Monarchisten sind keine Alternative zum Regime im Iran – sie sind eine Gefahr

Wird im Westen gerne als die demokratische Alternative zum Regime im Iran fantasiert: die Pahlavi-Monarchisten.
By Ilias Bartolini, licensed under CC BY-SA 2.0 (cropped).

Während im Iran breite soziale Proteste niedergeschlagen wurden, verkaufen westliche Debatten die Monarchisten um Reza Pahlavi als demokratische Alternative zum Regime. Doch hinter dem säkularen Anstrich verbirgt sich dieselbe autoritäre Logik aus Nationalismus, Repression und Elitenherrschaft. Shoan Vaisi argumentiert, dass ein Zurück zur Monarchie kein Ausweg, sondern eine reale Gefahr für einen demokratischen Übergang ist.

Seit Ende Dezember gehen im Iran breite Bevölkerungsschichten massenhaft auf die Straße, um gegen die zunehmende wirtschaftliche Misere, die fortschreitende Verarmung und die brutale Repression des Regimes zu protestieren. Die Proteste entwickelten sich vor dem Hintergrund tiefgreifender sozialer und ökonomischer Krisen, die sowohl durch internationale Sanktionen als auch durch strukturelle Korruption und massives wirtschaftliches Missmanagement der politischen Führung verschärft wurden.

Neben Russland gilt Iran als eines der am stärksten sanktionierten Länder weltweit; insbesondere westliche Sanktionen haben einen erheblichen Anteil an der wirtschaftlichen Destabilisierung, dem Wertverfall der Landeswährung und dem massiven Kaufkraftverlust. Seit 2018 hat der iranische Rial gegenüber dem US-Dollar kontinuierlich an Wert verloren, allein seit 2021 um mehr als 80 Prozent. Drastische Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln, Energie und Mieten, anhaltende Hyperinflation, klientelistische Strukturen, weitverbreitete Korruption sowie der fortschreitende Abbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme haben große Teile der Bevölkerung in eine dauerhafte existenzielle Unsicherheit gestürzt.

Nach dem brutalen Vorgehen der Regimetruppen, das Tausende Todesopfer forderte, ist die Protestbewegung inzwischen weitgehend niedergeschlagen. In westlichen Staaten – allen voran in den USA und in Israel – wurde zeitweise die Hoffnung auf einen Regimewechsel in Teheran genährt, wobei mit Reza Pahlavi, dem im US-Exil lebenden Sohn des 1979 gestürzten Schahs, eine alternative Führung ins Spiel gebracht wurde.

Die Logik autoritärer Herrschaft als einendes Moment

Der westliche Diskurs über den Iran konstruiert häufig zwei scheinbar gegensätzliche politische Projekte: auf der einen Seite die Anhänger der Pahlavi-Monarchie – säkular, nationalistisch und prowestlich –, auf der anderen Seite die Islamische Republik – religiös, antiwestlich und ideologisch aufgeladen. Diese Gegenüberstellung suggeriert einen grundlegenden Systemgegensatz. Tatsächlich verdeckt sie jedoch zentrale strukturelle Gemeinsamkeiten. Jenseits symbolischer Unterschiede folgen beide Systeme einer ähnlichen Logik autoritärer Herrschaft und sind sich im Kern näher, als viele anzunehmen bereit sind.

Die Pahlavi-Monarchie legitimierte sich bis zu ihrem Sturz infolge der Islamischen Revolution von 1979 durch eine imperiale Geschichtsdeutung und einen zentralistischen Nationalismus, der Staat und Nation als unteilbare Einheit verstand. Die Islamische Republik übernahm mit der Doktrin der Velayat-e Faqih (Dt. ‚Statthalterschaft des Rechtsgelehrten‘) eine funktional vergleichbare Rolle: Auch hier fungiert eine außerpolitische Instanz als alleinige Quelle politischer Legitimität. In beiden Fällen gilt Opposition nicht als legitimer Bestandteil politischer Auseinandersetzung, sondern als Bedrohung der nationalen, territorialen oder moralischen Ordnung. Gesellschaftliche Konflikte werden nicht politisch vermittelt, sondern als Störung delegitimiert und unterdrückt.

Macht wird in beiden Systemen nicht aus gesellschaftlicher Zustimmung abgeleitet, sondern entweder aus historischer Mythologie oder aus religiöser Stellvertretung. Politik erscheint nicht als offener Aushandlungsprozess, sondern als Verkörperung einer vermeintlich höheren Wahrheit – historisch oder religiös begründet –, die sich demokratischer Infragestellung entzieht. Gesellschaftliche Pluralität wird zugunsten einer homogenisierten Nation oder einer religiös definierten Umma negiert. Repression und Ausgrenzung bilden dabei zentrale Herrschaftsmittel: Oppositionelle werden als Verräter, Abweichler, Feinde oder „Separatisten“ markiert und verfolgt.

Pahlavi ist kein Hoffnungsträger

Demokratie entsteht jedoch nicht durch den bloßen Austausch von Eliten oder Symbolen, sondern erst dann, wenn Politik als offener Raum legitimer Konkurrenz, gesellschaftlicher Pluralität und institutionalisierter Partizipation begriffen wird. Vor diesem Hintergrund ist es hochproblematisch, dass die Anhänger der Monarchisten weiterhin als politische Alternative zum Regime präsentiert werden. Tatsächlich stellen sie keine tragfähige Alternative für den Iran dar, sondern eine reale Gefahr für einen demokratischen Übergang.

Mit dem Sohn eines brutalen Diktators wird ein Hoffnungsträger inszeniert, ohne dass er sich je ernsthaft seiner historischen Verantwortung gestellt hätte. Er distanziert sich nicht klar und kritisch von den autoritären Praktiken seines Vaters und Großvaters, sondern verklärt diese Epoche teilweise. Seine politische Legitimität leitet er aus dynastischer Abstammung ab.

Auf Demonstrationen präsentiert er Figuren wie Parviz Sabeti, den ehemaligen stellvertretenden Leiter des unter dem Schah für extreme Repression berüchtigten Geheimdienstes SAVAK, der für Folter, Verfolgung und den Tod zahlreicher politischer Gefangener mitverantwortlich war. Er tritt mit SAVAK-Symbolen auf, obwohl deren Gefängnisse Orte systematischer Gewalt waren. Die Verbrechen der Schah-Diktatur werden relativiert oder unsichtbar gemacht.

Unter dem Vorwurf des „Separatismus“ delegitimiert er Kurd:innen und andere ethnische Minderheiten. Für die Hinrichtung kurdischer Aktivist:innen durch das Regime äußert er Verständnis. Er nimmt die Bombardierung der eigenen Bevölkerung in Kauf, um politische Macht zu erlangen, und befürwortet westliche Sanktionen, die vor allem Arbeiter:innen und ärmere Bevölkerungsschichten im Iran treffen.

Zugleich demonstriert er mit den Flaggen eines Staates, dem aktuell Völkermord vorgeworfen wird. Reale oppositionelle Kräfte und politische Gefangene werden diffamiert. Im Exil werden linke Oppositionelle verfolgt, bedroht und verleumdet. Und selbst ohne politische Macht werden offen Hinrichtungen angedroht, Parolen wie „Tod den Linken“ skandiert oder, aus seinem Umfeld heraus, zur Jagd auf andere oppositionelle Kräfte aufgerufen. Eines wird damit deutlich:

Reza Pahlavi steht nicht für einen demokratischen Bruch mit der Vergangenheit, sondern reproduziert dieselbe autoritäre Logik, gegen die sich der gesellschaftliche Widerstand im Iran richtet.

Eine Rückkehr zur Monarchie würde diese Logik nicht überwinden, sondern lediglich in anderer Form fortschreiben. Ein realer demokratischer Übergang erfordert daher die Herausbildung eines neuen politischen Projekts: säkular, pluralistisch, dezentral und demokratisch. Ein Projekt, das soziale, ethnische, geschlechtliche und klassenbezogene Widersprüche nicht unter eine vermeintlich einheitliche Wahrheit subsumiert, sondern sie als produktive politische Spannungen anerkennt und organisiert. Ohne diesen epistemischen und institutionellen Bruch bleibt jede politische Veränderung bloß ein Austausch autoritärer Formen – nicht deren tatsächliche Überwindung.

Shoan Vaisi ist Menschenrechtsaktivist, der wegen seinem Einsatz für Freiheit und die Rechte der Kurden aus dem Iran fliehen musste.

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Ein Kommentar

  1. Der entscheidende Punkt ist doch:
    Es geht vielen von uns nicht um die Wiedereinführung einer Monarchie, sondern um die Abschaffung der Islamischen Republik und einen geordneten Übergang zu freien, fairen Wahlen, in denen die Menschen im Iran selbst entscheiden, wie sie leben wollen.
    Genau Artikel und Denkweisen, die bestimmte Gruppen von vornherein delegitimieren, führen dazu, dass wir im Westen nicht geschlossen auftreten können. Statt Gemeinsamkeit entsteht Misstrauen – und davon profitiert am Ende nur das bestehende Regime.
    Den Sohn für die Taten oder die Epoche des Vaters verantwortlich zu machen, kommt einer Form von Sippenhaft gleich. Das wäre so, als würde man heutige Generationen pauschal mit den Verbrechen früherer Zeiten identifizieren. Eine demokratische Haltung sollte differenzieren können.
    Wenn echtes Interesse an der Freiheit der Menschen im Iran besteht, dann brauchen wir einigende Perspektiven. Man muss weder Monarchist sein noch einer bestimmten politischen Richtung angehören, um sich auf ein gemeinsames Ziel zu verständigen:
    Freiheit, Selbstbestimmung und die Möglichkeit, durch Wahlen über die Zukunft zu entscheiden.
    Alles, was den Weg zu diesem Ziel öffnet, sollte diskutiert werden. Alles, was unnötig spaltet, hilft denen, die am Status quo festhalten.

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