästinenser zu entmenschlichen, bewies am 25. September 2025 ebenfalls die taz. An dem Tag erschien in der nach dem eigenen Selbstverständnis „anti-rassistischen“ Tageszeitung ein Beitrag mit einem Ausmaß an Menschenverachtung, wie man es sonst allenfalls durch anonyme Twitter-Trolle oder auf rechtsextremen Blogs wie PI-NEWS zu lesen bekommt. Die Glosse „Mit Gänsehaut auf die Geiselbahn“ handelt von einem fiktiven „Gaza-Erlebnispark“, in dem sich das Leid und die Zerstörung Gazas als von palästinensischen Schauspielern inszenierte Attraktion herausstellen, die wiederum die „antisemitische“ Schaulust des pro-palästinensischen, linken Publikums bedienen soll. Die Story ist eine Variation des in rechtsextremen Kreisen seit vielen Jahren beliebten „Pallywood“-Verschwörungsmythos, der behauptet, Palästinenser würden Angriffe und Gewalt durch Israel nur inszenieren, um Israel vor der Weltöffentlichkeit schlecht dastehen zu lassen. Einer der vielen Tiefpunkte des vor platten rassistischen Klischees und Geschmacklosigkeiten triefenden Beitrages:
„Im ‚Freifall-Simulator‘ kann man sich von vermummten ‚Kämpfern‘ von einem Hochhaus stoßen lassen. Nicht wenige Besucher versuchen sich am ‚Hau die Fatima‘, eine Variante des klassischen ‚Hau den Lukas‘ – mit faustgroßen Steinen, die auf eine Gummipuppe mit Kopftuch geworfen werden.“
Palästinenser stürzen Menschen von Hochhäusern und steinigen ihre Frauen: Das ist das Bild, das selbst als links geltende Medien in Deutschland über Menschen verbreiten, die auch infolge solcher Dämonisierungen tagtäglich um ihr Überleben kämpfen müssen.
Dass ein Beitrag wie dieser ausgerechnet in der als links geltenden taz erscheint, ist leicht zu erklären. Auch hier offenbart sich der Einfluss der sehr speziellen deutschen Sozialisation vieler (linker) deutscher Medienschaffender. Nur in Deutschland gibt es „Linke“, für die Israel und speziell die israelische Armee schon nicht mehr nur Projektionsfläche, sondern eher schon Fetisch sind und die in ihrer Entmenschlichung von palästinensischen Menschen noch rechts an Springer-Redakteuren vorbeiziehen. Auch diese Entwicklung begann nicht erst mit dem 7. Oktober. Ein anschauliches Beispiel lieferte etwa die linksliberale Wochenzeitung der Freitag am 12. Mai 2023. Im Beitrag „75 Jahre Israel: Linke, feiert diesen Staat!“ erfuhr man unter anderem Folgendes über Palästinenserinnen und Palästinenser:
„Dabei ging es nie nur um einen eigenen Staat – den hätten jene Araber, die sich ab den 1960ern als Palästinenser neu erfanden, schon viele Male haben können –, sondern vielmehr um die Vollendung dessen, was den Nazis nicht gelungen war: ein judenreines Palästina ‚from the river to the sea‘ zu schaffen. Die israelischen Streitkräfte sind somit de facto die schlagkräftigste antifaschistische Gruppe der Gegenwart.“
Mehr Projektion deutscher Befindlichkeiten auf Ereignisse in Nahost geht kaum. Die Forderung am Ende des Freitag-Textes hätte auch Mathias Döpfner gefallen: „bedingungslose Solidarität mit Israel“.
Kulturalistische Weltbilder statt journalistischer Standards
Ähnliche Einordnungen und Kommentare, in denen die facettenreiche Realität der Region heruntergebrochen wird auf eine dichotome Erzählung von Israel als Teil eines liberalen, demokratischen Westens, der einer barbarischen, rückständigen, arabisch-muslimischen Bedrohung gegenüberstünde, finden sich zu Hunderten in deutschen Medien. Wichtiger noch: Wie prägen solche Einstellungen alltägliche redaktionelle Entscheidungen? Welche Stimmen lasse ich zu Wort kommen? Welche Quelle erachte ich als glaubwürdig? Welche Story erzähle, welche verschweige ich?
Das grenzenlose und oftmals faktenresistente Vertrauen vieler Nachrichtenredakteure in die Angaben der israelischen Armee einerseits und das ebenso grenzenlose Misstrauen, mit dem in deutschen Medien palästinensischen und libanesischen Angaben begegnet wird, fügen sich perfekt in ein Weltbild, in dem die Aufteilung in Gut und Böse von vornherein feststand.
Dass etwa Erzählungen wie jene von den „menschlichen Schutzschilden“ der Hamas trotz ausbleibender Belege von Journalistinnen immer wieder und mit voller Überzeugung verbreitet wurden, durfte auch an tiefsitzenden rassistischen Klischees über Araber und Muslime liegen, die ihre Frauen steinigen und denen der „Hass auf Juden“ sogar wichtiger ist als das Leben ihrer eigenen Kinder. Die chronische Weigerung vieler Medienschaffender, die Worte „Massaker“, „Kriegsverbrechen“ und „Genozid“ für Israels Handlungen in den Mund zu nehmen, mag auch damit zu tun haben, dass ihr Selbstbild vom zivilisierten, wertegeleiteten Westen stärker ist als alle Fakten. Es gibt viele Gründe dafür, warum deutsche Medienschaffende nicht nur viel häufiger, sondern auch viel empathischer berichteten, wenn die Opfer Israelis waren. Dass selbst israelische Soldaten als Menschen mit Träumen und Ängsten, Kindern und Müttern dargestellt werden, während arabische Tote in Hunderterpaketen weggetickert werden, mag auch daran liegen, dass deutsche Journalisten sie genauso wahrgenommen haben: die einen als individuelle Schicksale, als ihresgleichen, als Menschen „von nebenan“. Die anderen als anonyme Masse, als bedeutungslose Fremde, als „die da unten“.
Antisemitismusbeauftragte in den Köpfen
Dass der Israel-Bias auch jene verpflichtet, die ihn nicht aus eigener Überzeugung mitbringen, wurde in den letzten Jahren vielfach dokumentiert. Von einem Klima der Angst in ihren Redaktionen berichten viele Medienschaffende, wenn es um Israel und Palästina geht. Angst vor kritischen Kommentaren von Kollegen und Chefinnen. Angst vor Ansehens-, Auftrags- und Jobverlust. Angst davor, zum Ziel organisierter rechter Shitstorms im Netz zu werden. Angst davor, als „Antisemit“ oder „Israel-Hasserin“ in der Bild zu landen. Angst davor, ins Visier der israelischen Botschaft zu geraten. Aufmerksamkeit für und Solidarisierung mit den zahlreichen Opfern dieser Entwicklung, die vielen Medienschaffenden, die nicht bereit waren, die eigenen journalistischen Prinzipien der bedingungslosen Israel-Solidarität zu opfern, gibt es innerhalb der deutschen Medienbranche so gut wie keine.
Stattdessen nehmen die Versuche zu, Medienschaffende auch ganz offiziell zur Einseitigkeit zu verpflichten. Damit die eigenen Mitarbeitenden vertraglich zur Israel-Solidarität zu verpflichten, ist Springer beispielsweise schon seit einigen Jahren nicht mehr allein. In den redaktionellen Leitlinien der Deutschen Welle findet sich seit 2022 eine ganz ähnliche Passage. „Auch aufgrund der historischen Verantwortung Deutschlands für den Holocaust bekennen wir uns zum Existenzrecht Israels“, heißt es dort gleich auf der ersten Seite. Von den journalistischen Grundsätzen des Senders, darunter „Wir arbeiten redaktionell und journalistisch unabhängig“, liest man erst 20 Seiten später.
Dass solche Bekenntnisse auch in weiteren Redaktionen verpflichtend werden sollen, wird seit dem 7. Oktober 2023 immer wieder gefordert. In Springers Welt am Sonntag forderte etwa im Oktober 2025 der damalige „Antisemitismusbeauftragte“ der Bundesregierung, Felix Klein, die Einrichtung von „Antisemitismusbeauftragten“ in allen öffentlich-rechtlichen Medien. Ein Blick auf die Praxis von Klein sowie unzähligen weiteren staatlich bestellten (und meist nicht-jüdischen) „Antisemitismusbeauftragten“ in Bund, Ländern und Kommunen lässt erahnen, wohin die Reise geht: Ihr Engagement dreht sich vor allem um Kritik an der Politik der Regierung Israels. Auch solche Versuche der politischen Einflussnahme haben seit dem 7. Oktober massiv zugenommen und ihre Wirkung auf die Art der Berichterstattung ist nicht zu unterschätzen. Aber mindestens ebenso wichtig ist, was der Journalist Yossi Bartal anlässlich des Vorschlags von Felix Klein mit Blick auf den ohnehin schon vorherrschenden Israel-Bias in vielen Redaktionen schrieb:
„So gesehen braucht es diese kleinen Antisemitismusbeauftragten vielleicht gar nicht mehr – sie sitzen längst in den Köpfen vieler Redakteure.“



