Antisemitismus in Deutschland: Kein Import, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem

In öffentlichen Debatten dominiert das Narrativ, Antisemitismus sei vor allem ein „importiertes“ Problem. Immer wieder wird suggeriert, dass Antisemitismus in Deutschland verschwunden gewesen und maximal noch bei einem kleinen Teil der Bevölkerung vorhanden sei. Erst durch Menschen mit Migrationsgeschichte aus muslimischen Ländern sei Antisemitismus wieder zum Problem geworden. Dieses Deutungsmuster ist attraktiv, denn es verlagert Verantwortung und schafft Feindbilder. Mit der Realität hat das Narrativ aber wenig zu tun, wie die vor kurzem veröffentlichte Studie „Importierter Antisemitismus? Empirische Befunde zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland“ zeigt.

Die Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) basiert auf einer repräsentativen Befragung von mehr als 6.000 Personen und analysiert unterschiedliche Formen antisemitischer Einstellungen: klassischen, sekundären, strukturellen und israelbezogenen Antisemitismus. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, das nicht auf eine Gruppe reduziert werden kann.

Was die Studie tatsächlich zeigt

Ein zentrales Ergebnis lautet: Ja, bestimmte Formen antisemitischer Einstellungen, vor allem sekundärer und israelbezogener Antisemitismus, kommen in Teilen der Befragten mit muslimisch geprägtem Migrationshintergrund häufiger vor. Aber die Studie zeigt ebenso deutlich, dass diese Unterschiede keineswegs die überragende Bedeutung haben, die das politische Narrativ nahelegt. Die höchste Zustimmung zu antisemitischen Aussagen findet sich insgesamt allerdings nicht bei Menschen mit Migrationsgeschichte, sondern bei Menschen ohne Migrationshintergrund, die politisch rechts orientiert sind. Insbesondere unter Anhängern der AfD finden sich hohe Zustimmungswerte zu antisemitischen Äußerungen, so stimmen 55 Prozent der Aussage zu, es störe sie, „immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören“.

Die Daten zeigen darüber hinaus, dass manifeste antisemitische Ressentiments, klassische Stereotype über Jüdinnen und Juden als „machtvoll“ oder „geldfixiert“, keineswegs verschwunden sind. Sie finden sich in verschiedenen Altersgruppen und sozialen Milieus der Mehrheitsgesellschaft. Die Vorstellung, Antisemitismus sei hierzulande lediglich ein Problem der Menschen mit Migrationsgeschichte, hält einer empirischen Überprüfung nicht stand.

Antisemitische Beschimpfungen – Ein deutsches Problem

Einen deutlichen Unterschied gibt es, wenn es um die Verwendung des Wortes „Jude“ als Schimpfwort geht. Unter Menschen, die vor kurzem aus muslimisch geprägten Ländern zugewandert sind, ist die Verwendung als Schimpfwort nahezu unbekannt. Kinder, die in Deutschland aufgewachsen sind, erleben diese Verwendung dagegen deutlich häufiger, unabhängig davon, ob es sich um Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund handelt.

Die Autorinnen und Autoren der Studie schreiben dazu: „Damit findet die sogenannte Importthese, wonach antisemitische Prägungen aus den Herkunftsgesellschaften übernommen werden, in diesen Daten
keine Bestätigung. Vielmehr deuten die Befunde auf Sozialisationsprozesse hin, die im deutschen Alltag
wirksam – vermittelt über Schule, Medien oder Peergroups – und damit eng mit den erinnerungskulturellen Dynamiken der Aufnahmegesellschaft verbunden sind“.

Fazit

Die neue DeZIM-Studie zeigt deutlich: Antisemitismus in Deutschland lässt sich nicht auf Migration oder Menschen mit Migrationshintergrund reduzieren. Er ist kein importiertes Phänomen, sondern ein tief verwurzeltes gesellschaftliches Problem mit vielfältigen Ursachen und Erscheinungsformen. Der politische Reflex, Antisemitismus vor allem als „Problem der Anderen“ oder als „Problem von Israelkritikern“ zu deuten, ist einfacher, aber er verhindert genau das, was nötig wäre: eine ehrliche Auseinandersetzung mit eigener Verantwortung, mit gesellschaftlichen Strukturen und mit historischen Kontinuitäten.

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