Große europäische Gewerkschaften und Tausende Antimilitaristen versammelten sich in London und organisierten den Widerstand gegen den Kriegskurs europäischer Regierungen – sie machten deutlich, dass der Kampf gegen Hochrüstung und Militarismus untrennbar mit dem Kampf um die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern verbunden ist. Jörg Kronauer berichtet von der Internationalen Anti-Kriegs-Konferenz.
Sie wächst weiter, die europaweite Bewegung gegen Militarisierung und Krieg. In der vergangenen Woche legte die spanische Gewerkschaft UGT (Unión General de Trabajadores) eine Erklärung vor, in der sie sich offen gegen die aktuelle Hochrüstung und den dadurch erzwungenen Abriss der Sozialsysteme in ganz Europa aussprach. Der Anlass: Die UGT, rund eine Million Mitglieder stark, war mit einer Delegation auf der Internationalen Anti-Kriegs-Konferenz am 20. Juni in London vertreten, auf der fast 3.000 Menschen aus 28 Ländern laut und entschlossen der aktuellen Kriegspolitik in NATO und EU entgegengetreten waren. Rund zwei Dutzend Rednerinnen und Redner aus Europa, Nordamerika und Mittelost hatten die Kriege in Gaza und in Iran, im Sudan und im Kongo, aber auch den US-Überfall auf Venezuela und die Strangulierung Kubas durch die Vereinigten Staaten massiv kritisiert.
Man dürfe dabei aber nicht stehenbleiben, forderte Sophie Bolt, Generalsekretärin der Campaign for Nuclear Disarmament (CND), eine der Organisatorinnen der Konferenz: „Wir müssen eine weltweite Mehrheit für Frieden schaffen!“ Nur so, nur in intensiver internationaler Zusammenarbeit habe man eine Chance, die globalen Kriegstreiber zu stoppen.
Die Londoner Konferenz war bereits die zweite ihrer Art. Ein erstes internationales Treffen gegen den Krieg hatte am 5. Oktober 2025 mit mehr als 4.000 Teilnehmern im Dôme de Paris im Südwesten der französischen Hauptstadt stattgefunden. Auch dort waren Gewerkschaften schon stark beteiligt – und das war wichtig. Denn der Protest gegen die Militarisierung ist mit dem Protest für Arbeiterrechte und gegen die Kürzungsorgien bei Gesundheit, Bildung und Renten untrennbar verbunden.
Warum? Ein schönes Beispiel dafür hatte der scheidende britische Premierminister Keir Starmer geliefert, der im März 2025 erst chronisch Erkrankten und Rollstuhlfahrern fünf Milliarden Pfund strich, um nur wenig später mitzuteilen, er habe nun endlich die Mittel beisammen, um seinen Militärhaushalt um fünf Milliarden Pfund aufzustocken. Die Erkenntnis, dass Aufrüstung immer auch ein Angriff auf die Arbeiterklasse ist, hat sich in den vergangenen Jahren in vielen britischen Gewerkschaften durchgesetzt. Im Jahr 2022 hatte der Gewerkschaftsbund TUC (Trades Union Congress) noch gefordert, die Rüstungsausgaben zu erhöhen, um damit Arbeitsplätze in der Waffenindustrie zu schaffen. Im Jahr 2025 machte er dies rückgängig und forderte nun: „Wages not Weapons“ – „Löhne statt Waffen“. Das zeigt: Umdenken ist möglich.
Die Londoner Anti-Kriegs-Konferenz in der Central Hall Westminster – mitten im Machtzentrum der britischen Hauptstadt – wurde denn auch von 14 nationalen britischen Gewerkschaften offiziell unterstützt, darunter Unison, mit rund 1,4 Millionen Mitgliedern die größte im Land. Delegationen der CGT und der Force ouvrière aus Frankreich waren ebenso präsent wie Delegationen der UGT sowie der gleichfalls beinahe eine Million Mitglieder starken Comisiones Obreras (CCOO) aus Spanien und eine Delegation der Hafenarbeiter aus dem griechischen Piräus. Und dennoch: Die Londoner Konferenz sei „erst der Anfang“ gewesen, betonte die britische Stop the War Coalition, die Hauptorganisatorin des Events, im Anschluss: „Wir müssen die Chancen nutzen, die sich aus der Konferenz ergeben, um breiten Widerstand gegen die Kriegstreiber im In- und Ausland aufzubauen.“ Ein Mittel dazu: Gewerkschaften könnten, hob die Stop the War Coalition hervor, die Erklärung unterzeichnen, die auf der Konferenz vorgestellt wurde und die sich unter dem Motto „Welfare not Warfare“ gegen „Militarisierung und Wehrpflicht“ richtete.
Die spanische UGT ist einen Schritt weiter gegangen und hat, wie erwähnt, vergangene Woche sogar eine eigene Erklärung vorgelegt. Darin heißt es, die eigene Organisation – 1888 gegründet – sei „seit fast 140 Jahren Teil der internationalen Arbeiterbewegung“ und habe sich „stets entschlossen für die Verteidigung von Frieden, Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und den Rechten der Arbeiterklasse eingesetzt“. Man sei „zutiefst besorgt“ über die aktuelle internationale Lage, die „von steigenden militärischen Spannungen, Wettrüsten und der Steigerung der Verteidigungshaushalte in zahlreichen Ländern“ geprägt sei. Es gehe nicht an, dass das dafür verwendete Geld bei „Gesundheit, Bildung, Renten, sozialem Wohnungsbau, Pflege, Infrastruktur und anderen unverzichtbaren Dienstleistungen“ eingespart werde. Es seien stets „Arbeiterinnen und Arbeiter, die die ökonomischen und sozialen Folgen von Konflikten und der Austeritätspolitik“ trügen, die die Konflikte so häufig begleite.
Die UGT gibt sich kämpferisch. „Die Gewerkschaftsbewegung kann der Militarisierung von Wirtschaft und Gesellschaft nicht gleichgültig gegenüberstehen“, heißt es in ihrer Erklärung; „im Gegenteil, sie hat die Pflicht einzugreifen, wenn versucht wird, ein Modell, das auf Wohlfahrt, guter Beschäftigung und sozialem Zusammenhalt basiert, durch ein anderes zu ersetzen, das von der Logik des Kriegs und von Wirtschaftsinteressen getragen wird, die mit der Rüstungsindustrie verbunden sind.“ Sie wolle daran erinnern, „dass ihre Ursprünge eng mit dem Internationalismus der Arbeiter und der Überzeugung verbunden sind, dass die Probleme der Arbeiterklasse keine Grenzen kennen“. Sie bekräftige zudem „ihr Engagement für internationale Zusammenarbeit, Solidarität zwischen den Völkern und die Verteidigung des Rechts der Völker, frei über ihre Zukunft zu entscheiden“ – und sie wolle „die Botschaft übermitteln, dass Frieden keine passive Haltung ist, sondern etwas, das Engagement, soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Solidarität zwischen den Völkern erfordert“.
Kämpferisch gibt sich im Rückblick auf die Konferenz auch Eddie Dempsey, Generalsekretär der größten britischen Eisenbahnergewerkschaft RMT. Die RMT habe „eine lange und stolze Geschichte des Internationalismus und des Kampfs für Frieden auf der ganzen Welt“. Aktuell befinde man sich „in einer Zeit, die an die Ära vor dem Ersten Weltkrieg erinnert“, warnt Dempsey: „Die Gefahren, denen die Völker der Welt gegenüberstehen, könnten mit Blick auf die zunehmende Militarisierung, die Kriegstreiberei und die Angriffe auf Bürgerrechte rund um den Globus nicht ernster sein.“ Dabei lasse sich „nationale Sicherheit nicht in Raketen messen“; sie messe sich vielmehr „in sicheren Wohnungen und guten Arbeitsplätzen, in guten Renten und einer ordentlichen Gesundheitsversorgung, in Bildung für unsere Kinder und darin, dass wir unsere älteren Mitmenschen im Winter warmhalten“ – eine Anspielung auf Starmers gescheiterten Versuch, bedürftigen Senioren die Heizkostenzuschüsse im Winter zu streichen, um letztlich massive Aufrüstung zu ermöglichen. „Die RMT unterstützt den Aufruf der Gewerkschaften auf der ganzen Welt, sich Krieg und dem zunehmenden Militarismus entgegenzustellen“, erklärt Dempsey: „Die Bande der Solidarität, die sich über den gesamten Globus erstrecken, sind die mächtigste Waffe, über die unsere Arbeiterbewegung verfügt.“


