Daniela Klette und die letzte große Jagd

Die Autorität des Staates anzugreifen, Eigentum und Herrschaft grundsätzlich infrage zu stellen, verjährt nicht: Mit 67 Jahren wurde das mutmaßliche RAF-Mitglied Daniela Klette zu 13 Jahren Haft verurteilt.
(Bild AI-generiert)

Die Festnahme und Verurteilung von Daniela Klette wurden zum nationalen Spektakel. In ihrem Kommentar beschreiben Ian Nadge und Jakob Reimann, warum die RAF für die Bundesrepublik bis heute als politisches Feindbild dient und weshalb diese Obsession mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit erzählt.

Hubschrauber über Berlin. SEK vor Wohnhäusern. Sondersendungen im Fernsehen. Politiker:innen im Alarmmodus: Man hätte fast glauben können, der deutsche Staat hätte endlich beschlossen, gegen Steuerbetrug, Immobilienkonzerne oder rechte Netzwerke vorzugehen.

Stattdessen ging es um Daniela Klette. Festgenommen 2024 in Berlin-Kreuzberg, diese Woche nun vom Landgericht Verden zu 13 Jahren Haft verurteilt. Für ein paar mutmaßliche Raubüberfälle zur Finanzierung ihres Lebens im Untergrund.

Die Pseudojournalisten vom ARD-Podcast „Legion: Most Wanted – Wo ist RAF-Terroristin Daniela Klette?“ betätigten sich als Hilfssheriffs und posaunten damals ihre Rechercheergebnisse zur Identität Klettes in die Welt hinaus. Zwei Monate später wurde sie festgenommen.

Eine Frau Mitte sechzig. Seit Jahrzehnten Untergrundfigur, Gespenst der deutschen Sicherheitsarchitektur, Lieblingsfeindbild eines Staates, der seine historischen Traumata ungefähr so sorgfältig auswählt wie Netflix den nächsten True-Crime-Hit. Die deutschen Repressionsorgane behandeln Klette jedenfalls ungefähr so, als hätte sie persönlich den Kapitalismus sabotiert, Olaf Scholz das Gedächtnis gelöscht und der Deutschen Bank die Server geklaut.

Diese Obsession verrät viel über die Bundesrepublik.

Gewalt? Ja – solange sie ordentlich verwaltet wird

Denn dieselbe politische Ordnung, die bei Cum-Ex-Milliarden plötzlich leider komplizierte Zuständigkeiten entdeckt, Waffenexporte als Friedenspolitik verkauft und den sozialen Zerfall ganzer Städte verwaltet wie schlechtes Wetter, kennt bei linken Feindbildern keinerlei Erschöpfung. Vierzig Jahre später mobilisiert der Sicherheitsapparat immer noch eine Energie, die man bei Nazis in Behörden oder rechten Terrornetzwerken oft nur aus Erzählungen kennt.

Das liegt nicht einfach daran, dass der Staat Gewalt ablehnt. Der deutsche Staat lebt hervorragend mit Gewalt – solange sie ordentlich verwaltet, juristisch formatiert und betriebswirtschaftlich begründet wird. Tote an den Mauern der Festung Europa heißen Grenzschutz. Kaputtgesparte Krankenhäuser heißen Haushaltsdisziplin. Wenn Menschen wegen explodierender Mieten aus ihren Wohnungen fliegen, gilt das als bedauerlicher Marktmechanismus – also praktisch Naturgewalt mit Excel-Tabelle.

Wenn Konzerne tausende Arbeitsplätze vernichten, nennt man das „Transformation“. Wenn Hedgefonds ganze Wohnviertel aufkaufen, heißt das „Investitionsklima“. Wenn die Bahn zerfällt, Schulen vergammeln und Kommunen sparen müssen, gilt das als Sachzwang. Der Kapitalismus produziert Krisen im Wochentakt und verkauft sie anschließend als alternativlose Verwaltungsaufgabe.

Aber wehe, jemand greift Eigentum direkt an. Dann verwandelt sich diese Republik plötzlich in Liam Neeson in „Taken“.

Plötzlich funktioniert alles. Dann gibt es Sonderkommissionen, Rasterfahndung, Großrazzien, politische Entschlossenheit und wochenlange Schlagzeilen. Dieselbe Republik, die beim Klimakollaps regelmäßig erklärt, man dürfe leider nicht zu radikal handeln, entwickelt bei linken Feindbildern plötzlich die operative Energie einer Marvel-Endschlacht.

Die RAF als deutscher Staatsmythos

Gerade deshalb wurde die Rote Armee Fraktion nie wirklich historisch aufgearbeitet. Sie wurde dämonisiert, psychologisiert und medial zu einer Art deutschem Staatsmythos verarbeitet. Die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Entstehens verschwinden dabei zuverlässig: Nazi-Kontinuitäten in der BRD, autoritärer Staatsumbau, Vietnamkrieg, Isolationshaft, Polizeigewalt.

Stattdessen erzählt man die Geschichte meistens so, als seien ein paar irrationale Fanatiker:innen plötzlich aus einem schlechten Psychothriller gekrochen. Die Bundesrepublik behandelt die RAF ungefähr mit der historischen Tiefe eines staatlich begleiteten Erinnerungsrituals: viel Archivmaterial, viele Täterbiografien, möglichst wenig Gesellschaftsanalyse. Aus Geschichte wird deutsches Politdrama mit pädagogischem Staatsauftrag.

Irgendwo zwischen Andreas-Baader-Brille, Fahndungsplakaten in Sepiaoptik und melancholischer Klaviermusik entsteht dann das beruhigende Narrativ, dass die größte Bedrohung der Bundesrepublik immer die „Extremist:innen“ gewesen seien – und nicht etwa ein Wirtschaftssystem, das Reichtum nach oben und Krisen nach unten verteilt.

Die Niederlage als ideologische Dauerwerbung

Natürlich heißt das nicht, den bewaffneten Kampf der RAF nachträglich romantisch zu verklären. Kleine militante Kader haben den Kapitalismus nicht ins Wanken gebracht. Der Schritt in die Illegalität führte oft eher zur politischen Isolation als zur Organisierung gesellschaftlicher Kämpfe. Das Problem sozialer Ohnmacht verschwand nicht durch Waffen – es bekam nur schlechtere Kommunikationsstrukturen.

Aber genau diese historische Niederlage benutzt der Staat bis heute als ideologische Dauerwerbesendung. Die Botschaft lautet nicht bloß: „Die RAF ist gescheitert.“ Die Botschaft lautet: Wer Eigentum und Herrschaft grundsätzlich infrage stellt, endet irgendwann entweder im Knast oder in einer vierteiligen ARD-Dokumentation mit düsterem Klaviersoundtrack.

Die eigentliche Funktion dieser Erzählung ist Abschreckung. Jede Kritik am Kapitalismus soll nach Rauch, Konspiration und den Geistern gescheiterter Untergrundträume riechen – deshalb machen die deutschen Sicherheitsorgane aus dem Prozess gegen die gewaltfreien Ulm5 ein Spektakel aus dem Wildtierpark: Menschen, die keiner Seele schadeten und nichts weiter taten, als Sand in Israels Kriegsmaschine zu streuen, sitzen in Stammheim in Käfigen, die Hände in Handschellen, hinter Sicherheitsglas. Hauptsache, die Inszenierung sitzt.

Die Geschichte der RAF wird nicht erinnert, um sie zu verstehen, sondern um jede Vorstellung gesellschaftlicher Veränderung prophylaktisch mit einem fehlgeleiteten Sicherheitsdiskurs zu überziehen.

Der Staat will historisch gewinnen

Darum geht es im Fall Klette längst nicht mehr nur um Strafverfolgung. Der Staat will historisch gewinnen. Er will zeigen, dass er nie vergisst, nie vergibt und selbst nach Jahrzehnten noch genug Ressourcen besitzt, um eine pensionierungsreife ehemalige Untergrundfigur zu behandeln wie beim Finale eines LARPs zu Sicherheitsdiensten.

Und genau deshalb wirkt diese jahrzehntelange Jagd auch so grotesk. Beim „Nationalsozialistischen Untergrund“ verschwinden Akten. Rechte Netzwerke in Polizei und Bundeswehr produzieren institutionelle Erinnerungslücken. Nazis im Staatsapparat gelten oft als tragischer Einzelfall mit besonders schwieriger Aktenlage.

Beim NSU redet man von „Pannen“. Bei rechten Chatgruppen in Polizeibehörden von „problematischen Einzelfällen“. Wenn Munition verschwindet oder Todeslisten auftauchen, klingt der Staat oft wie ein überforderter Hausmeisterservice mit Verfassungsschutzlogo.

Aber bei der RAF funktioniert plötzlich alles. Da wird gesucht, verfolgt, archiviert und erinnert mit der emotionalen Hingabe einer Justiz, die ihre alten linken Feindbilder behandelt wie andere Menschen ihre Ex-Beziehungen: offiziell längst abgeschlossen, aber heimlich täglich auf dem Profil.

Das nervöse „Ende der Geschichte“

Gilt die eigentliche Angst dieses Systems wirklich Daniela Klette als Person – oder vielmehr der Möglichkeit, dass Menschen wieder anfangen könnten, Eigentum und Macht grundsätzlich infrage zu stellen?

Denn der Kapitalismus präsentiert sich gern als alternativlose Normalität – als das, was Francis Fukuyama einst das „Ende der Geschichte“ nannte: liberale Demokratie, Marktwirtschaft und bitte keine weiteren Fragen. Geschichte beendet. Systemfrage geschlossen. Vielen Dank für Ihren Besuch im ideologischen Freizeitpark der westlichen Moderne.

Seine Repressionsapparate benehmen sich allerdings erstaunlich oft wie Institutionen, die nachts heimlich kontrollieren, ob die Haustür auch wirklich abgeschlossen ist.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Republik selbst Jahrzehnte später noch immer so hysterisch auf die Gespenster des radikalen Widerstands ihrer Vergangenheit reagiert. Denn wer sich seiner gesellschaftlichen Ordnung wirklich sicher wäre, müsste nicht seit vierzig Jahren öffentlichkeitswirksam Krieg gegen die Untoten der eigenen linken Geschichte spielen.

Oder anders gesagt: Ein System, das sich ständig als alternativlos inszeniert, wirkt erstaunlich nervös, sobald jemand anfängt, tatsächlich über Alternativen nachzudenken.

Ian Nadge stammt ursprünglich aus Australien. Er ist Aktivist und Publizist und lebt seit einigen Jahren in Niedersachsen. Ian beschäftigt sich vor allem mit autoritärem Umbau, materialistischem Antifaschismus, Kapitalismuskritik und staatlicher Repression in Ost- und Mitteleuropa sowie Deutschland.

Jakob Reimann ist etos.media-Redakteur für Außenpolitik und beschäftigt sich hauptsächlich mit Kriegen und Konflikten in Westasien und Nordafrika (WANA), der Jemen und Palästina/Israel als seine Schwerpunkte. Darüber hinaus schreibt er über Militarismus und Geopolitik sowie über die extreme Rechte und den autoritären Staatsumbau in der BRD. Als Gründungsmitglied des AK Antimilitarismus ist Jakob Mitherausgeber des im November bei PapyRossa veröffentlichen Sammelbands »Die große Mobilisierung«.

Hier könnt ihr euch für seinen Newsletter eintragen.

Dir gefällt der Artikel? Dann unterstütze doch unsere Arbeit, indem Du unseren unabhängigen Journalismus mit einer kleinen Spende per Überweisung oder Paypal stärkst. 

Folgt etos.media gerne auf Instagram oder X.

Zahlungsmethode auswählen
Persönliche Informationen

Spendensumme: 3,00€

Teilen:

Facebook
Twitter
Pinterest
LinkedIn

Ein Kommentar

  1. Die RAF wurde aus Verzweiflung darüber gegründet, dass die Entnazifizierung abgebrochen wurde wegen des kalten Krieges (die alten Nazis wurden weiter gebraucht), und somit auch der neue Staat wieder zu einem Grossteil fest in Nazihand war.

    Es gab jedoch nie eine “Dritte Generation der RAF”. Die ist eine Geheimdiensterfindung, weil der Feind super praktisch war, um die Freiheit zu entfernen und wieder autoritäre Gesetze zu erlassen bis hin zur Beihilfe zum Totalitarismus. Deutsch eben.

Freiheitsliebe Newsletter

Artikel und News direkt ins Postfach

Kein Spam, aktuell und informativ. Hinterlasse uns deine E-Mail, um regelmäßig Post von Freiheitsliebe zu erhalten.

Neuste Artikel

Abstimmung

Sollte Deutschland die Waffenlieferungen an Israel stoppen?

Ergebnis

Wird geladen ... Wird geladen ...
Weiterelesen

Ähnliche Artikel

Ulm-5-Prozess: Eine Staatsfarce

In Stammheim zeigt sich durch ein ausführliches Sicherheitsspektakel im Prozess gegen eine Gruppe Palästina-Aktivist*innen die Selbstinszenierung des deutschen Justizsystems. Nach einem weiteren festgefahrenen Prozesstag nannte