Die Uniklinik Köln hat eine für heute geplante Veranstaltung der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW abgesagt. Ihr Titel: „Gaza – Wie ist humanitäre Hilfe noch möglich?“ Sprechen sollten drei Organisationen, die in Gaza Hilfe geleistet haben. Während Israel nahezu jede Hilfsorganisation aus Gaza verbannt hat, wird in Deutschland das Reden über Hilfe in Gaza und die humanitäre Situation dort unmöglich gemacht.
Am vergangenen Freitag machte die Kölner Regionalgruppe die Absage öffentlich, wenige Tage bevor das hochkarätig besetzte Podium mit Vertreterinnen und Vertretern von Care, Medico Deutschland und „Re-Move-Kids“ stattfinden sollte. Die Begründung lieferte der Leiter der Unternehmenskommunikation. Die Klinik müsse „neutral“ bleiben. Ein Gespräch über den Inhalt lehnte er ab. Erst nach Widerspruch schaltete sich die Rechtsabteilung ein. Ihr Argument: Die Hörsäle gehörten nicht zur Universität. Die Klinik sei laut Satzung nur für Lehre, Forschung und klinische Versorgung zuständig. Gesellschaftlicher Diskurs sei Sache der Universität, nicht der Klinik, begründeten sie die Absage.
Leid wird unsichtbar gemacht
Doch worum ging es? Um eine Beschreibung der katastrophalen Lage im Gazastreifen infolge des israelischen Genozids und die Folgen der Einschränkungen der humanitären Hilfe durch Israel. Durch diese Einschränkung, wird die ohnehin schon schwierige Situation in Gaza, denn zu zerstörter Infrastruktur, zehntausenden ermordeten Palästinensern und Wassermangel, kommt nun auch das Arbeitsverbot in Gaza für dutzende humanitäre Organisation. Die Folgen sind noch mehr Leid, Hunger und Krankheiten besonders bei Kindern. Über genau diese Situation wollte man in Köln sprechen.
Expertinnen und Experten wollten wollten über zerstörte Infrastruktur sprechen, über fehlenden Zugang zu sauberem Wasser, über massiv eingeschränkte Versorgung und über Kinder, die an vermeidbaren Krankheiten sterben. Auf menschliches Leid aufmerksam zu machen und alles tun um es zu verhindern, gehört zum Kern der Medizin. Die Debatte über Wege das Leid in Gaza zu beenden, ist kein politische Positionierung, sondern ein Ausdruck der Kerngedanken des hippokratischen Eids, nämlich Menschen in Not zu helfen.
Schweigen ist keine Neutralität – Canceln erst Recht nicht
Auch der Verweis auf die „Neutralität“ funktioniert nicht. Neutral zu sein bedeutet nicht, dass man kein menschliches Leid benennen kann. Es bedeutet auch nicht, dass man keine Wege diskutieren kann, um es zu beenden. Neutralität bedeutet menschliches Leid, gleich wen es trifft, beenden zu wollen und nicht bei denen zu handeln und bei den anderen wegzuschauen. Wer eine Veranstaltung über die humanitäre Katastrophe in Gaza verhindert, handelt darum nicht neutral.
Der Fall steht für eine besorgniserregende Entwicklung: Geht es um Gaza, sinkt die Schwelle immer weiter. Erst trifft es Demonstrationen, dann Vorträge, inzwischen selbst Veranstaltungen zu humanitären Hilfe . Wenn schon die Frage „Wie helfen wir?“ zu heikel ist, um sie in einem Hörsaal zu stellen, dann bleiben nicht nur Meinungsfreiheit und Debatte auf der Strecke. Mit ihnen wird immer öfter auch die Menschlichkeit ad acta gelegt. Formalia werden vorgeschoben, um die Augen zu verschließen vor einer Situation, auf die eigentlich alle schauen sollten.


