FCAS gerettet? Ein Superkampfjet und der Machtkampf zwischen Frankreich und der BRD

100 Milliarden Dollar teures Rüstungsprojekt, an dem sich der Machtkampf zwischen Frankreich und der BRD entfaltet: FCAS.
By Tiraden, CC BY-SA 4.0 (NGF mock-up at Paris Air Show 2019).

Milliardenprojekt, Machtkampf, geostrategischer Richtungsstreit: Das europäische Kampfflugzeug FCAS droht an den Interessen von Paris und Berlin zu zerbrechen – trotz politischer Rettungsversuche auf höchster Ebene. Hinter technischen Differenzen und Industrieinteressen verbirgt sich ein tiefer Konflikt über militärische Souveränität, nukleare Abschreckung und die künftige Rolle Europas im Schatten der USA. Daniel Frede und Jakob Reimann analysieren, warum der Streit um FCAS weit mehr ist als ein Rüstungsprojekt – und was er über die Machtverschiebungen in Europa verrät.

Das Tauziehen um den europäischen Superkampfjet der Zukunft geht weiter: Die Verhandlungen über das hochmoderne Luftkampfsystem FCAS sollen fortgesetzt werden, hieß es laut tagesschau am Rande des EU-Gipfels in Zypern vergangene Woche. Die verstrittenen Konzerne des 100 Milliarden Dollar schweren deutsch-französisch-spanischen Rüstungsprojekts – Dassault Aviation aus Frankreich und Airbus Deutschland – wurden nun von höchster Stelle zum Einlenken verdonnert. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hätten das auch politisch und strategisch äußerst bedeutende Rüstungsprojekt beim Gipfel in Nikosia „im Detail diskutiert“, so eine Regierungssprecherin. Die Verteidigungsministerien in Berlin und Paris wurden beauftragt, neue Gesprächsrunden vorzubereiten. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) soll noch in dieser Woche zu Gesprächen mit seiner Amtskollegin Catherine Vautrin nach Frankreich reisen, meldete table.media am Dienstag exklusiv. Spanien ist seit 2019 als dritter Partner ebenfalls beteiligt; das System soll nach aktueller Planung um das Jahr 2040 einsatzbereit sein.

Neben Differenzen über technische Details wirft die deutsche Seite Dassault vor, einen überproportionalen Anteil am Projekt beanspruchen zu wollen. Die in Bayern ansässige Airbus-Rüstungssparte befürchtet, auf die Rolle eines Zulieferers reduziert zu werden. Entsprechend zugespitzt ist die Lage: Am vergangenen Montag meldete AFP zunächst, dass das bereits seit knapp zehn Jahren laufende Projekt gescheitert sei, nachdem die Mediatoren ihre Differenzen nicht ausräumen konnten. Laut Informationen von Reuters sei der deutsche Vermittler zum Schluss gekommen, dass die Entwicklung eines gemeinsamen Kampfflugzeugs „nicht mehr realisierbar“ sei.

Bundeskanzler Friedrich Merz stellte das Projekt erstmals im Februar öffentlich infrage, bevor er Ende März beim FAZ-Kongress erklärte, er wolle „alles“ unternehmen, um FCAS zu retten. Zu Jahresbeginn stand er demnach kurz davor, dem Projekt „den Stecker aus der Wand zu ziehen“. Seinen Kurswechsel begründete der Kanzler mit seiner „politischen Verantwortung für Europa“. Tatsächlich reicht die Bedeutung von FCAS weit über militärische Fragen hinaus: In Zeiten bröckelnder transatlantischer Beziehungen umfasst es eine inhärent politische und geostrategische Sphäre und reiht sich in den Kontext der BRD, die sich anschickt, den europäischen Kontinent künftig militärisch zu dominieren.

Traditionell selbstbewusst vs. treuer Vasall

Über elf Jahre ist es her, dass eine französisch-britische Machbarkeitsstudie unter dem Namen Future Combat Air System (FCAS) das Ziel formulierte, ein neuartiges unbemanntes Kampfflugzeugsystem zu entwickeln. Das spätere deutsch-französische FCAS-Projekt verfolgte ein deutlich breiteres Ziel: Es soll nicht nur einen neuen Kampfjet, den New Generation Fighter (NGF), hervorbringen, sondern über eine Air Combat Cloud bemannte und unbemannte Plattformen sowie bestehende und künftige Waffensysteme zu Luft, Land und See vernetzen. Der koordinierte Einsatz von Drohnenschwärmen ist hierbei neben dem Jet die zweite Kampfsäule des Projekts. Die politische Absichtserklärung für einen neuen deutsch-französischen Kampfjet, der langfristig die Rafale in Frankreich und den Eurofighter in Deutschland ersetzen soll, wurde am 13. Juli 2017 am Rande des deutsch-französischen Ministerrats unter Angela Merkel und Emmanuel Macron getroffen. Die strategische Bedeutung dieses Projektes für die sicherheitspolitische Zusammenarbeit in Europa brachte der regierungsnahe Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) bereits 2020 mit der Formel „too big to fail“ auf den Punkt.

Der Konflikt um den Führungsanspruch im FCAS-Projekt lässt sich keineswegs auf die Verteilung von Kuchenstücken zwischen den beiden Rüstungsriesen Airbus und Dassault reduzieren. Vielmehr spiegelt er in Konflikt stehende machtpolitische Ambitionen zwischen Paris und Berlin wider, die aus unterschiedlichen sicherheits- und verteidigungspolitischen Traditionen beider Länder hervorgehen. Ein Blick auf die strategischen Kulturen beider Staaten zeigt, dass Deutschland und Frankreich von ungleichen Ausgangsbedingungen in Fragen von Unabhängigkeit und Souveränität ausgehen. Während die Bundesregierung selbst unter einem US-Präsidenten Trump ein treuer Vasall Washingtons bleibt, tritt Frankreich traditionell selbstbewusster gegenüber der von den USA dominierten NATO auf. Bereits unter Charles de Gaulle wurden mehrere richtungsweisende Entscheidungen getroffen, die eine militärische Abkehr von den USA zur Folge hatten. So zog sich Frankreich 1966 aus den integrierten militärischen Kommandostrukturen der NATO zurück. Diese Entscheidung gilt als Kernstück des Pariser Exzeptionalismus und wurde erst 2009 unter Sarkozy revidiert. Bereits im März 1959 entzog Paris die französische Mittelmeerflotte dem NATO-Kommando.

Auch frühere Nuklearinitiativen wie die von den USA angestoßene Multilateral Force (MLF), die europäische Staaten an Besitz und Kontrolle von Atomwaffen beteiligen sollte, scheiterten maßgeblich am Widerstand Frankreichs. Deutschland hingegen war auch weiterhin bereit, die finanziellen Lasten der atomaren Aufrüstung zu tragen. Das Projekt der Multilateral Force scheiterte, Frankreich trieb jedoch konsequent seine atomare Aufrüstung voran und baute ein unabhängiges nukleares Arsenal auf (force de frappe).

Geopolitische Umbrüche und deutsche Machtansprüche

Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht verwunderlich, dass die Beschaffung von 35 F-35-Jagdbombern des US-Rüstungsgiganten Lockheed Martin durch die Bundesregierung im Jahr 2022 – „Schrottflieger?“, fragte Die Welt im März des Jahres angesichts von 845 teils verheerenden Mängeln am künftigen Kampfjet – in Paris mit Argwohn betrachtet wurde. Die F-35 gilt als Schlüsselplattform für die Aufrechterhaltung der nuklearen Teilhabe und steht zugleich exemplarisch für die enge sicherheitspolitische Bindung Deutschlands an die USA.

Auch Belgien, das an einer Beteiligung an FCAS interessiert war, musste sich öffentlich von Dassault Aviation kritisieren lassen, nachdem bekannt wurde, dass das Land auf den F-35 setzt und seine Luftwaffenflotte mit 34 georderten Kampfjets (später auf 45 aufgestockt) massiv ausbaut. Auch dies zum Ärger Frankreichs, denn diese Entscheidung bedeutete eine finale Absage an Dassault und dessen eigens entwickelten Rafale und wurde in Paris als politisches Signal gegen eine stärker integrierte europäische Rüstungskooperation gewertet – und damit auch als Rückschlag für Ambitionen rund um das FCAS-Projekt. Hatte Brüssel im Juli 2025 noch grünes Licht für eine FCAS-Beteiligung gegeben, erklärte der belgische Verteidigungsminister im Februar 2026 das Projekt für gescheitert: „Es wird keinen französisch-deutsch-spanischen Kampfjet der sechsten Generation geben“, erklärte Theo Francken, die Kluft zwischen Deutschland und Frankreich sei zu tief.

Dass Bundeskanzler Friedrich Merz den Konflikt mit Frankreich mit unterschiedlichen Fähigkeitsprofilen und Anforderungen erklärt – etwa mit der von Deutschland nicht benötigten Landefähigkeit auf Flugzeugträgern –, ist seit Jahren bekannt und stellt keinen neuen Streitpunkt dar. Dass es in der aktuellen Phase, in der es um künftige Entscheidungsstrukturen und Mehrheiten geht, zum offen ausgetragenen Konflikt um den Führungsanspruch kommt, ist auch Ausdruck einer Politik in Zeiten geopolitischer Umbrüche. So scheint der Verweis auf unterschiedliche Fähigkeitsprofile zu verdecken, dass die Machtansprüche Deutschlands, im Schatten des US-Imperialismus auch in Zeiten von Trump und darüber hinaus auf die bestehende nukleare Teilhabe durch Abwurfbomben via Tornado und F-35 festzuhalten, eine Option bleibt, um sicherheitspolitisch die angestrebte Führungsrolle in Europa einzunehmen.

Die von Dassault anvisierte Variante des neuen Kampfjets NGF im FCAS-Programm würde aufgrund der Fähigkeit zum Einsatz auf Flugzeugträgern und der damit verbundenen höheren Belastung an Reichweite und möglicher Nutzlast einbüßen. Doch genau diese Reichweite ist für Deutschland von geostrategischer Bedeutung, wenn es in den kommenden Jahren am Feindbild Russland festhalten und die Option haben will, Russland von Militärstützpunkten in Westdeutschland aus zu erreichen und im schlimmsten Fall Atombomben abzuwerfen. Die unterschiedlichen technischen Anforderungsprofile sind zudem bereits seit Beginn der deutsch-französischen Zusammenarbeit im Jahr 2017 bekannt. Dass es zum offenen Machtkampf um das Projekt gekommen ist, scheint an den unterschiedlichen Interessen im geostrategischen Weltneuordnungsprozess zu liegen.

Zuletzt hatte Kanzler Merz den aus der Waffenschmiede Krauss-Maffei Wegmann (KMW) kommenden Rüstungsmanager Frank Haun für die Verhandlungen eingesetzt. Dieser hat sich in seiner Zeit bei KMW im Jahr 2014 mit der Fusion mit dem französischen Rüstungshersteller Nexter Systems profiliert und spielt als Chef des europäischen Konzerns KNDS beim Aufbau einer einheitlichen europäischen Rüstungsproduktion eine zentrale Rolle. Doch auch dieser konnte keine Einigung erzielen. Die offensive Einflussnahme Frankreichs auf die Entscheidungsstrukturen im FCAS-Projekt wirkt wie ein letzter Versuch, Einfluss auf die Militarisierung Deutschlands auszuüben beziehungsweise dessen Anspruch auf eine militärische Führungsrolle in Europa zu verhindern.

Dieser Autor schreibt für etos.media.

Ich bin seit 2015 im Team und beschäftige mich hauptsächlich mit Kriegen und Konflikten in Westasien und Nordafrika (WANA), der Jemen und Palästina/Israel sind hier meine Schwerpunkte. Darüber hinaus schreibe ich über Militarismus, Imperialismus, Terrorismus und Geopolitik sowie über die extreme Rechte und den autoritären Staatsumbau in der BRD. Bei etos.media bin ich Redakteur für Außenpolitik. Hier könnt ihr euch in meinen Newsletter eintragen.

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Ein Kommentar

  1. Eine Zusammenarbeit bei einem so strategisch wichtigen Thema bedeutet einen Verlust an Souveränität; vielleicht ist dies ein Preis, den man in bestimmten Fällen angesichts der stetig steigenden Entwicklungskosten in Kauf nehmen muss. Im vorliegenden Fall jedoch ersetzt das SCAF einen der wichtigsten Machtfaktoren, über die Frankreich noch verfügt: die Fähigkeit, eigenständig einen Kampfflugzeug zu bauen. Eine solche Leistung ist ein strategisches Signal von großer Tragweite; man kann sich fragen, ob es nicht besser wäre, diese Kosten, so hoch sie auch sein mögen, erneut zu tragen, um diese Position zu bewahren. Zumindest sollte eine solche Fähigkeit es ermöglichen, die französische Vorrangstellung in einem gemeinsamen Projekt zu sichern.

    Dieser Trumpf scheint jedoch im Namen einer europäischen Perspektive in Verhandlungen geopfert worden zu sein, in denen es nicht gelungen ist, Frankreich den Platz einzuräumen, der ihm logischerweise zugestanden hätte. Die pro-europäische Haltung von Emmanuel Macron konnte sich nur nachteilig auf die französische Position auswirken, da seine Verhandlungspartner sich zweifellos der geringen Wahrscheinlichkeit bewusst waren, dass er das Projekt aufgeben würde. Doch der Kern des Problems liegt vielleicht woanders: Insbesondere Deutschland ist in diesem Sektor zu schwach, um einen entscheidenden technologischen Vorteil zu bieten, und zu weit fortgeschritten, um eine reine Rolle als Ausführender und Geldgeber zu akzeptieren.

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