Linker Antisemitismus, ein Kampfbegriff um Kritik an Israel zu verhindern – Im Gespräch mit Gerhard Hanloser

„Linker Antisemitismus“ ist zum Kampfbegriff geworden. Spätestens seit dem 7. Oktober 2023 dient er dazu, Kritik an Israel als antisemitisch zu diskreditieren. Im Gespräch mit Gerhard Hanloser, Autor des Buchs „Linker Antisemitismus. Zur Kritik eines Kampfbegriffs„, geht es um die Mechanik dieser Instrumentalisierung. Das wichtigste Instrument die IHRA-Definition sowie in Deutschland der Bezug auf die Staatsräson. Das Interview zeichnet die Entwicklung eines Begriffs nach, der zur Waffe wurde um Kritik an Israel zu unterbinden.

etos.media: Seit einigen Jahren, insbesondere seit 2023, hat sich die Debatte um „linken Antisemitismus” verstärkt, wie kam es dazu?

Gerhard Hanloser: Nun, mit dem Angriff der Hamas auf das israelische Kernland und den genozidalen Krieg Israels gegen Gaza gehört dieser Begriff zu den ideologischen Kampfbegriffen, um eine scharfe Kritik an Israel als moralisch unstatthaft hinzustellen und zu silencen. Antisemitismus zu artikulieren gehört zu dem schärfsten und folgenschwersten Vorwurf in der Diskursanordnung der Bundesrepublik.

etos.media: Sie nennen „linken Antisemitismus” einen Kampfbegriff. Wie lässt sich das verstehen? Würden Sie sagen, es gibt „linken Antisemitismus”?

Gerhard Hanloser: Am deutlichsten fungiert die Diagnose „linker Antisemitismus” aktuell als Kampfbegriff, wenn es um Israel geht: Entgrenzte Antisemitismusdefinitionen wie jene der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) führen dazu, dass scharfe und fundamentale Kritik an Israel als „antisemitisch” gelabelt werden kann. Die IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus von 2016 ist mittlerweile kanonisiert. Sie lautet: „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.”

Mithilfe dieser wachsweichen Definition kann scharfe Kritik an Israel, das sich ja als „jüdischen Staat” definiert, schlicht als antisemitisch gewertet werden. Hier geht es darum, Besatzungskritik, Kritik an den siedlungskolonialen Ideologien und Praktiken Israels zu delegitimieren. Im Grunde wird „Haltet den Antisemiten!” gerufen, gemeint ist aber der antikoloniale, antiimperialistische oder menschenrechtliche Akteur.

Derart ist „linker Antisemitismus” ein Denunziationsmarker, um gesellschaftskritische und fundamentaloppositionelle Positionen zu treffen. Der Antisemitismusvorwurf dient als Abwehrmechanismus gegen die Thematisierung von aktuellem Unrecht, das den Palästinensern durch die israelische Politik angetan wird.

Gleichwohl ist auch in der langen Geschichte der linken Strömungen Antisemitismus zu beobachten. Leider gab und gibt es Antisemitismus unter Linken. Da der moderne Antisemitismus – neben einem Nationalismus oder Rassismus – Elemente des Rebellischen und etwas Pseudoantikapitalistisches beinhaltete, war er auch in sozialen Bewegungen von unten präsent. Indem der Antisemit oder die Antisemitin „den Juden” mit Geld, Finanzen, Kapitalismus oder ganz generell mit „Macht” assoziiert, macht er sich einen pseudokritischen Reim auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten. Der Antisemitismus transportierte immer auch etwas Pseudorebellisches und Pseudoantikapitalistisches. Wir wissen beispielsweise, dass führende Vertreter des Anarchismus nicht frei von Antisemitismus waren wie Michael Bakunin. Ein gescheiterter antisemitischer Terroranschlag von radikalen Linken der anarchistischen Szene der späten 60er ist bekannt. Hier hat ein Verfassungsschutzagent die Bombe geliefert. Ansonsten liegen die meisten, zuweilen strittigen Fälle, von Antisemitismus unter Linken im Bereich des Diskursiven, der Worte und der Wortwahl also.

Allerdings ist die Geschichte des realen Sozialismus von folgenschwerem Antisemitismus affiziert. Dort wurde der Antisemitismus erst in Kombination mit den Stalinschen Manövern gegen die trotzkistische Opposition virulent. Erst als sich der reale Sozialismus nationalistisch einhegte, tauchte der Antisemitismus wieder auf der Ebene der Staatspolitik auf: So gab es antisemitische Kampagnen in der Sowjetunion der frühen 50er, am deutlichsten in der Behauptung Stalins, es gäbe eine Verschwörung jüdischer Ärzte gegen ihn, kurz vor seinem Tod. Auch in der DDR existierten ab 1953 sogenannte „antizionistische” Kampagnen gegen Westemigranten wie Paul Merker, parallel zu den Slansky-Prozessen. Antizionistische Phrasen bemäntelten hier eine antisemitische Kampagne – das ist belegt und gut erforscht. Dieser Phrasen-Antizionismus des Marxismus-Leninismus hat auch nichts mit dem Antizionismus der Bolschewiki oder des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbunds zu tun, die den Zionismus als kleinbürgerlichen Nationalismus ablehnten und tendenziell eine Weltrevolution anstrebten. Aufgabe wäre es, diese Antizionismen voneinander zu unterscheiden. In Hinblick auf das Thema „Antisemitismus und die DDR” müsste dieser kontextualisiert werden und auch gegenläufige Tendenzen nachgezeichnet werden, beispielsweise in der Kunst oder in der Gedenkstättenarbeit. Hier haben Funktionsträger des Sozialismus zuweilen deutlicher und klarer gegen Antisemitismus Stellung bezogen, als es westdeutsch geprägte Geschichtsschreibung wahrhaben will. Viele Autoren, die sich zu diesem Thema äußern, haben das Anliegen und Interesse, die DDR zu delegitimieren, daraus resultiert ihre einseitige Geschichtsschreibung. Reale Probleme und Entwicklungen werden überzeichnet und in einen falschen Rahmen gestellt. Der US-amerikanische Historiker Jeffrey Herf und der deutsche Soziologe Thomas Haury zeichnen unwissenschaftlich das Bild einer in toto antisemitisch agierenden DDR. Herf negiert die Bündniskonstellationen im Kalten Krieg und will mit der Unterstützung der DDR für die PLO einen intentionalen Krieg gegen die Juden ausgemacht wissen, Haury verwischt zuweilen die Unterschiede zwischen ML-Ideologie unter Stalin und dem Bolschewismus und kommt zu merkwürdigen Schlüssen, wonach bereits die Gegnerbestimmung des Marxismus-Leninismus „strukturell antisemitisch” sei.

etos.media: Der Landesverband der Linken Niedersachsen wurde ebenfalls als „antisemitisch” kritisiert, weil er den „heute real existierenden Zionismus” scharf ablehnte. Was ist davon zu halten?

Gerhard Hanloser: Genau darin zeigt sich der Kampfbegriff und der ideologische Zuschnitt dieser Vorwürfe! Wer den real existierenden und heute existierenden Zionismus ablehnt, macht doch gerade deutlich, dass er einräumt, dass es kleine und historisch unterlegene Spielarten des Zionismus gab, wie zum Beispiel den Kulturzionismus von Martin Buber, der sich der Koloniallogik entzog. Real hat sich der rechte Zionismus, der sogenannte Revisionismus, im Prozess des Kampfs um Land in Palästina durchgesetzt. Für heute muss man leider konstatieren, dass sich der real existierende Zionismus mit den völkisch-ethnonationalistischen, imperialen und rassistischen Ideen eines Meir Kahane, dem Gründer der Jewish Defense League und der Kach-Partei, aufgeladen hat. In Netanjahus Regierung sitzen Rechtsradikale. Jeder Antifaschist und jede Antifaschistin muss natürlich diese Form des real existierenden Zionismus ablehnen.

etos.media: Mit Micha Brumlik sprechen Sie von einem „neuen McCarthyismus”. Welche Funktion übernehmen Medien in dieser Dynamik, treiben sie die Kampagnen, oder dokumentieren sie sie nur?

Gerhard Hanloser: So pauschal lässt sich das nicht sagen, es gibt Medien, die diese Ideologie förmlich und bewusst vorantreiben, es gibt Medienvertreter, die aus Opportunismus oder Ahnungslosigkeit schlicht Dinge, die angeblich zu sagen sind, nachplappern. Es existieren aber auch Korrekturen und kritische Medienbeiträge, die quer zu dem „neuen McCarthyismus” stehen. Ich finde den Begriff, der auf die antikommunistische Hetze in den USA unter Senator McCarthy mit seinen Komitees zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe verweist, sehr gelungen, um zu beschreiben, wie eine Kultur der Angst geschaffen werden soll.

etos.media: Wer ist Akteur?

Gerhard Hanloser: Es sind in erster Linie rechte Akteure, die diese Ideologie bedienen, die behauptet, es gäbe einen gefährlichen „linken Antisemitismus”.

Der Verfassungsschutz geht von einem „linken Antisemitismus” aus, ebenso proisraelische Akteure, der Zentralrat der Juden in Deutschland, das American Jewish Committee, eine Antisemitismusexpertin wie Monika Schwarz-Friesel, der Berliner Antisemitismusbeauftragte Samuel Salzborn. Natürlich auch Exponenten der sogenannten Antideutschen und ihnen nahestehende Wissenschaftler. Medial spielt der Springer Konzern eine wichtige Rolle, die Tageszeitung Welt bringt regelmäßig Beiträge, die der Extremismustheorie folgen und variantenreich „linken Antisemitismus” diagnostizieren, aber im Grunde erst konstruieren. Zu nennen wäre natürlich noch Nius von Julian Reichelt. Hier gibt es sogar das widerwärtige Format „Antisemit der Woche”, eine mediale Denunziationskampagne, die dann vornehmlich prominente linke Politikerinnen und Politiker trifft.

etos.media: Eine Ihrer Thesen lautet, dass der aktuelle Diskurs grundlegende Erkenntnisse der Antisemitismustheorie ignoriert. Welche Erkenntnisse meinen Sie konkret, und woran zeigt sich diese Ignoranz am deutlichsten?

Gerhard Hanloser: Ich beziehe mich selbst auf ältere Vertreter der Antisemitismustheorie. Aus einer generellen Gesellschaftskritik, die von Marx, Freud, Adorno geprägt war, entstanden vor allem in den 80er Jahren der BRD interessante Artikel, Bücher, Einsprüche von Intellektuellen, die mit der 68er Bewegung verbunden waren. Einige Namen können hier genannt werden wie Dan Diner, Detlev Claussen, Micha Brumlik. Sie haben sich auch mit Antisemitismus in der Linken auseinandergesetzt, aber nicht nur damit! Sie haben das Verhältnis von Antizionismus und Antisemitismus diskutiert, als Erkenntnisprozess, nicht als plakativen Vorwurf. Mittlerweile geben einige Autoren – in meinem Alter oder jünger – vor, in einer Traditionslinie der Kritischen Theorie zu stehen, nehmen aber nur dogmatische Setzungen vor. Nicht mehr Gesellschaftskritik ist ihr Anliegen, sondern sie machen ihre vermeintliche Diagnose eines linken Antisemitismus kompatibel mit „Extremismustheorien”. Sie arbeiten Verfolgungsbehörden zu. Zum Schaden der Wissenschaftlichkeit. Wenn Sie einen Namen hören wollen, so habe ich beispielsweise Stephan Grigat vor Augen.

Er kommt aus der sogenannten „antideutschen” Schule, die stets mit Denunziation und Polemik arbeitete. Einer ihrer Vordenker verkündete: „Jede Kritik an Israel ist antisemitisch”. Mittlerweile soll diese autoritäre, dogmatische und demagogische Setzung in den Rang von Wissenschaftlichkeit gehoben werden. Dafür sind dann solche Influencer wie Grigat zuständig. Ich kritisiere aber auch liberale und wissenschaftlich anerkannte Antisemitismustheoretiker, beispielsweise das Buch von Klaus Holz und Thomas Haury „Antisemitismus gegen Israel”, weil allein schon im Titel etwas behauptet wird, was gar nicht erhärtet wird und werden kann. Also unwissenschaftlich bleibt. Ich bin ebenfalls überrascht, wie eindeutig Urteile von Antisemitismustheoretikern ausfallen, die doch eigentlich Ambivalenzen herausstellen und Differenzierungen vornehmen sollten.

Klaus Holz beispielsweise erwähnte in einem Interview die Demonstrationsparole „Kindermörder Israel”. Er führt diese Parole auf eine tief antisemitisch geprägte iranische Fernsehsendung zurück. Das mag sein. Allerdings: Die Demonstrationsparole wurde auf einer Antikriegskundgebung während des Gaza-Kriegs, den manche als Genozid betrachten, gerufen. Wir wissen, dass Frauen und Kinder Hauptopfer dieses Krieges waren und noch sind.

Holz greift, statt dem nachzugehen, tief zurück und möchte diese Kindermörder-Parole auf den christlichen Antijudaismus und Antisemitismus mit seinen Ritualmordlegenden zurückführen. Damit findet allerdings eine gewollte Dekontextualisierung statt. Die Demonstrationsparole und ihr subjektiver Sinn, so könnte man mit dem Soziologen Alfred Schütz formulieren, wird entwirklicht. Eine iranische Fernsehsendung soll das Stichwort liefern, beziehungsweise die Parole soll sogar ihr Fundament im christlichen Antijudaismus der Ritualmordlügen haben. Das ist absurd. Die christlichen Kinder, die angeblich von Juden in Ritualmorden getötet wurden, waren ja Erfindungen, Lügen, sie sagen etwas aus über die Subjektseite der Judenhasser. Die Kinder in Gaza allerdings sind ganz reale Tote. Kritische Theorie des Antisemitismus hat ja herausgestellt, dass es völlig egal ist, was empirisch Juden tun, sie werden vom Antisemiten gehasst, weil auf der Subjektseite des Antisemiten – salopp gesagt – etwas nicht stimmt. Sie benötigen das Feindbild „Jude” aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur. In Form von Israel haben wir es aber mit einem staatlichen Akteur zu tun, der ganz real Kriege betreibt, Menschen vertreibt und ermordet – also aus diesen sehr konkreten realen materiellen Bedingungen und Tatsachen heraus Hass und Wut auf sich zieht. Diesen Hass und diese Wut allein oder vorrangig aus dem Antisemitismus zu erklären, ist epistemologischer Irrsinn.

Was will also in dieser Situation die Antisemitismustheorie leisten? Sie müsste unterscheiden, klären, differenzieren. Sie ist nicht dazu aufgerufen, die Trauer und Wut der einen in einem fürchterlichen Krieg auch noch moralisch zu bannen. Abgesehen von den Aufgaben der Theorie: Tote müssen und dürfen betrauert werden – und jene, die verantwortlich dafür sind, dürfen auch angeklagt werden, auch mit harschen Worten. Geht es nach dem Willen dieser Antisemitismustheoretiker, darf das nicht geschehen. Dies kommt zustande, weil sie von einem „bedingten Universalismus” ausgehen, so schreiben das Haury und Holz, also nicht von einem radikalen und bedingungslosen Universalismus, der alle Menschen gleich behandelt. In diesem „bedingten Universalismus” – einer Contradictio in adiecto – soll der Antisemitismus gegenüber dem Rassismus schwerer wiegen, soll jüdisches Leben mehr Beachtung auf sich ziehen als anderes. Wer so denkt, konstruiert eine negative Symbiose von christlich geprägten Deutschen und Juden, eine Symbiose, bei der immer der störende Dritte – die Palästinenser – ausgeschlossen werden muss. Dahinter steckt ein postuliertes Sonderverhältnis, das viel mit deutscher Schuld und einer problematischen Verarbeitung dieser Schuld zu tun hat. In dieser Gesamtkonstruktion sind Araber und Muslime nicht gleichwertig. Der Rassismus, der ihnen entgegengeschleudert wird, kommt nie in den Rang des Antisemitismus. Die deutsche Antisemitismustheorie ist hier zuweilen provinziell, und ihre Vertreter folgen ganz eigenen – psychodynamisch grundierten, doch nicht reflektierten – Interessen.

etos.media: Sie führen das Konstrukt „linker Antisemitismus” wesentlich auf „antideutsche” Vorhaltungen zurück, ursprünglich ein innerlinker Streit über Kapitalismuskritik. Wie wurde aus einer Nischenposition ein staatlich flankierter Mainstream-Diskurs?

Gerhard Hanloser: Die sogenannten „Antideutschen” waren lediglich Avantgarde der Staatsräson und der heutigen Anti-Linken-Kulturkämpfer. Sie entstanden bereits mit einer selbstlegitimatorischen Narration, wonach die antiimperialistische Bewegung antiamerikanisch und antisemitisch gewesen sein soll. Sie setzten Antizionismus und Antisemitismus gleich. Ihr kritischer Habitus war hauptsächlich gegen andere Linke gerichtet. Sie behaupteten, dass jede Kritik an konkreten Personen bereits „strukturell antisemitisch” sei, weil man durch das komplexe Kapitalverhältnis „personalisieren” würde. Nun sind aber die kapitalistischen Verhältnisse nicht subjektlos. Herrschaft hat immer auch Träger aus Fleisch und Blut, die diese Herrschaft ausüben. Gesellschaftliche Ausbeutungsverhältnisse kennen Personifikationen. Natürlich steht ein Kapitalist mit seinem Hunger nach Profit für das eine Verhältnis dieses antagonistischen Klassenverhältnisses. Die „Antideutschen” behaupteten in ihrer Zeit, als sie noch kritische Kritiker sein wollten und sich schlauer als andere Linke vorkamen, das Kapitalverhältnis sei subjektlos oder sogar ein „automatisches Subjekt”. Mittlerweile hat dieser in den 00er Jahren hyperkritisch daherkommende Personenkreis teilweise erstaunliche Karrieren vorzuweisen und ist am Endpunkt seines Marschs durch die Institutionen in den ideologischen Staatsapparaten angekommen. Sie waren schon in der Anfangszeit, als sie sich „antideutsch” nannten, als hyperdeutsche Denunzianten zu erkennen. Nun agieren sie im Dienste der Staatsräson und polemisieren, mit institutioneller Macht ausgestattet, gegen die aktuelle Linke.

etos.media: Die Mannheimer GIP-Studie weist den traditionellen Antisemitismus am stärksten rechts, alt und formal weniger gebildet aus, am schwächsten bei jungen Linken. Gleichzeitig ist dort die Kritik an den israelischen Verbrechen und der Besatzungspolitik am höchsten, somit scheinen dort vor allem Menschenrechte das zentrale Motiv zu sein. Wie konnte es gelingen, eine solche Position als linken Antisemitismus zu diffamieren?

Gerhard Hanloser: Bereits 2019 machte Tony Judt darauf aufmerksam, dass Dänemark das Land mit dem höchsten Grad an Sympathien für die Palästinenser sei, wobei Dänemark zugleich eines der am wenigsten antisemitischen Länder in Europa ist. Wer die Menschenrechtsidee gegen ihre koloniale Engführung universalisieren will, wessen „Nie wieder” alle Menschen umfasst und alle Orte, kann logisch kein Antisemit sein. Antisemitismus geht sehr oft einher mit anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, wenn wir den Begriff von Wilhelm Heitmeyer benutzen wollen. Auch die Geschichte des Antisemitismus zeigt bei seinen Akteuren einen starken Hang zu Ultranationalismus, Rassismus, Sexismus.

Die menschenrechtliche Position als antisemitisch zu denunzieren gelingt nur, indem man erstens Juden und Jüdischsein mit Israel kurzschließt und zweitens dem jüdischen Staat zubilligt, dass er aufgrund seiner Konstitutionsgeschichte, sozusagen als „Schutzraum der Juden”, jedes Recht auf jede Art der „Verteidigung” hat. Demnach steht dieser Staat auch über den Menschenrechten. Hierzulande wird mit dem Begriff der Staatsräson ja implizit zugegeben, dass der deutsche Staat einer Politik folgen will, die von Menschenrechten oder auch völkerrechtlichen Bestimmungen nichts wissen will, wenn es um Israel geht.

etos.media: Abschließend, welche Rolle spielt bei all dem die sogenannte „Staatsräson”, die Sie erwähnten, und welche Aufgabe haben progressive Kräfte angesichts dieser?

Gerhard Hanloser: Die sogenannte Staatsräson ist ja älter als Angela Merkels Bekenntnis vom 18. März 2008, als sie vor der Knesset in Jerusalem sagte, dass die historische Verantwortung Deutschlands Teil der Staatsräson ihres Landes sei. Daraus schlussfolgerte sie ja, dass die Sicherheit Israels für sie als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar sei. Deutschland, so nahm das auch Bundeskanzler Olaf Scholz auf und die grünen Minister wie Robert Habeck, habe aufgrund der Verantwortung für die Shoah eine besondere und dauerhafte Verpflichtung gegenüber der Sicherheit Israels. Der Begriff „Staatsräson” war so während der Dauer des genozidalen Kriegs Israels gegen den Gazastreifen zentrales Leitmotiv der deutschen Israelpolitik, Waffenlieferungen inklusive. Merz hat sich zwar von dem Begriff vordergründig distanziert, doch mit seiner Bemerkung, Israel mache für uns die „Drecksarbeit” im Krieg gegen den Iran, hat er diese Haltung bloß in faschistoider Sprache zugespitzt. Schon bei Konrad Adenauer findet sich eine Ummäntelung deutscher Außenpolitik mit Moral- und Schuldbekenntnissen. Adenauer wollte mit den Wiedergutmachungszahlungen Westdeutschland vom Makel des Faschismus befreien. Gleichzeitig saßen Altnazis in seinem Kabinett. Und er begründete diese Politik, Israel in besonderer Weise zu unterstützen und Wiedergutmachungszahlungen an den Staat Israel zu zahlen, mit einem erzantisemitischen Argument: Die Juden hätten eine besondere Macht. Man müsse sich folglich mit ihnen gut stellen.

Progressive Kräfte müssen diese Verschränkung von Interesse und Moralpolitik durchschauen und kritisieren. Eine linke Moral ist eine andere als die herrschende. Linke verfolgen einen bedingungslosen Universalismus. Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg. Nie wieder Völkermorde. An niemandem. Nirgends.

etos.media: Danke dir für das Gespräch.

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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