Während sich die Rechtfertigungen für Israels Gewalt immer wieder verändert haben – vom Kampf gegen den Nationalismus über den Marxismus bis hin zum radikalen Islam oder was auch immer gerade als Begründung dient –, sind die zugrunde liegenden politischen Praktiken dieselben geblieben: Besatzung, Vertreibung und territoriale Expansion. Der Text hinterfragt die westliche Rhetorik, mit der Israels Verbrechen in Palästina und der weiteren Region ideologisch und moralisch gerechtfertigt werden.
In weiten Teilen der deutschen Gesellschaft ist es nahezu unmöglich, eine rationale Debatte über die Menschenrechtsverletzungen Israels an Palästinenser*innen zu führen, ohne Begriffe wie „Antisemitismus“, „Radikale“, „Verbreitung der Demokratie“ und zahlreiche andere „moralische“ Rechtfertigungen für einen Genozid zu hören – Narrative, die dem durchschnittlichen westlichen Denken ein selbstgerechtes Gefühl moralischer Gewissheit vermitteln, ohne dass dahinter eine tiefere theoretische oder historische Grundlage für das Verständnis der Angelegenheit stünde. Dieser kurze Text soll hoffentlich einen Anstoß geben, einen Schritt zurückzutreten und einige der vermeintlichen „Fakten“ und Annahmen zu überdenken, die sich tief in der westlichen Gesellschaft verankert haben.
Ja, aber …
Heute, im September 2026. Noch immer. Man könnte Stunden damit verbringen, die überwältigende Tötungsmaschinerie zu beschreiben, die Israel gegen Palästinenser*innen einsetzt, die Vertreibung von Zivilist*innen, die fortgesetzte Besatzung und die Aneignung immer weiterer Gebiete in den Nachbarländern – all das geschieht beinahe täglich. Und dennoch lautet die wichtigste und am weitesten verbreitete Antwort weiterhin kaum mehr als: „Ja, aber die radikalen Islamisten …“ oder „Ja, aber der 7. Oktober …“
Doch selbst dieses oberflächliche und übermäßig vereinfachende Argument entspringt einem völligen Mangel an Wissen und stützt sich auf kaum mehr als moralischen Chauvinismus. Schon eine grundlegende theoretische, historische und chronologische Betrachtung der politischen Entwicklungen rund um den „Konflikt“ würde genügen, um einen ersten Schritt zu einem besseren Verständnis der Angelegenheit zu machen – und vielleicht dazu, die westlichen Diskursmuster darüber zu überdenken.
Die erste Frage, die sich Deutsche stellen sollten, bevor sie Begriffe wie „radikale Islamisten“ oder „Hamas“ verwenden, um Israels Genozid zu rechtfertigen, lautet vielleicht, ob sie sich tatsächlich mit dem historischen Hintergrund dieser Begriffe und ihrem Verhältnis zur Angelegenheit als Ganzes beschäftigt haben.
Für viele Deutsche dürfte überraschend sein, dass die Hamas 1987 gegründet wurde, während die Nakba – die Vertreibung der Palästinenser*innen im Zuge der Gründung Israels – bereits 1947/48 stattfand. Allein das sollte dem Argument „Es liegt alles an der Hamas“ einen ersten Schlag versetzen. Es sollte zugleich Motivation genug sein, etwas tiefer in die historische Entwicklung palästinensischer Widerstandsbewegungen sowie die ihnen zugrunde liegenden Ideen und Konzepte einzutauchen.
Um die Sache einfach und den Text kurz zu halten, konzentriere ich mich ausschließlich auf die Phase nach 1948, also nach der Gründung Israels. Zunächst auf die Hochphase des panarabischen Nationalismus und „Sozialismus“ bis ungefähr Mitte der 1970er Jahre, dann auf die Hochphase linker Bewegungen bis Ende der 1980er Jahre und schließlich, beginnend ungefähr 1987 mit der Gründung der Hamas, auf jene Periode, in der islamistische Bewegungen eine einflussreichere Rolle im Gesamtbild zu spielen begannen.
Da dieser Text nicht darauf abzielt, jede dieser Bewegungen im Detail zu diskutieren, sondern vielmehr die seit Langem verfolgte westliche Strategie zu untersuchen, die Identität der jeweiligen gegnerischen Gruppe als „moralische Rechtfertigung“ für von Israel begangene Kriegsverbrechen heranzuziehen, ist es wichtig zu betrachten, wie sich diese Rechtfertigung im Laufe der Zeit verändert hat.
Narrative-Hopping
Während der ersten beiden Phasen wurde die zentrale Rechtfertigung zunächst als Kampf gegen den arabischen Nationalismus formuliert, repräsentiert durch Bewegungen wie die Baath-Partei in Syrien und Gamal Abdel Nasser in Ägypten. Ihre Ideologie ließ sich kaum unter Begriffen wie „Antisemitismus“ oder „radikaler islamistischer Terror“ einordnen, da radikalislamistische Gruppen wie die Muslimbruderschaft unter diesen Regimen tatsächlich verboten und massiv unterdrückt wurden.
In Palästina war die wichtigste Bewegung die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO), die ebenfalls einen weitgehend säkularen politischen Hintergrund hatte. Die zentrale Rechtfertigung für israelische Kriegsverbrechen und Besatzung musste daher zur politischen Identität der jeweiligen Gegenseite passen. In dieser Phase orientierte sich das Narrativ am „Kampf gegen den arabischen Nationalismus“.
Mit dem Aufstieg linker Gruppen wie der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) musste sich die westliche Rechtfertigung für die von Israel begangenen Verbrechen entsprechend ändern und sich hin zur vertrauten Sprache vom „Kampf gegen den Kommunismus“ verschieben. Die PFLP war stark säkular und ideologisch vom klassischen Marxismus beeinflusst. Zugleich wies sie vergleichsweise wenige ideologische Gemeinsamkeiten mit den panarabischen Bewegungen auf und geriet mit ihnen häufig in politische Konflikte.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges verlor die PFLP zunehmend an Einfluss, bis sie ihre frühere Stellung weitgehend eingebüßt hatte. Während die panarabische Ideologie noch etwas länger Einfluss behielt, verlor sie mit dem Aufstieg islamistischer Bewegungen wie der Hamas allmählich an Boden. Gleichzeitig entstanden beziehungsweise erstarkten andere radikalislamistische Bewegungen in der Region, etwa in der Islamischen Republik Iran. Die besitzt zwar keine historische oder ideologische Verbindung zur eigentlichen palästinensischen Sache, hat aber versucht, die Palästinafrage für ihre geopolitischen Zwecke zu instrumentalisieren.
Zu diesem Zeitpunkt entfernte sich die westliche Medienmaschinerie zunehmend davon, israelische Kriegsverbrechen mit Narrativen wie dem „Kampf gegen den arabischen Nationalismus“ oder dem „Aufhalten des Kommunismus“ zu rechtfertigen. Stattdessen verlagerte sich der Fokus auf den radikalen, konservativen und religiösen Charakter der nun maßgeblichen gegnerischen Kräfte. Damit konnten Identität und Ideologie der gegnerischen Gruppen zur Grundlage eines neuen Narrativs werden – eines Narrativs, das einem westlichen Publikum weiterhin vermitteln konnte, die Gewalt und die Verbrechen gegen Palästinenser*innen würden von einer moralisch überlegenen Position aus begangen.
Die Methode bleibt dieselbe
Auch heute hat Israel seine grundlegende Strategie nicht verändert – auch nicht in seiner Außenpolitik: Seine expansionistische Politik wird weiterhin moralisch reingewaschen, gestützt auf die zugrunde liegende Ideologie und das praktische Handeln sowie auf sehr deutliche Aussagen höchstrangiger Regierungsvertreter*innen und Minister*innen.
Zur Zeit des Baath-Regimes in Syrien und bereits in den Jahren davor benutzte Israel beispielsweise die erwähnte Rechtfertigung des „arabischen Nationalismus“, um die dauerhafte Besetzung und Angriffe auf syrisches Territorium zu rechtfertigen. Seit dem Sturz des Baath-Regimes hat Israel seine Expansion auf syrischem Gebiet rasch fortgesetzt und ist bis ins Umland der Hauptstadt Damaskus vorgedrungen. Und selbstverständlich lässt sich die Rechtfertigung für diese Handlungen dieses Mal noch leichter an ein westliches Publikum verkaufen, da Israel nun auf den syrischen Übergangspräsidenten, seine extremistische und radikale Ideologie sowie seine dokumentierte terroristische Vergangenheit verweisen kann.
Hier muss ich meine Position deutlich machen: Ich lehne al-Scharaa und die Menschen in seinem Umfeld entschieden ab. Ich bin außerdem der Ansicht, dass Syrer*innen Verantwortung dafür tragen, diese Leute – selbst vorübergehend – an der Spitze des Landes akzeptiert zu haben, weil dies es Israel erleichtert hat, seine Kriegsverbrechen und seine Expansion zu rechtfertigen und dieses Narrativ einem durchschnittlichen, politisch blinden westlichen Publikum zu verkaufen. Betrachtet man die Situation jedoch nüchterner, lässt sich dasselbe Muster in den medialen und politischen Narrativen Israels erkennen: Die Rechtfertigung für dieselben Handlungen verändert sich entsprechend der Identität derjenigen, die auf der anderen Seite stehen.
Israel verwendet inzwischen auch das Argument, den türkischen Einfluss in Syrien aufhalten zu müssen, als weitere Rechtfertigung für seine täglichen Vorstöße auf syrisches Territorium. Das ist besonders befremdlich, wenn man bedenkt, dass Israel und die Türkei überwiegend normale diplomatische Beziehungen unterhalten haben. Erwähnenswert ist außerdem, dass diese von der Türkei unterstützte Figur vor allem durch Donald Trumps Bemühungen ins Amt des syrischen Übergangspräsidenten gelangte. Rein logisch betrachtet fällt es schwer zu glauben, dass die USA in einem Nachbarland eines ihrer engsten und verlässlichsten Verbündeten – Israel – einen Mann ins Amt bringen würden, wenn auch nur die geringste Möglichkeit eines Interessenkonflikts bestünde.
Wie bereits zuvor angedeutet, legt schon eine kurze logische Betrachtung den Gedanken nahe, dass die Hamas und ihre extremistische Ideologie eher eine Folge als eine Ursache sind. Man muss keine Raketenwissenschaftlerin sein, um zu erkennen, dass die Ursache eines Problems nicht 40 Jahre nach dessen Beginn entstehen kann. Die Hamas und ihre radikale Ideologie sind vielmehr das Ergebnis jahrzehntelanger Besatzung, massenhafter Vertreibung und Unterdrückung.
Ein ähnlicher analytischer Ansatz ließe sich auf die gesamte Region anwenden. Hätten die Syrer*innen für die Übergangsphase nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes eine „normale“ Person an die Spitze des Landes gestellt – buchstäblich irgendjemanden aus irgendeiner politischen Partei oder ideologischen Richtung, vielleicht hätte selbst ein Militärrat diese Aufgabe besser erfüllt –, also schlicht jemanden, der kein berüchtigter Terrorist wie al-Scharaa war und keiner „Al-Qaida“-ähnlichen Gruppe wie Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) angehörte, hätte allein dies möglicherweise genügt, Israel damit eines der Mittel zu nehmen, mit denen es seinen Vormarsch auf syrisches Territorium rechtfertigt. Dieser stellt unbestreitbar einen klaren Verstoß gegen das Völkerrecht dar.
Und wenn wir die gegenwärtige Situation weiter logisch betrachten, könnte man sich ebenfalls fragen: Niemand hat stärker von den gewaltsamen Aktionen der Hamas profitiert als Israel. Niemand hat stärker von der Existenz der Hisbollah-Miliz im Libanon und ihrer Beziehung zu Teheran profitiert als Israel. Dementsprechend würde auch niemand stärker von al-Scharaas terroristischer Vergangenheit profitieren als Israel. Und nun gibt es all diese „noch ungewissen“ Gerüchte darüber, Netanjahu habe bereits im Voraus gewusst, dass am 7. Oktober etwas Großes geschehen würde. An diesem Punkt möchte ich das einfach so stehen lassen – als möglichen Anlass für jeden Leserin, die Sache rückblickend selbst logisch zu durchdenken.
Am Ende dieser sehr einfachen, chronologischen und weit gefassten Betrachtung der historischen und theoretischen Entwicklung palästinensischer Bewegungen sowie der entsprechenden Methoden westlicher Rechtfertigung sollten sich einige logische Fragen stellen: Wie glaubwürdig kann diese Methode der Rechtfertigung und Argumentation tatsächlich sein, wenn sie sich im Laufe der modernen Geschichte immer wieder verändert hat, um zu den jeweiligen Handlungen Israels zu passen? Wie kann selbst eine extremistische und radikale Bewegung zur Wurzel des „Konflikts“ erklärt werden, wenn sie bis vor vergleichsweise kurzer Zeit im Grunde keine bedeutende Rolle darin spielte?
Diese Fragen sollten hoffentlich dazu anregen, zu lesen, zu analysieren und zu recherchieren, bevor man sich zu dieser oder irgendeiner anderen politischen Frage eine endgültige Meinung bildet.



