Die Schutzschilde der Staatsräson – NAZA und die Normalität der Entmenschlichung

Drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 läuft mit NAZA ein Dokumentarfilm in den Kinos, in dem israelische Soldaten und Geheimdienstleute offen darüber sprechen, wie der Tod von Zivilisten in Gaza im Voraus einkalkuliert wurde, bei einzelnen Angriffen bis zu fünfhundert Menschen, die bereitwillig mit ermordet wurden. Nico Grönke hat den Film gemeinsam mit einem palästinensischen Kollegen gesehen und verbindet ihn mit seinen eigenen Erfahrungen aus Fortbildungen, aus dem Schulalltag und aus einer Öffentlichkeit, in der das Sterben in Gaza allzu oft relativiert oder verharmlost wird.

Wir betreten den Kinosaal. Etwas mehr als zwanzig Menschen haben sich eingefunden, ein Publikum, das sich nicht ohne Weiteres politisch zuordnen lässt, hier und da ein Palästinensertuch. Ich bin mit einem befreundeten Kollegen gekommen, einem Palästinenser, der wie ich Lehrer ist. Mit ihm kann ich über Dinge sprechen, über die man in Deutschland auch drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 nur schwer sprechen kann. Doch dazu später.

Der Film trägt den Titel NAZA. Die Abkürzung steht für das hebräische Nezek Agavi und bedeutet „Kollateralschaden“. Im militärischen Sprachgebrauch wird daraus eine Rechengröße für zivile Todesopfer, die bei einem Angriff in Kauf genommen werden: NAZA 20, NAZA 30, mitunter sogar NAZA 500. Hinter diesen Zahlen stehen Menschenleben.

Während ich auf den Beginn des Films warte, denke ich an die vergangenen drei Jahre zurück und an eine Frage, die mich seit Oktober 2023 nicht mehr loslässt: Wie kann es geschehen, dass das Leben der einen Menschen so viel weniger zu zählen scheint als das der anderen?

Eine Million Tote wären gerechtfertigt

In der zweiten Oktoberhälfte 2023 nahm ich an einer Lehrerfortbildung mit dem Titel „Über Israel und Palästina sprechen“ teil. Angemeldet hatte ich mich bereits vor dem 7. Oktober, nun hatte der Angriff der Hamas auf Israel die Voraussetzungen der Veranstaltung vollständig verändert. Auch ich empfand die Ermordung und Verschleppung israelischer Zivilisten durch die Hamas als entsetzlich. Zugleich hatte Israel mit massiven Luftangriffen auf den Gazastreifen begonnen, die Abriegelung des Gebiets angekündigt und die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern drastisch eingeschränkt. Eine Bodenoffensive stand bevor.

Ich meldete mich zu Wort und warnte davor, die palästinensische Bevölkerung kollektiv für die Verbrechen der Hamas verantwortlich zu machen. Eine umfassende militärische Offensive gegen ein so dicht besiedeltes Gebiet würde, so meine Befürchtung, in einem Massaker enden; ich sprach von Zehntausenden möglichen Todesopfern. Zugleich beschäftigte mich ein Missverhältnis in der deutschen Öffentlichkeit: Über Greta Thunbergs Oktopus-Kuscheltier und eine Äußerung Richard David Prechts, die antisemitische Stereotype bediente, wurde mit großer moralischer Schärfe diskutiert, während die Gewalt gegen die Bevölkerung Gazas bereits erschreckende Ausmaße annahm. Das eine machte die Kritik am anderen keineswegs überflüssig. Aber warum war die Empörung so ungleich verteilt?

Als ich diese Frage aufwarf, sprang ein junger Mann mit Rastalocken auf und rief mir entgegen: „Du bist ein Antisemit! Mit Antisemiten redet man nicht!“ Später entschuldigte sich eine der Veranstalterinnen bei mir. Ich suchte dennoch das Gespräch mit dem jungen Mann und stellte ihm eine hypothetische Rechnung auf: Wenn man für die Tötung eines Hamas-Kämpfers dreißig bis vierzig zivile Todesopfer akzeptiere und von ungefähr zwanzigtausend Hamas-Kämpfern ausgehe, spreche man rechnerisch von sechshunderttausend bis achthunderttausend getöteten Zivilisten. Ich fragte ihn, ob er das ernsthaft für gerechtfertigt halte.

Er bejahte. Selbst eine Million Tote seien gerechtfertigt, erklärte er mir, schließlich hätten die Menschen in Gaza alle etwas mit der Hamas zu tun. Ich war fassungslos. Vor mir stand ein junger Mann, der sich offenbar als Antifaschist verstand, und rechtfertigte die mögliche Tötung einer Million Menschen, nicht aufgrund individueller Schuld, sondern aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Bevölkerung. Damals wusste ich noch nichts von NAZA. Doch die Bereitschaft, Menschenleben zu einer abstrakten Rechengröße zu machen, war mir bereits begegnet.

Wenn Menschen zu Zahlen werden

Im Dezember 2023 erklärte der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter bei Markus Lanz, dass die israelische Armee für die Tötung eines Hamas-Führers dreißig bis vierzig zivile Todesopfer akzeptiere. Wieder diese Zahlen.

Im April 2024 las ich dann die Recherchen des israelischen Journalisten Yuval Abraham für +972 Magazine und Local Call über den Einsatz künstlicher Intelligenz in der israelischen Kriegsführung. Ein System namens „Lavender“ soll Zehntausende mutmaßliche Mitglieder bewaffneter palästinensischer Organisationen als potenzielle Ziele markiert haben. Ein weiteres System, „Where’s Daddy?“, diente den Recherchen zufolge dazu, Zielpersonen in ihren Wohnhäusern zu lokalisieren, also ausgerechnet dort, wo sich gewöhnlich auch ihre Familien aufhalten. Zivile Todesopfer wurden in dieser Kriegsführung im Voraus einkalkuliert.

Währenddessen begegnete mir in Deutschland immer wieder dieselbe Erklärung für das Sterben der Zivilbevölkerung: Die Hamas benutze Menschen als Schutzschilde. Auch die Antilopen Gang formulierte in ihrem Lied Oktober in Europa: „Zivilisten in Gaza sind Schutzschild der Hamas.“ Natürlich müssen Vorwürfe über die militärische Nutzung ziviler Einrichtungen untersucht werden. Doch selbst wenn sie in konkreten Fällen zutreffen, entbinden sie eine Armee nicht von ihren völkerrechtlichen Verpflichtungen.

Im Januar 2024 erschien in der Jüdischen Allgemeinen ein Kommentar von Tobias unter der ursprünglichen Überschrift „Die Zivilisten in Gaza sind nicht unschuldig“. Ronen Steinke widersprach wenige Tage später mit dem Beitrag „Zivilisten sind Zivilisten, auch in Gaza“. Als Kiesewetter im Juni 2025 bei Markus Lanz erneut auf die dreißig bis vierzig zivilen Todesopfer angesprochen wurde, verwies er auf die Verantwortung der Hamas. Die Nahostexpertin Kristin Helberg widersprach ihm entschieden und forderte konkrete Belege für die behauptete militärische Nutzung ziviler Einrichtungen.

Genau darum geht es: Eine allgemeine Behauptung über menschliche Schutzschilde ersetzt weder den Nachweis eines militärischen Ziels noch die Prüfung der Verhältnismäßigkeit eines Angriffs. In der deutschen Öffentlichkeit schien mir der Hinweis auf Schutzschilde dennoch häufig eine andere Funktion zu erfüllen: Er verschob die Aufmerksamkeit von den Entscheidungen des israelischen Militärs auf eine pauschale Verantwortung der Hamas. Ich begann mich zu fragen, welche Schutzschilde eigentlich unsere eigene Gesellschaft vor der Auseinandersetzung mit diesem Leid bewahren.

Wenn getötete Kinder zu Fake News werden

Diese Frage begleitet mich auch in meinem Berufsalltag. Ich bin Lehrer an einer Gesamtschule im Ruhrgebiet. Viele unserer Schülerinnen und Schüler haben familiäre Wurzeln in Palästina, Syrien, im Libanon, in Jordanien oder anderen Ländern der Region, manche haben Angehörige in Gaza. Auch Kolleginnen und Kollegen sind persönlich betroffen. Ich erlebe, dass manche nur sehr vorsichtig über das Geschehen sprechen, aus Sorge, unter Antisemitismusverdacht zu geraten. Schon diese Angst sagt etwas über die Atmosphäre aus, und dass sie nicht unbegründet ist, zeigt der Fall des hessischen Lehrers Julian Hundt.

Bei einer Lehrerfortbildung zum Thema Fake News berichtete der Referent von einem Schüler, der ihn gefragt hatte, ob es stimme, dass Israel Kinder töte; er habe das auf TikTok gesehen. Für den Referenten schien diese Frage ein Beispiel für problematische Informationen aus sozialen Medien zu sein. Ich traute meinen Ohren nicht. Zu diesem Zeitpunkt lagen längst umfangreiche Berichte internationaler Organisationen, von Ärzten und Menschenrechtsgruppen über die Tötung Tausender Kinder in Gaza vor. Ich widersprach und verwies auf die dokumentierten Opferzahlen.

Auch die Frage, ob die israelische Kriegsführung als Genozid einzuordnen ist, gehört zu einer sachlichen Auseinandersetzung. Der israelisch-amerikanische Historiker und Genozidforscher Omer Bartov, die israelischen Menschenrechtsorganisationen B’Tselem und Physicians for Human Rights Israel sowie Amnesty International sind zu dieser Bewertung gelangt. Eine unabhängige Untersuchungskommission der Vereinten Nationen stellte im September 2025 ebenfalls fest, dass Israel in Gaza Völkermord begehe. Israel weist diesen Vorwurf zurück, und von einer abschließenden gerichtlichen Klärung sind solche Bewertungen zu unterscheiden. Gerade als Lehrer halte ich es für notwendig, diese Fragen differenziert und kontrovers zu behandeln, ohne dokumentierte Tatsachen zu relativieren.

Ähnliche Schwierigkeiten begegneten mir, als ich mit meiner damaligen Klasse den Dokumentarfilm No Other Land sehen wollte. Den von mir vorgesehenen Gesprächsgast Jules El-Khatib ließ die Schulleitung aus Sorge vor einseitiger Beeinflussung nicht zu; den Film selbst konnte ich nach einem Gespräch mit meinem Schulleiter zeigen. Auch außerhalb der Schule erlebte ich, wie schwierig eine öffentliche Auseinandersetzung über Gaza geworden war: Eine vom Friedenspolitischen Forum Oberhausen mitorganisierte Veranstaltung konnte nach Druck auf den vorgesehenen Veranstaltungsort nicht stattfinden. Woher dieser Druck genau kam, kann ich nicht abschließend belegen. Es sind unterschiedliche Erfahrungen, doch sie werfen dieselbe Frage auf: Warum fällt es uns so schwer, über das Leid der palästinensischen Bevölkerung offen zu sprechen?

Über den Dächern von Tel Aviv

All diese Erinnerungen begleiten mich, als NAZA beginnt. Der Film von Yuval Abraham und Rachel Szor, die bereits zum Regieteam von No Other Land gehörten, wählt eine ungewöhnliche Form: Auf den Dächern Tel Avivs berichten aktive und ehemalige Angehörige des israelischen Militärs und der Nachrichtendienste über ihre Beteiligung an den Operationen in Gaza. Ihre Identitäten werden geschützt.

Immer wieder zeigt die Kamera die Stadt: Hinter den Fenstern treiben Menschen Sport, kümmern sich um ihre Kinder, leben ihr Leben, während wenige Meter entfernt andere davon berichten, wie Menschen überwacht, ausgewählt und getötet wurden. Gerade diese Gegenüberstellung macht für mich die besondere Qualität des Films aus.

Wie erzählt man von massenhafter Gewalt? Wie findet man eine angemessene Form für das Unvorstellbare? Ich musste an Paul Celans Todesfuge denken und an die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen künstlerischer Darstellung menschlicher Grausamkeit. Die historischen Ereignisse sind nicht gleichzusetzen, die Frage nach ihrer Darstellbarkeit aber stellt sich erneut. Der Film verzichtet über weite Strecken auf die Bilder zerstörter Körper und verzweifelter Angehöriger, die wir aus Gaza kennen, und zwingt uns stattdessen zuzuhören. Gerade dadurch wird das Geschehen unerträglich.

Die technische Organisation des Tötens

Was die Militärangehörigen erzählen, erschüttert durch die Nüchternheit, mit der sie darüber sprechen. Sie berichten von umfassender digitaler Überwachung: Mobiltelefone werden zu Instrumenten der Kontrolle, Menschen zu Datensätzen. Die Sprache des Militärs verwandelt menschliches Leben in Kategorien und Zahlen. Hier erhält der Filmtitel seine erschreckende Bedeutung. NAZA. Kollateralschaden. Ein Interviewpartner berichtet, dass für die Tötung eines hochrangigen Hamas-Mitglieds sogar fünfhundert zivile Todesopfer genehmigt worden seien. Fünfhundert Menschen, deren Tod im Voraus einkalkuliert wird.

Besonders bedrückend sind die Aussagen über Schüsse auf Menschen in der Nähe von Essensausgaben, die vorgegebene Grenzen überschritten hätten. Als von zwanzig bis dreißig Getöteten die Rede ist, fragt Yuval Abraham nach, ob damit ein Tag gemeint sei. Nein, lautet die Antwort: eine Stunde.

Der vom britischen Guardian koproduzierte Film stützt sich auf investigative Recherchen und vertrauliche Zeugenaussagen, die zum Teil bereits in +972 Magazine, Local Call und im Guardian veröffentlicht wurden. Die israelische Armee bestreitet wesentliche Vorwürfe.

Ein anderer Beteiligter erklärt offen, dass ihm das Töten Spaß gemacht habe. Doch der Film zeigt auch eine andere Form der Beteiligung an Gewalt: Menschen aus gebildeten bürgerlichen Familien, die betonen, keine Araber zu hassen. Sie erzählen von angesehenen Schulen und anspruchsvoller Ausbildung, und ihre gesellschaftliche Herkunft scheint ihnen beinahe als Beleg ihrer moralischen Integrität zu dienen. Ich nehme ihnen ab, dass Hass für manche tatsächlich keine entscheidende Rolle spielt. Doch genau darin liegt das Erschreckende.

Man muss einen Menschen offenbar nicht hassen, um an seiner Tötung beteiligt zu sein.

Man kann kultiviert sein, reflektiert sprechen, aus einem angesehenen Elternhaus stammen und dennoch Teil einer bürokratisch organisierten Gewaltmaschinerie werden.

Die Banalität des Bösen

Besonders nachdenklich macht mich ein an der Entwicklung der Software Beteiligter. Er weist persönliche Verantwortung zurück: Er habe lediglich die Technik entwickelt, andere hätten über ihren Einsatz entschieden, und hätte er es nicht getan, dann eben jemand anders. Als Deutschlehrer denke ich an Friedrich Dürrenmatts Die Physiker und an die Frage, welche Verantwortung Wissenschaftler für die Folgen ihrer Arbeit tragen. Und natürlich an Hannah Arendts Begriff der Banalität des Bösen, nicht weil die Verbrechen banal wären, sondern weil die Beteiligung an ihnen zur gewöhnlichen beruflichen Pflichterfüllung wird. Der eine entwickelt Software, der andere identifiziert ein Ziel, ein Dritter erteilt die Freigabe. Niemand will das Ganze verantworten.

Ein Militärangehöriger erzählt, er habe sich früher gefragt, wie Menschen an den nationalsozialistischen Massenverbrechen beteiligt sein und danach einfach in ihren Alltag zurückkehren konnten, wie jemand nach einem Massenmord etwa wieder sein Psychologiestudium aufnehmen könne. Heute könne er das besser verstehen. Es ist diese Gleichzeitigkeit, die mich erschüttert: die Beteiligung an massenhafter Gewalt und die scheinbare Normalität des bürgerlichen Lebens. Hinter den Fenstern Tel Avivs geht der Alltag weiter.

Die Schutzschilde der Staatsräson

Vielleicht liegt hier die eigentliche gesellschaftliche Frage des Films. Menschen besitzen die Fähigkeit zur Empathie, doch sie scheint nicht unabhängig davon zu sein, wer leidet und auf welcher Seite eines Konflikts die Opfer stehen. Wir berufen uns auf universelle Menschenrechte und die Würde des Menschen, in der politischen Wirklichkeit aber wird menschliches Leid offenbar nicht immer mit derselben Konsequenz anerkannt. Das ist für mich ein selektiver Humanismus.

Mehr als 73.000 Palästinenser wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza seit Beginn des Krieges getötet, darunter eine große Zahl von Kindern; die tatsächliche Zahl könnte höher liegen. Und dennoch begegnet mir immer wieder dieselbe Argumentationsfigur: die menschlichen Schutzschilde der Hamas. Dieser Hinweis kann aber keine pauschale Rechtfertigung für zivile Todesopfer sein.

Aus der historischen Verantwortung Deutschlands für den Holocaust erwächst eine besondere Verpflichtung zum Schutz jüdischen Lebens und zur Bekämpfung des Antisemitismus. Daraus kann aber keine Verpflichtung entstehen, jede Handlung einer israelischen Regierung zu rechtfertigen oder die Rechte der palästinensischen Bevölkerung geringer zu gewichten. Gerade aus unserer Geschichte sollte sich die Verpflichtung ergeben, die Würde des Menschen ohne Ausnahme zu verteidigen.

Was ist eigentlich der Schutzschild der deutschen bürgerlichen Gesellschaft?

Vielleicht ist es jene Staatsräson, hinter der sich eine selektive Wahrnehmung menschlichen Leids verbergen kann. Nicht unsere Fähigkeit zur Empathie ist verschwunden. Die Frage ist, wem wir sie noch zugestehen.

Ein Vater ruft nach seinen Kindern

Am Ende des Films gibt es eine Szene, die mich besonders erschüttert. Wir sehen ein zerstörtes Haus. Ein Vater sucht verzweifelt nach seinen Kindern und ruft ihre Namen, immer wieder.

Selma und Saaid.

Schließlich fragt er, warum Saaid nicht auf seine Schwester aufgepasst habe. Es ist ein Moment, in dem jede politische Analyse verstummt.

Schon während des Films hatte ich bemerkt, wie mein palästinensischer Kollege mit den Tränen kämpfte, doch diese letzte Szene überwältigt ihn. Als wir das Kino verlassen, beginnt er zu weinen. Er erzählt mir von einem Freund, der in Gaza seine beiden Kinder verloren hat. Sie hießen ebenfalls Selma und Saaid, und genau diese Übereinstimmung hat ihn so tief getroffen.

Plötzlich bekommen die vielen Zahlen zwei Namen, zwei Kinder, hinter denen Eltern, Angehörige und Freunde stehen, deren Leben für immer verändert ist. Während wir in Deutschland über Hamas-Kämpfer, Opferzahlen, Kollateralschäden und menschliche Schutzschilde diskutieren, ruft ein Vater in den Trümmern nach seinen Kindern. Selma und Saaid.

Als ich im Dezember 2024 über den Dokumentarfilm No Other Land schrieb, fasste ich meine Gefühle nach dem Kinobesuch in die Worte „Resignation, Ohnmacht und Wut“. Heute, nach NAZA, stelle ich fest, dass sich etwas verändert hat. Die Wut ist weitgehend verschwunden, geblieben sind Ohnmacht und Resignation, und hinzugekommen ist eine tiefe Trauer. Vielleicht liegt es an den unzähligen Diskussionen, Berichten und Bildern der vergangenen Jahre, daran, dass immer neue Erkenntnisse über das Ausmaß der Gewalt ans Licht kommen und sich an den Rechtfertigungsmustern der deutschen Öffentlichkeit dennoch so wenig ändert.

Mein Kollege sagt, dass er keinen Hass empfinden möchte. Dieser Satz berührt mich vielleicht mehr als alles andere an diesem Abend. Ich denke an die Männer auf den Dächern Tel Avivs, an die technischen Systeme, die Menschen zu Zahlen machen, an den jungen Mann, der mir im Oktober 2023 erklärte, selbst eine Million Tote seien gerechtfertigt. Und an meinen Kollegen, der um die Kinder seines Freundes weint und trotzdem keinen Hass empfinden möchte.

Draußen geht das Leben weiter, so wie hinter den Fenstern Tel Avivs, so wie bei uns. Vielleicht ist es gerade diese Normalität, die mich an NAZA am meisten erschüttert: dass Gesellschaften Wege finden, das Leid anderer aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen, während ihr Alltag weitergeht. Ich schreibe diesen Text, weil ich mich damit nicht abfinden möchte.

Und während ich diese Zeilen schreibe, merke ich, dass sich meine Wut in Zorn verwandelt hat. Es fällt mir schwer, an die öffentlichen Äußerungen eines Roderich Kiesewetter oder eines Tobias Huch zu denken, ohne dass dieser Zorn wieder aufkommt, und ebenso schwer, ihn in Worte zu fassen, die der Schwere des Empfundenen gerecht werden, ohne in persönliche Herabsetzungen oder vorschnelle Anschuldigungen zu verfallen. Vielleicht liegt darin die eigentliche Herausforderung dieses Textes: den Zorn nicht zu verleugnen, ihm aber auch nicht das letzte Wort zu überlassen.

Denn am Ende geht es nicht um meine persönliche Empörung. Es geht um Selma und Saaid, um ihren Vater, um die Kinder des Freundes meines Kollegen und um die vielen Menschen, deren Namen wir niemals erfahren werden.

Welche Schutzschilde müssen wir in unserer eigenen Gesellschaft einreißen, damit wir das Leid der anderen wieder als das erkennen, was es ist – menschliches Leid?

Vielleicht beginnt wirklicher Humanismus genau dort, wo wir uns weigern, dieses Leid weiterhin zu übersehen.

Nico Grönke ist Mitglied der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft und arbeitet seit 14 Jahren als Lehrer für Deutsch und Gesellschaftslehre an einer großen Gesamtschule im Ruhrgebiet. Er engagiert sich für Friedenspolitik und gesellschaftliche Gerechtigkeit und sucht unter anderem im Friedensforum Oberhausen die Vernetzung mit unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Initiativen und Gruppen. An seiner Schule war er viele Jahre im Team „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ aktiv und organisierte Veranstaltungen und Projekte gegen antimuslimischen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung.

Nico Grönke

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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