Zwischen kolonialer Übernahme und Widerstand – Alltag im Westjordanland

Hinter Mauern und Zäunen. Eine Reise durchs Westjordanland.
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Das Leben im Westjordanland ist geprägt von Vertreibung, Teilung, Gewalt und Entmenschlichung – es ist geprägt von Apartheid. Ob durch die Schikane und Demütigung der israelischen Soldat*innen oder die Hand in Hand laufende Gewalt und Landraub der Siedler*innen. In ihrem Reisebericht mit Stationen in Jerusalem, Hebron oder Farkha skizzieren Laura, Linus und Leah von der Interventionistischen Linken, wie Überleben und Alltag im besetzten Palästina Widerstand bedeuten.

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عاشتالتضامن الدولي – „Es lebe die internationale Solidarität!“, rufen über einhundert junge Menschen, die sich in Farkha, einem kleinen Dorf im Westjordanland, zu einer Demonstration versammelt haben. Ein Anblick, der aufgrund der politischen Repression unter der israelischen Besatzung selten geworden ist. Doch in Farkha wird einmal im Jahr für eine Woche ein politisches Festival veranstaltet, organisiert von der Palestinian People’s Party (PPP), der kommunistischen Partei Palästinas. Es wird sich nicht nur (politisch) ausgetauscht und diskutiert, sondern vor allem auch am Aufbau der Infrastruktur im Ort gearbeitet – ein praktischer Einsatz gegen die Landnahme Israels in Palästina. In Zeiten des Genozids, der andauernden gewaltvollen Vertreibungen und der damit verbundenen Hoffnungslosigkeit ist das ein besonderes und wichtiges Zusammenkommen.

Zu Gast sind auch Vertreter*innen einer internationalen Delegation – darunter auch wir von der Interventionistischen Linken (IL). Mit unserer Teilnahme wollen wir uns einerseits mit linken Genoss*innen in Palästina austauschen, um so ihre Arbeit und Debatten besser zu verstehen. Zum anderen war die Teilnahme für uns ein Zeichen der Solidarität in einer Zeit, in der sich die Situation vor Ort zunehmend verschlechtert. Vor dem eigentlichen Festival in Farkha nahmen einige von uns an einer dreitägigen Bildungsreise teil, um einen Einblick in die politische und soziale Situation im Westjordanland zu bekommen.

In den Städten: Apartheid und Isolation

Wir trafen unsere Delegation am Damaskus-Tor in Ostjerusalem. Die palästinensische Hauptstadt ist mit dem Al-Aqsa-Gelände einer der zentralsten Orte für muslimische Menschen. Dennoch haben viele junge Palästinenser*innen, die wir auf unserer Reise trafen, diesen Ort noch nie selbst gesehen. Denn Ostjerusalem wurde 1967 von Israel besetzt und mit dem Jerusalem-Gesetz von 1980 auch offiziell annektiert. Auch wenn diese Annexion von der internationalen Staatengemeinschaft nicht anerkannt wird, kontrolliert Israel, dass sich in Jerusalem nur aufhält, wer eine sogenannte Jerusalem ID oder eine extrem schwierig zu erhaltende Sondergenehmigung besitzt. Eine Person, die wir hier zufällig vor einem Buchladen treffen, erzählte uns, wie sich das auf das Leben auswirkt: Man fühle sich in Jerusalem oft einsam, da einen Freund*innen und Familie von außerhalb nicht besuchen kommen können, auch nicht für besondere Anlässe, wie zum Beispiel Trauerfeiern. Da sich der Status nicht auf den Ehepartner überträgt, wird eine Familienzusammenführung innerhalb Jerusalems oft verunmöglicht und Paare damit gezwungen, wegzuziehen. All das trägt zu dem offensichtlichen Ziel bei, Palästinenser*innen aus der Stadt zu verdrängen.

In Jerusalem gab uns ein Vertreter des Jerusalem Legal Aid and Human Rights Center (JLAC) mithilfe von verschiedenen interaktiven Karten einen Überblick über die „Israelisierung“ der Stadt. Im Zuge des Greater Jerusalem Bill sollen 29 weitere israelische Siedlungen formal in die Stadt aufgenommen werden, während palästinensische Viertel wie Kufr Aqab sowie das Geflüchtetenlager Shuafat und Anata ausgeschlossen werden. Auf diese Weise sollen die Palästinenser*innen noch weiter zur Minderheit in ihrer eigenen Hauptstadt gemacht werden.

An kaum einem anderen Ort ist die Apartheid derart greifbar wie in al-Khalīl (Hebron).
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Nach dem Vortrag fuhren wir mit dem Bus zur Apartheidsmauer, die das hässliche Gesicht dieser Politik für jede*n sichtbar im Stadtbild zeigt: Die 2002 begonnene „Sperranlage“, die der Internationale Gerichtshof 2004 für völkerrechtswidrig erklärt hat, ist bei Fertigstellung rund 713 Kilometer lang und verläuft zu etwa 85 Prozent nicht entlang der Grenze, sondern tief im Westjordanland – teils bis zu 18 Kilometer. Insgesamt beläuft sich der dadurch abgeschnittene Teil des Westjordanlands auf zehn Prozent der Gesamtfläche. In Jerusalem bedeutet diese Mauer, dass palästinensische Viertel de facto von der Stadt abgetrennt wurden und damit auch von elementaren Dienstleistungen wie Feuerwehr, Müllabfuhr oder Gesundheitsversorgung.

Am folgenden Tag fuhren wir nach al-Khalīl (Hebron), wo wir eine Stadtführung von einem lokalen PPP-Vertreter und dem Hebron Defense Committee, einer Organisation, die sich gegen die Besatzung und die Siedlungen in Hebron einsetzt, erhielten. Wir starteten am Eingang zu einem Siedlerviertel mitten im Stadtkern – einem Checkpoint mit meterhohen Zäunen, Kameras und NATO-Draht. Diese militärische Infrastruktur soll der „Sicherheit“ von etwa 1.000 bis 1.200 Siedler*innen dienen, die hier nach internationalem und sogar nach israelischem Recht illegal leben.

Eine Gitterkonstruktion schützt vor Steinen und anderen Gegenständen, die die Siedler*innen auf die Menschen werfen. Gegen Wasser, Urin und Säure hilft sie nicht.
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Für die Palästinenser*innen, die durch die Errichtung der Siedlerenklaven eingezäunt wurden, bedeutet diese vermeintliche Sicherheit tägliche Kontrolle und Schikane. Während wir dort standen, gingen zwei Palästinenser*innen mit mehreren Gemüsetüten auf den Checkpoint zu. Lange Zeit passierte nichts. Irgendwann sprang die Tür auf und sie wurden durchgelassen. Das ist nicht immer der Fall. Durch die teils wahllosen Schließungen wird der Weg zum Markt oft zur stundenlangen Tortur. Die Selbstbestimmung über das eigene soziale Leben wird so weitgehend verunmöglicht. Zutritt zu den abgeriegelten Gebieten haben nur Palästinenser*innen, die dort auch wohnen, wodurch sie keine Möglichkeit haben, Freund*innen oder Familie zu Hause zu empfangen. Unser Guide erzählte uns, wie er mit Freunden in einem Jahr das Fastenbrechen Iftar am Checkpoint feiern musste.

Diese geografische Zersplitterung wirkt sich erheblich auf die lokale Ökonomie aus. Eigentlich ist al-Khalīl (Hebron) mit 200.000 Einwohner*innen die größte Stadt des Westjordanlands – auf den Straßen merkte man davon jedoch wenig. Wo früher belebte Märkte waren, sind heute bis auf wenige Ausnahmen alle Geschäfte geschlossen – etwa die Hälfte davon auf Militäranweisung – ohne Rechtsurteil und ohne Entschädigung. Palästinenser*innen werden hier grundsätzlich nach Militärrecht behandelt, Israelis nach Zivilrecht.

Als wir unseren Weg durch die Stadt fortsetzten, fielen die Gitter und Planen auf, die an vielen Stellen über der Straße angebracht sind und das Gefühl erzeugen, durch einen Tunnel zu laufen. Eine Schutzvorrichtung vor den Siedler*innen, die die oberen Stockwerke bewohnen und immer wieder Steine und andere Gegenstände, aber auch Flüssigkeiten, von Wasser über Urin bis hin zu Säure, auf die Menschen darunter werfen. Das Militär, das überall in der Stadt präsent ist, beobachtet diese Gewalt meist nur und greift erst dann ein, wenn ein*e Palästinenser*in es wagt, sich zu wehren.

Auf dem Land: Gewalt und Vertreibung

Vorbei an Hunderten – wenn nicht Tausenden – von israelischen Fahnen, die rund um den Nationalfeiertag im gesamten Westjordanland aufgehängt wurden und omnipräsente Symbole der Besatzung sind, gelangten wir nach Umm al-Khair, einem kleinen Ort in Masafer Yatta. Dort sprachen wir mit einigen Aktivist*innen, darunter auch Basel Adra, einem der Regisseure und Hauptdarsteller des Oscar-preisgekrönten Films „No Other Land“. Sie erzählten vom Widerstand gegen die sich kontinuierlich ausbreitenden israelischen Siedlungsstrukturen und den damit einhergehenden gewalttätigen Übergriffen. Vor etwa einem Jahr wurde der palästinensische Aktivist und dreifache Vater Awdah Hathaleen genau hier vor den Augen seiner Kinder von einem israelischen Siedler ermordet. Der Täter kam nach nur zehn Minuten wieder frei und ist bis heute nicht verurteilt – obwohl mehrere Videos die Tat eindeutig belegen. Während uns die Aktivisten davon erzählten und auch davon, wie die Lage immer schlimmer wird, und wie auch ein Oscar daran nichts geändert hat, spielte neben uns eines der drei Kinder von Awdah auf einem kleinen Gerüst.

Während die Menschen in Masafer Yatta immer noch da sind und Widerstand leisten, ist die gewaltvolle Vertreibung an anderen Orten bereits weiter vorangeschritten. Einer dieser Orte ist das Jordantal. Auf dem Weg dorthin passierten wir erneut einen Checkpoint, einen von mittlerweile über 1.200, die sich wie ein Netz über das gesamte Westjordanland ziehen. Zudem sind viele der Straßen nur für Autos mit israelischen Kennzeichen befahrbar. Palästinenser*innen müssen zum Teil absurde Umgehungsstraßen nehmen, die extra für sie errichtet werden. So wird im alltäglichen Ausnahmezustand durch unkalkulierbare und oft stundenlange Wartezeiten die Mobilität von Palästinenser*innen erheblich erschwert – oder ganz verunmöglicht. Als internationale mehrheitlich weiße Gruppe in einem Reisebus mit israelischem Kennzeichen werden wir meist einfach durchgewunken. Doch die im Anschlag gehaltenen Gewehre der IDF-Soldat*innen und ausgebrannten Tränengasgranaten führen erneut vor Augen, wie brutal diese Infrastruktur für Palästinenser*innen ist.

[Anmerkung: Dabei ist wichtig, dass das Westjordanland seit den Oslo-Abkommen aus den frühen 1990ern in drei Bereiche eingeteilt ist. Nur Area A (rund 18 Prozent der Fläche) steht formal unter vollständiger palästinensischer Kontrolle, während Area C mit etwa 60 Prozent komplett von Israel verwaltet wird. In den restlichen 22 Prozent (Area B) hat die PA die Verantwortung für die zivile Administration, während Israel die sicherheitspolitische Kontrolle innehat.]

Wir kamen an Dutzenden Ruinen vorbei, die von der systematischen Vertreibung der lokalen Beduinengemeinschaften zeugen, die hier mit vereinten Kräften von Siedler*innen und IDF vorangetrieben wird. Die Vertreibung ist so sorgfältig, dass sogar die Ruinen nach und nach beseitigt werden. Irgendwann soll nichts mehr von der indigenen Bevölkerung zeugen. Während die letzten Delegationen noch die Communities vor Ort besucht haben, um so direkt von ihrem Kampf zu erfahren, war die Situation dieses Jahr zu gefährlich – zu häufig und brutal sind mittlerweile die israelischen Angriffe.

Unsere Reise durch das Westjordanland endete in Farkha, einem kleinen Dorf mit knapp 2.000 Einwohner*innen im Gouvernement Salfit zwischen Nablus und Ramallah im Norden des Westjordanlandes. Es gilt als erstes Ökodorf Palästinas, und die Politik ist von einer linken, basisdemokratischen Tradition geprägt.

Das Farkha-Festival

Nach mehreren Tagen, in denen uns die Besatzung in all ihren unterschiedlichen Herrschaftsmechanismen vor Augen geführt wurde, stand hier der Widerstand im Mittelpunkt. Das erste Mal auf unserer Reise wurden wir von einem Ort empfangen, der mit Palästinafahnen geschmückt ist. Im Schulgebäude hingen Hunderte Fotos von vergangenen Festivals sowie die Gesichter von verstorbenen Genoss*innen. Tee und Wasser wurden verteilt und uns allen wurde schnell bewusst, dass dies nicht nur für uns, sondern auch für die palästinensischen Genoss*innen ein besonderer Moment war. Das erste Mal seit dem Beginn des Genozids in Gaza kamen sie wieder zusammen. Viele hatten sich lange nicht mehr gesehen, und dass das Festival unter den aktuellen Bedingungen von Krieg, Genozid und Besatzung stattfindet, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Wir alle merkten, wie unsere energie- und hoffnungslose Stimmung mit dem Moment unserer Ankunft in Farkha und der kraftvollen Auftaktdemonstration kippte. Es wurden Parolen wie تحيا الشبيبة الشيوعية (Lang lebe die kommunistische Jugend) oder الشعب يريد الحرية (Das Volk will Freiheit) gerufen. Neben den Palästinafahnen wurde auf der Demonstration auch die Fahne der Palästinensischen Volkspartei (PPP) – der früheren kommunistischen Partei Palästinas – geschwenkt. Es ist die Jugendorganisation der PPP, die das Festival zum 29. Mal veranstaltet. Seit 2011 auch immer unter Beteiligung einer mal kleineren und mal größeren internationalen Delegation (2022 waren es 80 Personen). Es basiert auf den Ansätzen des früheren kommunistischen Führers Tawfeeq Zayyads und verbindet Freiwilligenarbeit mit politischer Vernetzung und einem breiten kulturellen Angebot. In diesem Sinne waren auch unsere Tage bei dem Festival strukturiert.

Freiwilligenarbeit: Widerstand mit Spachtel und Spaten

Zu Beginn wurden wir in Arbeitsgruppen eingeteilt, in denen wir jeden Vormittag an unterschiedlichen Projekten mitarbeiteten: im ökologischen Garten, auf dem Farmgelände, bei der Restaurierung der Altstadt, beim Jäten im Kindergarten und beim Streichen des Schulgebäudes. Dieser feste Rahmen bot die Möglichkeit, einige Menschen kontinuierlich wiederzusehen und über die gemeinsame Arbeit nach und nach eine Beziehung zueinander aufzubauen.

Locals und internationale Solidarische bauen gemeinsam Terrassen für eine ökologische Gartenanlage.
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Gleichzeitig haben wir durch die Arbeit auch gelernt, das Dorf und seinen Widerstand besser zu verstehen. Vom ökologischen Terrassengarten aus hat man einen guten Blick auf die umliegenden Hügel und die Genoss*innen wurden nicht müde, uns die Zusammenhänge zu erläutern. Farkha grenzt an den Einflussbereich von Ariel, einer der größten israelischen Siedlungen, deren Ausdehnung samt Zufahrtsstraßen und Abwässern die umliegenden Dörfer seit Jahren belastet. Seit im Oktober 2024 ein weiterer illegaler Außenposten direkt vor dem Dorf errichtet wurde, hat sich die Lage noch einmal verschärft. Insgesamt sind mittlerweile durch die sich ausbreitenden Siedlungsstrukturen 3.000 Dunam Land (300 Hektar, etwa die Hälfte des Dorfes) nicht mehr zu erreichen. Auf dieser Fläche liegen rund 70 Prozent der Olivenbäume. Auch die lokale Beduinengemeinschaft – und damit ein Großteil der Viehwirtschaft – wurde mit der Gründung des Außenpostens aus dem Gebiet vertrieben. Gleichzeitig ist nur noch eine der vier Wasserquellen unter palästinensischer Kontrolle. Als wir am nächsten Tag eine Terrasse in der Nähe der Wasserquelle bauten, ist allen die Bedeutung dieses Ortes und unserer Arbeit bewusst geworden.

Widerstand in Farkha heißt vor allem der Aufbau von Resilienz durch Gemeinschaft und Selbstversorgung. Ernährungssouveränität wurde immer wieder als entscheidender Grundstein beschrieben, um sich der israelischen Kontrolle ein Stück weit zu entziehen. In diesem Sinne ist die Zahl der Hausgärten in den letzten Jahren von 90 auf 230 gestiegen – bei insgesamt rund 400 Haushalten im Dorf. Für die Bewirtschaftung des Landes schließen sich die Menschen immer mehr zu Kooperativen zusammen, um gemeinsam auf die Felder zu gehen. Durch diese Kollektivität wird zumindest eine kleine Form der Sicherheit gegenüber den Siedlerangriffen geschaffen. Auch wir als internationale Delegation wurden eingeladen, uns an der nächsten Olivenernte zu beteiligen.

Identität und Gemeinschaft: Zwischen Kultur und Politik

Die Nachmittage füllte ein wechselndes politisches und kulturelles Programm. Mit dem Philosophieprofessor Mudar Kassis sprachen wir über eine marxistische Perspektive auf den palästinensischen Befreiungskampf und die Bedeutung internationaler Solidarität. Er betonte, dass der verbindende Faktor des Widerstands nicht die Nation, sondern der Klassenkampf gegen den globalen Kapitalismus sein müsse. Israel fungiere dabei als „Speerspitze“ des Imperialismus – als Experimentierfeld, auf dem Überwachung, Sicherheitsdoktrin und neoliberale Herrschaft im Extrem erprobt werden.

An einem anderen Abend haben die Vertreter*innen der PPP, der Kommunistischen Partei Israels, und Mesarvot, einer Bewegung zur Verweigerung des Militärdienstes in Israel, Erfahrungen über ihre Kämpfe mit uns geteilt. Sie betonten, wie wichtig es sei, die von Israel bewusst herbeigeführte regionale Zersplitterung zu überwinden und einen verbindenden sozialistischen Diskurs zu etablieren. Über Bildungsarbeit in palästinensischen Kindergärten im sogenannten „48“ – dem heutigen Staatsgebiet Israels –, über die Organisation von Jugendfestivals, die Arbeit in den Gewerkschaften und Universitäten bis hin zur ökologischen Landwirtschaft soll die Einheit der Palästinenser*innen und die Verbindung zu ihrem Land gestärkt werden. Eine zentrale Forderung dieses verbindenden Diskurses ist das Recht auf Rückkehr, das niemals aufgegeben werden dürfe.

Die Frage, wie lange die Menschen noch bleiben können, bis sie entweder gewaltvoll vertrieben werden oder keine Perspektive mehr für sich sehen und gehen, ist eine, die auch jenseits der Panels eine große Rolle in den persönlichen Gesprächen spielte. Der Widerspruch dazwischen, für ein Recht auf Rückkehr aller palästinensischen Flüchtlinge zu kämpfen und gleichzeitig das Land aus nachvollziehbaren Gründen verlassen zu wollen, lässt sich nicht auflösen. Gleichzeitig wird aber genau in diesem Widerspruch deutlich, dass Bleiben für viele ein Akt des Widerstandes ist.

Die 17- bis Anfang-20-jährigen Militärdienstverweiger*innen aus Israel beschrieben, wie sie mit ihrer Arbeit das Ziel verfolgen, das zionistische Narrativ einer geschlossenen Einigkeit hinter dem kolonialen Projekt zu brechen – und wie hart das sanktioniert wird. Auf die Verweigerung stehen 130 Tage Gefängnis sowie der lebenslange Ausschluss von staatlichen Förderprogrammen und vielen Ausbildungsberufen.

Auf einem autonomen FLINTA-Abend wurden die Teilnahme und Sichtbarkeit von Frauen auf dem Festival reflektiert und ein kollektives Feedback an die Organisator*innen des Festivals gegeben. Zudem wurde über die verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen von Frauen und feministischen Kämpfen gesprochen und deutlich gemacht, wie sehr die Realität der Besatzung patriarchale Strukturen verstärkt und Kämpfe dagegen erschwert.

Neben diesem dezidiert politischen Programm gab es auch unterschiedliche kulturelle Aufführungen – von palästinensischer Musik (wie Buzuq und Ataaba (عتابا)) über Dabke bis hin zu einer Zirkusshow. An einem Tag fand ein ganzes Festival nur für Kinder statt. Ein wichtiges Ziel lag dabei im Schaffen von Gemeinschaft und Zugehörigkeit, die angesichts der sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten von Palästinenser*innen aus „48“, dem Westjordanland, Jerusalem, Gaza und der Diaspora oft schwer zu fassen sind.

Am Ende dieser eindrucksvollen zwei Wochen fuhren wir erschöpft und mit gemischten Gefühlen nach Hause: mit einem Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem brutalen System der Besatzung und gleichzeitig einer Bestärkung durch den gelebten Widerstand und die Solidarität, mit der die Palästinenser*innen dieser Gewalt begegnen. Wir fahren mit einem klaren politischen Auftrag nach Hause: die deutsche Komplizenschaft an den unzähligen Verbrechen, die wir gesehen haben, zu stoppen und den internationalen Druck auf Israel zu erhöhen, um so die koloniale Übernahme des Westjordanlands und den Genozid in Gaza zu beenden.

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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