Der Menschenfeind Ben-Gvir und das Gejaule der guten Deutschen

Die Deutschen sind das nationalisierte Sinnbild der drei Affen von Nikkō: Augen zu, Ohren zu, und halt gefälligst deine Schnauze!
Bild: KI-generiert

Ben-Gvir sorgt mit offen volksverhetzenden Aussagen für Empörung – und das bei all jenen, die Israels Verbrechen tagtäglich fördern, fordern und bejubeln. Warum der israelische Faschist für die guten Deutschen zum praktischen Sündenbock wird, erklärt etos.media-Redakteur Jakob Reimann in seinem Kommentar.

Die Republik der guten Deutschen ist in Aufruhr: Ein Vertreter der faschistischen Wertepartner in Israel hat ausgesprochen, was deren Streitkräfte seit bald drei Jahren Genozid ohnehin jeden Tag tun – gezielt palästinensisches Leben ausschalten, ausdrücklich unschuldiges Leben ausschalten. Quer durchs Land fühlen sich Israel-Ultras von „links“ bis rechts genötigt, geheuchelte Statements zu veröffentlichen, in denen sie vorgeben, die Forderungen des Faschisten Itamar Ben-Gvir, jede Nacht „30–40“ Palästinenser in Gaza „gezielt zu töten“ – „Nicht nur diejenigen, die eine unmittelbare Bedrohung darstellen“ –, zu verurteilen. Haben Klingbeil, Merz, Roth, Beck, Zentralrat, EKD, Ramelow, Hardt, Brantner, Spiegel, taz und wie sie alle heißen die letzten drei Jahre unter einem Stein gelebt?

Auch Ben-Gvirs humanistische Perle „Es gibt dort Menschen, die es nicht verdienen zu leben. […] Sie sind nicht einmal Menschen.“, ist nach den Maßstäben der „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ keineswegs ein Ausreißer, sondern fügt sich nahtlos in das politische Lingo der vergangenen Jahrzehnte ein: Es gibt eine ganze Wiki-Seite „Entmenschlichung von Palästinensern im israelischen Diskurs“, die ausgedruckt stolze 20 Seiten lang ist. Um die rhetorische Barbarei dort zu strukturieren, finden sich wenig schmeichelhafte Unterkapitel wie „Palästinenser als Reptilienarten“, „Palästinenser als Insekten und andere Tiere“ oder „Mikrobielle, mineralische, außerirdische und andere biologische Formen“.

Oft kann nur Satire helfen, und Der Postillon bringt es wie so oft auf den Punkt: „Welt empört, dass Ben-Gvir ausspricht, was Israels Armee seit drei Jahren macht“, heißt es dort. Wenn wir es ganz genau nehmen wollen, ist das jedoch nicht korrekt. Die Untergrenze der seit Genozidbeginn in Gaza Getöteten liegt bei 73.417 (Stand 20. August), was bei 1.049 Tagen im Schnitt genau 70 Toten täglich entspricht. Legt man die realistischeren und deutlich höheren Todeszahlen zugrunde, kommen wir leicht auf dreistellige Tageswerte. Ben-Gvir liegt mit seinen artikulierten „30–40“ nächtlichen gezielten Morden also deutlich unter der Realität: Genau genommen ist der Menschenfeind damit ein Appeaser, ein Deeskalierer – ja gar eine Friedenstaube.

Was genau ist nun das Problem der künstlich empört vor sich hin jaulenden guten Deutschen? Schließlich ist nichts von Ben-Gvirs Menschenhass in der Sache neu oder verfügt auch nur über eine neue Qualität. Das Problem ist nicht, was er spricht, sondern dass er spricht.

Deutsche sind die ungeschlagenen Wegguckweltmeister – die unterwürfigen, feigen Deutschen sind das nationalisierte Sinnbild der drei Affen von Nikkō: Augen zu, Ohren zu, und halt gefälligst deine Schnauze! Wir wollen das Blutvergießen und die Barbareien der Mächtigen hier geschmeidig wegignorieren, nicht mit ihnen konfrontiert werden.

Auch Merz‘ „Drecksarbeit“-Aussage traf bereits ins Herz der deutschen Seele: Wir wollen unsere Hände nicht schmutzig machen – wir wollen um jeden Preis moralisch sein, koste es, was es wolle. Ein stolzer Faschist stört da, weil er den Spalt im Kopf für alle sichtbar macht, die kognitive Dissonanz schmerzhaft erlebbar macht. Doch der gute Deutsche ist nicht dumm und macht sich selbst den rechtsradikalen Hetzer zunutze: „Ben Gvir ist mit seinen offen faschistischen Äußerungen sowas wie Jesus für liberale Zionisten“, beschreibt Genossin Bafta Sarbo auf den Punkt dessen Funktion. „Weil sie alle Sünden Israels auf ihn projizieren können und durch ihre Gegnerschaft zu ihm die Ehre Israels doch wieder retten können.“

Hier will man an Völkermord, Besatzung, ethnischer Säuberung und Apartheid teilhaben – aber normal.

Jakob Reimann ist etos.media-Redakteur für Außenpolitik und beschäftigt sich hauptsächlich mit Kriegen und Konflikten in Westasien und Nordafrika (WANA), der Jemen und Palästina/Israel als seine Schwerpunkte. Darüber hinaus schreibt er über Militarismus und Geopolitik sowie über die extreme Rechte und den autoritären Staatsumbau in der BRD. Als Gründungsmitglied des AK Antimilitarismus ist Jakob Mitherausgeber des im November bei PapyRossa veröffentlichen Sammelbands »Die große Mobilisierung«.

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4 Kommentare

  1. Sehr treffend, niemand, der den Jahrzehnte langen Terror Israels gegen die Palästinenser wirklich zur Kenntnis genommen hat, nimmt diese Krokodilstränen ernst.
    Aber Einspruch, die taz muss ich in diesem Falle wirklich in Schutz nehmen, dort gab und gibt es viele gute Kommentare zur israelischen Politik und auch wahrheitsgetreue Berichterstattung zum Terror der Siedler im WJL z.B.

  2. Zu „Die Republik der guten Deutschen ist in Aufruhr: Ein Vertreter der faschistischen Wertepartner in Israel hat ausgesprochen, was deren Streitkräfte seit bald drei Jahren Genozid ohnehin jeden Tag tun – gezielt palästinensisches Leben ausschalten, ausdrücklich unschuldiges Leben ausschalten.“
    Was soll „unschuldiges Leben“ heißen ? Kann das Leben der Palästinenser im eigenen Land und dessen Verteidigung gegen kolonialistische Besatzer „schuldiges Leben“ sein ? So brutal wie auch immer, die Aktion am 07.10.2023 war eine leider völlig kontraproduktive Selbstverteidigung, wie übrigens alle „Selbstmordattentate“ davor und danach. Eine Schuld existiert nur auf der Seite der Besatzer Palästinas, die nicht nur genaueste Kenntnis von dem drohenden Überfall hatten, sondern auch dafür sorgten, daß möglichst viele „unschuldige(?)“ Israelis und ausländische Besucher niedergemetzelt wurden, indem das NOVA-Festival 1 Tag vor dem bekannten Termin näher zur bedrohten Grenze verlegt wurde, indem das Grenz-Militär zum Schutz der faschistischen Siedler nach Westjordanien abgezogen wurde, und indem das verbliebene Militär die „Hannibal-Direktive“ auszuführen hatte, was bedeutete, daß aus Hubschraubern u.a. mit Raketen auf Alle geschossen wurde, also auch auf die „eigenen“ Leute, was unter anderem auch „verbrannte Babies“ erklärt.
    Siehe u.a. Videos der israelischen Ex-Grenzsoldatin und Bloggerin Efrat Fenigson: https://www.youtube.com/watch?v=nijZkSOdjUo und https://www.youtube.com/watch?v=VilMGJdSt6o.

    Ist es nicht eher so, daß mindestens seit der Existenz Israels das Existenzrecht der Palästinenser ideologisch und praktisch bestritten wird ? Ich kann nur zum X-ten Mal auf früheste Zeugen und Kritiker der faschistischen Morde an Palästinensern hinweisen, Hannah Arendt, Albert Einstein und viele andere „Antisemiten“ aus der Sicht der heutigen häßlichen deutschen Post-Neo-Faschisten mit „Staatsräson“ für Israel.
    Siehe https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/005057.html
    Zitate:
    >>Zu den beunruhigsten politischen Phänomenen unserer Zeit gehört das Auftauchen der „Freiheitspartei“ (Tnuat Haherut) im neu geschaffenen Staat Israel. Es ist eine politische Partei, die in ihrer Organisation verwandten Methoden, in ihrer politischen Philosophie und sozialen Anziehungskraft den Nazis und den faschistischen Parteien sehr ähnlich ist.
    (…)
    Es ist unvorstellbar, dass diejenigen, die gegen Faschismus in aller Welt sind, ihren Namen und ihre Unterstützung dieser Bewegung, die Begin vertritt, geben – es sei denn, dass sie nicht korrekt über seine politische Vorgeschichte und seine Perspektiven informiert sind.
    (…)
    Bevor irreparabler Schaden durch finanzielle Unterstützung, öffentliche Bekundung zu Gunsten Begins und dem, was in Palästina geschaffen wird, angerichtet wird und bevor der Eindruck entsteht, dass ein großer Teil der USA faschistische Elemente in Israel unterstützt, muss die amerikanische Öffentlichkeit über Begins Vorgeschichte, Ziele und Bewegung informiert werden.
    (…)
    Die öffentlichen Erklärungen von Begins Partei sind kein Anhaltspunkt für seine aktuelle Eigenart. Heute sprechen sie von Freiheit, Demokratie und Anti-Imperialismus, wobei sie bis vor kurzem offen die Doktrin eines faschistischen Staates predigten. Es sind seine Aktionen, die den wahren Charakter der terroristischen Partei verrät. Aus ihren früheren Aktionen können wir beurteilen, was man von ihr in der Zukunft erwarten kann.“
    (…)
    Die Diskrepanzen zwischen den kühnen Behauptungen, die jetzt von Begin und seiner Partei gemacht werden und der Vorgeschichte in Palästina trägt den Stempel einer gewöhnlichen politischen Partei. Dies ist der unverkennbare Stempel einer faschistischen Partei, für die Terrorismus (gegen Juden, Araber und Briten gleichermaßen) und Verfälschung Mittel sind, und ein „Führerstaat“ das Ziel ist.<<
    Die letzten 2 Zitate aus einem Offenen "Brief an New York Times, 4. Dezember 1948" (!!!) kann man nur als leider zu sehr wahr gewordene Prophetie bezeichnen, die genaueste Kenntnis des Wesens des israelischen Zyonismus beweisen. Efrat Fenigson nennt "ihren" Staat nicht zufällig IsraHell, weil er zur Hölle geworden ist für Palästinenser wie auch für kritische Israelis.
    Zum "Antisemitismus" siehe "Die Palästinenser sind mit den Juden der Antike enger verwandt als die Israelis -Kim Iversen Deutsch": https://www.youtube.com/watch?v=q0pk4_gIjRE

  3. „Die Deutschen sind das nationalisierte Sinnbild der drei Affen von Nikkō: Augen zu, Ohren zu, und halt gefälligst deine Schnauze!“ Was bezweckt das Etos-Medium ohne Ethos-H mit dem Nicht-Abdruck meines gestrigen (wahrscheinlich auch heutigen) Kommentars ? Alternatives „Gejaule der wirklich guten Deutschen“ ? Leider verharmlost Ihr die angeblich kritisierten „guten Deutschen“, die alles andere tun, als wie die 3 Affen wegzusehen, wegzuhören und zu schweigen. Tatsächlich sehen sie genau was in Palästina passiert, und weil sie es sehen, lassen sie die zyonistischen Faschisten die „Drecksarbeit“ (Nazi-Begriff bezüglich der Vernichtung des „jüdischen Bolschewismus“) der Deutschen bezüglich der gemeinsam verhassten „Moslems“ erledigen. Sie liefern erst recht Israel Waffen, wollen nur keine „antisemitische“ Kritik an Israel mehr hören und propagieren ihre Völkermord-Beteiligung als „Staatsräson für Israel“ und leugnen gleichzeitig den Völkermord, so wie die Nazis und Neo-Nazis den Holocaust leugnen.
    Die „guten Deutschen“ sind Post-Neo-Nazis, die sich stolz zu den „einmaligen“ und „einzigartigen“ Verbrechen der Nazis bekennen, um gerade dadurch z.B. für Euch als die „guten Deutschen“ zu erscheinen. Solltet Ihr ernsthaft daran interessiert sein, den tagtäglichen Völkermord seit mindestens 1948 [siehe https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/005057.html%5D zu beenden, dann müßt Ihr schon so ethisch sein, die „guten Deutschen“ wirklich zu kritisieren, oder, falls es Euch zu heikel ist, wenigstens meinen Kommentar von gestern abzudrucken.

  4. Wenn Ihr schon meine Kommentare nicht abdruckt, dann wenigstens diesen (in Übersetzung):
    https://www.jonathan-cook.net/blog/2024-08-08/1948-israel-excuses/
    8 August 2024
    Nothing’s changed since 1948 – except now Israel’s excuses don’t work
    We have been lied to for decades about the creation of Israel.

    Seit 1948 hat sich nichts geändert – außer jetzt funktionieren Israels Ausreden nicht
    Wir haben uns seit Jahrzehnten über die Gründung Israels belogen

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