Gaza: Die Fortführung des Genozids – Zerstörung der Gesundheitsversorgung und aller Lebensgrundlagen

Bild Hosny Salah

78 Jahre nach Beginn der Nakba erleben wir, wie die israelische Regierung diese vollenden will. Die Zerstörung der elementaren Lebensgrundlagen in Gaza – wie der Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln und medizinischer Hilfe – spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Zu Beginn des Gaza-Krieges twitterte der Knesset-Abgeordnete Ariel Kallner: „Im Moment gibt es nur ein Ziel: die NAKBA! Eine NAKBA, die die NAKBA von 1948 in den Schatten stellen wird.“ Und im August 2024 erklärte Israels Finanzminister Bezalel Smotrich: „Zwei Millionen Zivilisten verhungern zu lassen ist gerechtfertigt und moralisch vertretbar.“ Vollkommen zu Recht hat Omer Bartov, israelisch-amerikanischer Historiker und einer der renommiertesten Holocaust- und Genozid-Forscher, über die Pläne der israelischen Regierung gesagt: „Das Ziel ist es, Gaza vollständig zu kontrollieren und durch diese Kontrolle die Bevölkerung zur Flucht zu zwingen.“

Im Folgenden soll anhand von Berichten anerkannter Institutionen und Organisationen dargestellt werden, in welch verheerendem Zustand sich das Gesundheitswesen in Gaza befindet.

Die aktuelle Lebensrealität: Katastrophale Hygiene und Abfallentsorgung, kein sauberes Wasser

Wie sich die aktuelle Politik der israelischen Regierung auf die praktischen Lebensbedingungen für die Menschen in Gaza auswirkt, hat die israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem in einem Instagram-Post am 14. Mai 26 sehr plastisch beschrieben:

„Bei Temperaturen, die diese Woche bereits 34 Grad Celsius erreichten, sind die Bewohner des Gazastreifens extremer Hitze ausgesetzt, ohne regelmäßigen Zugang zu Wasser zu haben. In über zweieinhalb Jahren genozidaler Angriffe hat das israelische Militär mehr als 84 Prozent der Wasser- und Sanitärinfrastruktur des Gazastreifens systematisch zerstört, was zum völligen Zusammenbruch der grundlegenden Lebensgrundlagen geführt hat.

Selbst jetzt, sieben Monate nach Inkrafttreten des ‚Waffenstillstandsabkommens‘, blockiert Israel weiterhin die Einfuhr von für den Wiederaufbau unverzichtbarer Ausrüstung. Das Militär verhindert die Einfuhr von Filtersystemen, Tanks und Baumaterialien, die für den Betrieb dieser Systeme erforderlich sind, und verhindert damit jegliche Möglichkeit, die Gesundheits- und Wasserversorgung für Millionen von Menschen wiederherzustellen.

In den Vertriebenenlagern ist die Lage unerträglich. Familien sind gezwungen, neben fließendem Abwasser und Müllbergen zu leben, die sich zwischen den Zelten ansammeln. Aufgrund der gravierenden Wasserknappheit müssen die Vertriebenen regelmäßig verunreinigtes, ungenießbares Wasser verwenden. Viele berichten, dass sie auf das Waschen oder Kochen verzichten müssen, um das wenige saubere Wasser, das sie haben, zum Trinken zu sparen.

Die tödliche Kombination aus Hitze, Verschmutzung und fehlenden grundlegenden Hygienebedingungen führt zur Ausbreitung schwerer Haut- und Darmerkrankungen. Die wenigen verbliebenen Wasserquellen werden bei hohen Temperaturen schneller verunreinigt, was zu Dehydrierung und akutem Durchfall führt, insbesondere bei Kindern. Experten schätzen, dass die kombinierten Schäden an der Infrastruktur bereits im ersten Jahr des Angriffs zu Tausenden von indirekten Todesfällen geführt haben.

Indem Israel weiterhin humanitäre Hilfe blockiert und lebenswichtige Infrastruktur absichtlich zerstört, hält es in Gaza Bedingungen aufrecht, die für Menschen unzumutbar sind. Der Völkermord im Gazastreifen geht weiter.“

Dieser Bericht von B’tselem bringt die Probleme auf den Punkt: vollkommen unzureichende Hygiene und Abfallentsorgung sowie das fehlende saubere Wasser. Der Report von OCHA (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs) vom 7. Mai 2026 rückt dieselben Themen in den Mittelpunkt und verdeutlicht wie die Probleme zusammenhängen:

„Einschränkungen bei der Versorgung mit Treibstoff und Ersatzteilen haben die Abfallentsorgung und die Beseitigung von Trümmern behindert, was zur Anhäufung von festen Abfällen und Schutt geführt hat. Dies schafft ein günstiges Umfeld für Schädlinge und erhöht die Risiken für die öffentliche Gesundheit, während gleichzeitig die Reparatur der wesentlichen Wasser- und Sanitärinfrastruktur verzögert wird.“

Die Folge ist, dass Nagetiere Notunterkünfte, Evakuierungszentren und Zelte in großem Umfang befallen und Menschen beißen. Besonders dramatisch ist die extreme Enge: Über 60 Prozent des Gazastreifens sind von Israel besetzt, und die Menschen können auch nirgendwohin fliehen. Das macht die Situation besonders dramatisch. Am 27. April berichteten die Vereinten Nationen von mehr als 70.000 Fällen von Parasitenbefall: „Mehr als 80 Prozent der Notunterkünfte berichten von häufig sichtbaren Nagetieren oder Schädlingen sowie von Hautinfektionen wie Krätze, Läusen und Bettwanzen.“ In einem Artikel, der auf Mondoweiss publiziert wurde, berichtet eine Familie:

„Abdel Qader al-Basyouni, Vater von vier Kindern, berichtete (…), er habe nun Angst davor, was mit seinem jüngsten Kind geschehen könnte, das kürzlich nachts im Schlaf von einer Ratte gebissen wurde. Das Kind entwickelte Fieber und Komplikationen, die die Familie als schwerwiegend beschrieb. (…) Seine Frau, Yasmin al-Basyouni, sagte, der Müll höre nie auf, sich anzuhäufen. Genauso wenig wie die Bombardierungen oder die weitere Anhäufung von Trümmern. (…) „Was erwartet uns also?“, fragte sie. „Was erwartet unsere Kinder im Sommer in den Zelten, wenn sich Nagetiere und Insekten noch weiter ausbreiten? Wartet der Tod auf uns? Wartet die Pest auf uns?“ Die Lage sei so verzweifelt geworden, sagte sie, dass sie sich nur noch fragen könnten, ob ihre Kinder an Bomben oder an Rattenbissen sterben würden.“

Die Abfallentsorgung ist auch gemäß dem OCHA-Report im gesamten Gazastreifen nach wie vor eines der größten Probleme. Die Wiederherstellung des Zugangs zu den großen Deponien in Al Fukhari (Sufa) und Johr Al Deek wäre dringend notwendig, aber sie liegen beide in der Nähe des israelischen Grenzzauns und Müllfahrzeuge erhalten oft keine sichere Durchfahrt.

Lizenzentzug für UNRWA und 37 humanitäre NGOs in Gaza

Vor diesem Hintergrund muss beurteilt werden, was der Lizenzentzug für UNRWA, das internationale UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge, und 37 humanitäre NGOs in Gaza bedeutet.

Mit mehreren Gesetzen und gewalttätigem Vorgehen gegen UNRWA hat Israel dieser UN-Institution ihren Sonderstatus entzogen und behindert deren Tätigkeit. Im Oktober 2024 verabschiedete die Knesset zwei zentrale Gesetze, die im Dezember 2025 noch einmal verschärft wurden. Das UNRWA-Hauptquartier in Jerusalem wurde komplett zerstört, israelischen Versorgern wurde verboten, Wasser, Strom, Telekommunikation oder Finanzdienste für UNRWA bereitzustellen, und israelische Behörden erhielten zusätzliche Möglichkeiten zur Beschlagnahmung von Grundstücken und Gebäuden. Trotz dieser Maßnahmen bleibt UNRWA einer der wichtigsten humanitären Akteure in Gaza, wenn auch stark eingeschränkt und unter massivem logistischem und politischem Druck.

Verstärkt wurde die Sabotage der UNRWA durch den Lizenzentzug für die humanitären NGOs. Ende Februar 2026 mussten viele internationale Mitarbeiter internationaler NGOs aus diesem Grund Gaza verlassen. Da die israelische Regierung keine internationalen Mitarbeiter mehr nach Gaza hereinlasse, müssten die 1400 palästinensischen Kolleg:innen vor Ort die Arbeit alleine bewältigen, Beschäftigte, die selbst in Zelten leben und sich nach ihrer Schicht wie alle anderen für Lebensmittel anstellen müssen. Eine ungeheure Belastung.

Und auch die Lieferung von Hilfsmaterial nach Gaza wird massiv behindert. Der Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Deutschland berichtet am 10. Mai 2026 in der Tagesschau, dass seit dem 1. Januar 2026 kein Material mehr nach Gaza hereingebracht werden könne und dass sich die Lager inzwischen leeren. Es fehle an Trinkwasser, an Zelten, an Lebensmitteln, Verbandsstoffen und Medikamenten. Da Ärzte ohne Grenzen zugleich der zweitgrößte zivile Trinkwasserversorger in Gaza ist und das technische Personal stellt, das die Entsalzungsanlagen und die Generatoren für die Stromversorgung der Krankenhäuser am Laufen hält, ist all dies hochgradig gefährdet.

„Wasser als Mittel zur kollektiven Bestrafung der Palästinenser im Gazastreifen“

Dieses Zitat stammt aus der Überschrift einer Stellungnahme von Ärzte ohne Grenzen am 28. April 2026, in der die Notfallkoordinatorin bei Ärzte ohne Grenzen Claire San Filippo zitiert wird:

„Die israelischen Behörden wissen, dass ohne Wasser das Leben endet, dennoch haben sie die Wasserinfrastruktur in Gaza bewusst und systematisch zerstört und gleichzeitig den Zugang zu Wasservorräten konsequent blockiert. (…) Palästinenser wurden verletzt und getötet, nur weil sie versucht haben, an Wasser zu kommen (…). Dieser Mangel, verbunden mit katastrophalen Lebensbedingungen, extremer Überbelegung und einem zusammengebrochenen Gesundheitssystem, schafft ideale Voraussetzungen für die Ausbreitung von Krankheiten.“

Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen die Lizenz zur humanitären Hilfe zu entziehen, verstößt eindeutig gegen das humanitäre Völkerrecht und verschärft die humanitäre Katastrophe.

Transportbeschränkungen

Die Beschränkung der Einfuhr ist ein weiteres Mittel, wie die Lebensgrundlagen zerstört werden. Der OCHA-Report vom 1. Mai beschreibt die Folgen der Einfuhrbeschränkungen durch Israel:

„Einfuhrbeschränkungen für lebenswichtige Güter – darunter Generatoren, Motoröl sowie Ersatzteile für Fahrzeuge und Schuttbeseitigungsmaschinen – wirken sich in immer stärkerem Maße auf humanitäre Einsätze und die Versorgung in Gaza aus. Der anhaltende Mangel an Motoröl und Ersatzteilen, der zuvor durch Wiederverwendung abgefedert werden konnte, ist nicht mehr zu bewältigen, und wichtige Systeme fallen nun aus.

Die Einsatzfähigkeit verschlechtert sich stetig, da Fahrzeuge und Generatoren irreparabel ausfallen, was die Mobilität der humanitären Helfer, die Stromversorgung und die Kontinuität der Dienstleistungen untergräbt. Der Mangel hat bereits die Verteilung von Lebensmitteln, den Wassertransport per Lkw, den Rettungsdienst, die Lieferung von Bildungsmaterialien und die medizinische Kühlkette beeinträchtigt (…)“

Selbst wenn LKWs nach Gaza gelangen, bedeutet das nicht automatisch, dass die Hilfe die Bevölkerung erreicht. OCHA und NGOs berichten weiterhin über lange Wartezeiten, Rückweisungen an Kontrollpunkten, zerstörte Straßen, Treibstoffmangel, Plünderungen und auch Kämpfe innerhalb Gazas. Infolgedessen gelangen meist deutlich weniger Hilfsgüter nach Gaza als humanitär erforderlich. Die UN hält etwa 500–600 LKW täglich für notwendig, doch die humanitären Lieferungen liegen deutlich darunter.

Israelische Behörden geben an, dass täglich etwa 600 bis 800 Lastwagen mit Hilfsgütern nach Gaza kommen. Die meisten dieser Lastwagen transportieren jedoch Handelswaren, die von privaten Händlern eingeführt werden – keine humanitären Hilfsgüter. Diese Waren sind für die meisten Menschen oft zu teuer, und es handelt sich in der Regel nicht um lebenswichtige Güter wie medizinische Hilfsgüter oder andere lebensrettende Güter. Die UNO schätzt, dass weniger als 20 Prozent des LKW-Verkehrs nach Gaza humanitäre Hilfe transportieren.

Ernährungslage

All diese bisher beschriebenen Maßnahmen führen zu einer besorgniserregenden Ernährungslage. Die umfangreichsten Daten finden sich beim IPC (Integrated Food Security Phase Classification). IPC ist eine Organisation, die eine Klassifizierung für den Ernährungszustand erstellt hat und in deren Leitungsebene zahlreiche humanitäre NGOs wie Care, Oxfam, UNICEF u.a. vertreten sind. Nach Analysen der IPC herrscht in Gaza-Stadt weiterhin eine akute Unterernährung auf kritischem Niveau (IPC Phase 4, auf einer Skala von 1 bis 5); geringfügig besser ist die Lage in den südlicheren Abschnitten Deir al-Balah und Khan Younis, wo aber immer noch eine ernste Lage (IPC Phase 3) besteht. Aufgrund unzureichender Daten konnte der Norden des Gazastreifens nicht analysiert werden; Berichte von Akteuren im Bereich der Ernährungshilfe in diesem Gebiet benennen aber anhaltend hohe Zahlen an Unterernährungsfällen und die Situation wird als besorgniserregend bezeichnet.

Bis Mitte Oktober 2026 werden im gesamten Gazastreifen voraussichtlich fast 101.000 Kinder im Alter von sechs bis 59 Monaten an akuter Unterernährung leiden und eine Behandlung benötigen, darunter mehr als 31.000 schwere Fälle. Im gleichen Zeitraum werden auch 37.000 schwangere und stillende Frauen von akuter Unterernährung betroffen sein und ohne eine Behandlung in eine lebensbedrohliche Situation geraten.

Tötung und Inhaftierung von medizinischem Personal

Die Angriffe auf Mitarbeiter von NGOs verschlimmern die Probleme. In Gaza wurden im April zwei Mitarbeiter von NGOs bei zwei verschiedenen Vorfällen getötet, was erstmal zur Einstellung der Gesundheits- und Wasserversorgung führte, wie OCHA berichtet.

Die Tötung und Inhaftierung zahlreicher Ärzt:innen und Beschäftigter aus dem Gesundheitssystem verschlimmert die Situation noch weiter. Health Workers Watch (HWW) berichtet von 1.571 seit dem 7.Oktober 2023 getöteten, 446 willkürlich festgenommenen, 6 unter den Haftbedingungen verstorbenen und 5 vermissten ‚Healthworkern‘. Das sind beträchtliche Personalverluste, die das Gesundheitssystem weiter aushöhlen. Dr. Hussam Abu Safiya ist sicherlich der prominenteste unter ihnen, und zahlreiche internationale Organisationen, darunter Amnesty International und IPPNW, setzen sich für seine Freilassung ein.

Vollständiger Zusammenbruch des Gesundheitssystems in Gaza

Aktualisierte Daten des Palästinensischen Statistischen Büros (PCBS) bis März 2026 zeigen, dass das Gesundheitssystem im Gazastreifen einen Zustand des völligen Zusammenbruchs erreicht hat:

  • 94 Prozent der Krankenhäuser sind zerstört, was dazu führt, dass keines der 36 Krankenhäuser mehr voll funktionsfähig ist, während 18 Krankenhäuser nur noch teilweise arbeiten.
  • Die medizinische Grundversorgung hat einen katastrophalen Leistungsabfall erlebt und ist auf weniger als die Hälfte ihrer Betriebskapazität gesunken, wobei nur 1,5 Prozent der Gesundheitsstationen voll funktionsfähig sind.
  • 51 Prozent der unentbehrlichen Medikamente in den Lagern sind nicht mehr vorrätig, wodurch Tausende von Patienten, insbesondere solche mit chronischen Erkrankungen, hohen Risiken ausgesetzt sind und ihr Leben gefährdet ist.

Im April gingen laut OCHA-Report saisonal bedingt zwar akute Atemwegsinfektionen zurück, aber gefährliche akute wässrige Durchfallerkrankungen und Hautinfektionen nahmen weiter zu, was ein Alarmzeichen hinsichtlich der miserablen Hygienebedingungen ist. Die Versorgung bei nicht übertragbaren Krankheiten war weiterhin vor allem stark durch Engpässe bei Medikamenten, Diagnostika und Screening-Instrumenten eingeschränkt – darunter Insulinspritzen, Blutzuckermessgeräte, Blutdruckmessgeräte und Herz-Kreislauf-Medikamente.

Über direkte Kontakte nach Gaza ist bekannt, dass es kein einziges funktionierendes MRT-Gerät gibt. Die Anzahl funktionsfähiger CTs und Röntgengeräte kann den Bedarf nicht annähernd decken. Auch die Laborkapazität reicht bei Weitem nicht aus; Diagnostik wird nur für schwerste Fälle reserviert. Verbrauchsmaterialien für Dialysegeräte fehlen. Statt zwei- bis dreimal pro Woche werden Dialysen nur noch einmal wöchentlich durchgeführt, was das Sterberisiko enorm erhöht.

Psychische Traumata – ganz besonders bei den Kindern

Zu den körperlichen Erkrankungen kommt die schwere psychische Traumatisierung hinzu. Dr. Ghassan Abu Sitta, ein auf plastische Chirurgie spezialisierter Chirurg, seit 2024 Rektor an der Universität Glasgow und gleichzeitig Inhaber des neu eingerichteten Lehrstuhls für „Konfliktmedizin“ an der Amerikanischen Universität in Beirut (AUB), hatte mehrere Einsätze für Ärzte ohne Grenzen in Gaza. Er berichtet jüngst in einem Interview:

„Die Verletzung [der Kinder in Gaza und Libanon] ist nicht nur physisch, sondern diese Kinder sind emotional, sozial und existenziell verletzt. Die Welt dieser Kinder ist untergegangen. Die Welt, die sie kannten, gibt es nicht mehr. Ihr Zuhause, ihre Familie, ihre Nachbarschaft, ihre Geschwister, ihre Schule, alles gibt es nicht mehr. Und diese Verletzungen sehen wir auch jetzt bei den libanesischen Kindern in diesem Krieg. Alle wurden zu Hause verletzt. Fast alle haben entweder die Eltern oder Geschwister verloren.“

Vollkommen unzureichende Anzahl von Evakuierungen

Laut WHO-Angaben warteten aktuell noch über 18.500 Patienten auf ihre Evakuierung, darunter sowohl Kriegsverletzte als auch Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Krebs und Diabetes.

Ein UNICEF-Sprecher sagte, dass mehr als 3.000 von ihnen Kinder seien. Er fügte hinzu: „Wir wissen, dass Patienten im Grunde genommen beim Warten auf ihre Evakuierung gestorben sind, und das ist etwas Schreckliches, wenn man weiß, dass nur wenige Meilen oder Kilometer jenseits dieser Grenze Hilfe verfügbar ist.“

Laut WHO wurden seit Oktober 2023 insgesamt 11275 Patienten, darunter 5856 Kinder, evakuiert. Mit Abstand die meisten Patienten hat Ägypten aufgenommen (6.748), gefolgt von den Vereinigten Arabischen Emiraten (1518) und Katar (970). Eine Analyse der Aufnahmebereitschaft in Europa sieht Italien an der Spitze (201), gefolgt von Spanien (65) und UK (55). Deutschland ist das Schlusslicht mit bisher einem (!) aufgenommenen Patienten.
Diese mangelnde Aufnahmebereitschaft in Europa und insbesondere in Deutschland verdeutlicht in aller Klarheit, wie die europäischen Regierungen am Genozid beteiligt sind.

Der Ruin der Gesundheitsversorgung ist ein wesentlicher Bestandteil des Genozids

All die bisherigen Ausführungen verdeutlichen, dass der Genozid weitergeht, auch wenn davon in den deutschen Leitmedien kaum berichtet wird. Man kann es nicht besser zusammenfassen als Ärzte ohne Grenzen in einer jüngsten Erklärung im April 2026:

„Wir verwenden diesen Begriff nicht leichtfertig. Was unsere Teams im Gazastreifen seit Oktober 2023 sehen und erleben, lässt für uns jedoch keine andere Schlussfolgerung mehr zu, als dass die palästinensische Bevölkerung dort vorsätzlich vernichtet werden soll. Wir sehen:

  • gezielte Angriffe der israelischen Armee auf Zivilist*innen, ziviles Leben (Schutzunterkünfte, Schulen) und zivile Infrastruktur (Wasseraufbereitungsanlagen, Nahrungsmittelproduktion) im Gazastreifen;
  • die fast vollständige Zerstörung der medizinischen Infrastruktur;
  • die politisch gewollte Blockade dringend benötigter Hilfsgüter, insbesondere von Nahrungsmitteln, Mitteln zur Wasseraufbereitung und medizinischen Gütern;
  • die gewaltsame Vertreibung und damit Umsiedlung der Menschen durch sogenannte Evakuierungsbefehle;
  • und die Instrumentalisierung von humanitärer Hilfe für militärische und politische Zwecke.

All diese Maßnahmen entziehen den Palästinenser*innen in Gaza systematisch die Lebensgrundlagen und greifen sie gezielt an. Wir halten es für unsere moralische und humanitäre Pflicht, das klar zu benennen. Deshalb sprechen wir von Genozid – und auch ein Waffenstillstand bedeutet nicht unbedingt dessen Ende.
Ein Genozid kann auch mit anderen Mitteln begangen werden, beispielsweise durch die Verweigerung von Lebensgrundlagen wie Zugang zu Nahrung, Wasser, medizinischer Versorgung und sicherer Unterkunft. Eine genaue Beobachtung der humanitären Hilfe und Anzeichen einer möglichen Wiederaufnahme der Gewalt ist jetzt unerlässlich.“

Uwe Trieschmann

Dr. med. Uwe Trieschmann ist Anästhesist und Vorstandsmitglied bei International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW), der größten internationalen Friedensorganisation im Gesundheitssektor.

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