„Sudan ist zu groß für einen Satz“ – Eindrücke vom Sudan Day

Roa und Mustafa begrüßten die Gäst*innen und führten durch das abwechslungsreiche Programm - Foto: Elli

Am 27. Juni veranstaltete das Sudanesische Kulturzentrum in Dresden den Sudan Day. Im Haus der Brücke kamen bei 40 Grad im Schatten zwischen diversen Ventilatoren sudanesische Community-Mitglieder, Vertreter*innen Politik und Gäste zusammen, um Vorträgen und Musik zu lauschen und mehr über sudanesische Kunst und Kultur in Sudan und in der Diaspora zu erfahren.

Während in Sudan der Konflikt zwischen den Sudanesischen Streitkräften (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF) weiter tobt und er sich laut der UN und internationalen Hilfsorganisationen wie UNICEF und Ärzte ohne Grenzen mittlerweile zu einer der größten humanitären Katastrophen samt genozidaler Kriegsführung ausgeweitet hat, sollte in Dresden eine „Botschaft des Friedens“ gesendet werden. Dazu lud das Sudanesische Kulturzentrum zu einem offenen Dialog über Kunst und Kultur bei kaltem Karkadeh (Hibiskustee) und süß-saurem Tamarindensaft ins Haus der Brücke in der Dresdner Neustadt ein.

Dieser Einladung waren trotz Rekordtemperaturen etwa 80 Menschen, einige davon in den traditionellen sudanesischen Gewändern Jalabiya und Thawb, gern gefolgt. Die einleitenden Worte von Roa und Mustafa, die zusammen auf Arabisch und Deutsch durch den Nachmittag moderierten, dienten gleichsam als Leitfaden für den Tag: „Sudan ist zu groß, um in einem Satz erzählt zu werden.“ Dr. Negla Osman aus dem Vorstand der sudanesischen Gemeinschaft betonte in ihrer Begrüßungsrede den Zusammenhalt der sudanesischen Gemeinde. Viele Mitglieder der Community in Dresden kämen als Studierende, Promovierende oder Fachkräfte in die Stadt und würden durch die Community von Anfang an unterstützt.

Kultur als Verbindung

Das bestätigt auch Fatima Adam, eine Sprecherin des Vereins, im Gespräch mit etos.media. Das sudanesische Netzwerk existiere seit mehr als 20 Jahren, aber im letzten Jahr seien Schritte in Richtung Vereinsgründung unternommen worden, um die Community noch stärker in der Stadt zu verankern und Anlaufpunkte zu schaffen. Ein gutes Beispiel sei der „Tag der Resilienz der Frauen“ im März, der positives Feedback erhalten habe. Fatima Adam, aber auch mehrere Rednerinnen, betonten die Vielfalt Sudans mit mehr als 600 ethnischen Gruppen mit jeweils eigener Kultur, Kleidung, Musik und über 400 Sprachen. Dementsprechend wichtig war es den Veranstalterinnen auch, dass möglichst alle Gäste beim Buffet die traditionellen Gerichte und Getränke probieren konnten. In den Pausen gab es außerdem die Möglichkeit, sich in der Ausstellung über die landwirtschaftliche Produktion oder traditionelle Praktiken wie die Parfümherstellung zu informieren. Ein weiteres Highlight war der Rundgang des Zamani Projekts in den Tempelruinen von Musawarrat es-Sufra, bei dem Besucherinnen mit VR-Brillen die in der Wüste im Norden und Nordosten des Sudan gelegenen kuschitischen Ruinen erkunden konnten. Aber auch für musikalische Untermalung mit einem Mix aus modernen und traditionellen Instrumenten und Gesang war gesorgt.

Gäste waren eingeladen, mehr über die Parfümherstellung sowie traditionelle Kleidung zu erfahren. Ein kleines Fläschchen Parfüm durfte sich dann auch jede*r mitnehmen. Foto: Ahmad Kaddoura

Dieses umfangreiche Begleitprogramm spiegelt die Intention des Vereins wider, über die Erfahrung der sudanesischen Kultur mit allen Sinnen miteinander in Verbindung zu treten. „Jeder hat etwas im Krieg verloren“, so Fatima Adam, „wir wollen daher keine politische Position vertreten, sondern uns darauf konzentrieren, was uns als Menschen verbindet.“ Viele Sudanes*innen seien gut in Dresden integriert, zum Teil sind sie bereits in der zweiten Generation in Deutschland oder Europa. Dennoch hätten viele Deutsche ein Bild, das von Vorurteilen geprägt ist, insbesondere wenn es um Frauen gehe. „Viele sudanesische Frauen sind viel emanzipierter, als das allgemein in Deutschland vermutet wird. Oft kommen die Frauen für einen Master oder die Promotion nach Deutschland. Karriere ist vielen von uns wichtig. Dabei bekommen wir aber auch viel Unterstützung durch unsere Community im Sudan“, so Adam weiter. Überhaupt sei die Kultur der gegenseitigen Hilfe im Sudan viel ausgeprägter als in Deutschland: „Helfen ist Teil unserer Kultur. Gäste sind uns sehr wichtig.“ Das versuche sich das Sudanesische Kulturzentrum auch in Deutschland zu bewahren. Der Verein sei ein Ort für Events, Ausflüge, gegenseitige Unterstützung, aber auch Sozialberatung, um gut anzukommen. Deswegen versucht Adam trotz des internationalen Erstarkens der extremen Rechten positiv in die Zukunft zu blicken und auf die Hilfe der Community zu vertrauen.

Transnationale Netzwerke

Dass die Community auch tatsächlich über Ländergrenzen hinweg hilft, zeigen nicht nur das Sudanesische Kulturzentrum und die teilweise langen Anreisewege von Besucher*innen aus anderen Städten wie Frankfurt am Main, Chemnitz und Berlin, sondern ist mittlerweile auch wissenschaftlich erforscht. Im wissenschaftlichen Teil des Sudan Day war dazu Dr. Reem Shawkat, Psychologin und Sozialarbeiterin in Kanada, zugeschaltet, die aus ihrer Dissertation über transnationale Familiennetzwerke der sudanesischen Diaspora referierte. Kritisch bemerkte sie dabei, dass diese Netzwerke existieren müssen, weil offizielle Institutionen oft versagen, die Menschen im Sudan zu unterstützen. Zwei weitere Vorträge beschäftigten sich mit der Nutztierhaltung und dem Bergbauwesen, zwei
zentralen Pfeilern der sudanesischen Wirtschaft.

Ganz ließ sich die Politik aber nicht aus dem Tag heraushalten, denn unter den geladenen Gästen des Sudan Day waren auch offizielle Vertreter*innen aus der Politik. Für die sächsische Politik sprach der Landtagsabgeordnete Albrecht Pallas (SPD). Aus Berlin waren die Botschafterin Sudans in Deutschland, Ilham Ibrahim Mohamed Ahmed, sowie weitere Vertreterinnen der sudanesischen Botschaft angereist. Pallas begann seine Rede damit, dass er kein Experte für internationale Politik sei und deswegen über die aktuelle Situation im Sudan nicht viel sprechen wolle. Er stellte stattdessen die lokale Verbindung zum Haus der Brücke her: Es wurde von der jüdischen Familie Arnhold, die selbst vor dem Faschismus fliehen musste, als Begegnungsort gestiftet und wird jetzt von vielen migrantischen Organisationen genutzt. Weiterhin unterstrich er die Stärke der Gemeinschaft und dass es in Dresden „keine Toleranz gegenüber Rassismus und Menschenfeindlichkeit“ geben darf – und drückte zugleich seine Hoffnung aus, dass Deutschland seinem Charakter als Zuwanderungsgesellschaft gerecht werden möge. In diesem Zuge verwies er auch auf Dresdens Bedarf an Fachkräften in der Halbleiterindustrie und konstatierte: „Wer die Zuwanderungsgesellschaft will, muss sie jeden Tag mitgestalten.“ Pallas übte aber auch Kritik. Es sei nicht einfach, in Dresden anzukommen, da bei Einbürgerung und Anerkennung aktuell mit Wartezeiten von mehreren Jahren gerechnet werden muss. „Wir gehören zu Dresden und Dresden zu uns. Wir sind das Stadtbild“, kommentierten Roa und Mustafa seine Rede.

Daran anschließend thematisierte Ilham Ibrahim Mohamed Ahmed den Krieg und das Massaker von El-Fasher und welche Herausforderungen seit 2023 für die administrativen Prozesse und die Kommunikation in Deutschland entstanden sind. Sie berichtete von den Bemühungen der Botschaft, die humanitäre Lage im Sudan in den Vordergrund zu rücken, da die Weltgemeinschaft davon kaum Notiz genommen habe. Deutschland sei
auch ein wichtiger wirtschaftlicher Partner Sudans, weshalb Gespräche auch mit Vertreter*innen aus Tourismus, Wissenschaft und anderen Organisationen geführt werden. Außerdem warb sie für eine engere Zusammenarbeit zwischen sudanesischen Gemeinden und der Botschaft und bot an, dass die Botschaft auch bei konkreten Projekten den Wiederaufbau unterstützen könne. Wie ausnahmslos alle Redner*innen wünschte auch sie sich eine bessere Zukunft für das Land.

Nach den Ehrungen und dem gemeinsamen Essen im Innenhof klang die Veranstaltung bei Musik aus. Die Musik hatte mittlerweile sogar Tourist*innen angelockt, die am Haus der Brücke vorbeigekommen waren. Der Dresdner Sudan Day wird erst der Auftakt für mehr Community Events gewesen sein, denn in den Worten Roas und Mustafas: „Wenn wir aufgeben, haben wir verloren, aber wir dürfen nicht aufgeben, über den Sudan zu reden.“

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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