In den Tod getrieben

Ob Kampfgebiet oder „safe zone“: In Gaza töten sie überall. By Abedallah Alhaj, UNRWA, CC BY-SA 3.0 (edited).

Die Taktik der israelischen Besatzungstruppen in Gaza ist derart perfide, dass sie sich kaum in Worte fassen lässt: Israel treibt Menschen von Gaza City nach Süden – und bombardiert dann auf der Flucht die Trucks der Vertriebenen.

Am 9. Oktober 2023 – zwei Tage nach dem Überfall palästinensischer Gruppen auf Israel und dem beginnenden Völkermord gegen die Palästinenser in Gaza – verhängte Israels damaliger Kriegsminister Yoav Gallant die „vollständige Belagerung“ um den ohnehin abgeriegelten Küstenstreifen: „Kein Strom, kein Essen, kein Wasser, kein Treibstoff – alles ist dicht“, so Gallant in seiner Videobotschaft, die zum Symbol des Genozids werden sollte.

Vieh im Käfig

Wenige Tage darauf folgte dann am 13. Oktober erstmals die großskalige Anwendung des euphemistischen Konstrukts „Evakuierungsaufforderung“, mit dem sich die israelischen Besatzungstruppen fortan das Recht herausnahmen, nach Belieben Massaker an der Zivilbevölkerung zu begehen: 1,1 Millionen Menschen – knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung – sollen binnen 24 Stunden aus Gaza City und den anderen nördlichen Gebieten verschwinden, um Platz zu machen für die israelischen Merkava-Panzer, die kurz darauf vom Norden her einfallen sollten.

Seitdem jagte eine dieser „Evakuierungsaufforderungen“ die nächste und die Bevölkerung wurde sukzessive in den Süden gehetzt, bis sich an der Grenze zu Ägypten – Stichwort: #AllEyesOnRafah – ein Meer aus Geflüchtetenzelten ergoss. Der Überfall auf die Stadt galt bei den größten Völkermordkomplizen USA und BRD als „rote Linie“, die vom Netanyahu-Regime mit brutalster Härte – und freilich ohne Konsequenzen – in der Luft zerfetzt wurde. Als Rafah dann samt brennenden Zelten und verbrennenden Menschen dem Erdboden gleichgemacht wurde, wurden die Menschen von dort in diese und danach in jene Ecke getrieben – es ist schwer, den Überblick zu behalten.

Ende Januar dieses Jahres öffneten die israelischen Truppen zwangsweise die Checkpoints, die die Küstenenklave für über ein Jahr in zwei Teile schnitten, und Hunderttausende marschierten zurück gen Norden – die Bilder gingen Symbol des Krieges um die Welt. Es sind diese Menschen aus dem Norden, die dieser Tage erneut zu Hunderttausenden aus Gaza City verjagt werden.

Das Ziel der rechtsradikalen Regierung in Israel ist es, die gesamte Bevölkerung Gazas in die als „safe zone“ deklarierten Zeltstädte um Al-Mawasi östlich von Khan Younis am Mittelmeer beziehungsweise in die „humanitäre Stadt“ auf den Trümmern von Rafah zu pferchen. Die beiden ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert und Yair Lapid – beide ebenfalls zu Genüge mit palästinensischem Blut an den Händen – sprechen hier zutreffend von der Errichtung eines „Konzentrationslagers“. Die linksliberale israelische Zeitung Haaretz spitzt in einem Meinungsbeitrag zu, das wäre „das moralischste Konzentrationslager der Welt“.

Das Konzept „Evakuierungsaufforderung“ dient neben der militärstrategischen Bedeutung auch als zentrale Komponente in der psychologischen Kriegsführung, dem Mürbemachen der Bevölkerung: Erniedrigung und Entmenschlichung als unabdingbarer Teil des Völkermords. Die israelische Führung betrachtet die über zwei Millionen Menschen in Gaza als Vieh, das sie nach Gutdünken von der einen Ecke des Käfigs in die nächste treiben kann.

Die Tore zur Hölle

Am 16. September verkündete die israelische Führung dann den Beginn der Großoffensive gegen Gaza City. Um bei der systematischen Vernichtung des nördlichen Gazastreifens freie Hand zu haben, wurde eine Woche zuvor die nächste „Evakuierungsaufforderung“ ausgesprochen. Rund eine Million Menschen sollen in das „Konzentrationslager“ im Süden fliehen. Schließlich werde man „die Tore zur Hölle öffnen“, so der rechtsradikale Kriegsminister Israel Katz. „In der Stadt zu bleiben ist äußerst gefährlich“, erklärte ein Militärsprecher. Wieder produzierte Israel Bilder für die Geschichtsbücher.

Innerhalb der ersten zehn Tage, schreibt Le Monde, habe Israel „systematisch die urbane Infrastruktur zerstört“ – von einer Stadt, die eine jahrtausendealte Geschichte hat und zu den am dichtesten besiedelten Orten der Welt gehört. Eine Nachbarschaft nach der nächsten wurde ausradiert. Rund 1.700 Hochhäuser und Wohngebäude sowie 13.000 Zelte von Vertriebenen wurden zerstört, so laut Le Monde das jede Vorstellung sprengende Zeugnis der israelischen Raserei. Unter jedem einzelnen – zumindest, wollen wir den Faschisten in Tel Aviv oder ihrer Tagesschau-Pressestelle Glauben schenken – befand sich das Hamas-Hauptquartier.

Während Hunderttausende in Gaza City bleiben müssen, fliehen jene Menschen, die körperlich und finanziell in der Lage sind, in das „Konzentrationslager“ im Süden – und der Weg dorthin wird zur nächsten Todesfalle, in der israelische Drohnen und Kampfjets schon auf sie warten. Am vergangenen Samstag bombardierte Israel einen Truck mit Vertriebenen und tötete dabei vier Menschen, wie Reporterin Hind Khoudary für Al Jazeera vor Ort berichtete. Auch am Dienstag zuvor griffen israelische Kampfjets einen Truck mit Vertriebenen an und töteten fünf Menschen und verletzten, so euronews; das Videomaterial zeigt das brennende Fahrzeug.

Diese barbarische Taktik ist keineswegs neu, sondern wurde seit Beginn des Völkermords immer wieder angewandt: Am 13. Oktober 2023 bombardierten israelische Kampfjets einen ganzen Konvoi mit Geflüchteten, die auf einer zuvor von den Besatzungstruppen als „sichere Route“ deklarierten Straße aus der Hauptstadt flohen, und töteten kaltblütig 70 Menschen, wie vom britischen Guardian publizierte forensische Analysen ergaben. Die Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch oder Forensic Architecture stellen in ihren Berichten die Systematik hinter der Barbarei heraus, zuvor zur Flucht aufgeforderte Personen auf ihrem Fluchtweg zu töten.

Wer es aus den Todeszonen herausschafft, die Todesmärsche überlebt und es in die „safe zone“ schafft, ist dort freilich keineswegs in Sicherheit. Immer wieder verüben die israelischen Besatzungstruppen auch in Al-Mawasi blutige Massaker – mittels Drohnen, Kampfjets, Artillerie, Quadcoptern oder Scharfschützen; setzen Geflüchtetenzelte in Brand, in denen Menschen in den Flammen elendig zugrunde gehen. Anfang September griffen israelische Soldaten in Al-Mawasi per Drohne eine Gruppe von Menschen an, die an einer Wasserausgabestelle ihre Kanister befüllen wollten, und töteten so sieben Kinder. Zuvor hatte ein israelischer Militärsprecher die Leute auf Arabisch aufgefordert, in das Gebiet zu gehen, da es dort „Zugang zu medizinischer Versorgung, Wasser und Lebensmittel“ gebe.

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Eine Antwort

  1. Es ist erschütternd zu lesen, wie die israelische Führung Gaza City systematisch entvölkert und die Bevölkerung in „Konzentrationslager um Al-Mawasi drängt. Die Dehumanisierung und die Zerstörung von Lebensraum sind Teil eines kalkulierten Völkermords. Die „Evakuierungsaufforderungen sind reine Taktik, um die Menschen in die Hände zu lassen – dort, wo sie bereits auf Drohnenangriffe und Massaker warten. Die internationalen Medien und Regierungen schweigen oder handeln zu wenig. Es ist ein Skandal, dass dies passiert. Solidarität mit den Opfern und ein sofortiger停火 sind geboten.

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