Donald Trumps Besuch in China verdeutlicht einmal mehr die wachsenden Widersprüche einer US-Hegemonie, die ökonomisch und politisch unter Druck gerät, während China seine Stellung als globale Wirtschafts- und Technologiemacht weiter ausbaut. Willy Sabautzki zieht für etos.media Resümee über einen Staatsbesuch, der weit mehr darstellt als nur diplomatische Symbolpolitik.
Die Reise des US‑Präsidenten nach China war alles andere als ein gewöhnlicher Staatsbesuch. Sie markiert einen Moment, in dem sich die Interessen des amerikanischen Großkapitals und die hegemonialen Machtansprüche Washingtons besonders deutlich überlagern. Während die mediale Inszenierung von „gegenseitigem Verständnis“ und rotem Teppich sprach, ging es in der Sache um eine pragmatische Verständigung auf Augenhöhe, die beiden Seiten erlaubt, ohne Gesichtsverlust ihre Kerninteressen abzusichern – Märkte, Lieferketten, technologische Vorherrschaft und Wachstumschancen im Zentrum der globalen Ökonomie.
Die US‑Regierung erscheint dabei als Durchsetzungsorgan der Interessen von Monopol- und Finanzkapital. Dass der US‑Präsident von Spitzenmanagern großer US‑Konzerne flankiert wurde, entlarvt den Charakter der Reise: An Bord waren die Schlüsselfraktionen des Kapitals – Tech‑Industrie, Finanzkapital und Industrie –, jene Akteure, die am meisten von offenen Märkten, kontrolliertem Zugriff auf chinesische Daten und verlässlichen Investitionsbedingungen profitieren.
Die Air Force One fungierte weniger als Staats-Flugzeug denn als fliegendes Konferenzzentrum der US‑Wirtschaft. Die US‑amerikanische Außenpolitik im Umgang mit China erscheint so als Klassenpolitik nach außen – ganz im Sinne von Lenins Analyse des Imperialismus als „höchstem Stadium des Kapitalismus“.
Der Hegemon hinkt – ökonomisch und politisch
Vor diesem Hintergrund erweist sich die Rede vom „hinkenden Hegemon“ als präzise Diagnose. Die US‑Ökonomie verharrt bei rund 2,1 Prozent Wachstum und stützt sich zunehmend auf ein „Wachstum aus der Kanone“, also auf kriegs- und rüstungsgetriebene militärkeynesianische Nachfrage. Die US‑Regierung trifft auf eine Volksrepublik, deren sozialistische Marktwirtschaft – bei allen offen benannten, entwicklungsbedingten inneren Widersprüchen und Spannungen – weiterhin Wachstumsraten von knapp fünf Prozent erzielt und damit trotz dieser Belastungen eine deutlich höhere Dynamik entfaltet als ihr westlicher Gegenspieler. Die militärisch stärkste Macht der Welt traf auf eine Volkswirtschaft, die ihre eigenständige Dynamik von Exporten über High‑Tech‑Industrien bis hin zu Infrastrukturprojekten konsequent fortsetzt. Dabei setzt China auf eine Kombination aus staatlicher Planung und marktförmiger Dynamik: Fünfjahrespläne als Handlungsrahmen, Programme wie „Made in China 2025“, enorme Entwicklungsfortschritte in E‑Mobilität, Künstlicher Intelligenz, öffentlicher Infrastruktur und erneuerbaren Energien unterstreichen diese Strategie.
Der US‑Präsident brachte zugleich die innenpolitische und ökonomische Krise seines Landes mit: Inflation, steigende Zinsen, sinkende Staatseinnahmen, Rekordverschuldung und eine Bevölkerung, die die wirtschaftliche Lage mehrheitlich als schlecht bewertet. Die gegenwärtige Zoll- und Sanktionspolitik der USA hat diese Probleme verschärft: Sie verteuerte Lieferketten, erhöhte Preise und belastete Verbündete, ohne den Aufstieg Chinas aufzuhalten.
In dieser Asymmetrie liegt ein zentraler Grund für das „Hinken“ des Hegemons; ökonomisch hat er der sozialistischen Marktwirtschaft, die er politisch bekämpft, zunehmend weniger entgegenzusetzen.
Irankrieg, Hormus und Überdehnung des US‑Imperialismus
Der Besuch fand zeitgleich mit offener US‑Kriegsführung im Nahen und Mittleren Osten statt. Während Washington militärische Interventionen vorantreibt, treibt es zugleich belegbar die ökonomische und technologische Konfrontation mit China voran und beharrt gegenüber Verbündeten in Europa und Asien auf seinem Führungsanspruch – ein Brennglas auf den imperialistischen Grundcharakter der US‑Politik. Darin zeigt sich also ein klassisches Überdehnungsproblem des US‑Imperialismus. Militärische, ökonomische und politische Expansion stoßen auf materielle Grenzen, während im Inneren soziale Spaltung, krisenhafte Akkumulation und politische Polarisierung zunehmen.
Zeitgleich mit dieser Konfrontationspolitik setzte der US-Präsident darauf, dass China ihn beim Umgang mit dem Iran stützt – sei es über diplomatischen Einfluss, wirtschaftliche Verflechtungen oder sein Gewicht in multilateralen Gremien. Die US-Ankündigung, die Straße von Hormus „dauerhaft offen“ zu halten, blieb ohne erkennbare Unterstützung aus Beijing. Daraus ergibt sich die Einsicht, dass wer im Nahen Osten auf Kooperation mit China setzt, wohl im Gegenzug Zugeständnisse machen muss: bei Technologieexporten, bei Zöllen und bei Sanktionen. Ohne solche Schritte dürfte eine stabile Deeskalation ausbleiben.
Boeing, Bohnen, Board of Trade – Krisenverwaltung
Aus Beijing war seit Wochen zu hören, dass die Erwartungen an den Besuch bewusst niedrig anzusetzen sind. Ein präsidial auf Dekrete ausgerichteter und personalisierter Führungsstil in Washington traf auf eine Staatsführung, die auf Planung, langfristige Strategien und strukturelle Vorteile setzt. China signalisierte Gesprächsbereitschaft über klar definierte Handels- und Finanzkanäle. Im Zentrum regulierungsbedürftiger Bereiche standen nach wie vor Seltene Erden, Zölle, Investitionsbeschränkungen und Exportkontrollen – also jene Stellschrauben der globalen Wertschöpfungsketten, über die sich Druck auf Konzerne und Staaten ausüben lässt. In einigen Segmenten, etwa bei bestimmten Rohstoffen und Schlüsseltechnologien, verfügt China über erhebliche strukturelle Macht und kann diese kalkuliert einsetzen. Indem Beijing vor allem an diesen ökonomischen Hebeln ansetzt, gewinnt die chinesische Führung Zeit und Manövrierraum, ohne Einschränkungen eigener Sicherheitsinteressen im Konflikt um Taiwan und der beanspruchten Inselkette zu akzeptieren.
In diesem Zusammenhang kursierte rund um den China-Trip die Formel von „B-B-B“: Boeing, Bohnen, Board of Trade (Handelskammer). Dahinter steht eine pragmatische Konfliktregulierung. Erstens signalisiert der mögliche Kauf amerikanischer Flugzeuge Kooperationsbereitschaft. Zweitens lassen sich Sojaimporte als kostengünstige Konzession einsetzen, die einer innenpolitisch angeschlagenen US‑Regierung Entlastung verschafft. Drittens wird ein Mechanismus gelenkten Handels verhandelt, der festlegt, welche Güter weiterhin frei zirkulieren und bei welchen – angesichts der aggressiven US‑Politik – nur noch kooperative Lösungen infrage kommen, etwa verhandelte Kontingente, gemeinsame Standards bis hin zur Aufhebung von Sanktionen.
Die Konflikte werden damit nicht gelöst, werden aber in regulierte Bahnen gelenkt. So ist die direkte Einbindung führende US‑Konzerne kein Zufall: Tech‑Unternehmen stehen für den Wettbewerb um Halbleiter, Plattformen und KI, Finanzakteure für globale Kapitalströme, Industrieunternehmen für Märkte in Luftfahrt, Maschinenbau und Agrarwirtschaft. Der US-Präsident agierte folglich in Beijing nicht als neutraler Repräsentant, sondern als Sprecher eines eng verflochtenen Blocks aus Staat und Großkapital.
Was medial als bilateraler Staatsbesuch dargestellt wird, erweist sich in Summe als verdichteter Ausdruck imperialer Krisenverwaltung. Irankrieg, Handelskonflikte und technologischer Wettbewerb sind keine isolierten Schauplätze, sondern verschiedene Ausdrucksformen desselben Prozesses: der Suche nach neuen, möglichst abgesicherten Verwertungsfeldern in einer sich verschiebenden Weltordnung, in der zwei große Wirtschaftsmächte um die Neuverteilung von Einfluss und Absatzchancen ringen.
Dass der US‑Hegemon dabei ins Hintertreffen gerät, zeigt sich ökonomisch im schwächeren Wachstum, politisch in der Überdehnung seiner Machtmittel und symbolisch darin, dass er in Beijing um Entschärfung nachsuchte, während China mit stabiler Entwicklung und strategischer Steuerung den längeren Atem demonstrierte.




