Der Feuerlöscher und das Kapital – Grzegorz Brauns scheinheiliger Kampf gegen das Establishment

Grzegorz Braun (2025)

Es gibt eine merkwürdige Eigenheit der extremen Rechten. Sie behauptet unablässig, gegen das Establishment zu kämpfen – und schafft es doch zuverlässig, niemals dort anzukommen, wo das Establishment tatsächlich sitzt.

Grzegorz Braun, Regisseur, Publizist und heute Vorsitzender der rechtsextremen Konfederacja Korony Polskiej, ist dafür ein beinahe lehrbuchhaftes Beispiel. Internationale Bekanntheit erlangte er, als er im polnischen Parlament mit einem Feuerlöscher die Chanukka-Menora löschte und die Zeremonie als „satanischen Kult“ bezeichnete. Später forderte er im Europäischen Parlament, die „Judaisierung Europas“ zu stoppen, bestritt die historische Evidenz der Gaskammern und erklärte die Europäische Union zum Instrument der Zerstörung der polnischen Nation. Es ist ein politisches Zauberkunststück: Während alle auf den Feuerlöscher blicken, verschwindet das Kapital aus dem Blickfeld. Bei der Präsidentschaftswahl erhielt Braun mehr als 1,2 Millionen Stimmen – weit mehr, als viele Beobachter erwartet hatten.

Diese Zustimmung erklärt sich jedoch nicht dadurch, dass Millionen Polinen und Polen plötzlich antisemitische Verschwörungstheorien entdeckt hätten. Sie speist sich aus realen gesellschaftlichen Erfahrungen. Polen gilt häufig als wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der Transformation nach 1989. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs, ausländische Investitionen flossen ins Land, Autobahnen entstanden, ganze Regionen wurden modernisiert. Gleichzeitig entwickelte sich das Land zu einem Niedriglohnstandort innerhalb der Europäischen Union. Internationale Konzerne profitierten von günstigen Produktionsbedingungen, während viele Beschäftigte trotz wachsender Produktivität nur begrenzt am Wohlstandszuwachs teilhatten. Die Wohnkosten stiegen schneller als viele Einkommen, öffentliche Dienstleistungen wurden vielerorts ausgedünnt, ländliche Regionen verloren Arbeitsplätze und junge Menschen wanderten ab. Die Widersprüche sind real. Entscheidend ist die Frage, wie sie politisch erklärt werden.

Genau hier beginnt Brauns Erfolg.

Er präsentiert sich als kompromissloser Gegner des Establishments. Doch seine politischen Feindbilder richten sich fast ausschließlich gegen kulturelle Symbole, Minderheiten und internationale Institutionen – nicht gegen jene Eigentums- und Machtverhältnisse, die die kapitalistische Gesellschaft strukturieren. Während der Pandemie machte er den Kampf gegen die WHO, Impfungen und Corona-Maßnahmen zu seinem zentralen politischen Projekt. Ebenso prägen Kampagnen gegen LGBT-Rechte, Schwangerschaftsabbruch, Migration oder die Europäische Union seine öffentliche Präsenz. Der gesellschaftliche Konflikt erscheint bei Braun stets als kultureller oder moralischer Konflikt, niemals als ökonomischer.

Braun inszeniert sich gern als Revolutionär. Tatsächlich fordert er eine „Konterrevolution“ gegen Liberalismus, Säkularismus und die politische Ordnung nach 1989. Revolution bedeutet für ihn jedoch nicht die Überwindung kapitalistischer Herrschaft, sondern deren autoritäre Neuorganisation. Nicht Markt, Profit oder Privateigentum geraten ins Visier, sondern Demokratie, Pluralismus und individuelle Freiheitsrechte. Er bekämpft die liberaldemokratische Form des Kapitalismus – nicht seine ökonomische Grundlage.

Gerade darin liegt die gesellschaftliche Funktion seiner Politik. Sie verschiebt soziale Konflikte aus der Sphäre der Produktion in die Sphäre der Kultur. Wo über Eigentum, Klassenverhältnisse und wirtschaftliche Macht gesprochen werden müsste, spricht Braun über nationale Identität, Religion und moralischen Verfall. Aus ökonomischen Gegensätzen werden kulturelle Fronten.

Eine Systemkritik ohne System

Gerade deshalb kann diese Erzählung Resonanz finden. Millionen Menschen erleben stagnierende Löhne, steigende Mieten, unsichere Arbeitsverhältnisse und den Rückzug öffentlicher Infrastruktur. Die Ursachen dieser Entwicklungen bleiben jedoch häufig abstrakt. Eigentumsverhältnisse, Finanzmärkte oder globale Lieferketten lassen sich nicht so leicht personifizieren wie einzelne Politiker oder Minderheiten. Die extreme Rechte bietet dafür eine scheinbare Erklärung – eine Systemkritik ohne System.

Braun spricht von „Globalisten“, „Freimaurern“, „Brüssel“, „Soros“ oder einer „jüdischen Lobby“. Er spricht niemals über Kapitalakkumulation, Klassenherrschaft oder die Konzentration wirtschaftlicher Macht. Der Kapitalismus verschwindet wie durch Magie. Übrig bleiben Verschwörungen und kulturelle Feindbilder.

Noch entscheidender ist jedoch, dass diese Erzählung die alltägliche Erfahrung vieler Menschen scheinbar verständlich macht. Wer erlebt, dass die Miete steigt, die Schule verfällt oder der Arbeitsplatz unsicher wird, sucht nach einer Erklärung. Die materialistische Analyse verweist auf Konkurrenz, Profitinteressen, Eigentumsverhältnisse und die Dynamik kapitalistischer Akkumulation. Die extreme Rechte bietet stattdessen einfachere Antworten. Nicht das System erscheint als Ursache gesellschaftlicher Krisen, sondern Menschen, die angeblich im Verborgenen handeln: „Globalisten“, Migranten, Liberale, Juden oder Brüssel. Komplexe gesellschaftliche Prozesse werden auf das Handeln einzelner Akteure reduziert. Gerade darin liegt ihre politische Attraktivität.

Der Kapitalismus verschwindet nicht deshalb aus der Analyse, weil seine Widersprüche geringer geworden wären. Er verschwindet, weil rechte Ideologie alles daransetzt, diese Widersprüche in kulturelle Konflikte zu übersetzen. Statt über Klassenherrschaft wird über Identität gesprochen. Statt über Ausbeutung über nationale Demütigung. Statt über Eigentum über Religion.

Marx beschrieb diesen Mechanismus bereits in seiner Analyse des Warenfetischismus. In der kapitalistischen Gesellschaft erscheinen gesellschaftliche Verhältnisse den Menschen als Eigenschaften von Dingen. Preise steigen scheinbar von selbst. Fabriken schließen, weil „der Markt“ es verlangt. Wohnungen werden unbezahlbar, Arbeitsplätze verschwinden, öffentliche Infrastruktur verfällt – und niemand scheint verantwortlich zu sein. Die Herrschaft des Kapitals tritt nicht als Befehl einer einzelnen Person auf, sondern als anonymer Zwang ökonomischer Gesetze.

Gerade diese Anonymität erzeugt das Bedürfnis nach personalisierten Erklärungen. Menschen erleben die Folgen kapitalistischer Entwicklung unmittelbar, ihre Ursachen bleiben jedoch abstrakt. Wo eine materialistische Analyse auf Produktionsverhältnisse, Eigentum und Klasseninteressen verweist, bietet die extreme Rechte konkrete Schuldige an. Sie verwandelt strukturelle Widersprüche in das Handeln vermeintlich allmächtiger Personen oder Gruppen.

Deshalb ist Antisemitismus für Braun keine Nebensache, sondern eine ideologische Schlüsselkategorie. Er übersetzt die abstrakten Bewegungen kapitalistischer Herrschaft in die Vorstellung geheimer Drahtzieher. Aus den Widersprüchen kapitalistischer Produktionsverhältnisse werden die Machenschaften einer kleinen Clique. Nicht das System erscheint als Ursache gesellschaftlicher Krisen, sondern diejenigen, die es angeblich im Verborgenen kontrollieren.

Diese Form des Denkens begleitet die Geschichte des Kapitalismus seit seinen Anfängen. Immer wieder werden Krisen personalisiert, während die ökonomischen Strukturen unangetastet bleiben. Der Jude, der Freimaurer, der Kosmopolit, der „Globalist“ oder heute George Soros übernehmen dabei dieselbe ideologische Funktion: Sie machen ein anonymes Herrschaftsverhältnis scheinbar sichtbar, ohne dessen materielle Grundlage zu erklären.

Gerade deshalb stabilisiert diese Ideologie letztlich die bestehende Wirtschaftsordnung. Braun bekämpft durchaus Teile der gegenwärtigen politischen Ordnung – liberale Demokratie, Pluralismus, Minderheitenrechte oder die Europäische Union. Was er jedoch nicht angreift, sind die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse selbst. Seine Politik richtet sich gegen die liberaldemokratische Ausgestaltung des Kapitalismus, nicht gegen dessen ökonomisches Fundament.

Der Traum vom nationalen Kapitalismus

Nirgends zeigt sich das deutlicher als in seiner ständigen Rede von nationaler Souveränität. Sein Wahlkampfslogan lautet: „Tu jest Polska“ – „Hier ist Polen.“ Polen müsse frei werden: frei von Brüssel, frei vom „Genderismus“, frei von Migration und fremden Einflüssen.

Aber frei wofür? Für dieselben Banken. Für dieselben Immobilienkonzerne. Für dieselben Agrarunternehmen. Für dieselben Logistikzentren internationaler Konzerne. Für dieselbe Lohnarbeit. Für dieselbe Profitlogik. Lediglich unter einer größeren Nationalflagge.

Gerade Polen macht diesen Widerspruch besonders deutlich. Das wirtschaftliche Erfolgsmodell des Landes beruht seit Jahrzehnten wesentlich auf der Integration in europäische Produktionsketten, auf ausländischen Direktinvestitionen und exportorientierter Industrie. Von der Automobilindustrie bis zur Logistik dominieren internationale Konzerne weite Teile der Wirtschaft. Braun attackiert Brüssel, Migration und kulturelle Liberalisierung – nicht jedoch die Eigentumsverhältnisse, auf denen dieses Wirtschaftsmodell beruht.

Es ist die alte Fantasie eines „gereinigten“ Kapitalismus. Nicht Ausbeutung soll verschwinden, sondern Kosmopolitismus, Feminismus, Minderheiten oder liberale Rechte. Der Kapitalismus soll von allem befreit werden, was ihn angeblich „entstellt“, um als nationale Volksgemeinschaft neu zu erscheinen.

Einen solchen Kapitalismus hat es historisch nie gegeben. Wo faschistische Bewegungen an die Macht gelangten, beseitigten sie nicht die kapitalistische Wirtschaftsordnung, sondern ihre liberaldemokratische Form. Unternehmer blieben Unternehmer. Fabriken blieben Fabriken. Banken blieben Banken. Privateigentum an den Produktionsmitteln blieb bestehen. Was verschwand, waren Gewerkschaften, demokratische Rechte sowie sozialistische und kommunistische Organisationen. Revolutioniert wurde nicht die Eigentumsordnung, sondern die politische Organisation kapitalistischer Herrschaft.

Auch Braun verspricht einen radikalen Bruch. Tatsächlich verändert er nicht, wem Produktionsmittel gehören oder wer über Investitionen entscheidet. Er verändert lediglich, wer schweigen soll.

Ian Nadge stammt ursprünglich aus Australien. Er ist Aktivist und Publizist und lebt seit einigen Jahren in Niedersachsen. Ian beschäftigt sich vor allem mit autoritärem Umbau, materialistischem Antifaschismus, Kapitalismuskritik und staatlicher Repression in Ost- und Mitteleuropa sowie Deutschland.

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