Lieber ins Gefängnis als Teil des Genozids – Über 120 israelische Jugendliche verweigern Militärdienst

IDF-Soldaten im Norden Samariens / IDF Spokesperson's Unit

Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren israelische Jugendliche, die ins Gefängnis gingen, weil sie lieber in Haft saßen, als Teil des Krieges gegen Gaza zu werden. Bislang blieben das meist Einzelfälle. Zum Ende des israelischen Schuljahrs am 19. Juni haben nun mehr als 120 Schülerinnen und Schüler gemeinsam einen Brief unterzeichnet und darin ihre Verweigerung erklärt.

Der Brief mit dem Titel „Wir verweigern!“, der der Redaktion vorliegt, stammt von mehr als 120 Schülerinnen und Schülern der Oberstufe, die für den Militärdienst vorgesehen sind. Sie stellen sich klar gegen die Behauptung, Israels Kriege seien Selbstverteidigung. Alle seien mit dem Mythos aufgewachsen, dass Israel nur zur Selbstverteidigung handle, schreiben sie. Das Bildungssystem schüre von klein auf Angst und lasse die Jugendlichen glauben, es gebe „keine andere Wahl“. Die Schulen bereiteten auf die Armee vor und impften eine militaristische Weltsicht ein, so die Schülerinnen und Schüler. Doch der Eintritt in die Armee sei nicht unausweichlich. „Niemand wird als Soldat geboren“, heißt es im Brief. Die Regierung Netanjahu bezeichnen die Jugendlichen als diktatorisch.

Doch sie stellen sich nicht nur gegen Netanjahu und seine Regierung. Sie verurteilen auch das Vorgehen der Armee nach dem 7. Oktober 2023. Über soziale Medien und Nachrichten seien sie zweieinhalb Jahre lang mit schwer erträglichen, gewaltvollen Bildern dieses Tages konfrontiert worden, schreiben sie. Doch was als Reaktion auf den 7. Oktober begründet wurde, „hat sich zu einem grausamen Vernichtungsfeldzug gegen die Menschen in Gaza entwickelt, von unfassbarem Ausmaß“. Nach Daten, die die Armee selbst anerkenne, seien seit Kriegsbeginn mehr als 72.000 Menschen in Gaza getötet worden, viele von ihnen Frauen, Kinder und Säuglinge. Trotz der sogenannten „Waffenruhe“ gingen „Völkermord, ethnische Säuberung und Kriegsverbrechen“ weiter, schreiben sie.

Geboren auf der falschen Seite der Grenze

Scharf gehen die Jugendlichen mit dem Vorgehen von Armee und Siedlern im Westjordanland ins Gericht, die von der aktuellen Regierung gedeckt und aufgerüstet würden. Sie beschreiben deutlich den Anstieg der Gewalt im Westjordanland in jüngster Zeit und wenden sich dennoch gegen die Lesart, wonach dies alles nur eine Folge der Netanyahu-Regierung sei. Im Gegenteil: „Seit Jahrzehnten nutzt Israel die Armee, um das palästinensische Volk zu unterdrücken, Gebiete zu annektieren und Gewalt gegen die im Westjordanland lebenden Palästinenserinnen und Palästinenser auszuüben, alles als Teil des Projekts der ethnischen Säuberung dieses Landes.“ Die Armee greife an, töte und verhafte Menschen ohne Verfahren, darunter Kinder im Alter der Verfasserinnen und Verfasser selbst. Das Leben palästinensischer Jugendlicher vergleichen sie mit dem eigenen und ziehen ein bitteres Fazit: „Das Einzige, was uns von ihnen unterscheidet, ist, dass sie auf der falschen Seite der Grenze geboren wurden.“

Daraus leiten sie eine rhetorische Frage ab: Seien das die Handlungen einer „Verteidigungsarmee“? Ihre Antwort, ein klares Nein, mit dem sie ihre Verweigerung begründen, für die ihnen Monate oder sogar Jahre im Gefängnis drohen. Dass diese Gefahr real ist, zeigen Fälle wie der von Ella Greenberg, die monatelang in Haft saß, weil sie sich weigerte, Teil der israelischen Armee zu sein. Verbreitet wurde der Brief vom Mesarvot Network, das Menschen unterstützt, die in Israel den Kriegsdienst verweigern. Für den Großteil der jüdischen Bevölkerung gilt dort die Wehrpflicht. Wer sich verweigert, riskiert Haftstrafen, die sich über Jahre ziehen können. Auch früher schon gab es Massenbriefe gegen die Wehrpflicht, doch niemals zuvor unterzeichneten so viele Schülerinnen und Schüler gleichzeitig. Am Ende richtet sich der Brief direkt an die Gleichaltrigen im eigenen Land. Ob sie bereit seien, im Namen einer zynischen, diktatorischen Regierung, die mit Menschenleben handle, ein solches Opfer zu bringen? Die 120 geben die Antwort und fragen ihre Klassenkameradinnen und -kameraden: „Und du?“

Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.

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3 Kommentare

  1. Hoffentlich schließen sich noch viele junge Menschen diesem großartigen Aufruf an! Gut, dass ihr diesen offenen Brief veröffentlicht habt. Danke dafür.

  2. Hut ab und eine tiefe Verbeugung….
    Ist es nun Antisemitismus, an die Geschwister Scholl zu erinnern?

    Die Ultra-Orthodoxen Israels verweigern ebenfalls Militärdienst und gingen in Protesten dafür auf die Straße –

    aber um militante Siedler bei der „Wieder-Eroberung des heiligen Landes“ im Westjordanland zu unterstützen.

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