Am Freitag, den 19. Juni 2026, ruft ein Bündnis zur Demonstration „For Many, for One – United Against the Global War Machine“ auf. Sie beginnt um 17:30 Uhr am Oranienplatz. Zum Bündnis gehören das Women*LifeFreedomCollective, Bolandgoo, die kurdische Frauenorganisation Cênî, der Jewish Bund, Krisol, die Interventionistische Linke (IL), die LAG Palästina Solidarität und Kjar. Die Gruppen kommen aus unterschiedlichen Kämpfen und führen sie bewusst zusammen: gegen Krieg, Militarisierung und autoritäre Herrschaft, von Kurdistan über den Iran bis Palästina. Sie wenden sich gegen Deutschlands Komplizenschaft bei Krieg, Vertreibung und Genozid. Im Interview sprechen Bolandgoo, das Women*LifeFreedomCollective, Ceni und der Jüdische Bund darüber, warum sie diese Perspektiven gemeinsam auf die Straße tragen.
etos.media: Ihr seid Teil eines Bündnisses, das am kommenden Freitag, dem 19. Juni, zu einer Demonstration gegen die zunehmende globale Militarisierung aufruft. In eurem Aufruf betont ihr, verschiedene Kämpfe miteinander zu verbinden. Könnt ihr euch kurz vorstellen und erklären, warum es gerade jetzt so wichtig ist, diese Perspektiven gemeinsam auf die Straße zu bringen?
Bolandgoo & W*LFC: Wir sind politische Gruppen, die im Rahmen der „Women Life Freedom“-Bewegung im Jahr 2022 in Berlin gegründet wurden; unsere Mitglieder stammen jedoch aus verschiedenen Generationen von Aktivist*innen aus dem Iran, die auch in Deutschland gelebt haben. Die Dringlichkeit, unseren Kampf in einer sich gegenseitig inspirierenden Zusammenarbeit zu bündeln, hängt mit dem weltweiten Aufkommen faschistischer Tendenzen zusammen, die sich vor allem in der zunehmenden Militarisierung und der Normalisierung von Krieg äußern.
Die Frage der Solidarität war für uns jedoch schon immer von großer Bedeutung, da wir beobachten, dass es innerhalb der Kämpfe Hierarchien gibt, die dazu geführt haben, dass das Leid und die Schmerzen von Menschen auf der ganzen Welt miteinander verglichen oder manche Kämpfe im Namen der Unterstützung für andere zurückgestellt wurden. Wir betrachten dies als strategische Katastrophe für die linken Kräfte, die statt Solidarität einen Wettstreit gefördert und damit dazu beigetragen haben, dass Kämpfe um die Rückeroberung unseres Lebens gegen Unterdrücker zum Schweigen gebracht wurden.
Cênî: Ceni ist eine kurdische Frauenorganisation, die sich für Frieden, Freiheit, Gleichberechtigung und internationale Solidarität einsetzt. Dabei orientieren wir uns am Prinzip „Jin, Jiyan, Azadî“ – Frau, Leben, Freiheit. Für uns ist die Befreiung der Frauen keine Nebenfrage, sondern eine grundlegende Voraussetzung für Demokratie, Frieden und gesellschaftliche Freiheit. Deshalb verbinden wir den Kampf gegen Krieg und Militarisierung mit dem Kampf gegen Patriarchat und jede Form von Unterdrückung. Wir beteiligen uns an diesem Bündnis, weil wir glauben, dass die Kämpfe von Frauen und unterdrückten Menschen in Kurdistan, Iran, Palästina, Sudan und vielen anderen Orten miteinander verbunden sind. Gerade in einer Zeit zunehmender Kriege, Militarisierung und autoritärer Politik ist es wichtig, unterschiedliche Stimmen zusammenzubringen und gemeinsam für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde auf die Straße zu gehen.
Jewishbund: Wir sind jüdische Antifaschist*innen in Deutschland, die für eine Gesellschaft kämpfen, die antirassistisch, queer-feministisch, antikapitalistisch und antikolonial ist. Wir kommen von diesen Kämpfen und tragen diese politischen Überzeugungen in unsere Arbeit als der Jüdische Bund weiter. Nach unserem Verständnis ist die Trennung und das Gegeneinanderausspielen von unterschiedlichen Kämpfen und Gruppen eine Taktik, die den Unterdrückern nützt. Wenn wir also unsere Kämpfe miteinander verbinden, stellen wir uns bereits den unterdrückenden Systemen entgegen. Wir kämpfen für die Befreiung aller und glauben daher, dass es wichtig ist, die Verflechtung unserer Kämpfe auf diese Weise anzuerkennen.
etos.media: Die letzten Jahre, nicht zuletzt der anhaltende Genozid in Palästina, haben die deutsche Staatsräson weiter befeuert. Unter dem Anspruch einer „unabdingbaren Solidarität mit Israel“ wird diese Staatsräson als „Schutz jüdischen Lebens“ begründet und die militärische Unterstützung Israels legitimiert. Gleichzeitig werden kritische Stimmen zunehmend mit Sanktionen und Repressionen konfrontiert. Ihr als Jewishbund engagiert euch seit Jahren in antikolonialen, antiimperialen und antimilitaristischen Kämpfen. Könnt ihr ausführen, warum das für euch wichtig ist?
Jewish Bund: Die Repräsentation von Jüd*innen und „der jüdischen Position“ in Deutschland wird von konservativen, rechten und technokratischen Institutionen wie den sogenannten Antisemitismusbeauftragten oder dem Zentralrat der Juden in Deutschland monopolisiert. Diese Institutionen sprechen allgemein im Namen aller Jüd*innen in Deutschland. Wir lehnen diese Institutionen voll und ganz ab.
Wir sehen uns ständig mit der Instrumentalisierung der angeblichen „Sicherheit der Juden“ und zunehmend auch der „jüdischen Angst“ als Rechtfertigung für Repression, rassistische Grenzregime und Polizeikontrollen in unseren Gemeinschaften konfrontiert. In dieser Rhetorik wird davon ausgegangen, dass „Juden“ als Ganzes von Natur aus andere materielle Interessen haben als andere rassifizierte oder klassifizierte Gruppen. Zudem wird davon ausgegangen, dass alle Jüd*innen gleich sind und dieselbe Geschichte und Lebenserfahrung haben. Diese Annahme wird genutzt, um jüdische Kämpfe von anderen Kämpfen zu trennen, als ob andere Befreiungskämpfe per Definition nicht jüdisch wären. Wir vertreten entschieden die Ansicht, dass das deutsche Beharren darauf, Antisemitismus als Ausnahmefall zu behandeln – und die damit einhergehende Isolierung von Jüd*innen von anderen rassifizierten Minderheiten – den Befreiungskämpfen schadet.
etos.media: Wir haben in den letzten Jahren gesehen, wie Unterstützer von Reza Pahlavi zusammen mit pro-israelischen Gruppen auf die Straße gegangen sind und dadurch an politischer Legitimität gewonnen haben. Sie treten zunehmend als vermeintliche Repräsentanten der iranischen Bevölkerung auf. Bolandgoo dagegen versteht sich als Verstärker marginalisierter Stimmen. Welche Perspektiven fehlen im internationalen Diskurs über den Iran und warum?
Bolandgoo & W*LFC: Wie viele andere Gesellschaften in den letzten Jahren hat auch die iranische Gesellschaft einen Aufstieg rechter politischer Kräfte erlebt. Iranische Monarchisten haben sich – nach der simplen Logik, dass der Feind unseres Feindes unser Freund ist – politisch an Israel und die USA gebunden und den Krieg als einziges realistisches Szenario gegen die Islamische Republik befürwortet. Es ist sicherlich ein Fehler, die Vielfalt der Kräfte im Iran auf eine binäre Gegenüberstellung von Regime und Monarchisten zu reduzieren, was vor allem dazu diente, die Gräueltaten des Regimes gegen das iranische Volk zu rechtfertigen. Das Massaker des Regimes an Iranern im Januar wurde von der internationalen Linken teilweise ignoriert, da sie auf die Propaganda des Regimes hereinfiel, die alle Demonstranten als Mossad-Agenten bezeichnet. Stattdessen möchten wir betonen, dass es einen großen Teil der Gesellschaft gibt, der den Krieg zwar nicht unterstützt, aber dennoch gegen den iranischen Staat ist. Die vorherrschende, vereinfachende Sichtweise auf den Iran lässt kein Verständnis für solche Komplexitäten zu.
etos.media: In den aktuellen Debatten über staatliche Repression in Deutschland werden kurdische Perspektiven oft ausgeblendet, obwohl es eine lange Geschichte solcher Erfahrungen gibt. Auch im Diskurs über den Nahen Osten fehlen kurdische Stimmen, obwohl sie eine verbindende und transnationale Perspektive haben. Ceni, welche weißen Flecken entstehen im öffentlichen und politischen Diskurs, wenn kurdische Stimmen nicht einbezogen werden?
Cênî: Wenn kurdische Stimmen fehlen, fehlen konkrete Erfahrungen wie Staatenlosigkeit, Vertreibung, politische Verfolgung, organisierter Widerstand über Staatsgrenzen hinweg. Kurd*innen leben in vier Ländern und kämpfen in allen vier, das macht ihre Perspektive zu einer, die Bewegungen verbindet, statt sie entlang nationaler Grenzen zu trennen. Ohne sie bleiben Debatten über Demokratie und Repression im Nahen Osten unvollständig. Das gilt besonders für die Frage der Frauenbefreiung. Die kurdische Frauenbewegung begreift die Unterdrückung der Frau nicht als Randthema, sondern als eine der ältesten Formen von Herrschaft, eng verbunden mit Krieg, Nationalismus und patriarchaler Gewalt. Frauen haben im kurdischen Widerstand zentrale Rollen übernommen und wurden dafür von Nationalstaaten und patriarchalen Strukturen systematisch marginalisiert. Fehlt diese Perspektive, wird Frauenbefreiung zur Nebensache – statt zur Grundlage jeder demokratischen Gesellschaft.
etos.media: Ihr habt euch eindeutig gegen Krieg und Genozid gestellt, allerdings kritisiert ihr auch den Iran scharf. Wieso braucht es sowohl klare Kante gegen die Angriffskriege als auch gegen das Regime? Wie lässt sich beides miteinander verbinden?
Bolandgoo & W*LFC: Wir verstehen uns als Teil globaler Kämpfe um die Rückeroberung des Lebens. Als Teil dieses Kampfes bekämpfen wir alle Kräfte und Zustände, die Leben als entbehrlich betrachten. Deshalb wenden wir uns gegen den Völkermord in Gaza ebenso wie gegen das Massaker an der Bevölkerung im Iran. Für uns ist es der Akt der Vernichtung von Leben, den wir ablehnen, und nicht die Frage, wer ihn begeht. Deshalb formulieren wir unseren Standpunkt wie folgt: Wir wählen nicht zwischen unseren Mördern. Wir glauben nicht, dass der Krieg und die Angriffe der USA und Israels das iranische Regime reinwaschen werden. Das iranische Regime war schon immer ein Kriegsregime, das eine antiimperialistische Haltung für seine unterdrückerische neoliberale Politik im Land instrumentalisiert hat.
Cênî: Wir lehnen sowohl Krieg als auch autoritäre Herrschaft ab, weil in beiden Fällen die Bevölkerung den Preis zahlt. Wir stellen uns gegen Besatzung, Krieg und Genozid, aber ebenso gegen Regime, die Freiheit unterdrücken und grundlegende Rechte verweigern. Internationale Solidarität bedeutet, keine Form von Unterdrückung zu akzeptieren – unabhängig davon, von wem sie ausgeht. Unsere Kritik an der Islamischen Republik Iran bedeutet nicht, dass wir militärische Interventionen, Sanktionen oder äußere Einmischung unterstützen oder verharmlosen. Die Befreiung der Menschen kann nicht durch Bomben oder Krieg erreicht werden. Wir stehen sowohl gegen staatliche Unterdrückung als auch gegen imperialistische Kriege. Freiheit und Demokratie können nur durch die Selbstorganisierung und den Widerstand der Gesellschaften selbst erkämpft werden.
Jewish Bund: Wir sehen das iranische Regime als Teil desselben imperialistischen Systems, das wir aufbrechen wollen, und in diesem Sinne stellt es keine Ausnahme dar. Wir lehnen westliche Militäraggressionen und die Unterdrückung durch autoritäre Staaten ab, die von Deutschland unterstützt werden. Wir lehnen alle theokratisch-kapitalistischen Staaten ab, die Dissident*innen inhaftieren, queere Menschen hinrichten und Arbeiterbewegungen zerstören. Solidarität mit der iranischen Bevölkerung bedeutet, sich sowohl gegen US-Bomben als auch gegen die gewaltsame Unterdrückung durch den iranischen Staat zu stellen.
etos.media: Ihr habt dargestellt, warum es für euch als Internationalist*innen wichtig ist, klar Position gegen jede Form von Unterdrückung zu beziehen. Euer Aufruf fokussiert sich mit den Forderungen hier vor allem auf die Beendigung der deutschen Komplizenschaft bei Krieg, Vertreibung und Genozid. Was bedeutet es für euch, in Deutschland gegen die globale Kriegsmaschinerie zu kämpfen?
Bolandgoo & W*LFC: Als Migrant*innen ist es nicht schwer, die Verbindung zwischen unserem Kampf für den Iran und hier in Deutschland zu spüren, da unser Leben von beiden Regionen geprägt ist. Die aktuelle Welle der Militarisierung zeigt sich nicht nur in der direkten Unterstützung des deutschen Staates für Krieg und Völkermord im Nahen Osten, sondern auch im Inland durch verstärkte Investitionen in Überwachung, autoritäre Politik und Abschiebungen. Deshalb sehen wir den Kampf für Bewegungsfreiheit und gegen Abschiebung als eng verbunden mit unserem Kampf gegen Krieg und Autoritarismus an.
Cênî: Für uns bedeutet das, Militarisierung, Waffenexporte und politische Unterstützung von Kriegen nicht nur kritisch zu hinterfragen, sondern aktiv Widerstand dagegen zu leisten. Wenn wir von einer globalen Kriegsmaschinerie sprechen, meinen wir ein System, in dem Regierungen, Rüstungsunternehmen und internationale Machtinteressen zusammenwirken und Konflikte befeuern, statt sie zu lösen. Deutschland spielt darin aktuell eine führende Rolle weltweit. Das zeigt sich etwa an den Waffenlieferungen an die Türkei, an der politischen und militärischen Unterstützung Israels und der Mittäterschaft am Genozid in Gaza. Gleichzeitig erleben wir die Folgen dieser Politik auch hier: durch Aufrüstung, den Abbau sozialer Strukturen, die Einschränkung demokratischer Räume und die Kriminalisierung von Menschen, die sich gegen Krieg und Unterdrückung engagieren. Für uns ist internationale Solidarität deshalb mehr als ein Bekenntnis: Sie bedeutet, Verantwortung dort zu übernehmen, wo wir leben, und uns den Kriegen und Unterdrückungsverhältnissen entgegenzustellen, die von hier aus mitgetragen werden.
Jewish Bund: Wir kämpfen gegen den Kriegsindustrie-Komplex, gegen die Ideologien, die ihn rechtfertigen, und gegen eine Wirtschaft, die der Rüstungsindustrie Vorrang einräumt. Dieser Kampf findet dort statt, wo wir leben – das bedeutet unter anderem gegen Rheinmetall, gegen jeglichen Waffenexport sowie gegen die Stützpunkte und Häfen, die Kriege am Laufen halten. Deutschland baut das auf und ermöglicht es. Als revolutionäre Jüd*innen, die in Deutschland leben, müssen wir uns dagegen wehren.
etos.media: Danke euch für das Gespräch.



