Drei Jahre nach Beginn des Krieges und ein Jahr nach dem Beginn des sogenannten „Waffenstillstands“ vom Oktober 2025 ist die Berichterstattung über Gaza mehr oder weniger beendet. Doch während die Berichte und Aufmerksamkeit endeten, endete Israels Gewalt nicht 1.483 Palästinenserinnen und Palästinenser wurden ermordet und 5.299 verletzt. Abed Schokry hat die ersten sieben Monate des Krieges in Gaza erlebt, heute lebt er in Deutschland. In seinem Text beschreibt er, was hinter den Zahlen steht, die hier vermeldet werden, und was die Menschen in Gaza brauchen: Schutz, Hilfe und endlich eine Perspektive.
Ich komme aus Gaza. Die ersten sieben Monate dieses Krieges habe ich dort selbst erlebt. Heute lebe ich in Deutschland, aber ein Teil von mir ist noch immer dort: bei meiner Familie, meinen Freunden und bei den Menschen, die jeden Tag versuchen, unter Bedingungen zu überleben, die sich kaum in Worte fassen lassen und die sich niemand vorstellen kann, der sie nicht selbst erlebt hat.
Wenn man in Deutschland über Gaza spricht, hört man oft Zahlen. Seit Beginn des Krieges am 7. Oktober 2023 wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 73.783 Menschen getötet und 174.738 verletzt. Dazu kommen Vertriebene und zerstörte Häuser. Doch hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Eine Mutter, die versucht, ihre Kinder zu schützen, ein Vater, der nicht weiß, woher die nächste Mahlzeit kommt, ein Kind, das nicht mehr weiß, wie ein normales Leben aussieht.
Die humanitäre Katastrophe
Die humanitäre Katastrophe ist längst nicht vorbei. Nach Angaben der Vereinten Nationen leben rund 1,7 Millionen Menschen, etwa 80 Prozent der Bevölkerung, als Vertriebene an mehr als 1.600 Orten unter extremer Belastung. Der Dänische Flüchtlingsrat spricht in einem Bericht vom 1. Oktober 2026 sogar von 1,8 Millionen Menschen, 86 Prozent der Bevölkerung, verteilt auf 1.739 Vertriebenenlager. Viele wohnen in überfüllten Zeltlagern oder beschädigten Gebäuden. In fast 250 dieser Orte, in denen etwa 250.000 Menschen leben, wurde zudem nicht explodierte Munition gemeldet. Nach Hause zurückkehren können die meisten nicht: Zu Beginn des Waffenstillstands lagen 58 Prozent des Gazastreifens östlich der von Israel kontrollierten Linie, bis Mai 2026 waren es nach israelischen Angaben 60 Prozent. Rund 90 Prozent der zivilen Infrastruktur sind zerstört, die Vereinten Nationen schätzen die Kosten des Wiederaufbaus auf etwa 70 Milliarden Dollar.
Sauberes Wasser, medizinische Versorgung und funktionierende sanitäre Anlagen sind nicht selbstverständlich. Nach Schätzung der UN sind 98 Prozent des verfügbaren Wassers nicht trinkbar, fast 90 Prozent der Wasserinfrastruktur sind beschädigt oder zerstört. Krankheiten wie Durchfall und Atemwegsinfektionen sind weit verbreitet. Allein in den ersten beiden Monaten 2026 wurden rund 81.000 Fälle von akutem wässrigem Durchfall registriert, mehr als 36.000 davon bei Kindern unter fünf Jahren. Kinderkrankheiten wie Windpocken gehören zum Alltag, obwohl sie vor dem Krieg kaum noch vorkamen. Das Gesundheitsministerium zählt seit Jahresbeginn mehr als 58.000 Fälle, die WHO meldete Anfang Juli rund 9.300 Fälle in nur zwei Wochen. Mehr als die Hälfte der Haushalte berichtet von Hautkrankheiten, Flöhen, Läusen und Krätze. Und viele Kinder hungern: Bis Mitte Oktober 2026 rechnet die IPC mit 101.000 akut mangelernährten Kindern, 31.000 von ihnen in akuter Lebensgefahr.
Gesundheitskatastrophe
Gleichzeitig fehlen Medikamente und medizinisches Material. Nur gut die Hälfte der Krankenhäuser arbeitet überhaupt, und das nur eingeschränkt, kein einziges ist voll funktionsfähig. Allein in diesem Jahr hat die WHO 22 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen dokumentiert. Mehr als 43.000 Menschen brauchen langfristige Rehabilitation, darunter rund 10.000 Kinder, die auf Prothesen und Hilfsmittel angewiesen sind. Viele Güter lässt Israel nicht hinein, weil sie angeblich auch militärisch nutzbar seien. In Jordanien wartet seit Monaten ein vorgefertigtes Krankenhaus darauf, nach Gaza gebracht zu werden.
Es fehlen auch Treibstoff und Ersatzteile für die Stromgeneratoren, die seit drei Jahren ununterbrochen laufen. Private Generatoren sind die einzige Stromquelle für Haushalte, Krankenhäuser, Schulen und Betriebe. Von 111 Generatoren, die Krankenhäuser versorgen, sind 72 ausgefallen, rund 60 Krankenwagen stehen still, weil Treibstoff, Ersatzteile, Batterien und Reifen fehlen.
Besonders schwer ist es, mit anzusehen, dass Menschen nach allem, was sie bereits verloren haben, weiterhin keine Sicherheit und keine Perspektive haben. In Gaza geht es deshalb nicht nur um humanitäre Hilfe. Es geht um Würde: um Wasser, Nahrung, medizinische Behandlung, ein Dach über dem Kopf, Bildung und vor allem um die Möglichkeit, wieder ein normales Leben zu führen, das mehr ist als bloßes Überleben. Wie sehr die Menschen daran festhalten, zeigt sich in den Schulen: Am Unterricht der UNRWA nahmen im vergangenen Schuljahr 93 Prozent der Schülerinnen und Schüler teil. Ich wünsche mir, dass die Menschen in Gaza nicht nur als Bilder aus einem Krieg gesehen werden. Sie sind Menschen mit Namen, Familien, Erinnerungen, Hoffnungen und Träumen.
Ich lebe heute in Deutschland. Ich bin in Sicherheit. Und gerade deshalb fällt es mir schwer, die Not meiner Heimat aus der Ferne zu betrachten. Was ich mir wünsche, ist eigentlich etwas sehr Einfaches: dass Menschenleben und Menschenwürde geschützt werden, dass humanitäre Hilfe die Menschen erreicht und dass die Menschen in Gaza endlich die Möglichkeit bekommen, wieder in Frieden, Sicherheit und Würde zu leben.
Ein Beitrag von Prof. Dr. Abed Schokry, ehemaliger Professor an einer Universität in Gaza und Augenzeuge des Genozids.



