Fabian Goldmann, Autor des am 25. Februar erscheinenden Werks „Staatsräsonfunk“, entlarvt im Gespräch die deutsche Medienlandschaft als willfähriges Sprachrohr der Staatsräson. Seit dem 7. Oktober 2023 zeigt sich: Leitmedien ignorieren systematisch palästinensische Perspektiven, übernehmen unkritisch offizielle israelische Narrative und verschleiern so das Ausmaß der Gewalt in Gaza. Goldmann analysiert, wie strukturelle Defizite, ideologische Nähe zur Macht und rassistische Vorurteile kritischen Journalismus unterdrücken, und macht deutlich: Das Versagen der vierten Gewalt ist kein Ausrutscher, sondern Teil des Systems.
etos.media: „Staatsräson“ – Was verbinden Sie persönlich mit diesem Begriff, und warum haben Sie ihn für den Titel Ihres Buchs „Staatsräsonfunk“ gewählt?
Fabian Goldmann: Was „Staatsräsonfunk“ angeht, muss ich erst einmal Props an den Journalisten James Jackson geben, der den Titel vorgeschlagen hat. Ich fand ihn sehr passend, da viele der Probleme, die wir seit dem 7. Oktober unter dem Label „Staatsräson“ erleben, auch Auswirkungen auf den Journalismus in Deutschland haben. Die bedingungslose Solidarität mit Israel und seiner Regierung prägt auch die Weltsicht vieler Medienschaffender. Dasselbe gilt für antiarabischen und antimuslimischen Rassismus, deren Auswirkungen in den letzten zwei Jahren auch in Medien massiv zu sehen sind. Hinzu kommt ein beispielloses Maß an Repressionen, Diffamierungen und Einschüchterungen, mit denen – wie im Rest der Gesellschaft – auch im Journalismus kritische Stimmen zum Schweigen gebracht werden. Das hat neben vielen anderen Dingen dazu beigetragen, dass insbesondere deutsche Leitmedien an ihrem selbsterklärten Anspruch, die vierte Gewalt zu sein, in den letzten Jahren so katastrophal gescheitert sind. Statt als kritische Wächter erwiesen sie sich als Unterstützer und Ermöglicher von Deutschlands Politik der Staatsräson und wurden so letztlich mitverantwortlich für den Genozid in Gaza.
etos.media: Ihr Buchtitel spielt mit der Verbindung von „Staatsfunk“, also staatliche Rundfunk- und Medienanstalten, und „Staatsräson“. Inwiefern sehen Sie heute eine Verknüpfung von Staatspolitik, medialer Berichterstattung und öffentlicher Meinung?
Fabian Goldmann: Unter Menschen, die unzufrieden mit unseren Medien sind, gibt es ja manchmal die Vorstellung, die Berichterstattung sei wie in einem Staatsfunk „von oben“ gelenkt. Mit meinem Buch will ich zeigen: Euer Frust ist berechtigt, aber die Ursachen für die Probleme sind viel komplexer. Die angesprochenen Probleme rund um die Politik der Staatsräson treffen in Deutschland auf seit Langem vorhandene strukturelle Defizite unseres Mediensystems. Beide verstärkten einander und führten zu jener einseitigen und oftmals schlicht falschen Berichterstattung, die wir nun seit über zwei Jahren jeden Tag auf Zeitungsseiten und Fernsehbildschirmen erleben. Die historisch verwurzelte Affinität zu Israel und dessen Regierung etwa traf auf einen Nachrichtenjournalismus, der sich ohnehin sehr auf die Wiedergabe offizieller staatlicher Positionen beschränkt. Die traditionell sehr geringe soziale und kulturelle Durchlässigkeit in vielen Redaktionen wurde durch rassistische Debatten der letzten Jahre zusätzlich verstärkt. Auch die seit Langem vorhandene problematische ideelle und personelle Nähe zwischen Medien und Macht sowie die zunehmende Konzentration und Kommerzialisierung des deutschen Zeitungsmarktes lassen immer weniger Raum für wirklich machtkritischen Journalismus.
etos.media: Sie haben Tausende Schlagzeilen deutscher Medien ausgewertet. Was waren für Sie die überraschendsten oder aufschlussreichsten Erkenntnisse daraus?
Fabian Goldmann: Überraschend oder eher erschreckend war, wie konsequent sich Medien an den Angaben der israelischen Regierung und Armee orientieren und gegenteilige Darstellungen, etwa von palästinensischen Reportern, NGOs oder internationalen Organisationen, ausblenden.
Aufschlussreich fand ich auch, wie ähnlich sich viele Medien in dieser Hinsicht sind. Ich habe mich bemüht, ein möglichst breites Spektrum etablierter Medien auszuwerten. Diese reichten von der als links geltenden taz über die öffentlich-rechtliche Tagesschau, das Nachrichtenmagazin Spiegel bis hin zur Boulevard-Zeitung Bild. Die grundlegenden Probleme waren überall ähnlich. Dazu zählte auch die extrem ungleiche Berichterstattung über israelische und palästinensische Opfer, die unkritische Übernahme propagandistischer Sprache oder das Verschweigen relevanter historischer und juristischer Kontexte.
Auf persönlicher Ebene – auch als Journalist – hat mich schockiert, wie skrupellos viele deutsche Journalisten sich an der Diffamierung ihrer palästinensischen und libanesischen Kollegen beteiligten, von denen bis heute über 270 durch die israelische Armee getötet wurden.
etos.media: In der deutschen Berichterstattung sind israelische Quellen der Hauptbezugspunkt. Werden diese eingeordnet, und wenn ja, wie?
Fabian Goldmann: Im Nachrichtenjournalismus kommt es regelmäßig vor, dass israelische Angaben gar nicht eingeordnet und stattdessen als Tatsachen präsentiert werden, etwa bei den immer wiederkehrenden angeblichen “Hamas-Kommandozentralen” unter Krankenhäusern. Auf der Website der Tagesschau war beispielsweise in dem von mir untersuchten Zeitraum (7.10.23 bis 19.01.2025) 192-mal von einer „Kommandozentrale“ die Rede, ohne dass es für irgendeine einen unabhängigen Beleg gab. Wenn gegenteilige Angaben – etwa durch die UN, NGOs oder palästinensische Ärzte – erwähnt werden, dann meist weniger prominent, zum Beispiel in den hinteren Absätzen von Texten.
Auch bei Interviews werden Vertreter von Israels Regierung und Armee auffällig anders behandelt als ihre palästinensischen Gegenspieler. Zum einen kommen sie viel mehr Raum. In deutschen Tages- und Wochenzeitungen kam Israels Botschafter in Deutschland zum Beispiel 17-mal so oft zu Wort wie sein palästinensischer Kollege, in den 20-Uhr-Nachrichten der Tagesschau lag das Verhältnis zwischen palästinensischen und israelischen Repräsentanten sogar bei 1:34. Zudem werden Israelis oft viel unkritischer interviewt. Selbst IDF-Vertreter werden eher in der Rolle des Experten, manchmal sogar des Betroffenen, interviewt, während selbst deutsch-palästinensische Bürger, die nichts mit Gewalt und Extremismus zu tun haben, sich für die Taten der Hamas rechtfertigen müssen.
etos.media: Inwiefern unterscheidet sich die Wortwahl von der, die verwendet wird, wenn es palästinensische Quellen sind?
Fabian Goldmann: Bei der Wortwahl kommt der Bias zugunsten der offiziellen Sicht Israels am deutlichsten zum Vorschein. Begriffe wie „Evakuierungsanordnungen“, „Schutzzonen“ oder „Fluchtkorridore“ werden immer wieder völlig unkritisch von Medien übernommen, obwohl NGOs und Fachleute seit Beginn darauf hinweisen, dass es sich dabei um Propagandabegriffe handelt, die vor allem dazu dienen, das Ausmaß der Gewalt in Gaza zu verschleiern.
Auch bei der Bezeichnung von Gewalttaten gibt es eine krasse Schieflage. Israelische Gewalt wird sprachlich stark kontextualisiert und beschönigt, z. B. durch Begriffe wie „Gegenangriff“, „Reaktion“, „begrenzt“, „präzise“ … Bei gegen Israel gerichteter Gewalt finden sich solche Begriffe fast nie. Stattdessen wählen Medien hier häufig eine dramatisierende Sprache, z. B. „Großangriff“, „barbarisch“, „brutal“ oder „beispiellos“. Am deutlichsten war der Unterschied beim Begriff „Massaker“. Der kam in den untersuchten Medien 3.608-mal vor. Fast immer waren die Angriffe der Hamas gemeint. Für israelische Gewalttaten machten sich die Redaktionen den Begriff kein einziges Mal zu eigen.
etos.media: Sie erwähnen, dass unabhängige NGOs oder lokale Stimmen kaum zitiert werden. Welche Rolle könnten solche Quellen sinnvollerweise in der Berichterstattung spielen?
Fabian Goldmann: Eine extrem wichtige. Gerade dadurch, dass Israel keine ausländischen Reporter nach Gaza lässt, sind die Informationen von lokalen Reportern und ausländischen Helfern, aber auch von Augenzeugen, Sanitätern, Ärzten und Vertretern internationaler Organisationen umso wichtiger. Sehr oft, etwa im Fall israelischer Angriffe, stimmen deren Angaben auch überein – während Israels Armee häufig die einzige Quelle ist, die eine völlig konträre Darstellung liefert. Dennoch schafften es offizielle Angaben Israels in allen untersuchten Medien in jede dritte Nachrichtenschlagzeile – NGO-Angaben hingegen gerade einmal in jede hundertste. Angaben palästinensischer Reporter machten bis auf wenige Einzelfälle gar keine Schlagzeilen.
etos.media: Welche Rolle spielen rhetorische Muster und Framing in der Berichterstattung über Gaza?
Fabian Goldmann: Einige Beispiele, wie Medien unkritisch die Sprache der israelischen Armee übernehmen und damit die Wirklichkeit verzerren, habe ich ja schon genannt. Aber das Problem geht weit über einzelne Begriffe hinaus. Auffällig häufig berichten Medien über israelische Angriffe im Passiv, ohne den Täter zu nennen. Palästinenser sind dann zum Beispiel „bei einer Explosion ums Leben gekommen“. Auch Satzzeichen können zur Verschleierung beitragen – etwa, wenn hinter gut gesicherte Tatsachen ein Fragezeichen gesetzt wird, wie „Wurden palästinensische Häftlinge gefoltert?“, während ungesicherte israelische Behauptungen wiederum als Tatsache präsentiert werden. Auch im größeren Rahmen orientiert sich die Berichterstattung sehr stark an der offiziellen Perspektive Israels. Die Ereignisse werden nahezu durchgängig als „Krieg gegen die Hamas“ dargestellt – ungeachtet der Einschätzungen von Menschenrechtsorganisationen und mittlerweile der Mehrheit der Genozid-Forscher, dass es sich bei Israels Vorgehen eben nicht um einen Anti-Terror-Kampf, sondern um einen Genozid an der palästinensischen Zivilbevölkerung handelt.
etos.media: Wird Ihrer Ansicht nach israelisches Leid anders personalisiert und emotionalisiert als palästinensisches? Können Sie typische narrative Muster beschreiben?
Fabian Goldmann: Israelische Opfer bekommen deutlich mehr Aufmerksamkeit als palästinensische. Im Durchschnitt aller untersuchten Medien waren sie um das 36-fache überrepräsentiert. Ein Beispiel von vielen: Das prominenteste deutsch-israelische Opfer Shani Louk wurde in deutschen Tages- und Wochenzeitungen über 1.615-mal erwähnt, die prominentesten deutsch-palästinensischen Opfer, die Familie Abujadallah, brachte es auf 10 Nennungen.

Solche Zahlen bilden aber nur einen kleinen Teil des Problems ab, da nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Art der Darstellung völlig unterschiedlich ist. Israelische Opfer werden deutlich häufiger personalisiert – also zum Beispiel mit Namen, Bildern und Informationen zur Person – dargestellt, während es im Fall palästinensischer meist nur die Zahl der Toten in die Schlagzeilen schafft. Zudem werden israelische Opfer fast immer (92 Prozent) als Zivilpersonen präsentiert, bei palästinensischen Einzelschicksalen ist das nur selten (21 Prozent) der Fall – ihnen begegnet man meist als angeblichen „Terroristen“.
Im Fall libanesischer und iranischer Einzelschicksale ist diese Tendenz sogar noch größer. Diese schaffen es fast ausschließlich in die Schlagzeilen, wenn sie sich als Militante darstellen lassen. Auch diese Tendenz findet sich in allen untersuchten Medien. Am deutlichsten ist sie aber in der Bild. Dort standen 119 Schlagzeilen über israelische Einzelschicksale einem einzigen Bericht über ein Opfer israelischer Gewalt gegenüber.
etos.media: Hat sich die Berichterstattung seit Beginn des Genozids verändert?
Fabian Goldmann: Die Zahl der Beiträge, die sich kritisch mit der israelischen Kriegsführung und der Rolle Deutschlands auseinandersetzen, hat sich auf jeden Fall mit der Zeit erhöht. Gleichzeitig gab es nach zwei Jahren Genozid natürlich auch mehr Anlass für Kritik als beispielsweise noch am 7. Oktober. Deshalb würde ich daraus nicht unbedingt schlussfolgern, dass sich die Berichterstattung verbessert hat. Der Gegenstand der Berichterstattung war einfach ein anderer. Die grundlegenden Probleme der Berichterstattung – wie die Orientierung am offiziellen israelischen Narrativ oder das Desinteresse gegenüber Untersuchungen humanitärer Organisationen – waren am Ende der Untersuchung genau dieselben wie am Anfang. Über viele Ereignisse, die zu früheren Zeitpunkten noch Schlagzeilen machten – teils Massaker mit über 100 Toten – wurde im späteren Verlauf oft gar nicht mehr oder nur noch in kleinen Meldungen berichtet. Insofern könnte man auch argumentieren, dass sich die Berichterstattung mit der Zeit eher verschlechtert hat. Im Ausbleiben von Berichterstattung sehe ich auch das Hauptproblem. Größer als das Problem einseitiger und irreführender Berichte sind die vielen guten Beiträge, die nie geschrieben wurden.
etos.media: Was könnten deutsche Medien tun, um ihre Berichterstattung zu verändern? Gibt es positive Beispiele in Europa?
Fabian Goldmann: Der Weg zu einer besseren Berichterstattung ist eigentlich recht einfach: bei den Fakten bleiben, Behauptungen kenntlich machen, die zur Verfügung stehenden Quellen nutzen, alle relevanten Perspektiven abbilden, die eigenen Biase und Stereotype kontinuierlich hinterfragen, kritisch in jede Richtung blicken– vor allem nach oben. Das sind alles alles Sachen, die jeder Journalist in seiner Ausbildung lernt. Journalismus ist keine Raketenwissenschaft, sondern eigentlich ein recht einfach zu beherrschendes Handwerk.
Verbesserung setzt aber voraus, dass Medien überhaupt an besserem Journalismus interessiert sind. Ehrlich gesagt habe ich den Glauben daran in den letzten zwei Jahren verloren. Die großen Leitmedien wurden kontinuierlich aus Öffentlichkeit, Wissenschaft und von anderen Journalisten auf offenkundige und systematische Fehler und Einseitigkeiten hingewiesen. Von unbedeutenden Einzelfällen abgesehen ist mir kein Fall bekannt, in dem Medien diese Kritik angenommen und ihre Versäumnisse aufgearbeitet und Maßnahmen getroffen hätten, damit sich diese Fehler nicht wiederholen. Die einseitige und irreführende Art der Berichterstattung, die wir seit über zwei Jahren erleben, scheint mir kein Fehler im System zu sein. Sie ist das System.
Das zeigt sich übrigens auch daran, dass es guten, machtkritischen und empathischen Journalismus seit dem 7. Oktober durchaus gibt – auch in Deutschland. Nur war der eher am Rand und außerhalb des etablierten Mediensystems zu finden ist: etwa in der Jungen Welt, auf privaten Instagram-Kanälen oder bei kleinen Online-Medien wie Occupied News, Gaza-Heute, Jacobin oder Etos.Media. Auch der Umstand, dass dort natürlich nicht die besser ausgebildeten Journalisten als etwa in der Spiegel-Redaktion sitzen, zeigt: Die Probleme der deutschen Nahost-Berichterstattung sind nicht journalistisch, sondern politisch zu verstehen.
etos.media: Danke dir für das Gespräch.



