Nach den US-Luftschlägen auf Irans bedeutende Ölexportinsel Kharg behauptet Donald Trump, dass „jedes MILITÄRISCHE Ziel“ zerstört worden sei. Doch die wenigen öffentlich verfügbaren Informationen zeichnen ein widersprüchliches Bild. Eine Geolokalisierung der vom US-Militär veröffentlichten Aufnahmen deutet darauf hin, dass mehrere Einschläge zivile Infrastruktur getroffen haben könnten. etos.media-Redakteur Jakob Reimann erklärt anhand einer OSINT-Analyse, was sich über die Ziele der Angriffe rekonstruieren lässt.
Mit den Worten „Vor wenigen Augenblicken hat das Zentralkommando der Vereinigten Staaten auf meine Anweisung hin einen der mächtigsten Bombenangriffe in der Geschichte des Nahen Ostens durchgeführt“, beginnt US-Präsident Trump am Freitag einen Beitrag auf seinem Netzwerk Truth Social, „und jedes MILITÄRISCHE Ziel auf Irans Kronjuwel, der Insel Kharg, vollständig zerstört.“ Trump weiter: „Doch aus Gründen der Anständigkeit habe ich mich entschieden, die Ölinfrastruktur auf der Insel NICHT zu zerstören.“

Die rund 20 Quadratkilometer kleine Insel – halb so groß wie die Stadt Wismar – liegt im nördlichen Teil des Persischen Golfs knapp 60 Kilometer Luftlinie vom iranischen Hafen Buschehr und gilt als das „unbestrittene wirtschaftliche Rückgrat des Iran“: Rund 90 Prozent der iranischen Erdölexporte werden von hier aus abgewickelt, was fast einer Milliarde Barrel pro Jahr entspricht.
Bislang ist unklar, welche Ziele bei den Angriffen in der Nacht zum Samstag tatsächlich bombardiert wurden. Laut dem US-Präsidenten wurde dort „jedes MILITÄRISCHE Ziel“ zerstört, während Reuters unter Berufung auf die US-Streitkräfte berichtet, dass 90 militärische Ziele angegriffen worden seien. Die iranische Agentur Fars meldet dagegen unter Berufung auf Quellen vor Ort, dass „mehr als 15 Explosionen zu hören waren“ und dass „der Feind versuchte, die Luftverteidigung der Armee, die Marinebasis Joshan, den Kontrollturm des Flughafens und den Helikopterhangar der [Iranian Offshore Oil Company] zu beschädigen“. Damit werden je zwei militärische und zivile Ziele genannt, doch bleibt offen, was das Resultat dieser „Versuche“ war.
„Der Flughafen liegt mitten in der Stadt, und praktisch alles befindet sich innerhalb eines Wohngebiets“, zitiert BBC Persia einen Einwohner der Stadt Kharg. „Fast alle militärischen Einrichtungen auf der Insel Kharg befinden sich rund um den Flughafen und der Rest sind Öl- und Gasanlagen sowie Unterkünfte für Mitarbeiter der Ölgesellschaften“, sagt ein anderer. Die Insel habe „eigentlich keine Militärbasis, und ich weiß wirklich nicht, was sie getroffen haben“.
Das U.S. CENTCOM – das für die Region von Ostafrika bis Zentralasien zuständige Regionalkommando der US-Streitkräfte – hat mehrere Videosequenzen veröffentlicht, die Angriffe auf die Insel zeigen sollen.
Last night, U.S. forces executed a large-scale precision strike on Kharg Island, Iran. The strike destroyed naval mine storage facilities, missile storage bunkers, and multiple other military sites. U.S. forces successfully struck more than 90 Iranian military targets on Kharg… pic.twitter.com/2X1glD4Flt
— U.S. Central Command (@CENTCOM) March 14, 2026
Durch den Abgleich markanter Gebäudeformen, Straßenverläufe und Geländestrukturen mit Satellitenbildern von Google Maps konnte etos.media die Einschläge geolokalisieren. (In den folgenden Grafiken markieren grüne Elemente Ortsmarken zum Zwecke der Geolokalisierung, während rote die Einschläge der Geschosse zeigen.)
Zwei Videosequenzen zeigen Einschläge am und um den Kharg Airport. Die erste Sequenz zeigt den Einschlag eines Geschosses auf einem Parkplatz (laut Google Maps) neben einem großen und mehreren kleineren Gebäuden. Eines der Gebäude verfügt über eine Art sechseckigen Kopf (roter Pfeil). Ein weiteres Geschoss traf eine größere Halle, die sich 60 Meter südwestlich von fünf Helikopterlandeplätzen befindet. Die Auswertung der Aufnahmen legt den Schluss nahe, dass es sich bei den beiden angegriffenen Zielen um den Kontrollturm und den Helikopterhangar der Iranian Offshore Oil Company handelt, die von der iranischen Agentur Fars genannt wurden. Beides wären zivile beziehungsweise zivil genutzte Infrastrukturen.

Eine weitere Sequenz zeigt zwei Einschläge auf dem Flugfeld des Airports: einen auf der Höhe des Helikopterhangars der Ölfirma, den zweiten rund 650 Meter nordwestlich davon. Auch hier würde es sich um Angriffe auf zivile Infrastruktur handeln.

Die nächste Sequenz zeigt eine Art karges Kalksteinplateau im Norden der Insel. Selbst bei höchster Zoom-Stufe auf Google Maps sind an den Positionen der Einschläge keinerlei Gebäude oder andere Strukturen erkennbar.

Der nächste Videoausschnitt endet unmittelbar nach dem Einschlag, sodass die Rauchsäule in der Umgebung nicht zu sehen ist. Der rote Pfeil markiert jedoch das Geschoss unmittelbar vor dem Einschlag (im Video klar erkennbar), während der rote Kreis die Einschlagsstelle in einem kargen Gebiet im Nordwesten der Insel zeigt. Unklar ist, um welche Struktur es sich handelt. Die Form des Gebäudes erinnert an einen Hangar. Dagegen spricht jedoch, dass im Umfeld keine weitere Infrastruktur zu erkennen ist und keine befestigte Straße dorthin führt, was für eine militärische Anlage unwahrscheinlich ist.

Eine weiteres Sequenz zeigt mehrere Einschläge im nördlichen Zentrum der Insel. Die zwei kleineren Explosionen ereigneten sich im Umfeld einer Ölpipeline. Offenbar wurden mehrere Gebäude getroffen, die Lagerhallen und Teil einer industriellen Anlage sein könnten. Die größere Detonation ereignete sich auf einem Areal, auf dem sich laut Google Maps das Gaskraftwerk befindet. Dieses dient der Selbstversorgung der Insel. Sollte tatsächlich das Kraftwerk bombardiert worden sein, wäre dies ein Angriff auf eine für die zivile Versorgung zentrale Energieinfrastruktur.

Die OSINT-Auswertung der vom US-Militär veröffentlichten Videosequenzen weckt erhebliche Zweifel an der Darstellung des US-Präsidenten. etos.media konnte in den Ausschnitten keine klar militärischen Ziele identifizieren. Mehrere Angriffe richteten sich augenscheinlich gegen zivile Infrastruktur wie das Gaskraftwerk, den Flughafentower, den Helikopterhangar sowie möglicherweise Industrieanlagen zum Ziel. Im Interview mit Kristen Welker bei NBC drohte Trump mit weiteren Angriffen auf die Insel – „nur so zum Spaß“.




2 Kommentare
Auf der Insel Kharg gibt es archäologische Reste eines wichtigen christlichen Klosters der Nestorianer aus dem 5. Jahrhundert, die in unmittelbarer Nähe von Öltanks der „Persian Gulf“ liegen. Es handelt sich um von der UNESCO als Welterbe bezeichnete Stätten der frühen Christenheit. Sollten siein Mitleidenschaft gezogen worden sein, wäre dies ein weiteres völkerrechtswidriges Verbrechen der US-Aggressoren.
Mein bewußter Verstand ist schon fasziniert, WIE sich ein Großteil der Menschheit sich von Steuern abhängigen Ego-Möchtegernes den wohlbehüteten kollektiven Weltfrieden einfach mal so nehmen läßt=>*sich theoretisch+praktisch am Nasenring durch die Manege führen läßt*<= (*DAS* wären die Worte meines kürzlich verstorbenen Vaters, der den II. WK erlebte…) statt sich weltweit offen&mutig&solidarisch mit Venezuela/Kuba/Palästina/Iran etc. zu zeigen…
Wie sagt es E. Tolle, wenn der Feuerwehrchef der Brandstifter ist…oder…Gib' jemandem Macht und sieh', was er/sie macht…oder…Das Vorgeschobene ist NICHT das Eigentliche. q.e.d.