Seit drei Jahren dauert der Genozid in Gaza an, und mit ihm die Ermordung von 75.000 Menschen, die Verletzung von mehr als 174.000 weiteren und die Auslöschung ganzer Familien, von denen niemand übrigblieb, der ihre Namen noch trägt. Kinder liegen unter Trümmern, Mütter begraben ihre Babys in Plastiktüten, Väter warten in Zelten auf die nächste Drohne. In Deutschland gibt es Schweigeminuten für die israelischen Opfer des 7. Oktobers, Politiker gedenken ihnen. Doch für palästinensische Opfer, gibt es keine Schweigeminute, keine Kranzniederlegung und keine Rede über Verantwortung, weil unsere Toten keine Trauer wert sind.
Das Schweigen über palästinensisches Leid begann nicht vor drei Jahren, es ist ein seit fast 80 Jahren andauerndes Schicksal, seit unsere Groß- und Urgroßeltern aus ihren Häusern vertrieben wurden. Unsere Familien leben über den ganzen Nahen Osten verstreut. Im Westjordanland werden sie vertrieben, in Israel zu Bürgern zweiter Klasse gemacht und in Gaza zwischen Zelten, Hunger und Tod. Seit 78 Jahren zählt palästinensisches Leben immer erst dann, wenn tausende ermordet werden und selbst dann wird das Leid in Frage gestellt, unsere Toten diffamiert und unsere Lebenden allein gelassen.
Eine Geschichte, die man uns abschneidet
In Deutschland wirkt es so, als würde die Geschichte erst am 7. Oktober 2023 mit der Ermordung von 1.200 Israelis beginnen und damit die Nakba und die über 700.000 Vertriebenen, die zehntausenden Getöteten und Verletzten, die hunderten zerstörten Dörfer ignoriert. Die Symbole unserer Familien, die Schlüssel, die Haustüren öffnen, zu denen es kein Zurück mehr gibt, werden ignoriert, die Bilder der alten Häuser sind verbrannt oder verschüttet unter Bomben.
Es wird so getan, als hätte es keine Besatzung seit 1967 gegeben, keine Blockade seit 2007. Deutschland sieht das Leid der Menschen in Israel, doch palästinensisches Leid wird ignoriert und durch Waffenverkäufe und die Rückendeckung für Netanyahu vergrößert.
Sie nennen es Waffenruhe
Seit dem 10. Oktober 2025 gilt in Gaza offiziell eine Waffenruhe, und doch wurden seitdem mehr als 1.300 Palästinenser getötet, durch Drohnen, durch Artillerie und durch Schüsse an einer imaginären Linie, die den Gazastreifen zerschneidet. Menschen, die geglaubt hatten, das Schlimmste sei vorbei, und die dann beim Wasserholen erschossen wurden, Kinder, die beim Warten auf ihre Eltern ermordet wurden, Frauen, die beim Suchen nach ihren Familien getötet werden, all das geschieht während eines „Waffenstillstands“. Hunderttausende leben weiterhin in Zelten, in Lagern wie Mawasi, wo sie im Winter frieren und im Sommer ersticken, während Israel heute mehr von Gaza kontrolliert als am Tag des Waffenstillstands.
Was in Deutschland als Frieden ankam, ist in Gaza eine Fortsetzung des Genozids, der lediglich sein Tempo gewechselt hat und gerade, weil er langsamer und leiser geworden ist, so bequem zu übersehen ist.
Deutschland hat abgeschaltet
Vor einem Jahr schrieb ich, dass unsere Trauer unter Verdacht steht, heute wird sie nicht einmal mehr verdächtigt, weil sie schlicht nicht mehr gesehen wird. Mit dem Wort Waffenstillstand war das Thema für Politik und Medien erledigt, und wer heute von Toten in Gaza spricht, erntet keinen Widerspruch mehr, sondern Achselzucken, als sei doch alles vorbei, obwohl es weitergeht, obwohl Israel Tag für Tag Menschen tötet, in Gaza und immer häufiger auch im Westjordanland.
Das Wegschauen ist kein Versehen, denn es erspart die Frage, was Deutschland in diesen drei Jahren selbst getan hat. Im April 2024 stand die Bundesregierung, verklagt von Nicaragua, vor dem Internationalen Gerichtshof und versicherte, jede Lieferung werde streng geprüft, die Genehmigungen seien stark gesunken und geliefert werde vor allem Schutz- und Ausbildungsmaterial. Heute steht sie wieder vor dem Gerichtshof und versucht das Verfahren zu verhindern.
Das European Center for Constitutional and Human Rights hat nachgerechnet und gezeigt, dass die Genehmigungen nach den Verhandlungen gestiegen sind, dass 2024 von insgesamt 163,8 Millionen Euro gerade einmal 106.000 Euro auf Schutzausrüstung entfielen, nicht einmal ein Tausendstel, und dass Deutschland 2025 Teile für Panzer und gepanzerte Fahrzeuge im Wert von über 110 Millionen Euro genehmigte, genau jene Art von Bauteilen, die bei völkerrechtswidrigen israelischen Einsätzen in Gaza und im Libanon verwendet wurden und werden.
Vor Gericht gab man sich zurückhaltend, im Genehmigungsregister sorgte man für Nachschub. Seit September läuft in Den Haag die nächste Runde, in der Deutschland nicht etwa die Zahlen bestreitet, sondern die Zuständigkeit des Gerichts, obwohl die Genozidkonvention jeden Staat zum Handeln verpflichtet. Doch Deutschland tat nicht nur nichts dagegen, sondern unterstützt die Verbrechen mit Waffen und mit Worten.
Ein Land, das seine Erinnerungskultur wie ein Gütesiegel vor sich herträgt und dennoch wegschaut, sobald die Opfer nicht ins Bild passen, hat eine selektive Erinnerungskultur.
Wir haben es gesagt, jetzt sagen es die Vereinten Nationen
Jahrelang hieß es, wir würden übertreiben, und das Wort Genozid galt in Deutschland als verboten, nicht per Gesetz, aber per Ächtung, bis die Untersuchungskommission der Vereinten Nationen im September 2025 zu genau diesem Ergebnis kam, sodass es seitdem nicht mehr nur unser Wort ist, sondern ihres.
Dasselbe gilt für die Repression hierzulande, denn was wir erlebten, wurde als Opferpose und Propaganda abgetan, bis Anfang 2026 die UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit, Irene Khan, feststellte, dass der Raum für freie Meinungsäußerung in Deutschland schrumpft und es die Palästinasolidarität am härtesten trifft, mit Demonstrationsverboten, willkürlichen Festnahmen, Polizeigewalt, angedrohten Abschiebungen, Hausdurchsuchungen und der Gleichsetzung von Kritik an israelischer Regierungspolitik mit Antisemitismus, von denen vieles gegen internationale Menschenrechtsstandards verstößt. Eine Debatte darüber hat es dennoch nicht gegeben, weil ein Land, das der ganzen Welt Rechtsstaatlichkeit erklärt, sich taub stellt, sobald die Rüge es selbst trifft.
Drei Jahre mit uns
Unsere Verwandten erreichen wir nur alle paar Wochen, wenn das Netz hält, der Akku geladen ist und es gerade irgendwie geht, und dazwischen liegen Wochen, in denen wir nicht wissen, wer noch lebt, wer durch Bomben ermordet wurde oder durch die Blockade von Essen, Wasser und medizinischer Versorgung langsam getötet wird. Tage und Wochen, in denen man jede Meldung über Angriffe nachliest, nachrechnet, wie weit er von ihnen entfernt war, und mit dem Handy in der Hand einschlafe. Wenn ein Anruf durchkommt, sind es nur ein paar Sätze, die für Wochen reichen müssen, wer noch lebt, wo sie gerade schlafen und was fehlt, bis die Verbindung abbricht und das Warten von vorn beginnt.
Hier fragt man uns, ob es der Familie jetzt besser gehe, es sei ja Waffenstillstand. Und wo ich früher erklärt hätte, sage ich heute oft nur „geht so“, nicht weil mir die Worte fehlen, sondern weil man gelernt hat, dass niemand die Antwort hören will. Das ist vielleicht die bitterste Lektion dieser drei Jahre, dass man das Schweigen, das einem aufgezwungen wird, irgendwann selbst verinnerlicht.
Den Jugendlichen, über die Iman vor einem Jahr schrieb, geht es genauso. Sie haben gelernt, dass ihre Trauer nur zählt, solange Bomben fallen und Kameras laufen. Danach sind sie wieder allein damit. Dabei haben sie mit 16 mehr Beerdigungen am Telefon miterlebt als die meisten Menschen hier in ihrem ganzen Leben.
Wir schweigen nicht
Ein Waffenstillstand ist kein Frieden und Schweigen keine Neutralität, und Aufmerksamkeit, die erst nach Zehntausenden Toten zuteilwird, ist Ignoranz und wer beim ersten Waffenstillstand wieder wegschaut, will nicht erinnern, nicht gedenken, nicht empathisch sein. Wir erzählen deshalb weiter, von 1948 bis heute, von den Großeltern, die vertrieben wurden, und den Enkeln, die heute in Zelten aufwachsen, von den Toten vor dem Waffenstillstand und denen danach, und von Jugendlichen in Deutschland, die gelernt haben, ihre Herkunft zu verschweigen, weil sie sich sonst rechtfertigen und distanzieren müssen, für Dinge, mit denen sie nichts zu tun haben.
Deutschland muss sich entscheiden, ob es Verantwortung und Menschenrechte der bedingungslosen Unterstützung eines Staates und seiner Regierung unterordnet oder als Pflicht gegenüber allen Menschen und der Schutz jedes zivilen Lebens. Wenn wir uns das heutige Agieren anschauen, müssen wir feststellen: Die Antwort ist klar, und es ist dieselbe wie vor 78 Jahren, das Schweigen zu palästinensischem Leid. Unsere Antwort ist allerdings auch klar: Wir haben 78 Jahre lang nicht geschwiegen, und wir werden jetzt nicht damit anfangen, nur weil „Waffenstillstand“ herrscht.



