Aufrüstung gegen die Industriekrise?

Herstellung eines Geschützrohrs Für Leopard-Panzer oder die Panzerhaubitze 2000 im Rheinmetall-Werk in Unterlüß. Laut dem Flickr-Account der NATO, im Herzen der europäischen Rüstungsproduktion. (Bild: NATO, CC BY-NC-ND 2.0)

Es gibt einen merkwürdigen Widerspruch in der deutschen Politik. Während die industrielle Basis des Landes bröckelt, fließen Milliarden in die Aufrüstung. Autofabriken schließen, Panzerfabriken expandieren. Das wirkt zunächst wie die Gleichzeitigkeit zweier verschiedener Krisen. Tatsächlich gehören beide Entwicklungen zusammen.

Denn je stärker Deutschland einen Verlust seiner wirtschaftlichen und politischen Bedeutung fürchtet, desto stärker setzt es auf Militarisierung. Nicht zufällig folgen auch Industriepolitik, Infrastrukturinvestitionen und staatliche Ausgaben zunehmend geopolitischen Interessen. Peter Mertens beschreibt diese Entwicklung in seinem Buch „Meuterei“ als eine neue Phase des Kapitalismus, für die es bislang noch keinen Namen gibt.

Die deutsche Industrie in der Strukturkrise

Um das zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf die Lage der deutschen Industrie. Hier zeigt sich: Die Krise ist tiefer als jemals zuvor. Besonders die Automobilindustrie steckt in einem grundlegenden strukturellen Umbruch. Die Verkaufszahlen sind massiv eingebrochen. Im ersten Halbjahr 2026 lieferten VW, Mercedes-Benz und BMW zusammen rund 6,3 Millionen Fahrzeuge aus, was einem Rückgang von etwa sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Besonders auf dem chinesischen Markt verzeichneten die deutschen Autobauer schwere Absatzeinbußen, wodurch die Gewinne im internationalen Vergleich teils zweistellig abstürzten.

Ursache dieser Schwierigkeiten ist ein technologischer Vorsprung auf Seiten der chinesischen Autobauer, der sich kaum noch aufholen lässt. Diese bieten inzwischen technologisch ebenbürtige oder überlegene Elektroautos zu deutlich günstigeren Preisen an. Da können die deutschen Premiummarken mit ihrer Fokussierung auf hochpreisige Luxusmodelle kaum noch mithalten. Die Explosion der Energiepreise nach Beginn des Ukrainekrieges und die US-amerikanische Zollpolitik belasteten den Absatz der Autokonzerne zusätzlich. Inzwischen arbeiten die europäischen Werke von Volkswagen, BMW und Mercedes sowie die Fabriken von Zulieferern wie Continental, Bosch und ZF im Durchschnitt mit rund 60 Prozent Auslastung. Als wirtschaftlich gelten 80 Prozent.

Die Folgen für die Beschäftigten sind dramatisch. Allein im vergangenen Jahr gingen mehr als 120.000 Industriearbeitsplätze verloren, im Jahr davor waren es ebenfalls 100.000. In diesem Jahr sind es monatlich sogar 15.000 Arbeitsplätze in der Industrie. Entlassungen und Werksschließungen häufen sich, während Unternehmen gleichzeitig immer seltener neue Beschäftigte einstellen. Erst kürzlich kündigte Volkswagen an, weitere 100.000 Stellen weltweit abzubauen und vier Standorte in Deutschland zu schließen. Mercedes-Benz will die Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden erhöhen, und auch BMW bereitet weitere Einschnitte vor. All das sind Anzeichen für eine tiefe Krise des deutschen Exportmodells.

Diese Entwicklung wird enorme Auswirkungen auf die Regionen haben, deren Kommunen und mittelständischen Unternehmen in den letzten Jahrzehnten am Wohl der Automobilindustrie hingen. Ihr Niedergang könnte in einigen Regionen einen tiefen regionalen Strukturwandel mit enormen Folgen für die dort lebenden Menschen auslösen.

Aufrüstung als Antwort auf die Industriekrise

Die industriepolitische Gegenstrategie der Bundesregierung besteht in der Ausweitung der Rüstungsindustrie. Ziel ist es einerseits, Deutschland in den sich verändernden Weltbeziehungen so zu positionieren, dass es seine Wirtschafts- und Machtinteressen künftig weltweit militärisch durchsetzen kann – etwa beim Zugang zu Rohstoffen, Energie oder Absatzmärkten. Andererseits soll der Ausbau der Rüstungsindustrie die Industriekrise abfedern. Neue Rüstungsaufträge sollen die strukturellen Probleme der deutschen Industrie lösen – so die Hoffnung. Den finanziellen Rahmen für diese Strategie bilden die milliardenschweren Aufrüstungsprogramme und das Aussetzen der Schuldenbremse für Rüstungsprojekte. Den politischen Rahmen bildet seit Dezember 2024 eine industriepolitische Leitlinie, die auf staatliche Aufträge, Subventionen, Abnahmegarantien, die Ausbildung von Fachkräften und sogar Notstandsregelungen setzt, um die Rüstungsindustrie auszubauen.

Die Folgen sind bereits sichtbar. Immer mehr zivile Produktion wird durch militärische ersetzt. Komponenten für den Iron Dome könnten künftig im Volkswagen-Werk in Osnabrück hergestellt werden. In Görlitz hat KNDS das frühere Alstom-Werk übernommen und produziert dort heute Panzerfahrzeuge statt Straßenbahnen. Auch an anderen Industriestandorten zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Schritt für Schritt hält die Rüstungsproduktion Einzug in Bereiche, die bislang zivil waren, von Lazarettzügen über Wasserdrohnen bis hin zur Raumfahrt.

Nun soll mit dem Begriff „Rüstungskeynesianismus“ die Illusion genährt werden, der Ausbau der Rüstungsindustrie könne dauerhaft für wirtschaftliches Wachstum sorgen. Tatsächlich funktioniert dieses Modell nur, wenn Kriege für eine anhaltende Nachfrage sorgen. Hinzu kommt: Der Aufbau der Rüstungsindustrie ist teuer, riskant und politisch fehlgeleitet. Eine Wirtschaft, die sich an der Aufrüstung orientiert, ordnet politische Entscheidungen militärischen Interessen unter, erschwert demokratische Kontrolle und entzieht gesellschaftlich sinnvollen Bereichen Geld, Fachkräfte und andere Ressourcen. Mehr noch: Der priorisierte Aufbau der Rüstungsindustrie mündet direkt in die Kriegswirtschaft, denn nur diese kann eine ungestörte Rüstungsproduktion sicherstellen. Die immer wieder geforderte Umstellung auf Kriegswirtschaft in Deutschland und Europa wird aber zu massiven Angriffen auf die Welt der Arbeit führen. Denn eine ungestörte Rüstungsproduktion wird mit Arbeitszeitbegrenzungen wie dem Achtstundentag, mit Tarifverhandlungen, dem Streikrecht und sogar mit der Existenz von freien Gewerkschaften nicht vereinbar sein.

Warum Aufrüstung die Deindustrialisierung beschleunigt

Der Ausbau der Rüstungsindustrie verhindert die Deindustrialisierung nicht – er beschleunigt sie, schrieb Ingar Solty jüngst in seinen sechs Thesen zur Rüstungskonversion. Staatliche Ausgaben schaffen Nachfrage – egal ob militärisch oder zivil. Wer in Waffen investiert, erhöht beispielsweise die Nachfrage nach Stahl. Wer dagegen in das Gesundheitswesen investiert, stärkt die Pharmaindustrie. Investitionen in Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten sowie in Busse, Bahnen und Schieneninfrastruktur lösen stärkere Wachstumsimpulse aus als Investitionen in Rüstung. Hintergrund ist der gesellschaftliche Nutzen. Waffen, die ungenutzt in Depots liegen, schaffen keinen zusätzlichen Wohlstand. Investitionen in Bildung, Gesundheit, Klimaschutz oder eine aktive Industriepolitik dagegen schaffen Arbeitsplätze, erhöhen die Produktivität und fördern langfristiges Wachstum. Zu genau diesem Ergebnis kommen auch Wirtschaftswissenschaftler der Universität München in einer Studie zu den durch Rüstungsausgaben induzierten Wachstumseffekten. Ihre Untersuchungen zeigen, dass Investitionen in Umwelt, Bildung und Gesundheit in mehreren europäischen Ländern stärkere Wachstumsimpulse auslösen als Militärausgaben. Das liegt am sogenannten Fiskalmultiplikator. Er misst die Wirtschaftsleistung getätigter staatlicher Investitionen. In Deutschland liegt er für Infrastrukturinvestitionen bei 1,5. Das heißt, jeder investierte Euro erzeugt eine Wirtschaftsleistung von etwa 1,50 Euro. Im Bildungsbereich liegt dieser Wert sogar bei drei. Dagegen erreichen Militärausgaben einen Multiplikator zwischen 0 und 0,5. Kaum ein anderer Bereich bringt derart geringe Wachstumseffekte hervor.

Ähnlich sieht es bei der Beschäftigung aus. Die Rüstungsindustrie verweist zwar regelmäßig auf neue Arbeitsplätze. Doch selbst Industrieexperten wie Ferdinand Dudenhöffer betonen, dass diese Zuwächse die massiven Verluste in anderen Industriezweigen nicht ausgleichen können. Das gelingt nur durch Investitionen in zivile Industrien. Das zeigt sich gerade nirgendwo besser als in Deutschland. Hier gehen Monat für Monat rund 15.000 Industriearbeitsplätze verloren, obwohl die Bundesregierung den Ausbau der Rüstungsindustrie massiv fördert. Im Vergleich zum Juni des Vorjahres ist die Zahl der Arbeitslosen um rund 22.000 gestiegen. Dass die Arbeitslosenquote mit 6,3 Prozent dennoch weitgehend stabil bleibt, liegt aber nicht an einem Anwachsen der Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie, sondern an einem Strukturwandel. Während Industriearbeitsplätze verschwinden, entstehen neue Stellen vor allem im Baugewerbe, im Informations- und Kommunikationssektor sowie im Pflegebereich. Auch die Rüstungsindustrie schafft Arbeitsplätze – allerdings in vergleichsweise geringer Zahl. Die Stabilität des Arbeitsmarktes beruht deshalb vor allem darauf, dass Beschäftigung aus der Industrie in den Dienstleistungssektor verlagert wird.

Hinzu kommt, dass Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie keine langfristige Perspektive bieten. Sie existieren nur so lange, wie Regierungen auf Aufrüstung setzen und sich mit Krieg Gewinne erzielen lassen. Staatliche Investitionen in Rüstung kreieren eine industrielle Monostruktur, die nicht nur von realem Kriegsgeschehen abhängig macht, sondern auch der wirtschaftlichen Entwicklung schadet, weil sie Kapital und Arbeitskräfte aus produktiven in unproduktive Bereiche umlenkt. Je mehr Geld in Aufrüstung statt in Umwelt, Bildung oder Gesundheit fließt, desto stärker werden Wachstum und Wohlstand zulasten der arbeitenden Bevölkerung umverteilt. Aufrüstung bindet Ingenieurwissen, Forschungskapazitäten und öffentliche Mittel, die für Klimaschutz, soziale Infrastruktur oder den ökologischen Umbau der Industrie dringend gebraucht würden. Es sind die zivilen Investitionen, die mehr gesellschaftlichen Nutzen und zugleich deutlich höhere wirtschaftliche Multiplikatoreffekte nach sich ziehen. Aus all diesen Gründen gilt: Aufrüstung schwächt die zivile industrielle Basis – und wird selbst zu einem Motor der Deindustrialisierung.

Der Artikel basiert auf einen Vortrag den ich am 10. Juli 2026 in Charleroi, Belgien, während der Marxistischen Sommerschule gehalten habe.

Redakteurin von Etos Media

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