Scholasticide in Gaza: Wenn Wissen gezielt ausgelöscht wird

Von den Universitäten in Gaza ist kaum mehr als Schutt übrig. Lehrende und Studierende kämpfen ums Überleben und um das Recht auf Bildung. Was hier geschieht, nennen UN-Experten „Scholasticide“: den gezielten Krieg gegen das Wissen. Ein Verbrechen, das in Deutschland größtenteils leider ignoriert wird.

Vor wenigen Jahren füllten Studierende die Hörsäle der Al-Aqsa- oder Al-Azhar-Universität mit Diskussionen über Literatur, Ingenieurwesen und Politik. Heute sind diese Orte nur noch Ruinen. Das akademische Leben in Gaza-Stadt ist zum Stillstand gekommen, ausgelöscht durch die massiven Zerstörungen infolge des Krieges.

UN-Experten sprechen inzwischen von einem neuen Begriff: „Scholasticide“, der „systematischen Auslöschung der Bildung“. Gemeint ist nicht nur die physische Vernichtung von Schulen und Universitäten, sondern auch der Verlust von Lehrenden, Studierenden und einer ganzen intellektuellen Kultur.

Zerstörung der akademischen Infrastruktur

Die Hochschullandschaft im Gazastreifen ist nahezu vollständig zerstört. Nach Augenzeugenberichten und Recherchen internationaler Medien wurden alle Universitäten im Gazastreifen beschädigt, viele davon vollständig dem Erdboden gleichgemacht.

Zu den betroffenen Einrichtungen gehören:

  • Al-Aqsa University
  • Al-Azhar University
  • Gaza University
  • Islamic University of Gaza
  • Israa University
  • Palestine University

Die Angriffe trafen nicht nur Hörsäle, sondern auch Labore, Archive und Bibliotheken. Besonders tragisch ist der Verlust des Zentralarchivs von Gaza, das 150 Jahre Geschichte dokumentierte. Schätzungen zufolge wurden über 90 Prozent aller Schulen und Hochschulen zerstört oder schwer beschädigt.

Fachleute gehen davon aus, dass selbst bei einem sofortigen Waffenstillstand mindestens drei Jahre vergehen würden, um die Grundstrukturen der Hochschulbildung wiederherzustellen, von Forschung und akademischer Exzellenz ganz zu schweigen.

Menschliche Verluste: Der Krieg gegen die Köpfe

Noch schwerer als der materielle Schaden wiegt der Verlust menschlichen Wissens. Der Begriff Scholasticide beschreibt auch den gezielten Angriff auf Lehrkräfte und Studierende. Laut Berichten von UN-Experten (Stand April 2024) wurden getötet:

Akademische GruppeGetötete Personen
Universitätsprofessor:innenüber 193
Lehrer:innenüber 800
Studierendeüber 20.000

Unter den Opfern befindet sich auch Professor Refaat Alareer, ein bedeutender Schriftsteller und Dozent, der im Dezember 2023 bei einem Luftangriff starb. Mit seinem Tod verlor Gaza eine der wichtigsten Stimmen der intellektuellen Selbstreflexion.

Der Exodus der Intellektuellen

Die wenigen Überlebenden der akademischen Gemeinschaft stehen vor einer existenziellen Entscheidung: bleiben oder fliehen. Viele mussten den Gazastreifen verlassen, um ihre Arbeit fortzusetzen oder schlicht zu überleben. Dieser erzwungene Exodus bedeutet einen dramatischen „Brain Drain“, einen Verlust, der die Wiederbelebung des Bildungswesens weiter erschwert.

Unterbrochene Bildung und psychische Traumata

Rund 88.000 Studierende in Gaza haben mindestens ein ganzes akademisches Jahr verloren. Etwa 700.000 Schulkinder haben derzeit keinerlei Zugang zu Unterricht.

Die psychosozialen Folgen sind verheerend: Mehr als eine Million Kinder benötigen laut UN psychologische Unterstützung. Viele Studierende berichten, dass sie nachts in Zelten lernen, ohne Strom, Internet oder Bücher, festgehalten an der Hoffnung, dass Bildung eines Tages wieder möglich sein wird.

Notlösungen und internationale Solidarität

Trotz der Katastrophe haben Lehrende Wege gefunden, das Lernen nicht vollständig erlöschen zu lassen. Universitäten im Westjordanland bieten kostenlose Online-Kurse für Studierende aus Gaza an. Einige geflüchtete Professor:innen unterrichten von sicheren Orten aus.

Doch diese Initiativen stoßen an Grenzen: instabile Internetverbindungen, zerstörte Dokumente und fehlende Ausrüstung erschweren das Lernen. Dennoch ist diese akademische Solidarität ein Symbol des Widerstands, ein Beweis, dass Bildung auch unter Trümmern weiterlebt.

Wiederaufbau und Verantwortung

Palästinensische und internationale Akademiker fordern einen „Marshall-Plan für Bildung“, der gezielt den Wiederaufbau von Schulen, Universitäten und Forschungsinfrastruktur unterstützt. Bildung müsse als zentraler Pfeiler des Wiederaufbaus verstanden werden, nicht als nachgelagerter Luxus.

Denn ohne sie droht eine ganze Generation junger Menschen, ohne Perspektive und Zukunft heranzuwachsen. Bildung ist ein Meneschenrecht.

Ein Kampf um Erinnerung und Zukunft

Das akademische Leben in Gaza ist mehr als zerstört, es ist fast ausgelöscht. Doch inmitten der Ruinen bleiben Stimmen, die auf Bildung als Akt des Widerstands bestehen.

Der Wiederaufbau der Universitäten ist daher mehr als eine infrastrukturelle Aufgabe. Er ist ein moralisches Gebot. Denn jede wiederaufgebaute Schule, jede neu eröffnete Bibliothek bedeutet, dass die Idee von Wissen, Freiheit und Menschlichkeit überlebt hat.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Abed Schokry, ehemaliger Professor an einer Universität in Gaza und Augenzeuge des Genozids.

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