Scholastizid und deutsche Wissenschaft: Eine Bestandsaufnahme

Zerstörung in Gaza By Abedallah Alhaj, UNRWA, CC BY-SA 3.0 (edited).

Was bedeutet es, wenn nicht nur Menschen ermordet, sondern auch Universitäten, Schulen, Bibliotheken, Archive und Forschungsinfrastrukturen systematisch zerstört werden? Wenn Studierende, Lehrende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ermordet werden und mit ihnen institutionelles Gedächtnis, intellektuelle Kontinuität und gesellschaftliche Zukunft? Für diese Form der Vernichtung existiert ein wissenschaftlicher Begriff: Scholastizid. Eine Analyse von Prof. Dr. phil. Sabine Broeck.

Der folgende Text untersucht, wie deutsche Hochschulen, Wissenschaftsorganisationen und politische Institutionen auf die Zerstörung des palästinensischen Bildungswesens in Gaza reagieren oder eben nicht reagieren. Ausgangspunkt ist eine konkrete Episode an der Universität Bremen. Von dort aus weitet sich der Blick auf zentrale Akteure wie den Deutscher Akademischer Austauschdienst, den Deutscher Hochschulverband, das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Max-Planck-Gesellschaft, die Kultusministerkonferenz und die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen.

Die Bremer Episode

Im Mai 2024 holte das Rektorat der Universität Bremen die Polizei auf den Campus. Anlass waren die Forderungen einer kleinen Gruppe Studierender, die weder gewalttätig noch bedrohlich auftraten. Sie verlangten, dass sich das Rektorat explizit und proaktiv für eine Unterstützung palästinensischer Studierender durch den Deutscher Akademischer Austauschdienst einsetzt. Außerdem forderten sie, dass sich das Rektorat öffentlich gegen den Scholastizid in Gaza ausspricht.

Bis heute ist das Rektorat auf diese Forderungen nicht eingegangen, nicht mit einer einzigen Stellungnahme. Strafanzeigen gegen Beteiligte wurden später fallen gelassen, in einem Fall jedoch nur mit erheblichem finanziellen Aufwand für anwaltliche Unterstützung. Der institutionelle Effekt war dennoch erreicht. Einschüchterung und Kriminalisierung haben stattgefunden.

Diese Episode ist besonders aufschlussreich, weil es sich in Bremen um ein liberales Rektorat handelt, geprägt von Professorinnen einer postfeministischen Hochschulgeneration, die sich öffentlich zu Vielfalt, Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit bekennen. Doch diese Prinzipien scheinen ihre Grenze dort zu finden, wo Kritik an Israels Vorgehen in Gaza formuliert wird.

Hier stellt sich die Frage, was es über den Zustand der deutschen Wissenschaft aussagt, wenn die sogenannte Staatsraison eine solche Macht entfaltet, dass selbst liberale Akademikerinnen und Akademiker in eine Kampagne der Kriminalisierung eingebunden werden. Das Rektorat handelte, als sei ein politisches Signal bereits gegeben. Es nahm Maßnahmen vorweg, die wenige Monate später durch Bundestagsentschließungen gegen sogenannten Antisemitismus auf Grundlage der IHRA Definition gestützt wurden. Eine Antwort der Bremer Senatorischen Behörde auf eine Kleine Anfrage der FDP versprach in enger Abstimmung mit den Hochschulen eine künftige Kooperation mit Verfassungsschutz und Polizei bei Protesten. Im Akademischen Senat hatte es zu diesem Zeitpunkt noch keine einzige Debatte gegeben.

Die Schikanen gegen palästinasolidarische Studierende setzten sich fort. Politischer Druck aus der Bürgerschaft von CDU und FDP wurde nicht abgewehrt, sondern an die Studierenden weitergereicht, begleitet von Drohungen der Zensur bis hin zur Exmatrikulation.

Die Reaktion des Deutschen Hochschulverbandes

Im Februar 2024 veröffentlichte das Verbandsorgan Forschung und Lehre des Deutscher Hochschulverband eine Stellungnahme mit dem Titel „Kürzlich wurde die letzte betriebsfähige Universität zerstört“. Dieser Satz blieb die einzige markante Aussage.

In einem Gespräch mit dem Magazin erklärte eine Sprecherin des Deutscher Akademischer Austauschdienst, der DAAD biete verschiedene Förderprogramme an, die auch Menschen aus den palästinensischen Gebieten offenstehen. Auf der Website des DAAD hieß es zugleich, man sei zutiefst besorgt über das Leben und Wohlergehen der Angehörigen vor Ort, während die Zerstörung der Universitäten als Folge israelischer Selbstverteidigungsmaßnahmen nach dem Hamas Terroranschlag vom 7. Oktober 2023 beschrieben wurde.

Diese Kopplung aus Anerkennung der Zerstörung und rhetorischer Einbettung in eine sicherheitspolitische Logik erzeugt einen bemerkenswerten Zynismus. Die Universitäten seien zerstört und das Bildungssystem weitgehend zusammengebrochen, heißt es. Gleichzeitig bleibt die institutionelle Antwort auf symbolische Besorgnis beschränkt.

Auf der Website des DAAD zu Kooperationen mit den palästinensischen Gebieten ist von einem anhaltenden Konflikt die Rede. Die Qualität der wissenschaftlichen Ausbildung wird unter schwierigen Bedingungen gelobt. Von der vollständigen physischen Zerstörung des Bildungssystems und der Ermordung von Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist dort nicht die Rede.

Proaktive Kooperation mit Israel

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung reagierte nicht mit Zurückhaltung, sondern mit Intensivierung der Zusammenarbeit mit israelischen Einrichtungen, auch mit solchen, die im techno militärischen Bereich tätig sind. Im März 2025 unterzeichnete das Ministerium gemeinsam mit dem israelischen Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Technologie eine Absichtserklärung zur Stärkung der wissenschaftlichen Kooperation. Ziel war insbesondere der Austausch des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Im November 2025 würdigte das Ministerium anlässlich eines Jahrestages diplomatischer Beziehungen die engen wissenschaftlichen Partnerschaften. Eine klare Absage wurde allen Versuchen erteilt, israelische Wissenschaftseinrichtungen zu boykottieren. Mit der israelischen Wissenschaftsgemeinschaft stärke man eine tragende Säule eines demokratischen Israels.

Auf der Website des Ministeriums findet die Vernichtung aller neunzehn Universitäten in Gaza keine Erwähnung. Stattdessen wird betont, Israel liege in einer politisch fragilen Region und mit Wissenschaftsdiplomatie wolle man zu Stabilität im Nahen Osten beitragen.

Auch die Max-Planck-Gesellschaft eröffnete im Dezember 2024 ein Büro in Israel. Umfangreiche Forschungsprojekte mit israelischen Einrichtungen wurden neu gestartet oder fortgeführt. Eine Stellungnahme gegen den Scholastizid oder zur Zerstörung Gazas findet sich nicht. Proteste zahlreicher Max Planck Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler blieben ohne Resonanz. Im Gegenteil, Max Planck hat in den letzten 18 Monaten proaktiv zu den massiven Angriffen auf kritische Wissenschaftler beigetragen, als es die Zusammenarbeit mit Prof. Hage, einem dem Siedlerkolonialismus kritisch gegenüberstehenden Wissenschaftler, beendete.

Gegen Aussetzung der Zusammenarbeit

Während international immer mehr Universitäten und Wissenschaftlerinnen beginnen, ihre Kooperationen mit israelischen Einrichtungen, die in die techno-militärische Zerstörung des Gazastreifens involviert sind, kritisch zu überprüfen oder auszusetzen, wie Maya Wind in ihrer investigativen Monografie dokumentiert hat, zeigt sich die deutsche Wissenschaft entgegen dieser Bewegung besonders widerständig. Laut einem Bericht von Forschung & Lehre im Juli 2024 hat sich die „Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen“ dem Appell der Israelischen Akademie der Wissenschaften vom 20. Mai 2024 angeschlossen und Forderungen nach einem Boykott israelischer Forschender entschieden zurückgewiesen. In ihrer Erklärung heißt es: „Wir halten es für diskriminierend und verfehlt, Forschungskooperationen mit israelischen Wissenschaftseinrichtungen zu beenden, israelische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von internationalen Konferenzen und Auszeichnungen auszuschließen oder Förderanträge von Forschenden abzulehnen, die an israelischen Einrichtungen arbeiten.“ Der wissenschaftliche Austausch solle vielmehr weiterhin gefördert werden, um „drängende Probleme unserer Zeit gemeinsam“ anzugehen.

Nur wenige Tage später folgte die Kultusministerkonferenz (KMK) mit einer eigenen Erklärung. Jakob von Weizsäcker, KMK-Präsidiumsmitglied, betonte: „Wir positionieren uns entschieden gegen Boykottaktionen gegen Wissenschaft und Forschung in Israel. Die israelischen Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen sind für uns hoch geschätzte Partner und wichtige Stützen einer offenen Gesellschaft.“ Die KMK argumentiert, dass Wissenschaft auf internationalem Austausch beruhe und ein Boykott sowohl den Fortschritt hemme als auch den Prinzipien der Wissenschaftsfreiheit widerspreche.

Agnotologie

Der Deutscher Bildungsserver informiert sachlich darüber, dass große Teile der Bildungsinfrastruktur in den palästinensischen Gebieten zerstört wurden. Er verweist auf Berichte des Bildungsclusters der Vereinten Nationen und dokumentiert internationale Proteste.

Informationen sind also verfügbar, auch in deutscher Sprache und speziell für ein akademisches Publikum aufbereitet. Wenn dennoch kein kollektiver Aufschrei erfolgt, lässt sich dies nicht mit Unwissenheit erklären. In der Wissenschaft existiert ein Begriff für diese Praxis. Agnotologie bezeichnet nicht das Fehlen von Wissen, sondern die gezielte und strukturierte Verweigerung zugänglicher Erkenntnisse.

Am kommenden Samstag erscheint der zweite Teil, dieser befasst sich mit konkreten Verflechtungen deutscher Universitäten mit israelischen Forschungs- und Rüstungsinstitutionen, die Rolle europäischer Förderprogramme sowie die wachsenden internationalen und studentischen Initiativen für einen politischen Kurswechsel beleuchten.

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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