Die vorauseilende Angst – Wie Antisemitismusvorwürfe Entscheidungen im Kulturbetrieb verändern

Bild: Carlos_Bonilla_Miranda

2025 forderte die Stadt Hannover ein queeres, postmigrantisches Literaturfestival auf, einen Programmpunkt zu streichen. Hintergrund waren Antisemitismusvorwürfe, die sie nach eigener Aussage in der Kürze der Zeit nicht prüfen konnte. Ein Jahr später gerät dasselbe Festival erneut in die Kritik. Cali Dentice über einen Kulturbetrieb, in dem bereits die Erwartung eines Vorwurfs mitbestimmen kann, wer eingeladen, gefördert und gehört wird.

Die Einladung wird noch einmal geprüft. Der Name wird gegoogelt. Ein Instagram Post von vor drei Jahren hervorgeholt. Es ist eine eigentümliche Form der Angst, die einen in diesen Momenten einholt. Man denkt an mögliche Beschwerden, sieht die Kommentare auf Social Media bereits vor sich, die Schlagzeilen, den Vorwurf, die eigene Institution habe Antisemitismus ermöglicht. Man hört das unaufhörliche Klingeln des Telefons, erwartet Anrufe aus der Politik und Gespräche über Fördermittel, die beim nächsten Mal vielleicht nicht mehr fließen.

Man bewegt sich vorsichtiger. In Kulturinstitutionen, Fördergremien, Redaktionen und Veranstaltungsräumen. Überall dort, wo entschieden wird, wer eingeladen, veröffentlicht, gefördert oder gehört wird.

Wie schnell Antisemitismusvorwürfe eine politische Debatte bestimmen können, zeigt sich derzeit in Berlin. Nach dem Wahlsieg der Linken bei der Abgeordnetenhauswahl ist eine intensive Auseinandersetzung über Antisemitismus in Teilen der Partei entbrannt. Zugleich kritisierten 150 jüdische Berliner:innen in einem offenen Brief eine „zynische politische Instrumentalisierung“ des Antisemitismusvorwurfs und warnten davor, Kritik an israelischer Politik pauschal mit Antisemitismus gleichzusetzen.

Der Berlin Monitor 2025 liefert dazu einen bemerkenswerten Befund. Menschen, die sich „links außen“ oder „Mitte links“ einordnen, weisen laut Studie „durchgängig seltener antisemitische Ressentiments auf“. Bei „links außen“ liegen die Zustimmungswerte je nach Form des Antisemitismus zwischen 2,8 und 8,4 Prozent, bei „rechts außen“ zwischen 19,7 und 48,8 Prozent.

Die Frage, wie politische Gefahren gesellschaftlich und institutionell wahrgenommen und gewichtet werden, hat in Deutschland eine längere Geschichte. In der ZDFinfo Dokumentationsreihe Krieg und Holocaust. Der deutsche Abgrund wird für die frühen Jahre der Weimarer Republik eine bemerkenswerte Konstellation beschrieben. Die junge Demokratie wird von rechts bekämpft. Antidemokratische und nationalistische Kräfte reichen weit in gesellschaftliche und staatliche Strukturen hinein. Dennoch gilt vielen die politische Linke weiterhin als der gefährlichere Gegner.

1922 veröffentlichte der Mathematiker Emil Julius Gumbel seine Untersuchung Vier Jahre politischer Mord. Für die Jahre 1919 bis 1922 dokumentierte er 354 politische Morde von rechts und 22 von links. 326 der rechten Morde blieben ungesühnt, bei den linken waren es vier. Im Durchschnitt wurden für einen rechten politischen Mord vier Monate Haft verhängt, für einen linken 15 Jahre oder die Todesstrafe.

Die Bundesrepublik des Jahres 2026 ist nicht die Weimarer Republik, und die politischen Verhältnisse sind andere. Interessant an Gumbel ist an dieser Stelle deshalb weniger der historische Vergleich als die Bedeutung seiner Dokumentation. Er sammelte, zählte und verglich Fälle politischer Gewalt und stellte damit Zahlen bereit, anhand derer sich Verteilung und staatlicher Umgang mit dieser Gewalt untersuchen ließen.

Dokumentation ist eine Voraussetzung dafür, gesellschaftliche Ungleichheiten überhaupt erkennen und untersuchen zu können. Das gilt für Benachteiligungen von Frauen in der medizinischen Versorgung ebenso wie für Rassismus in Schule und Gesundheitswesen oder für die Frage, warum Männer rund drei Viertel der Suizidtoten in Deutschland ausmachen. Erst wenn Fälle und Daten systematisch erfasst werden, lässt sich untersuchen, ob hinter einzelnen Erfahrungen ein Muster liegt, wodurch es entsteht und was sich verändern müsste.

Genau darin liegt auch die Bedeutung des Archive of Silence. Seit Oktober 2023 dokumentiert es Fälle aus dem deutschen Kulturbetrieb, darunter abgesagte Veranstaltungen, zurückgezogene Einladungen und Preise sowie Konflikte um Förderungen.

Die dort gesammelten Fälle stehen zugleich in einem größeren politischen und kulturellen Klima, in dem Auseinandersetzungen um Israel, Palästina und Antisemitismus nicht ohne Weiteres entlang klassischer politischer Lager verlaufen.

Wie sichtbar diese Konflikte auch innerhalb des Kulturbetriebs geworden sind, zeigte die Debatte nach der Berlinale 2024. Der palästinensisch israelische Dokumentarfilm No Other Land war dort ausgezeichnet worden. Der palästinensische Regisseur Basel Adra sprach über die Situation der Palästinenser in Gaza und forderte Deutschland auf, keine weiteren Waffen an Israel zu liefern. Sein israelischer Kollege Yuval Abraham sprach über die Ungleichheit zwischen ihnen, bezeichnete die Situation im Westjordanland als Apartheid und forderte einen Waffenstillstand.

Die politischen Reaktionen folgten unmittelbar. Kulturstaatsministerin Claudia Roth bezeichnete die Statements bei der Abschlussgala als „erschreckend einseitig“ und von „tiefgehendem Israel-Hass“ geprägt. Zentralratspräsident Josef Schuster forderte Konsequenzen für die Kulturförderung.

Bemerkenswert ist auch Roths nachträgliche Erklärung zu ihrem eigenen Applaus. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie sie nach den Reden applaudiert. Später ließ sie erklären, ihr Applaus habe ausschließlich dem israelischen Regisseur Yuval Abraham und dessen Forderung nach einer politischen Lösung und einem friedlichen Zusammenleben gegolten, nicht seinem palästinensischen Kollegen Basel Adra.

Zwei Jahre später drohte Israels Kulturminister Miki Zohar Yuval Abraham und seiner Kollegin Rachel Szor nach der Auszeichnung ihres Dokumentarfilms NAZA mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft. Er warf ihnen „Verrat am Staat“ vor.

So unterschiedlich diese Vorgänge sind, beide berühren die Freiheit, Unrecht öffentlich zu benennen und Solidarität zu zeigen, auch dort, wo dies politisch unbequem wird.

Dabei steht nicht infrage, dass Antisemitismus benannt und bekämpft werden muss. Der deutsche Kulturbetrieb muss sich jedoch auch fragen, welche Folgen es hat, wenn ein entsprechender Vorwurf bereits institutionelle Entscheidungen beeinflusst, bevor geklärt ist, ob er im konkreten Fall trägt.

Vom Vorwurf zur Konsequenz

Wie schnell Antisemitismusvorwürfe den Weg von einer medialen Veröffentlichung in institutionelle Strukturen finden können, zeigte sich beim collecting:dreams Festival bereits 2025. collecting:dreams ist das erste postmigrantische, queere Literaturfestival Niedersachsens. In den vergangenen Jahren waren dort unter anderem Deborah Feldman, Mithu Sanyal und der Pulitzer Preisträger Nathan Thrall zu Gast. Kurz vor Beginn des Festivals 2025 erschien bei MENA Watch ein ausführlicher Beitrag, in dem mehreren Beteiligten antisemitische oder israelfeindliche Positionen vorgeworfen wurden. Nach Angaben des Festivalteams wurde der Artikel anschließend auch an Fördermittelgeber weitergeleitet.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Kulturbüro der Landeshauptstadt Hannover für die damalige Ausgabe eine Förderung von 10.000 Euro zugesagt. Kurz vor Festivalbeginn geriet ein Programmpunkt wegen möglicher antisemitischer Äußerungen einer eingeladenen Person in die Kritik. Die Stadt verwies zudem darauf, dass Änderungen am Festivalprogramm ohne vorherige Abstimmung erfolgt seien.

Bemerkenswert ist, was das Kulturbüro später selbst dazu festhielt. Die Vorwürfe hätten in der Kürze der Zeit nicht geprüft werden können. Entsprechend habe auch keine eigene Haltung dazu entwickelt werden können. Dennoch wurde das Festival aufgefordert, den betreffenden Programmpunkt zu streichen. Nachdem die Festivalleitung dies ablehnte, wurde die Kooperation zunächst beendet. Nach weiteren Gesprächen wurde die Finanzierung schließlich auf die ursprünglich vereinbarten Programmpunkte beschränkt.

Damit ist der Fall nicht allein wegen des Konflikts um eine Förderung relevant. Er zeigt eine zeitliche Abfolge, die für die Frage nach institutioneller Vorsicht entscheidend ist: Ein Vorwurf steht im Raum, kann zunächst nicht geprüft werden und verändert dennoch institutionelles Handeln. Ein Jahr später gerät das Festival erneut in den Fokus.

Im September 2026 veröffentlichte der Instagram Account „wrongturnhanvr“ einen Beitrag mit 19 Slides  unter der Überschrift „Staatlich geförderter Antizionismus im Kulturbetrieb“. Darin wird dem Festival vorgeworfen, aus Positionen einzelner Gäste des Vorjahres eine „programmatische Linie“ entwickelt zu haben. Festivalleitung, Gäste und weitere Beteiligte werden namentlich genannt und politisch eingeordnet.

Gegenstand des Beitrags ist auch der Workshop „Palästina Solidarität im Kulturbetrieb: Austausch, Dokumentation, Empowerment“. Dort wurden unter anderem 60 Fälle aus dem Archive of Silence besprochen, die während des Festivals mit Beschreibungen und QR Codes an einer Wand dokumentiert waren. Die Beschäftigung mit Ausladungen, entzogenen Preisen und der Angst, als antisemitisch markiert zu werden, interpretiert der Account als Ausdruck einer „ideologischen Schieflage“ des Festivals.

Auch Symbole werden zum Gegenstand politischer Interpretation. Bei einzelnen Beteiligten wird das Tragen einer Kufiya als „antizionistische Dogwhistle“ oder „antizionistischer Code“ bezeichnet.

Die Auseinandersetzung lässt sich auch hier nicht ohne Weiteres entlang klassischer politischer Lager beschreiben. Dem Account folgen Personen und Accounts aus grünen, linken und aktivistischen Zusammenhängen. Der Beitrag wurde dort kommentiert und gelikt. Selbst Mitglieder kulturpolitischer Strukturen der Landeshauptstadt Hannover markierten den Post zum Festival mit „Gefällt mir“.

Nach Abschluss des Festivals veröffentlichte „wrongturnhanvr“ einen weiteren Beitrag. Darin werden Kufiyas und Palästinaflaggen als „antiisraelische Dogwhistles“ und das Festival als „Echokammer“ bezeichnet. Der Beitrag endet mit der Frage, ob ein solches Festival weiterhin öffentlich gefördert werden müsse.

Kritik an einem öffentlich geförderten Kulturfestival ist legitim. Seine politische Ausrichtung darf diskutiert, Aussagen seiner Beteiligten dürfen kritisiert und auch die Verwendung öffentlicher Gelder darf hinterfragt werden. Ebenso müssen konkrete antisemitische Äußerungen benannt und geprüft werden können.

Für die hier untersuchte Frage ist jedoch entscheidend, was geschieht, wenn solche Zuschreibungen jene Räume erreichen, in denen über Einladungen, Kooperationen und Förderungen entschieden wird.

Gerade vor dem Hintergrund des Konflikts von 2025 ist diese Frage nicht abstrakt. Damals hatte die Stadt selbst erklärt, den zugrunde liegenden Vorwurf zunächst nicht geprüft haben zu können. Dennoch hatte er bereits institutionelle Konsequenzen ausgelöst.

Welche Form der Solidarität bleibt?

Der Journalist Ayman Mohyeldin stellte am 17. September in einem Video eine Frage, die diesen Konflikt auf einen einfachen Punkt bringt: Was ist der akzeptierte Weg, Solidarität mit Palästinenser:innen zu zeigen? Proteste, Boykotte, Kufiya, Ceasefire Pin, Flagge oder Sanktionen werden jeweils auf unterschiedliche Weise problematisiert.

Wie leise muss Protest sein? Wie zurückhaltend ein Boykott? Wie klein eine Flagge? Welche Form der Solidarität bleibt übrig, wenn ihre unterschiedlichen Ausdrucksformen jeweils unter Verdacht geraten?

Die Anpassung beginnt vor der Absage

Für Künstler:innen können Einladungen, Stipendien, Preise und Förderungen darüber entscheiden, ob sie sichtbar werden und von ihrer Arbeit leben können. Für freie Kulturprojekte entscheidet eine Förderung mitunter darüber, ob eine Veranstaltung überhaupt stattfinden kann.

Die mögliche Konsequenz muss deshalb nicht erst eintreten, um Verhalten zu verändern.

So wird der Text noch einmal gelesen. Ein Wort gestrichen, ein anderes abgeschwächt. Eine politische Aussage allgemeiner formuliert.

In der Forschung wird ein solcher Mechanismus als „chilling effect“ beschrieben. Ein Recht besteht formal fort, seine Ausübung wird jedoch eingeschränkt, weil negative Konsequenzen erwartet werden. Mit Blick auf Deutschland warnte AICA International 2025 vor Deplatforming, Ausschlüssen und einem Klima der Selbstzensur im Kulturbereich.

Was geschieht, wenn bereits die Erwartung eines Vorwurfs darüber mitentscheidet, welche Veranstaltungen überhaupt geplant werden, welche Namen auf einer Einladung stehen, welche Sätze in einem Text bleiben und wo Kritik die erwartbaren Bahnen verlässt?

Ende September wurde in Hannover der Niedersächsische Literaturpreis verliehen. Katerina Poladjan erhielt den Nicolas Born Preis, Henrik Szántó den Förderpreis. An diesem Abend war von Nicolas Borns „rieselnder Maschine“ die Rede, von Literatur und ihrem Verhältnis zur Gesellschaft.

Poladjan sprach in ihrer Rede über Eskapismus und über die Eskapade des Pferdes: jene ungestüme Bewegung eines Dressurpferdes, das sich seiner Führung widersetzt und aus der vorgegebenen Richtung ausbricht.

Es ist ein starkes Bild für das, was Literatur sein sollte. Etwas, das in seiner Bewegung frei sein will und muss und gerade dort ausschert, wo eine Richtung vorgegeben wird. An Kritik an der AfD fehlte es an diesem Abend nicht. Über Palästina verlor man hingegen kein Wort.

Cali Dentice unterstützte das collectingdreams Festival 2026 bei der Durchführung und konzipierte und leitete den im Text beschriebenen Workshop.

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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