Spätestens mit der Erweiterung der BRICS-Gruppe, ursprünglich eine Gruppe von Schwellenländern1, um sechs weitere Staaten zu BRICS+ hat sich das Staatenbündnis als Stimme des Globalen Südens etabliert. »Die Bildung von BRICS ist einer der Hauptzüge der Globalisierung im 21. Jahrhundert«, schreibt Ana Garcia (2025).
[Dieser Artikel von Jule Kettelhoit und Jörg Goldberg erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe (Z. 145, März 2026) der Zeitschrift Z – Marxistische Erneuerung.]
Das ökonomische Gewicht von BRICS+
Die Bedeutung von BRICS+ für das globale kapitalistische System lässt sich zunächst empirisch fassen. Mit der Erweiterung von 2024 umfasst die Formation Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika sowie Ägypten, Äthiopien, Iran, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. In dieser Konstellation repräsentierten die BRICS-Staaten 47,3 Prozent der Weltbevölkerung und 36,4 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts, gemessen zu Kaufkraftparitäten (KKP). Zusammen mit dem 2025 beigetretenen Indonesien überschreitet die Gruppe die Hälfte der Weltbevölkerung und erreicht fast 40 Prozent des globalen BIP. Zum Vergleich: Die G7-Staaten vereinen lediglich 10 Prozent der Weltbevölkerung, während ihr Anteil am globalen BIP (zu KKP) bei 30,4 Prozent liegt (Prashad 2023, 2). Diese Relationen verdeutlichen, dass sich die ökonomischen Gewichte im globalen Kapitalismus vom transatlantischen Raum in Richtung des Globalen Südens verschoben haben. Dies ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern Ausdruck einer längerfristigen strukturellen Dynamik. Der Anteil des Globalen Nordens am weltweiten BIP sank zwischen 1993 und 2022 von 57,3 auf 40,6 Prozent, während sich der Anteil der USA im selben Zeitraum von 19,7 auf 15,6 Prozent reduzierte (ebd.). Gleichzeitig übertraf der Globale Süden (ohne China) im Jahr 2022 erstmals den Globalen Norden beim weltweiten BIP in KKP (ebd.). Diese Entwicklung markiert zwar keine vollständige Ablösung westlicher Dominanz, verweist aber auf eine Erosion ihrer ökonomischen Vorrangstellung. Neben dem aggregierten BIP-Gewicht verfügen die BRICS über erhebliche industrielle und ressourcenpolitische Kapazitäten. Im Jahr 2021 entfielen 38,3 Prozent der globalen Industrieproduktion auf die heutigen BRICS-Staaten, während die G7 lediglich 30,5 Prozent stellten. Mit der Aufnahme Saudi-Arabiens, Irans und der Vereinigten Arabischen Emirate gewinnt die Formation zudem eine zentrale Stellung im Energiesektor. Gemeinsam mit Russland, einem Schlüsselakteur von OPEC+, kontrollieren BRICS-Staaten rund 26,3 Millionen Barrel Öl pro Tag, was knapp 30 Prozent der weltweiten täglichen Ölproduktion entspricht (ebd). Diese Konzentration verleiht der Gruppe nicht nur ökonomisches Gewicht, sondern eröffnet auch politischen Einfluss auf Energiepreise, Transportrouten und Währungsarrangements im Energiesektor. Auch in der Finanzsphäre hat sich das Gewicht der BRICS substantiell erhöht. Ihr Anteil am weltweiten Futures-Handel stieg zwischen 2000 und 2020 von 4 auf 53,9 Prozent, während ihr Anteil an der globalen Aktienmarktkapitalisierung im selben Zeitraum von 5 auf 23,1 Prozent wuchs (Nölke/Petry 2024, 2). Die BRICS fungieren nicht mehr nur als Produktionsstandorte oder Rohstofflieferanten, sie sind auch zu einem Knotenpunkt globaler Finanzströme geworden.
Erhöht wird die Bedeutung von BRICS+ als Stimme des Globalen Südens durch die 2024 geschaffene Kategorie der »Partnerländer« (Belarus, Bolivien, Kuba, Kasachstan, Malaysia, Nigeria, Thailand, Uganda, Usbekistan), was auf die große Anziehungskraft der Gruppe verweist. 2025 wurde Vietnam zehntes Partnerland. Deren Rolle ist bislang noch unklar: Eine Einladung erfolgt nach Abstimmung unter den Mitgliedern und im Konsensprinzip auf Initiative der jeweiligen BRICS-Präsidentschaft, wobei Fragen der regionalen Ausgeglichenheit und die Beziehungen zu den BRICS-Mitgliedern eine Rolle spielen. Die Partnerländer nehmen an den Gipfeltreffen und den Treffen der Außenminister teil. Sie können (müssen aber nicht) die jeweiligen Gipfelerklärungen unterzeichnen. Bei Zustimmung der Mitglieder können sie auch an anderen BRICS-Foren teilnehmen.2
Gegenpol zum westlichen Imperialismus oder Subimperialismus?
In den linken und marxistischen Debatten über die globale Rolle von BRICS gab und gibt es ein breites und widersprüchliches Spektrum von Meinungen, das sich zwischen einer Bewertung der Gruppe als antiimperialistischer bzw. antiwestlicher Block in der Tradition von Bandung3 einerseits und autoritäres subimperialistisches Projekt der Integration des Globalen Südens in den neoliberalen Finanz-kapitalismus andererseits bewegt.
Als »Gegenpol« zum transatlantischen Westen wird BRICS z. B. von Fred Schmid gesehen: »BRICS versteht sich als ein wirtschaftlich erstarkter und an Einfluss gewinnender Gegenblock zu den ökonomisch reichsten und einflussreichsten G7-Industrieländern, die sich ihrerseits als das Machtzentrum des Kapitalismus, als ein Lenkungsausschuss der freien Welt begreifen.« (Schmid 2024, 2) Ähnlich behauptet Peter Gärtner, BRICS stelle »offen die regelbasierte Ordnung des Westens infrage« (Gärtner 2025, 4). Tatsächlich aber unterhalten viele BRICS-Länder enge, teilweise sogar militärische Bündnisbeziehungen zu den USA und anderen westlichen Mächten und streben ökonomische und politische Partnerschaften mit ihnen an.
Die Kontroverse um die Rolle von BRICS speist sich aus der Diskrepanz zwischen dem objektiv gestiegenen materiellen Gewicht der BRICS einerseits und der fortbestehenden Dominanz westlich geprägter Institutionen, Machtasymmetrien und Abhängigkeitsverhältnisse andererseits. Entsprechend divergieren die Bewertungen erheblich, je nachdem, ob BRICS primär als geopolitische Formation, als ökonomischer Block oder als institutionelles Reformprojekt betrachtet werden.
Eine der (besonders) kritischen Interpretationen stammt von Patrick Bond, der BRICS im Rahmen einer Theorie des Subimperialismus analysiert (Bond 2016, 2020). Er knüpft dabei an die lateinamerikanische Dependenztheorie an, insbesondere an Ruy Mauro Marinis Konzept der »antagonistischen Kooperation«, mit dem dieser die widersprüchliche Rolle semiperipherer Staaten innerhalb der imperialistischen Weltordnung beschrieb (Marini 1972; Bond 2020). Sub-imperialistische Staaten zeichnen sich demnach dadurch aus, dass sie einerseits in die globale Ordnung westlicher Dominanz eingebunden bleiben, andererseits regionale Expansionsstrategien verfolgen, um eigene Akkumulationsprobleme zu externalisieren und ihre relative Position im Weltsystem zu verbessern (Bond 2016). Bond überträgt dieses Konzept auf die BRICS-Staaten und argumentiert, dass deren wachsendes ökonomisches Gewicht nicht auf eine antiimperialistische Transformation, sondern auf eine Ausweitung subimperialer Handlungsspielräume überwiegend auf Kosten ärmerer Länder hinauslaufe (Bond 2020). Die BRICS fungierten demnach nicht als Gegenspieler westlicher Hegemonie, sondern als intermediäre Akteure, die innerhalb der bestehenden Ordnung nach größerem Einfluss streben. Diese Dynamik verortet Bond historisch in der globalen Überakkumulationskrise, die sich seit der Finanzkrise 2008 erheblich verschärft habe. Überakkumuliertes Kapital in China, Indien, Brasilien oder Südafrika dränge in neue Märkte, insbesondere im Globalen Süden (Bond 2020, 4). In dieser Perspektive erscheinen die BRICS nicht als Akteure der Krisenüberwindung, sondern als Mitträger und teilweise Verstärker globaler Krisendynamiken (Bond 2016).
Wesentlich für Bonds Argument ist die politische Heterogenität der BRICS. Er unterscheidet zwischen »abtrünnigen Subimperialisten«, die sich situativ oder offen konfrontativ gegenüber dem Westen verhalten, und solchen Staaten, die trotz wachsender Eigenständigkeit weiterhin eng mit westlichen Interessen verflochten bleiben. Russland gilt in dieser Typologie als abtrünniger Akteur, insbesondere seit der Eskalation in der Ukraine, während Länder wie Indien oder Brasilien (unter der Präsidentschaft Bolsonaros) als subimperialistische Staaten beschrieben werden, die in zentralen wirtschafts- und sicherheitspolitischen Fragen weiterhin eng an den Westen angebunden sind (Bond 2020, 2024). Die BRICS-Formation erscheint bei Bond als instabiles, fragmentiertes Bündnis, dessen innere Widersprüche durch Erweiterungen eher vertieft als überwunden werden.
Die von Bond und anderen benutzte Kategorie des Subimperialismus ist politisch begründet. Ihr analytischer Gehalt ist widersprüchlich. Denn die ökonomische Stellung der BRICS-Länder im globalen kapitalistischen System ist – nach der Erweiterung 2024/2025 noch mehr – höchst ungleich. So sind China und Indien Länder, die auf vielen Gebieten mit den führenden Wirtschaftsmächten des Westens ›auf Augenhöhe‹ konkurrieren, also alles andere als »sub« sind. Die Qualifizierung von BRICS als »ersatz bloc (sic, JK/JG) subimperialer Länder« (Satgar, 2020, 21) geht an der Wirklichkeit vorbei – wie kann ein Land, das sich angeblich anschickt, die US-Hegemonie herauszufordern (Bond, 2020, 81) gleichzeitig die Rolle eines »deputy sheriffs« (ebd. 79) spielen? Tatsächlich drängt überakkumuliertes Kapital der BRICS-Länder nicht nur – wie im Begriff des Subimperialismus unterstellt – auf die Märkte des Globalen Südens, sondern vor allem in die der alten imperialistischen Länder.
BRICS in internationalen Organisationen: Kooptation, Begrenzung und graduelle Machtverschiebungen
Angesichts der sich ökonomisch, politisch und militärisch zuspitzenden Konflikte geht die Qualifizierung der BRICS-Länder als subimperialistisch bzw. die Behauptung eines Prozesses der »Einbindung von BRICS in globale governance-Strukturen« (Bond 2020, 77) an der Realität vorbei. Die Behauptung, dass BRICS sich in den »westlichen Imperialismus« »eng eingepasst habe« (Satgar, 21), liegt quer zu den aktuellen globalen Konflikten. Hintergrund ist eine Fehlinterpretation von BRICS, die in folgendem Satz deutlich wird: »Das antiimperialistische Potential von BRICS, falls es je existiert haben sollte, ist erschöpft.« (ebd. 22) Tatsächlich hat BRICS von Anfang an Reformen der internationalen Wirtschaftsordnung angestrebt und tut dies immer noch, was mit Antiimperialismus im klassischen Sinne aber wenig zu tun hat.
Die Bretton-Woods Institutionen
Die Qualifizierung von BRICS als »subimperialistisch« wird u. a. mit der Tatsache begründet, dass die in Gipfelerklärungen immer wieder beschworenen Reformen der Bretton-Woods-Institutionen bislang kaum vorangekommen sind. Bond weist darauf hin, dass es »innerhalb der Bretton-Woods-Institutionen … seitens der BRICS-Delegationen keinerlei ideologische Abkehr vom räuberischen neo-liberalen Finanzkapitalismus« gegeben habe. (Bond 2024, 2) Diese Einschätzung übersieht die dort weiterbestehende Dominanz des Westens: So unterliegen im Internationalen Währungsfonds (IWF) Entscheidungen zwar formell dem Mehrheitsprinzip, tatsächlich werden die meisten Beschlüsse aber im Konsensprinzip gefasst. (Gnath u. a. 2012, 17) Würden sich BRICS-Staaten diesem Prinzip verweigern, hätten sie entsprechende Gegenmaßnahmen seitens der dominierenden Mächte zu gewärtigen. Es wäre unklug und zudem unwirksam, wenn sich BRICS-Länder im IWF als ›Opposition‹ gerieren würden. Ariel Buria, ehemaliger Direktor der G24 (Entwicklungsländergruppe) formuliert: »Die Industriestaaten setzen die Regeln fest, die die Entwicklungsstaaten befolgen müssen, wenn sie Geld leihen wollen.« (zit. ebd., 17) Immerhin sind die Gründung der New Development Bank (NDB) und der chinesisch dominierten Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) potenzielle Druckmittel, um Reformen des IWF voranzubringen.
Als angeblichen Beleg für die ›subimperiale‹ Rolle von BRICS führt Bond die Stimmrechtsverschiebungen im IWF an. (Bond 2020, 91) Tatsächlich hat es im IWF seit seiner Gründung nur eine relevante Stimmrechtsverschiebung gegeben, die in zwei Etappen zwischen 2006 und 2010 erfolgte und 2016 in Kraft trat. Dabei ging der Stimmanteil der Industrieländer von 60,6 auf 55,3 Prozent zurück, während derjenige der Schwellen- und Entwicklungsländer von 39,4 auf 44,7 zunahm. China, Brasilien und Indien konnten ihr Stimmgewicht um knapp fünf Prozent erhöhen, Russland verlor marginal. Der Zuwachs der Schwellenländer ging überwiegend auf Kosten der Industrieländer, die aber weiter dominieren. Die USA behielten mit 16,5 Prozent ihr Vetorecht, sie verloren 0,5 Prozent (IMF 2010). Bis heute teilen sich Europa und die USA die Präsidentschaften von IWF und Weltbank, was von den BRICS vehement kritisiert wird. Die Behauptung von Bond (2024, 2), dass die Aufwertung der BRIC-Stimmrechte »nicht hauptsächlich zulasten des Westens«, sondern zulasten anderer Länder des Globalen Südens erfolgt sei, ist falsch. Eigentlich fällige weitere Stimmrechtsrevisionen wurden und werden von den USA blockiert.4 Zudem müsste – um den veränderten ökonomischen Kräfteverhältnissen Rechnung zu tragen – auch die komplizierte und intransparente Formel geändert werden, nach der Quoten und Stimmrechte festgelegt werden. In der Rio-Erklärung von BRICS 2025 spielt die Forderung nach einer Reform des IWF eine zentrale Rolle. Die bisherigen Quoten-Veränderungen führten zwar zu einer besseren Finanzausstattung des IWF, nicht aber zu veränderten Stimmrechten und Management-Systemen. Dort heißt es: »Wir fordern den Exekutivrat des IWF nachdrücklich auf, das vom Gouverneursrat erteilte Mandat zur Entwicklung von Ansätzen für eine Quotenanpassung, einschließlich einer neuen Quotenformel, im Rahmen der 17. GRQ (Allgemeine Quoten-Überprüfung, JK/JG) so bald wie möglich zu erfüllen. (…) Wir bekräftigen, dass eine weitere Quotenanpassung im IWF nicht zu Lasten der Entwicklungsländer gehen, sondern die relative Position der Länder in der Weltwirtschaft widerspiegeln und den Anteil der Schwellen- und Entwicklungsländer erhöhen sollte.« (BRICS 2025, 11)
Entgegen der Annahme von Bond geht es den BRICS-Staaten nicht bloß um Stimmrechtsverschiebungen zu ihren Gunsten, sondern um grundlegende Reformen der Bretton-Woods-Institutionen. Ähnlich lauten die Forderungen für die Weltbank-Gruppe: »Wir bekräftigen, dass die von Brasilien mitgeleitete Überprüfung der Anteilseignerschaft der Weltbank im Jahr 2025 ein wichtiges Instrument zur Stärkung des Multilateralismus und zur Erhöhung der Legitimität der Weltbankgruppe als bessere, größere und effektivere Entwicklungsfinanzierungsinstitution ist.« (ebd., 12) Raghuram G. Rajan, ehemaliger Notenbankgouverneur Indiens und Chefökonom des IWF, mahnte im Oktober 2024 grundlegende Reformen an: »Acht Jahrzehnte nach der Gründung des IWF kann – und muss – die Welt eine umfassende Einigung anstreben, um die Führungsstruktur des Fonds zu reformieren und neue Herausforderungen zu bewältigen. Die Alternative wäre, wenig zu tun und zuzusehen, wie die Institution in der Bedeutungslosigkeit versinkt.«5 Derzeit ist unklar, ob sich die Kräfte des Globalen Südens durchsetzen können – im Zweifel dürfte die Rolle alternativer Institutionen wachsen.
Internationale Finanzmärkte und die Rolle des US-Dollar
Reformforderungen von BRICS gibt es auch für einen weiteren Bereich, der bis heute westlich dominiert ist: das Währungssystem. Die Ablösung des Dollar als Leitwährung steht ganz oben auf der BRICS-Agenda, ohne dass hier bislang entscheidende Fortschritte erreicht werden konnten.6 Dies spricht aber nicht für eine Übernahme des westlichen Konzepts der Finanzialisierung, wie Bond unterstellt. Der oben dargestellte Machtzuwachs von BRICS im Finanzbereich ist mit wichtigen strukturellen Veränderungen verbunden. Nölke und Petry stellen sich eine ›Entdollarisierung‹ nicht als Systembruch, sondern als fragmentierten, sektoral begrenzten Prozess vor, der vor allem über bilaterale Abrechnungen in nationalen Währungen, Swap-Line-Netzwerke und eine graduelle Multipolarisierung des Währungssystems vorangetrieben wird (Nölke/Petry 2024, 17 ff.). Diese schrittweisen Veränderungen gewinnen auch vor dem Hintergrund westlicher Sanktionspolitik an Bedeutung, da sie Staaten Möglichkeiten eröffnen, ihre Verwundbarkeit gegenüber Finanzblockaden zu reduzieren. Im Unterschied zu Bond sehen Nölke/Petry diese Entwicklungen nicht primär als Reproduktion imperialistischer Logiken, sondern als Ausdruck wachsender struktureller Macht innerhalb eines weiterhin kapitalistischen Weltsystems. Die BRICS erscheinen in dieser Perspektive nicht als antiimperialistischer Block, sondern als Akteure, die innerhalb der bestehenden Ordnung neue institutionelle Spielräume erschließen. Gleichzeitig verkennen Nölke/Petry nicht die Grenzen dieses Prozesses. Die ausgeprägte Heterogenität von Währungsregimen, Kapitalverkehrsordnungen und Finanzstrukturen innerhalb der BRICS begrenzt die Fähigkeit zur Entwicklung kohärenter gemeinsamer Finanzinstrumente. Diese Divergenzen werden durch die Erweiterung um finanzstarke Golfstaaten weiter verstärkt, deren Banken, Kapitalmärkte und Staatsfonds eng in westlich dominierte Finanzzentren eingebettet sind. Entsprechend bleibt die Herausbildung eines kohärenten staatskapitalistischen Machtpols fragmentiert und konfliktgeladen (Petry/Nölke 2024, 9–10; 73–80). Sie zeigen, dass sich innerhalb der Reproduktion globaler Krisendynamiken neue institutionelle Machtzentren herausbilden, die langfristig zu einer veränderten Konfiguration des globalen Finanzsystems beitragen können.
Die Reform der UN
In der von BRICS+ geforderten multilateralen Weltordnung spielen die UN eine zentrale Rolle. Die BRICS-Staaten treten zunehmend geschlossen für eine Reform des UN-Systems ein, insbesondere für eine Erweiterung des Sicherheitsrats.
Sie unterstützen explizit die Forderungen Brasiliens, Indiens und Südafrikas nach ständigen Sitzen, um die Unterrepräsentation Afrikas, Lateinamerikas und großer Teile Asiens zu beheben (Prashad 2023, 8). Der gegenwärtige Sicherheitsrat besteht aus 15 Mitgliedern, von denen fünf (USA, Großbritannien, Frankreich, Russland und China) über ein Vetorecht verfügen. Trotz jahrzehntelanger Reformdebatten blieb diese Struktur weitgehend unverändert, was die institutionellen Grenzen der BRICS-Strategie deutlich macht. Prashad verweist darauf, dass die Blockadehaltung westlicher Staaten gegenüber UN-Reformen die Attraktivität der BRICS für viele Länder des Globalen Südens erhöht habe (ebd.). Staaten, die von westlichen Sanktionsregimen betroffen sind oder sich politisch marginalisiert fühlen, sehen in den BRICS weniger einen institutionellen Ersatz für die UNO als vielmehr ein zusätzliches Forum, um ihre Interessen zu artikulieren und Koalitionen jenseits westlicher Dominanz aufzubauen. Diese Funktion erklärt auch, warum zahlreiche Staaten trotz enger Beziehungen zum Westen, etwa Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate, Interesse an einer BRICS-Mitgliedschaft haben. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Erwartung, BRICS könnten kurzfristig als institutioneller Gegenspieler von IWF, Weltbank oder UNO auftreten, analytisch überhöht ist. Empirisch agieren die BRICS-Staaten bislang eher als reformorientierte Insider denn als systemoppositionelle Akteure. Gleichwohl deutet ihr wachsendes ökonomisches Gewicht darauf hin, dass sich langfristig neue Machtressourcen innerhalb internationaler Organisationen herausbilden. Diese verschieben die globale Ordnung nicht abrupt, sondern verändern sie schrittweise, konflikthaft und in hohem Maße widersprüchlich. Diese inkrementellen Prozesse bilden den strukturellen Hintergrund für die folgenden Debatten über Süd-Süd-Kooperation, Arbeitsgruppen und die Frage, inwiefern BRICS auch jenseits staatlicher Eliten gesellschaftliche Resonanz entfalten.
Machtverschiebungen im globalen System
Im Zentrum von Bonds Konzept steht die Vorstellung, die von BRICS geforderte Reform der westlich bestimmten Weltordnung könne sich nur als Gegnerschaft zu den bestehenden Institutionen äußern. Dies aber geht an den Realitäten und sehr differenzierten Interessen der Mitgliedsländer vorbei. Damit ist aber nicht der Verzicht auf strukturelle Veränderungen verbunden. Die BRICS-Staaten haben ihre formale Repräsentation ausgebaut und treten zunehmend als koordinierte Stimmen für Reformen auf, etwa im Hinblick auf Entwicklungsfinanzierung, Infrastrukturinvestitionen oder die Reform der Streitschlichtungsmechanismen der WTO (Nölke/Petry 2024). Gleichzeitig bekennen sie sich weiterhin zu einer regelbasierten multilateralen Ordnung mit WTO und IWF im Zentrum. In offiziellen BRICS-Kommuniqués wird regelmäßig die Bedeutung eines »starken, quotenbasierten und ausreichend ausgestatteten IWF« betont, was die Vorstellung eines offenen institutionellen Bruchs relativiert (Prashad 2023). Bond interpretiert diese Dynamik als Ausdruck eines gezielten Kooptationsprozesses, in dem die BRICS-Staaten in globale Krisenregime eingebunden werden, um die Stabilität der bestehenden Ordnung zu sichern (Bond 2020, 2024). Tatsächlich spielten die BRICS-Staaten während und nach der globalen Finanzkrise 2008 eine aktive Rolle bei der Stabilisierung der internationalen Finanzmärkte, unter anderem durch die Unterstützung von IWF-Rettungsprogrammen und die Bereitstellung zusätzlicher Kapitalbeiträge (Bond 2020). Gleichzeitig wäre es analytisch verkürzt, diese institutionelle Einbindung als Reproduktion westlicher Dominanz zu lesen. Die wachsende ökonomische Bedeutung der BRICS erhöht ihren Einfluss auf Agenda-Setting-Prozesse, Personalentscheidungen und informelle Koordinationsmechanismen, insbesondere in der G20 und in UN-nahen Gremien. Diese Formen von Macht sind weniger sichtbar als Vetorechte, entfalten aber langfristig Wirkung auf institutionelle Prioritäten. Vor diesem Hintergrund interpretiert auch Prashad die BRICS-Erweiterung als Ausdruck eines historischen Machtverschiebungsprozesses, in dem die westlich dominierte Ordnung an politischer und ökonomischer Hegemonie verliert, ohne dass bereits eine kohärente alternative Weltordnung entstanden wäre (Prashad 2023). Entscheidend ist, dass das gestiegene Gewicht der BRICS nicht automatisch in kollektive Handlungsfähigkeit oder strategische Kohärenz übersetzt wird. Die Formation vereint unterschiedliche politische Regime, Entwicklungsmodelle und außenpolitische Orientierungen, deren Interessen nur partiell überlappen.
Süd-Süd-Kooperation
Viele Debatten über die Bedeutung von BRICS konzentrieren sich, wie gezeigt, auf das Verhältnis zum transatlantischen Westen. Damit wird eine Ebene übersehen, auf der BRICS+ vor allem als innovatives Projekt der Süd-Süd-Kooperation, als »unique organisation« (Raman/Kumar, 2023, 4) wirkt. Wir haben es mit einem Bündnis ›neuen Typs‹ zu tun, das sich dem klassischen Blockdenken verweigert. Die Bedeutung von BRICS und dessen Attraktivität für Länder des Globalen Südens, einschließlich armer Länder, hängt weniger mit ihrer Rolle als Gegengewicht und Reformkraft in der bestehenden Weltwirtschaftsordnung zusammen, denn als Plattform der Süd-Süd-Kooperation. Ein afrikanischer Blick auf BRICS nennt fünf Aspekte der Süd-Süd-Kooperation, die für afrikanische Länder strategisch attraktiv sind:
- Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Süd-Süd-Handel;
- Technologische Zusammenarbeit, vor allem bei Forschung und Entwicklung;
- Zusammenarbeit und strategische Partnerschaften in Sicherheitsfragen, um armen Ländern mehr Autonomie und Handlungsfähigkeit (agency) zu verschaffen;
- Stärkung von Solidarität im Bemühen für mehr Multilateralismus: »So dient die BRICS Gruppe diesen Ländern als Plattform, auf der Positionen und Ziele abgestimmt werden können.«
- Kulturelle Zusammenarbeit und Stärkung der Beziehungen zwischen den Völkern. (Zondi 2025, 413 ff.)
Süd-Süd-Handel
An erster Stelle steht die Frage, ob BRICS dazu beiträgt, die ökonomischen Beziehungen zwischen den BRICS-Ländern zu vertiefen. Eine Analyse der Entwicklung des Intra-BRICS-Handels zwischen 2000 und 2019 zeigt, dass das Niveau des Austauschs zwar noch gering ist, aber erhebliches Potenzial besitzt. Dies hängt zunächst mit den ökonomischen Unterschieden zusammen: China als wirtschaftlich bedeutendstes BRICS-Land ist ein industrielles Schwergewicht, während Indien Stärken im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien und im Pharmabereich besitzt. Brasilien und Südafrika sind Rohstoffökonomien (Landwirtschaft/Mineralien), während Russland über Öl und andere fossile Rohstoffe verfügt. (Keswani/Azharuddin 2025, 70)
Tatsächlich hat der Intra-BRICS Handel überproportional rasch zugenommen, allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Lag sein Anteil am Welthandel im Jahre 2000 bei minimalen 0,04 Prozent, so nahm er bis 2019 auf 0,11 Prozent zu. Eine Analyse der Handelspotenziale, gemessen durch die Indikatoren »Revealed Comparative Advantage« (RCA) (Komparative Handelsvorteile) und »Trade Intensity Index« (TII) (Index der Handelsintensität) weist auf große Potenziale des Intra-BRICS-Handels hin, die allerdings durch entsprechende Handelspolitiken zu mobilisieren wären. »So weisen die RCA und der TII bei bestimmten Waren-gruppen auf einen höheren Vorteil und eine höhere Handelsintensität innerhalb der BRICS-Länder hin, und diese Intensität dürfte sich noch weiter verstärken, da die Gruppe bestrebt ist, eine geschlossenere globale Einheit zu bilden und ihre Handelsbeziehungen zu stärken.« (ebd., 92) Der Intra-BRICS Handel habe »bedeutendes Potenzial« (ebd. 95). Eine Analyse der Wertschöpfungsketten im Kontext des Intra-BRICS Handels kommt zu differenzierten Ergebnissen: »Unsere Netzwerkanalyse zeigt zunehmende Verbindungen zwischen Ländern in globalen Wertschöpfungsketten, insbesondere für China und Indien. Indien zeichnet sich durch mitteltechnologische Güter aus und hat seinen Anteil an globalen Wertschöpfungsketten erhöht. Während Indien und China eine starke vertikale Spezialisierung aufweisen, konzentrieren Brasilien und Russland ihre wichtigsten Komponentenexporte auf die inländische Wertschöpfung. Unsere Studie unterstreicht die Bedeutung einer Ausweitung koordinierter staatlicher Maßnahmen unter den BRICS-Ländern, um Wertschöpfungsgewinne im Handel und die industrielle Entwicklung zu fördern.« (Sousa Filho 2025, abstract)
Insgesamt ist die wirtschaftliche Zusammenarbeit, insbesondere der Intra-BRICS Handel, noch auf einem sehr niedrigen Niveau. Das Thema spielt allerdings bei den weiter unten behandelten Arbeitsgruppen eine zentrale Rolle. Seit 2020 gibt es eine alle fünf Jahre erneuerte »Strategy for BRICS economic partnership«, die bei den Treffen der Handelsminister ausgearbeitet und bei den Gipfeltreffen bestätigt wird. Formalisiert wird die Kooperation im Rahmen der »BRICS Contact Group on Economic and Trade Issues« (CGETI). Das Ziel wurde 2020 so formuliert: «Die Strategie für die wirtschaftliche Partnerschaft der BRICS-Staaten 2025 (…) definiert einen Entwicklungsweg für die BRICS-Staaten und legt den Rahmen für die Zusammenarbeit ihrer Mitglieder entsprechend den aktuellen wirtschaftlichen Trends und Bedingungen fest.« (BRICS 2020)
Schwerpunkte der Kooperationsstrategie sind:
- Handel, Investitionen und Finanzen, einschließlich der Förderung der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen;
- Digitalwirtschaft;
- Nachhaltige Entwicklung, einschließlich Ernährungssicherheit.
Organisiert wird die Kooperation im Rahmen des »BRICS business council« und des »BRICS Interbank Cooperation Mechanism«.
BRICS-Arbeitsgruppen zur Institutionalisierung und thematischen Kooperation
Ein zentrales Element der institutionellen Strukturierung der BRICS jenseits der jährlichen Gipfeltreffen sind die Arbeitsgruppen, in denen Mitgliedstaaten koordinierte Zusammenarbeit zu fachlich definierten Politikfeldern praktizieren. Offizielle BRICS-Publikationen bezeichnen den Staatenverbund primär als ein politisches und diplomatisches Kooperationsforum, dessen Ziele in der Stärkung der Zusammenarbeit im Globalen Süden, der Reform multilateraler Institutionen und der Förderung nachhaltiger sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung liegen (BRICS 2025a).
Eine systematisierte Übersicht über die Diskussions- und Kooperationsformen innerhalb von BRICS unterscheidet vier Ebenen (Guerrero 2022):
Ebene 1: Die jährlichen BRICS-Gipfeltreffen, auf denen die Staats- und Regierungschefs allgemeine Richtlinien festlegen. »Diese sind dadurch charakterisiert, dass jeder Gipfel bemüht ist, die beim vorherigen Treffen beschlossenen Richtlinien zu operationalisieren.«
Ebene 2: Die Ministertreffen haben einen eher technischen und verwaltungspolitischen Charakter. Jenseits der Treffen der Außen- und Wirtschaftsminister (die anfangs im Vordergrund standen) belegt die im Zeitablauf rasch zunehmende Zahl der Treffen die Absicht, »die Zusammenarbeit auf Bereiche auszudehnen, die ursprünglich nicht Gegenstand der allgemeinen Richtlinien waren.« Inzwischen gibt es Ministertreffen in 15 thematischen Bereichen. Die Zahl der Treffen hat über die Jahre hinweg zugenommen. Dabei geht es oft um die Koordinierung des Auftretens der BRICS-Länder in internationalen Fach-Organisationen und globalen Gremien. Unterstützt werden die Treffen durch spezialisierte technische Arbeitsgruppen.
Ebene 3: Technisch-bürokratische Treffen auf der Arbeitsebene zwischen Beamten der verschiedenen Ebenen. Die Analyse zählt im Zeitraum 2006-2019 mehr als 700 solcher Treffen. Dies zeige das Interesse daran, »die verwaltungspolitisch-technische Zusammenarbeit der BRICS-Länder auf 14 Gebieten zu vertiefen.« Einige dieser Arbeitsgruppen verfügen über große Autonomie und können konkrete Maßnahmen initiieren. Dazu gehören die »BRICS Contact Group on Economic and Trade Issues«, der »BRICS Business Council« und der »BRICS Think Tank«.
Ebene 4: Die ›people-to-people‹ Zusammenarbeit bezieht sich auf Treffen unterhalb bzw. außerhalb offizieller staatlicher Institutionen. »Diese Meetings sind institutionalisierte Plattformen für Debatten und Aktivitäten, welche die Beziehungen außerhalb traditioneller Regierungseinrichtungen stärken sollen.« Dabei geht es meist um Sport, kulturelle und soziale Angelegenheiten (z. B. das BRICS Film Festival) und die Zusammenarbeit bzw. den Erfahrungsaustausch zivilgesellschaftlicher Organisationen. Zu dieser Kategorie gehören auch diverse BRICS-Foren wie das Academic Forum, das Economic Forum, das Gewerkschaftsforum bzw. das bereits erwähnte BRICS business Forum.
Während anfangs quantitativ die Spitzenmeetings überwogen (Ebene 1 und 2), hat im Zeitverlauf die Zahl der Treffen der Ebenen 3 und 4 zugenommen, so dass nach 2015 auf diese unteren Ebenen 80 Prozent der Treffen entfielen. »Darüber hinaus beschlossen die BRICS-Staaten für den neuen Zyklus von Treffen, der zwischen 2014 und 2015 begann, auf die Entwicklung von Aktivitäten und Treffen zu setzen, die nichtstaatliche Akteure wie Unternehmen, Mitglieder der Zivilgesellschaft und NGOs zusammenbringen, damit ihre Mitgliedsländer durch deren Interaktion ihre gegenseitige Abhängigkeit erhöhen können.«
Die Vielfalt der Arbeitsgruppen und Treffen ist geeignet, eine eigene Dynamik zu entfalten, die möglicherweise über den Rahmen der Regierungen hinausgehen könnte, was Hoffnungen auf die Herausbildung eines »BRICS von unten« nährt.
BRICS »von unten«: Gesellschaftliche Kräfte, Asymmetrien und Gegenhegemonie
Die Frage, ob und in welchem Sinne von einem »BRICS von unten« gesprochen werden kann, stellt einen Prüfstein für die politische Reichweite der Formation jenseits staatlicher Eliten und ökonomischer Machtzentren dar. Ana Garcia analysierte 2015 diesen Aspekt aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive und zeigte, dass sich rund um die BRICS zwar vielfältige soziale, gewerkschaftliche und zivilgesellschaftliche Aktivitäten herausgebildet haben, diese jedoch strukturell klar gegenüber staatlichen und kapitalnahen Akteuren marginalisiert bleiben (Garcia 2015). Ausgangspunkt ihrer Analyse war die Beobachtung, dass BRICS-Gipfel regelmäßig von parallelen Formaten begleitet werden, die unterschiedliche gesellschaftliche Akteursgruppen adressieren. Beim BRICS-Gipfel in Fortaleza 2014 fanden neben dem offiziellen Regierungstreffen unter anderem ein BRICS Business Meeting, ein Trade Union Summit sowie zivilgesellschaftliche Foren unter dem Titel »Dialogues on development: the BRICS from the perspective of peoples« statt (ebd.). Diese parallelen Arenen verdeutlichen eine zentrale Asymmetrie: Während das Business Meeting institutionell fest verankert ist und direkten Zugang zu Regierungsdelegationen besitzt, bleiben Gewerkschaften, soziale Bewegungen und NGOs auf informelle Dialogformate beschränkt. Die quantitative und qualitative Ungleichheit dieser Arenen ist erheblich. Das BRICS Business Meeting in Fortaleza wurde von rund 700 Unternehmensvertretern besucht und diente der direkten Koordination großer Konzerne aus Sektoren wie Agribusiness, Bergbau, Infrastruktur, Energie, Finanzdienstleistungen und Informationstechnologie. In formellen Networking-Sessions wurden Geschäftsabschlüsse mit einem geschätzten Volumen von 3,9 Milliarden US-Dollar angebahnt (ebd.). Die dort formulierten Forderungen, wie etwa Visaerleichterungen für Geschäftsleute, der Abbau nicht-tarifärer Handelshemmnisse, die Förderung von Joint Ventures sowie die Nutzung lokaler Währungen im Handel, fanden sich später auch in offiziellen BRICS-Erklärungen wieder, einschließlich der Beschlüsse zur Gründung der New Development Bank (NDB) und des Contingent Reserve Arrangement (CRA). Demgegenüber ist die Position gesellschaftlicher Akteure deutlich schwächer institutionalisiert. Gewerkschaftliche Zusammenschlüsse aus den BRICS-Staaten unterstützten zwar ebenfalls die Gründung der NDB und interpretierten sie als potenzielles Instrument zur Demokratisierung internationaler Wirtschaftsbeziehungen, forderten jedoch zugleich eine formale Anerkennung des BRICS Trade Union Forum sowie Beteiligungsmöglichkeiten an Arbeitsgruppen und Entscheidungsprozessen der Bank (ebd.). Diese Forderungen blieben weitgehend unerfüllt. Zivilgesellschaftliche Netzwerke und soziale Bewegungen (darunter Organisationen wie die Landlosenbewegung MST, der World March of Women, Jubilee South oder Umweltinitiativen) verfügten über keinerlei institutionalisierte Mitsprache in der BRICS-Architektur. Garcia betont, dass diese Marginalisierung nicht zufällig ist, sondern strukturell mit der Funktionsweise der BRICS als staats- und kapitalzentrierte Formation zusammenhängt. Die BRICS seien von Beginn an als Projekt »von oben« konzipiert worden, getragen von Regierungen, nationalen Entwicklungsbanken und großen Unternehmen, die ihre jeweiligen Akkumulationsstrategien international absichern wollen (ebd.). In diesem Sinne unterscheidet sich die BRICS-Formation von früheren internationalen Mobilisierungen, etwa den transnationalen Protesten gegen die WTO oder die geplante amerikanische Freihandelszone FTAA, bei denen gesellschaftliche Akteure eine konstitutive Rolle spielten.
Obwohl Bond BRICS als subimperialen Block qualifiziert, verweist er doch auf die Potentiale von »BRICS-Bewegungen« von unten: »Ein solcher Ansatz (eine »ökosozialistische Strategie« JK/J.G.) erleichtert auch die Erkenntnis, dass eine degenerierte BRICS+-Elite, die ihre Strategien von oben verordnet, durch BRICS-Bewegungen von unten in ihre Schranken gewiesen werden muss.« (Bond 2020,15) Abgesehen von der Frage, ob BRICS+ -Eliten degenerierter sind als westliche Eliten, ist richtig, dass BRICS ein Elitenprojekt war und ist. Die BRICS-Mitgliedsländer sind kapitalistische Ökonomien, auch wenn die konkreten Gesellschaftsformationen sich erheblich vom westlichen kapitalistischen ›Modell‹ unterscheiden (Goldberg 2015, 278 ff). Insofern kann BRICS nicht anti-imperialistisch sein, und es ist verfehlt, die Staatengruppe an antiimperialistischen Ansprüchen zu messen.
Von der BRICS-Gruppe, die eindeutig ein Elitenprojekt ist und ›top-down‹ agiert, scheint trotzdem eine Dynamik auszugehen, die die Völker des Südens näher zusammenbringen könnte. Ana Garcia, die zusammen mit Patrick Bond eine eher skeptische Position einnimmt, was den emanzipatorischen Charakter von BRICS angeht, verweist auf diesen Aspekt: »Obwohl der Begriff ›Globaler Süden‹ dazu beiträgt, Dinge auf internationaler Ebene politisch voranzubringen, ist er nicht unbedingt immer positiv im Hinblick auf sozioökologische Fortschritte und Menschenrechte. Der Bezug auf den Globalen Süden fördert zwar das Gefühl einer gemeinsamen Identität unter Ländern mit niedrigerem Einkommen bzw. der Peripherie, muss jedoch kritisch hinterfragt werden, um eine gerechtere und für alle Seiten vorteilhafte Süd-Süd-Agenda zu erreichen. Das bedeutet, die Qualität der Süd-Süd-Zusammenarbeit zu verbessern. Der Süd-Süd-Technologietransfer und eine effektive Zusammenarbeit in Bereichen wie Gesundheit, Umwelt, Landwirtschaft und Energie sind von grundlegender Bedeutung, um bessere soziale und Arbeitsbedingungen für die Mehrheit zu erreichen: Frauen, indigene Völker, schwarze Bevölkerungsgruppen, Kleinbauern, Arbeiter usw. Die BRICS-Staaten könnten potenziell zu einem multilateralen Raum für progressive soziale Kräfte werden, um diese Agenden voranzubringen, aber es ist noch ein langer Weg zu gehen« (Garcia 2025).
Dieser Artikel von Jule Kettelhoit und Jörg Goldberg erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe (Z. 145, März 2026) der Zeitschrift Z – Marxistische Erneuerung. Wir bedanken uns vielmals für die Möglichkeit zur Zweitveröffentlichung.
Literatur
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Anmerkungen
1 Zur Entstehung der BRICS-Gruppe vgl. Neelsen 2024
2 https://www.gov.br/planalto/en/international-agenda/brics/nine-nations-announced-as-brics-2018partner-countries2019
3 Vgl. Wolfgang Abendroth, Die weltpolitische Bedeutung der Bandung-Konferenz, in: Z 144 (Dezember 2025), 101-110.
4 https://amerika21.de/analyse/274425/iwf-stimmrecht-globaler-sueden-und-norden
5 https://www.project-syndicate.org/commentary/imf-reform-must-redistribute-voting-shares-and-depoliticize-operational-decisions-by-raghuram-g-rajan-2024-10/german
6 Siehe die Beiträge von Becker und Boccara in diesem Heft. (Z 145, März 2026)







