Die Entmenschlichung der Palästinenser

Deutschland ist aufgrund der NAZI-Verbrechen mitverantwortlich für Entwicklungen bis nach Osteuropa und Westasien, ganz prominent für die Menschen in Israel wie in Palästina. Da die Solidarität mit Israel als deutsche „Staatsräson“ vorausgesetzt wird, geht es hier vornehmlich um unseren Umgang mit dem palästinensischen Volk.

In einer der unzähligen Talkshows fragt ein Journalist einen Teilnehmer, der auf das Leid der Palästinenser verweist, ob er sich klar von der Gewalt der Hamas am 7.10.2023 distanziere. Der bejaht und fragt zurück, ob der Journalist ebenso die massive Gewalt gegen Gaza verurteile. Die Antwort: Israel habe ein Recht auf Selbstverteidigung. Kein Wort zur Unverhältnismäßigkeit, keine Empathie für palästinensische Opfer, eher eine Rechtfertigung ihrer kollektiven Vernichtung als legitime Bestrafung. Personen und Formate sind austauschbar, die Botschaft bleibt: „selbst schuld“.

Doch Menschen- und Völkerrecht kann man nicht verwirken. Sie gelten für alle oder für keinen, selbst Verbrecher sind durch Menschenrechte geschützt. Das Völkerrecht kennt keine Vergeltung und genau die ist oft gemeint, wenn von „Israels Recht auf Selbstverteidigung“ die Rede ist. Mit Verteidigung haben die Zerstörung Gazas und die forcierte „ethnische Säuberung“ der Westbank überhaupt nichts zu tun. Pläne wie die des Instituts Mizgav zeigen, dass das Ziel vollständiger Landnahme alt ist. In israelischen Medien wird zudem diskutiert, dass Netanyahu trotz Warnungen, die ihn via Vereinigte Arabische Emirate erreichten, die Chance auf tatsächliche Selbstverteidigung verstreichen ließ. Es drängt sich auf, dass er nach dem Muster LIHOP verfuhr: Let It Happen On Purpose.

Da reichweitenstarke Medien solche Fakten nur portionsweise vermitteln und auf israelfreundliches Framing achten, wie u.a. Nadia Zaboura und Fabian Goldmann nachweisen, bleiben viele in der Vorstellung einer Attacke aus dem Nichts gefangen, die alles legitimiert, was folgte: die tägliche Tötung von Zivilisten, die Zerstörung von Lebensgrundlagen, die anhaltenden Waffenlieferungen, die Verhinderung von Sanktionen.[2] Der natürliche Reflex des Mitgefühls ist ausgeschaltet, besonders bei Politikern. Ohne Rassismus und Entmenschlichung ist das nicht erklärbar.

Was ist Entmenschlichung?

Der Diskursmonitor der Universität Siegen versteht unter Dehumanisierung kommunikative Praktiken, die Personen menschliche Eigenschaften absprechen. Sie beginnt mit Ignorieren und Ausblenden, in unseren Medien etwa durch Auslassung (Framing by Omission), durch Verschweigen von Opfern oder ihre Anonymisierung durch Zahlen statt Namen. Judith Butler hat das Nichtbetrauern als Kriterium der Entmenschlichung benannt: Der Tod wird nicht als Verlust empfunden – zu beobachten, wenn „Pro-Palästina-Demos“ mehr skandalisiert werden als das Töten in Gaza. Die Gegenprobe ist einfach: Wo bekommen Opfer Namen und Gesichter, wo nicht? Wo werden Tote gewürdigt und wo das Ausreißen von Grabstätten für unwichtig erklärt?

Rassismus als Voraussetzung

Die Entmenschlichung der Palästinenser ist anschlussfähig an einen verbreiteten antiarabischen und antimuslimischen Rassismus, der, wie u.a. Rainer Mausfeld erklärt, Ungleichheit legitimiert und den „Anderen“ homogenisiert. Die „westliche Welt“ hält sich für zivilisierter, ebenso die israelische Führung, wenn Netanyahu sein Land den USA als Bollwerk zum „Schutz der Zivilisation gegen diese Barbaren“ andient. Christliche Palästinenser bleiben ausgeblendet, so lässt sich antimuslimisches Ressentiment für antipalästinensischen Rassismus nutzbar machen; auf Palästinenser, die seit dem Olympiaattentat 1972 kollektiv unter Terrorverdacht stehen, war der Verdacht des „Islamismus“ leicht übertragbar. Und natürlich „gibt es keinen antipalästinensischen Rassismus“ … Rassismusleugnung gehört zum Rassismus wie ein Zwilling. Wer Hierarchien von Menschenleben akzeptiert und sich selbst für „zivilisierter“ hält, ist nicht weit davon entfernt, sich als „Herrenmensch“ aufzuführen.

Die Sprache der Entmenschlichung

Die sprachliche Gewalt der Diffamierung ist aus der Antisemitismusforschung wohlbekannt. Sie ebnet den Weg bis hin zum Töten, weil sie hilft, die natürliche Tötungshemmung zu überwinden. Wer vom „Anderen“ immer wieder hört, er sei eine „Bestie“, ein „Krebsgeschwür“ und trachte einem nach dem Leben – wer würde da nicht mit Abwehr reagieren? So ähnlich fragte Daniel Jonah Goldhagen in „Hitlers willige Vollstrecker“.

Wenn der damalige israelische Verteidigungsminister Yoav Galant Palästinenser „menschliche Tiere“ nennt, ist daraus ein Vernichtungswille ableitbar, denn Menschen töten Tiere. Noch explizitere Aussagen wie „kill them all“ erfahren in Deutschland zwar Kritik, aber keine breite Empörung. Als Sicherheitsminister Ben Gvir ein KI-Video postet, das Araber in der Vernichtungsmaschinerie eines Konzentrationslagers zeigt, wiegelt ein Journalist der FAZ ab: „Das Video ist übel. Allerdings wurden in KZs Menschen industriell vernichtet und ermordet. Das sehe ich in dem Video nicht.“ Hinzu kommen Verniedlichungen wie „Pali“ oder „Pallywood“ für angeblich unglaubwürdige Bilder aus Gaza.

Auch das Framing „Kollateralschaden“ gehört laut Zygmunt Bauman zur Sprache der Entmenschlichung, weil es auf der Annahme ungleicher Rechte beruht. Der Film NAZA (Kollateralschaden) dokumentiert Aussagen israelischer Offiziere, die darauf hindeuten, dass das Töten der Zivilbevölkerung kein Versehen bei der Jagd auf Hamaskämpfer war, sondern umgekehrt. Dass es israelischer Filmemacher bedarf, um die Wand des Hinnehmens aufzubrechen, offenbart eine neokolonialistische Attitüde, die den herablassenden Rassismus gegenüber Palästinensern erneut bestätigt.

Othering und strikte Trennung

Dehumanisierung braucht Trennung, denn Begegnung schafft Beziehung. Deshalb war die Abriegelung Gazas nach dem Abzug der Siedler 2005 entscheidend, zuvor gab es Kontakte über Arbeit und Handel. In der Westbank dienen getrennte Straßen, Kontrollen und neuerdings die Ausweisung israelischer Aktivisten, die Palästinenser vor Übergriffen jüdischer Extremisten schützen wollen, demselben Zweck. Als ich den automatisierten Checkpoint Qalandia von Metallkäfig zu Metallkäfig durchlaufen musste, war das Gefühl des Behandeltwerdens wie Tiere überwältigend. Was bei mir keine 30 Minuten dauerte, erleiden Palästinenser täglich.

Auch hierzulande muss die „Fraternisierung“ der breiten Bevölkerung mit der Palästinasolidarität unterbunden werden. Reichen Zuweisungen wie „Hamas-Verharmloser“ nicht mehr aus, sorgen Bilder massiver Polizeigewalt für Abschreckung. Dabei hilft, dass Angela Merkels Rede vor der Knesset 2008 zur „Staatsräson“ gerne missverstanden wird: Sie fiel im Kontext der Forderung nach einer Zweistaatenlösung. Kontextlöschung gehört ebenfalls zum entmenschlichenden Framing.

Gegen die Anonymisierung braucht es besondere Anstrengung, wie im Fall von Hind Rajab, deren Stimme am Telefon der Sanitäter, die sie nicht retten konnten, weltweit bekannt wurde. Die Liste der seit Oktober 2023 in Gaza getöteten Kinder trägt über 20.000 Namen und wird tagelang öffentlich verlesen. Gerade hier zeigt sich die Diskursvergiftung, wenn in Kindern künftige „Terroristen“ gesehen werden – in Israel befeuert durch die „Schapira-Doktrin“ eines extremistischen Rabbiners, der das präventive Töten von Babys empfiehlt. Eine Empathie, wie sie am 7.10.23 den israelischen Opfern zugutekam, bleibt aus; das über Jahrzehnte propagierte Framing von Gewaltzuschreibung, Kollektivverantwortung und legitimer Kollektivbestrafung wirkt als akzeptierte Dehumanisierung.

Die Dehumanisierung betrifft alle – nur mehr oder weniger tödlich

Der israelische Historiker Omer Bartov spricht von einem „mix of indifference and denial“, der als Folge jahrzehntelanger Besatzung zur Entmenschlichung der Palästinenser geführt habe – und zu der der Israelis. PTBS und Suizide unter israelischen Soldaten zeigen, dass Täter- und Opfersein sich nicht ausschließen. Wer entmenschlicht, entmenschlicht sich selbst; Moshe Zuckermann spricht deshalb sogar vom Ende der israelischen Gesellschaft. Das betrifft auch uns: Wer sich der Komplizenschaft schuldig macht, verrät gerade jene, die er mit instrumentalisierter „Solidarität“ bevorzugt. Und wir alle tun zu wenig gegen die Verbrechen oder für jene, die sich ihnen entgegenstellen – durch Anzeigen, Demonstrationen, Spenden, Sabotage, zivilen Ungehorsam, Medienbeiträge. Dass es anders geht, zeigt die US-Youtuberin Miss Rachel, die Kinder aus Gaza gleichwertig in ihr Programm aufnahm und ihnen sagte: „I am proud of you and I love you!“ – und sich dafür Personenschutz zulegen musste.

Gegenprobe: Die Palästinenser sind die friedliebendsten Menschen der Welt

Wie war Ihre Reaktion auf diese Zwischenüberschrift? Haben Sie NO OTHER LAND gesehen oder Videos über gewaltlosen palästinensischen Widerstand gegen Übergriffe von Siedlern, mit oft tödlichem Ausgang für Palästinenser? Was, wenn Sie plötzlich Ihre Wohnung verlassen müssten, „Evakuierungsbefehle“ aus Frankreich erhielten und man Ihre Familie als „menschliches Schutzschild“ beschimpfte? Wäre das für Sie ebenso in Ordnung, wie Sie es für die Menschen in Gaza hinnehmen? Oder trifft es nur „die Anderen“, die „weniger wert“ sind …

Charlotte Wiedemann nannte das Thema Palästina in der taz „besonders welthaltig“, weil es prototypisch für fortgesetzte Unterdrückung in einer postkolonialen Welt stehe. Hier kristallisiert sich das Versagen von Politik und Menschenrechtsbewegungen, denn selektives Eintreten für Menschen- und Völkerrecht widerspricht dem eigenen Anspruch. Deutschland, der vermeintliche Musterknabe historischer Aufarbeitung, hat bis heute nicht erkannt, dass Rassismus und Menschenverachtung nicht auf die NAZI-Zeit beschränkt sind und dass „Nie wieder Krieg!“ und „Nie wieder Faschismus!“ für alle, überall und immer zu gelten haben.

Prof. Dr. Sabine Schiffer promovierte zum Islambild in den Medien und leitet das Institut für Medienverantwortung, das sich neben der Methodenvermittlung in Medienanalyse auch für ein Schulfach Medienbildung einsetzt. Seit 2017 lehrt sie in Frankfurt/Main Journalismus und Kommunikation mit einem besonderen Fokus auf der Schnittstelle zwischen Vierter (Medien) und Fünfter Gewalt (Lobbyismus). Zuletzt erschien ihre Dissertation in 2. Auflage: „Die Darstellung des Islams in den Medien.“ Mit Constantin Wagner publizierte sie „Antisemitismus und Islamphobie – ein Vergleich“ ebenfalls in 2. Auflage.

Sabine Schiffer

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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