Anfang Mai verübte der IS einen Mordanschlag auf einen schiitischen Geistlichen in Damaskus. Es ist nicht das erste Attentat, welches die kleine verbleibende Gemeinde der Schiiten erlebt. Auch unter der Führung des aktuellen syrischen Präsidenten hatten Terrororganisationen in der jüngsten Vergangenheit Angriffe auf syrische Schiiten und schiitische Einrichtungen verübt. Der Journalist Hassan Al Khalaf über die bittere Lebensrealität einer Minderheit in Syrien.
Disclaimer: Aufgrund des arabischen Ursprungs einiger Eigennamen von Gebieten und Persönlichkeiten gibt es mehrere Schreibweisen in Sprachen, die das lateinische Alphabet verwenden. Da diese Namen über keine einheitliche Schreibweise verfügen, auf die man sich geeinigt hat, sind verschiedene Schreibweisen valide.
Der Islamgelehrte Scheikh Farhan Mansour setzte sich vor seinem Tod für die friedliche Koexistenz aller Muslime in Syrien ein. Dennoch wurde er vom „Islamischen Staat” vorsätzlich getötet. Er beendete gerade das gemeinschaftliche Freitagsgebet in der Moschee von Sayeda Zaynab in Damaskus. Als er am 1. Mai in sein Auto stieg, um nach Hause zu fahren, wurde ein Sprengsatz in sein Auto geworfen. Im Krankenhaus starb der Geistliche infolge seiner Verletzungen durch die Explosion. Die Terrormiliz bekannte sich eine Woche später über ihre Wochenzeitung Naba zum Anschlag. Es ist ein furchtbares, aber allzu bekanntes Bild, welches die Bewohner Syriens während des langen Bürgerkriegs noch in Erinnerung haben. Syrer hofften, dass solche Autoexplosionen endlich der Vergangenheit angehören würden.
Das Attentat traf den Imam der bedeutendsten Pilgerstätte der Schiiten in Syrien, einen Verfechter des interreligiösen Dialogs und Mitglied des Gelehrtenrates zur Repräsentation der schiitischen Gemeinschaft. Dieser Zusammenschluss von 35 Gelehrten schiitischen Glaubens hat sich mit dem Ziel gegründet, die Interessen der kleinen schiitischen Religionsgemeinschaft vor dem syrischen Parlament zu repräsentieren. Im Rahmen dieses ehrenamtlichen Einsatzes trafen sie sich sogar mehrmals mit dem Interimspräsidenten Syriens, Ahmad al-Scharaa. Schiitische Syrer seien ein authentischer Bestandteil der syrischen Gesellschaft mit einer Geschichte, die über mehrere hundert Jahre zurückreicht, schreibt der Rat auf seiner Homepage.
Der religiöse und ethnische Pluralismus in Syrien
Das mehrheitlich arabischsprachige Land beheimatete historisch viele verschiedene Volksgruppen sowie konfessionelle Minderheiten. Die Mehrheitsbevölkerung bilden Araber sunnitischen Glaubens mit über 70 Prozent, denen auch der Präsident Ahmad al-Scharaa und die Mehrheit der Regierungsvertreter angehören.
Die zweitgrößte ethnische Gruppe bilden syrische Kurden, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie sind überwiegend im Nordosten des Landes konzentriert, sprechen Kurdisch als Muttersprache und streben losgelöst von der Zentralregierung in Damaskus Souveränität und Selbstverwaltung an. Beachtenswert ist auch die Existenz von christlichen Syrern. Das Land verfügt über eine historische Präsenz des Christentums, beherbergt einige der frühesten Klöster und Kirchen der Welt und beheimatet die Ethnie der Aramäer, die heute noch mit der Muttersprache von Jesus aufwachsen. Syrische Christen machen etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus, unterscheiden sich untereinander durch verschiedene Kulturen und gehören verschiedenen Konfessionen an.
Die größte religiöse Minderheit bilden die ebenfalls arabischsprachigen Alawiten, aus denen die Assad-Familie stammt. Laut dem aktuellsten Stand vor Beginn des Bürgerkriegs machten sie knapp zwölf Prozent der Bevölkerung aus. Diese Religionsgemeinschaft entstand aus dem schiitischen Islam, gilt heute jedoch als eigenständige Glaubensgemeinschaft. Es existieren dennoch viele Überschneidungen und gemeinsame Rituale zwischen Alawiten und anderen Muslimen, insbesondere Schiiten. Die historische Persönlichkeit Ali ibn Abi Talib, der Schwiegersohn des Propheten Mohammeds, gilt dabei für Sunniten, Schiiten und Alawiten als zentrale und spirituelle Persönlichkeit.
Parallel existiert in Syrien auch die Glaubensgemeinschaft der Drusen. Diese Religion entstand ebenfalls aus dem schiitischen Islam, doch betrachtet sie sich inzwischen als eigenständige Religion abseits des Islam. Der Glaube an Konzepte wie Wiedergeburt unterscheidet die Drusen von der Mehrheit der Muslime. Sie leben überwiegend in der südlichen Provinz Suwayda, wo es im vergangenen Sommer zu bewaffneten Konflikten mit sunnitischen Beduinen und syrischen Regierungstruppen gab, nachdem ein drusischer Obsthändler von besagten Beduinen verletzt und entführt wurde.
Ist die Rede im Allgemeinen nur von „Schiiten”, meint man die Zwölferschiiten: die global zweitgrößte islamische Strömung, hauptsächlich im Irak, Iran, im Libanon, Pakistan und Afghanistan vertreten. Ihr Name rührt daher, da sie an zwölf Imame nach der Existenz des Propheten glauben, die aus seiner Familie stammen und von Gott auserwählt werden, seine Nachfolge zu übernehmen. Der zwölfte und letzte Imam, laut dem schiitischen Glaube, befindet sich in der „Verborgenheit” und wird gemeinsam mit Jesus am Ende der Zeit erscheinen, um Gerechtigkeit auf Erden zu bringen. Die Rückkehr Jesus gemeinsam mit dem Mahdi ist ein Glaube, der traditionell auch im Sunnitentum Anklang findet. In Syrien lebt eine kleine Gemeinschaft, die etwa drei Prozent der Bevölkerung ausmacht. Die Existenz dieser ohnehin kleinen Glaubensgemeinschaft sieht sich durch extremistische Gruppierungen bedroht.
Minderheiten als Feindbilder
All diese verschiedenen Religionsgemeinschaften werden Vom IS und anderen extremistischen Organisationen mit ähnlicher Gesinnung sowie von Privatpersonen, die sich radikalisiert haben, als „Ungläubige” oder „Häretiker” angesehen. Diese Begründung wird benutzt, um Anschläge und Gewaltakte gegen Angehörige dieser Minderheiten zu legitimieren. Kurz nach dem Sturz Assads rief sich eine neue Miliz „Saraya Ansar al-Sunnah” ins Leben. Ihr erklärtes Ziel ist es, Schiiten, Drusen, Alawiten und Christen vollständig aus der syrischen Gesellschaft gewaltsam auszugrenzen.
Das bekannteste Massaker der Terrororganisation verübte im September 2025 ein Selbstmordattentäter im Eingang der orthodoxen Mar-Elias Kirche, bei dem 26 Gläubige getötet und über 60 weitere verletzt wurden. Auch zu den Bomben während des Freitagsgebets in der alawitischen Imam Ali Moschee im vergangenen Dezember in Homs bekannte sich die Terrorgruppe. Acht Besucher der Moschee wurden während dem Gebetsruf durch platzierte Bomben getötet und 18 weitere verletzt. Dieser Anschlag war der erste auf eine Moschee seit dem Sturz Assads. Auch für vorsätzliche Verschleppung und Ermordung von zehn schiitischen Zivilisten aus einem Dorf bei Hama sind sie verantwortlich.
Das jüngste Attentat in Damaskus stellt den zweiten Mord an einem schiitischen Geistlichen seit dem Machtwechsel dar. Im Juli letzten Jahres wurde der Islamgelehrte Rasul Shahoud vor seinem Haus in einem Dorf in der Nähe von Homs mit mehreren Schüssen getötet. Die Täter schossen von ihren Motorrädern im Vorbeifahren und wurden seitdem nicht gefasst. Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass es von den Behörden der Übergangsregierung keine Bemühungen zur Aufarbeitung gab. Auch ein Jahr später wurden die Mörder weder gefasst noch identifiziert. Faktisch verfügen sie über Immunität in einer Region, die seit dem Bürgerkrieg von konfessioneller Gewalt aufgeladen ist.
Die Überlebende, die Damaskus prägte
Die Präsenz des Schiitentums in der Arabischen Republik Syrien reicht zurück bis in die Frühzeit des Islam. Die kleine schiitische Religionsgemeinschaft konzentriert sich überwiegend in Homs und Aleppo, doch das Zentrum schiitischen Lebens liegt in der Hauptstadt. Damaskus beheimatet den Schrein von Sayeda Zaynab, einer zentralen Persönlichkeit im schiitischen Islam. Ihr Mausoleum zieht schiitische Muslime aus ganz Syrien, aber auch von außerhalb als Wallfahrtsort zu sich. Unter anderem für ihre Rolle bei der Schlacht von Kerbela, ein Ereignis, das die Frühzeit des Islams nachhaltig prägte, gilt die Enkeltochter des Propheten und Religionsgründer Mohammed in der schiitischen Tradition als Märtyrerin. Sie wurde Überlebende eines Massakers, bei dem ihr Bruder Hussein ibn Ali und ein Großteil ihrer Familie, darunter Kinder im Säuglingsalter wie ihr Neffe, massakriert wurden.
Schiitische Tradition und zeitgenössische Quellen berichten, dass die Überlebenden, mehrheitlich Frauen und Kinder, von der feindlichen Armee in Ketten durch die Wüste des Iraks nach Damaskus verschleppt wurden, wo sie dem selbsternannten Kalifen vorgeführt und anschließend eingesperrt wurden. Während die Geiseln durch die Wüste gezerrt wurden, hat sich Sayeda Zaynab trotz ihres eigenen Verlustes und Verletzungen um die Waisenkinder gekümmert. Als Chronistin, welche die Ereignisse hautnah miterlebte und weitergab, wird sie von den Gläubigen für ihren Mut, ihre Geduld und vor allem für ihre Standhaftigkeit bewundert.
Pilgern trotz Lebensgefahr
Ihr Schrein und die Pilger waren mehrmals Anschlägen durch diverse extremistische Gruppen ausgesetzt, doch dies hält die Gläubigen nicht davon ab, sich in ihrer Moschee zusammenzufinden. Besonders der Zustand, indem sie gestorben ist, löst bei den Pilgern Betroffenheit aus: Verschleppt in einem fremden Land, fernab von ihrer Familie. Das Motiv der „Fremde” zieht sich durch schiitische Trauerveranstaltungen, auch als „Majlis” bekannt, die in ihrer Moschee aber auch von Schiiten weltweit zum Gedenken an die Märtyrer von Kerbela abgehalten werden. Im Stadtteil, der ihren Namen trägt, wurde der jüngste Terroranschlag verübt. Dabei wurde nicht willkürlich irgendein schiitisches Gotteshaus ins Visier genommen, sondern der Vorbeter und Prediger der größten schiitischen Pilgerstätte im Land ermordet. Diese Tat bringt somit auch eine symbolische Dimension mit sich, um die Religionsgemeinschaft einzuschüchtern.
Bewohner des Viertels erschütterte das Attentat, schildert Jafar. Aus Angst um seine persönliche Sicherheit verwendet der junge Syrer ein Pseudonym. Wie viele Syrer ist er 2015 ausgewandert. Insbesondere für Zugehörige einer Minderheit ist Migration eine Option, die in Erwägung gezogen wird. Seine Familie lebt noch im Stadtteil Sayeda Zaynab und sein Vater kannte das Opfer des Terroranschlags gut. Er betete regelmäßig hinter dem ermordeten Geistlichen und war auch zur Beerdigung in Damaskus anwesend. Zum traditionellen Trauerzug mit dem Verstorbenen im Sarg waren zahlreiche Muslime, sowohl Sunniten als auch Schiiten, erschienen, um sich zu verabschieden. Farhan Mansour galt als gemäßigt und setzte sich für ein Syrien ein, in dem alle Menschen, trotz ihrer Unterschiede, zusammenleben, gedenkt Jafar.
Trotz der Bemühungen des Gelehrtenrats bleibt es in Syrien für Schiiten bedenklich. Jafar, der seine Eltern letzten Oktober besuchte, schildert, dass die Mehrheit der Schiiten in Syrien nach dem abendlichen Gebetsruf ihre Häuser nicht mehr verlassen. Auch am helllichten Tag vermeiden es Angehörige der Glaubensgemeinschaft, offen zu sagen oder auf eine erdenkliche Weise zu zeigen, dass sie dem Schiitentum angehören. Die Angst, Opfer eines Hassverbrechens zu werden, sei zu groß und zu oft vorgekommen.
Einen Monat, bevor er nach Syrien reiste, wurde ein Bekannter der Familie, ein junger Mann, von Extremisten aus der Küstenstadt Latakia entführt. Als einziges Lebenszeichen erhielten seine Eltern ein Erpresservideo. Unter Vermummung behaupteten sie, dass sie dies bewusst machen, da sie wissen, dass es sich um eine schiitische Familie handelt. Sie forderten eine hohe Summe Lösegeld binnen zwei Wochen. Innerhalb dieses Zeitraums schickten die Terroristen der Familie erschreckende Videos, wie sie ihren Sohn folterten. „Kein Mensch besitzt so viel Geld“, bemängelt Jafar. Sollte die Polizei benachrichtigt werden, drohten die Entführer damit, den jungen Schiiten zu töten. Später erhielt die Familie dann ein Video seiner Enthauptung. Jafar offenbart, dass er nicht schlafen konnte, aus Angst, dass ihm dasselbe angetan wird, wenn er seine Eltern besucht.
Zum Schutz vor solchen religiös motivierten Verschleppungen und Ermordungen ist eigentlich die syrische Polizei gedacht. Örtliche Sicherheitskräfte schafften es dabei durchaus, zwei Attentäter, die sich im letzten Jahr in der Moschee Zaynabs in die Luft sprengen wollten, zu verhaften. Schiitische Zivilisten blicken trotzdem mit Skepsis und Sorge auf die Übergangsregierung, denn die militante Rebellengruppe Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) selbst, unter der Führung von Ahmad al-Scharaa, damals noch unter seinem Kampfnamen Al-Jolani, führte aus der Opposition heraus solch ein Selbstmordattentat auf Besucher der Pilgerstätte durch.
Im März 2017 bekannte sich HTS, die aus der Terrororganisation Al-Qaida hervorging, zu einem Doppelanschlag in Damaskus – jener Stadt also, von der aus der heutige Präsident regiert. Ein Selbstmordattentäter betätigte seinen Sprengstoffgürtel nahe dem Bab-al-Saghir-Friedhof, der Grabmale beherbergt, die von Schiiten auf ihrer Pilgerreise zu Zaynab besucht werden. Parallel dazu wurden Busse mit Pilgern durch einen am Straßenrand platzierten Sprengsatz getroffen. Insgesamt tötete der Doppelanschlag 74 Zivilisten und ließ 120 Verletzte zurück. Die Mehrheit der Opfer waren irakische Pilger. Die beiden Anschläge wurden als „Botschaft an den Iran“ gerechtfertigt, da das Land den Langzeitmachthaber Assad unterstützte. Der Schrein Zaynabs und der Friedhof sind dabei weitaus älter als das geopolitische Geschehen. Hinzu kommt, dass keiner der beiden koordinierten Anschläge einen einzigen iranischen Soldaten oder Mitglieder der Hisbollah traf.
Hinrichtungen und Massenvertreibungen durch HTS
Jafar und seine Familie kamen ursprünglich aus dem mehrheitlich schiitischen Dorf Al-Fu’a, das heute vollständig von seinen schiitischen Einwohnern entvölkert wurde. Die beiden Dörfer Al-Fu’a und Kafarya sind im Kollektivbewusstsein der syrischen Schiiten verankert, seitdem die Rebellenallianz sie einnahm. Jafars Vater beschloss in den frühen 2000er-Jahren, ins Viertel Sayeda Zaynab zu ziehen, weil es durch die Pilger mehr Arbeitsmöglichkeiten im Tourismussektor gab. Rückblickend bewahrte diese Entscheidung seine Familie davor, Opfer einer brutalen Belagerung zu werden, die von Bombardierungen, Hinrichtungen und Hungerblockaden geprägt war.
Die belagerten Dörfer grenzen aneinander und liegen in der Provinz Idlib, die 2015 von der Rebellenallianz unter der militärischen Führung von al-Scharaa erobert wurde. Daraufhin erlitten die Bewohner der Dörfer eine Belagerung, die drei Jahre andauerte. Zugang zu Wasser, Elektrizität und sogar Nahrung wurde ihnen verwehrt. Menschen, die beschuldigt wurden, Nahrung an die ausgehungerte Bevölkerung zu schmuggeln, wurden öffentlich von Al-Nusra-Terroristen, die al-Scharaa unterstanden, hingerichtet.
Als die extremistischen Rebellen ganz Idlib einnahmen, beauftragten sie sogenannte Scharia-Gerichte mit der Verwaltung der Provinz. Die Erklärung jener Gerichte, jeden öffentlich hinzurichten, der den Bewohnern Nahrung zukommen lässt, verwendet die abfällige arabische Bezeichnung „Rawafid”. Dieses Wort wird ausschließlich für Schiiten verwendet und lässt sich mit „Ablehner“ übersetzen. Es stellt aufgrund theologischer Unterschiede eine Beleidigung dar. Schiitische Muslime lehnen die ersten drei Kalifen aus der Frühzeit des Islams mit der Begründung ab, der Prophet habe nicht sie, sondern seinen Schwiegersohn Ali als Nachfolger ernannt. Vom IS im Irak und Syrien wurden Häuser und Läden oft mit einem arabischen R gebrandmarkt, um die schiitischen Bewohner einzuschüchtern. Für Christen verwendeten sie ein N für Nazarener. Diesen Begriff, ursprünglich als Beleidigung gedacht, machten sich einige Schiiten zu eigen, indem sie ihn als „Ablehner von Tyrannei und Unterdrückung“ auslegten.
Es folgten Kämpfe der Rebellenallianz mit den syrischen Regierungstruppen und der Verbündeten Hisbollah um die beiden Dörfer. Die betroffenen Dörfer wurden während der dreijährigen Belagerung in unregelmäßigen Abständen bombardiert, sogar nachdem im September 2015 der erste Waffenstillstand in Kraft trat.
Dieser Waffenstillstand wurde durch die Türkei als Repräsentant der Oppositionellen und den Iran als Repräsentant der Assad-Regierung im Dezember 2015 vereinbart. Die damalige Regierung belagerte mit Unterstützung der Hisbollah ebenfalls zwei Städte nahe der libanesischen Grenze, Zabadani und Madaya, welche die Opposition zu Beginn des Bürgerkriegs für sich beanspruchen konnte. So kam es zum „Vier-Städte-Abkommen“, welches vorsah, dass alle Konfliktparteien die Einfuhr von Hilfslieferungen und Medikamenten für die Zivilbevölkerung sowie die Evakuierung von kranken Personen erlauben. Die militante Opposition soll Chlorgas gegen Zivilisten eingesetzt haben, wobei ein Kind starb und fünf weitere Zivilisten verletzt wurden. Amputationen wurden in den beiden Dörfern zur Normalität, da die medizinischen Kapazitäten unter der Belagerung litten.
Sechs Busse, die auf dem Weg waren, um Verletzte, Kranke und Senioren nach Aleppo zu bringen, wurden auf halber Strecke im Dezember 2016 von den Oppositionellen angegriffen und verbrannt. Bewaffnete Anhänger von Jabhat Fath al Scham, einem Vorläufer von al-Scharaas HTS, drängten die Busfahrer heraus, ehe sie die Fahrzeuge vollends zerstörten. Die geplanten Evakuierungen der Zivilisten wurden durch die unsichere Lage verzögert.
Ein neues Evakuierungsabkommen zwischen den Oppositionellen, der Hisbollah und dem Iran, der sich als Schutzmacht der syrischen Schiiten sah und Hilfsgüter über die betroffenen Dörfer abwarf, wurde im März 2017 durch Vermittlung von Katar unterzeichnet. Das Abkommen sah vor, dass alle Verbliebenen, sowohl Zivilisten als auch Soldaten, aus den beiden Dörfern im Gegenzug für alle Zivilisten und Kämpfer aus Zabadani und Madaya evakuiert werden. Die schiitischen Bewohner sollten in Gebiete unter der Kontrolle der Regierung gebracht werden und für Bewohner der anderen beiden Städte war Idlib, die Hochburg der Rebellen, der vereinbarte Ausgang. Über 5.000 Anwohner sowie 2.350 Bewohner von Madaya, wo ebenfalls eine akute Notlage herrschte, konnten von zahlreichen Bussen und Krankenwagen aus den schiitischen Dörfern evakuiert werden. Anders als in Al-Fu’a und Kafarya, wo kein einziger der ursprünglichen Bewohner zurückbleiben sollte, bekamen die Anwohner von Zabadani und Madaya das Angebot, unter der Herrschaft von Assad dort weiterzuleben.
Nachdem Assad und die mit ihm verbündete Hisbollah ihre Belagerung aufgaben, dauerte die brutale Blockade der schiitischen Gebiete über ein weiteres Jahr an. Die Rebellenallianz, nun offiziell unter dem neu gegründeten Bündnis HTS, nutzte die Zivilbevölkerung als Druckmittel in ihren eigenen Dörfern, um die Freilassung ihrer Kämpfer zu erwirken. Erst ein Jahr später konnten die letzten über 7.000 verbliebenen Zivilisten im Gegenzug zu 1.500 inhaftierten Kämpfern evakuiert werden. Mit 121 Bussen in Begleitung des Syrischen Roten Halbmonds wurden die Evakuierten aus ihrer Heimat zu speziell eingerichteten Auffanglagern in Aleppo gebracht. Auf dem Weg zu ihrem Ziel wurden die Busse von bewaffneten Männern mit Steinen beworfen. Infolge der zerbrochenen Scheiben wurde eine Frau verletzt.
Das „Vier-Städte-Abkommen“ wurde von den Vereinten Nationen scharf kritisiert. Die internationale Untersuchungskommission für Syrien kritisierte diese Evakuierungen als Zwangsumsiedlungen und Massenvertreibungen entlang konfessioneller Linien. Die Kommission sieht dies als Kriegsverbrechen an, da Zivilbevölkerungen laut internationalem Völkerrecht nicht für politische Ziele vertrieben werden dürfen. De facto fand eine ethnische Säuberung statt, da eine ganze Gemeinschaft der syrischen Schiiten permanent aus der Provinz Idlib ohne Chance auf Rückkehr dazu gedrängt wurde, ihre einzig bekannte Heimat zu verlassen.
Anders als die Anwohner von Zabadani und Madaya konnten die Vertriebenen aus Al-Fu’a und Kafarya nach offiziellem Kriegsende 2024 nicht in ihre Heimat zurückkehren, da die Besatzer erst Oppositionskämpfer und dann sunnitische Binnenflüchtlinge dort ansiedelten, womit eine Rückkehr nachhaltig verhindert wurde. Flüchtlinge aus den beiden schiitischen Dörfern sind weiterhin konfessioneller Gewalt ausgesetzt. Der Bekannte von Jafar, der verschleppt und getötet wurde, stammte aus demselben Dorf. Er fand mit seiner Familie in der Hafenstadt Latakia eine neue Heimat, aus der er erneut herausgerissen wurde.
Gezielter Anschlag auf hungrige Kinder
Im Zusammenhang mit den entvölkerten Dörfern Al-Fu’a und Kafarya prägt ein bestimmter Tag das Kollektivbewusstsein der syrischen Schiiten. Es erreichten nicht alle Schutzsuchenden ein sicheres Ziel. Ein überfüllter Bus, der evakuierte Familien nach Aleppo bringen sollte, kam im Rashidin-Distrikt westlich der Stadt zum Stehen. In ihm waren Kinder, denen drei Jahre lang Nahrung verwehrt wurde. Plötzlich näherte sich ihnen ein Auto und der Fahrer rief den Kindern zu, dass er Kartoffelchips für sie habe. Später berichtete ein Mädchen, das im Krankenhaus aufwachte, wie sie an diesem Tag vier Geschwister verlor.
126 Menschen, unter ihnen über 80 Kinder und Mitarbeiter des Roten Halbmonds, aber auch Rebellentruppen, die den Bus bewachen sollten, wurden durch die Autobombe des Attentäters getötet. Keine Gruppierung bekannte sich zu dem Anschlag, der verheerende Konsequenzen mit sich brachte. Dieser tragische Vorfall war der Auslöser dafür, dass die Evakuierungen für fast ein Jahr nicht stattfinden konnten.
Besorgter Blick auf die Zukunft
Der Interimspräsident Ahmad al-Scharaa, der inzwischen seinen Kampfnamen Abu Mohammed al-Jolani ab und seinen staatsmännischen Anzug angelegt hat, spricht zwar davon, ein Land für alle Syrer zu regieren, doch für Schiiten und andere Minderheiten sind das im Hinblick auf seine Vergangenheit nur leere Worte. Der schiitische Gelehrtenrat verfolgt Realpolitik und legt Pragmatismus an den Tag, doch all die Gewaltakte, die sich unter der Führung al-Scharaas aus der Opposition ereigneten – so der Selbstmordanschlag auf den Friedhof und die Pilger, die Hinrichtungen bei der Belagerung sowie alle damit verbundenen Verbrechen – schaden seiner Glaubwürdigkeit.
Eine Aufarbeitung und ernsthafte Ursachenbekämpfung der Behörden sind bei den Minderheiten Syriens noch lange nicht spürbar. So wird die Terrororganisation Saraya Ansar al-Sunnah, welche etliche Verbrechen gegen alle Minderheiten des Landes verübte, offiziell nicht als eigenständige Organisation anerkannt, obwohl sie sich auf Telegram zu Attentaten wie jenem auf die orthodoxe Kirche bekennt. Stattdessen machten sie den IS für diese Tat verantwortlich, der sich aber nicht wie üblich zu den Attentaten, die die neue Terrororganisation sich zuschreibt, bekannte. Dieser Widerspruch deutet auf eine unangenehme gemeinsame Vergangenheit zwischen al-Scharaa und dieser Terrormiliz hin. Ein Großteil der Mitglieder waren unzufriedene HTS-Kämpfer, die ihrem ehemaligen Anführer unterstellen, zu nachsichtig mit den Minderheiten zu sein. Auch wenn diese Terrororganisation nicht mehr al-Scharaa untersteht, zeigt dieses feine Detail, dass der heutige syrische Präsident mit Menschen verkehrte, die offen einen Genozid an allen Minderheiten begehen wollen. Einer von vielen Gründen, weshalb betroffene Gemeinschaften den Imagewechsel vom Milizenführer zum Staatsmann nicht für glaubwürdig erachten. Es bleibt fraglich, wie eine Regierung, die die Täter nicht anerkennt, präventiv gegen weitere Anschläge vorgehen wird, die gezielt nur Minderheiten treffen.
Auch wenn der Anschlag die kleine Religionsgemeinschaft erschütterte, lähmt dieser Vorfall trotzdem nicht das schiitische Leben in Syrien. Jeden Freitag finden sich Gläubige in der Moschee Zaynabs zum Gebet in Damaskus. Feiertage und Gedenktage des Schiitentums werden auch in Syrien begangen, etwa die Ernennung von Ali zum Nachfolger durch den Propheten. Auch der schiitische Gelehrtenrat setzt seine Arbeit nach der schweren Tat fort. Fragt man syrische Schiiten oder auch solche, die in anderen Regionen verfolgt werden, wie sie all die Probleme verkraften und sich an einen Pilgerort wagen, der im Visier von Terrororganisationen steht, bekommt man oft eine einheitliche Antwort. Die Schlacht von Kerbela und die Geduld Zaynabs nach dem Ereignis gelten als Vorbild, um Kraft zu schöpfen und sich gegen jede Ungerechtigkeit zu stellen.
Im Gespräch mit schiitischen Syrern wird ersichtlich, dass sie die Geschichte von Kerbela nicht nur als religiöse Predigt, sondern als gelebte Realität spüren. Trotz der prekären Lage, in der sich die kleine Gemeinde befindet, halten sie an Vorbildern fest, von denen sie Standhaftigkeit erlernen.




