Seit dem Abzug der israelischen Armee und der Schließung der israelischen Siedlungen vor fast 19 Jahren steht Gaza unter einer umfassenden Land-, Luft- und Seeblockade durch Israel. Dadurch sind zwei Millionen Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit, im Handel und im Zugang zu Ressourcen massiv eingeschränkt. Seit 2008 segeln deswegen immer wieder humanitäre Flotillen Richtung Gaza. Was 2008 mit wenigen kleinen Booten begann, ist ein Katalysator für die Mobilisierung palästinensischer Bewegungen weltweit geworden. Jetzt startet ein weiterer Versuch, die Blockade zu brechen – als größte Mission bisher.
Zwischen 2025 und 2026
Das Wort “Flotilla” oder auf deutsch auch Flotille, beschreibt einen Verband von Schiffen, die gemeinsam operieren. Hinter der Flotilla, die nach Gaza segelt, steckt keine zentrale Organisation, sondern verschiedene internationale Bewegungen, die Freiwillige, Mittel und Wissen bündeln. Es haben sich unterschiedliche Organisationen der Koalition der Flotillen in den letzten Jahren angeschlossen , u.a. die Global Sumud Flotilla (GSF) und Thousand Madleens to Gaza. “Sumud” kann im Deutschen übersetzt werden mit Standhaftigkeit, Beharrlichkeit, Unbeugsamkeit und ist im palästinensischen Widerstand ein bedeutsames Wort zur Beschreibung des Lebens unter der Besatzungsmacht. Mit “Madleen” wird Bezug hergestellt zur ersten Fischerin in Gaza, Madleen Kulab. Die meisten der Flotilla-Organisationen sind über Ländergruppen strukturiert. Zwischen den verschiedenen Delegationen gibt es Austausch, aber grundsätzlich können die Länderdelegationen eigene Entscheidungen treffen. Alle Freiwilligen, die für die Missionen Urlaub nehmen oder sich freistellen lassen, verpflichten sich ausdrücklich dem gewaltfreien Widerstand.
In der letzten Mission im Herbst 2025 waren die Boote so nah, wie noch nie an Gazas Küste. Dieses Jahr starteten die Boote der Global Sumud Flotilla am 12. April in Barcelona, Boote von Thousand Madleens legten bereits Anfang April in Marseille vom Hafen ab. Trotzdem kämpfen die Organisationen damit, dieses Jahr überhaupt Aufmerksamkeit auf die Flotilla zu lenken. 2025 schaute die Welt nach Gaza. Mit der vermeintlichen “Waffenruhe” in Gaza ist die globale Aufmerksamkeit auf ein Minimum gesunken, und damit einhergehend auch der Druck auf Israel. Obwohl sich seit der letzten Flotilla im Herbst in Gaza an der humanitären Lage wenig geändert hat. Immer noch werden deutlich weniger als versprochene Hilfsgüter nach Gaza gelassen und u.a. Geflüchtetencamps angegriffen. Seit dem “Waffenstillstand” sind über 700 Menschen durch israelische Angriffe getötet wurden. Der Field Director der Hilfsorganisation sa7ten, Abu Karam, sagte: „Anstelle 2.000 Explosionen am Tag zu hören, hören wir heute 100, 200 oder 300“.

Bei der letzten Mission 2025 löste die Entführung der Boote in internationalen Gewässern durch israelisches Militär weltweit Proteste aus. Kolumbien begann als Folge den Suspendierungsprozess seines Handelsabkommens. Die jetzige Mission ist größer als alle vorherigen Missionen. Wenn ein einziges Boot ankommt, kann es zeigen, dass kollektives Handeln einen echten Unterschied macht. Es könnten zum ersten Mal seit Jahrzehnten Hilfsgüter nach Gaza geliefert werden ohne israelische Zustimmung. Wenn sie aufgehalten werden, hofft die Flotte auf Gegenreaktionen aus der Öffentlichkeit und Medienaufmerksamkeit. In jedem Fall geht es darum, den Status Quo herauszufordern. Bei dieser Mission wird es auch Land- und Hafenaktionen geben, um den Druck auf untätige Regierungen und Waffenexporteure und deren Unterstützer in Häfen zu erhöhen. Zusätzlich wird am 1.Mai ein Landkonvoi, der North African Sumud Land Convoi mit 1.000 Teilnehmenden starten und versuchen auf dem Landweg Hilfsgüter, Zelte und sogar Rettungswagen nach Gaza zu bringen.
Zwischen Festival und Repression
Die Abfahrt der Boote in Barcelona ähnelt einem Festival. Am Hafen werden auf einer großen Bühne Konzerte gespielt und im Livestream übertragen. Getreu dem Motto, dass Widerstand immer auch Freude sein muss, wird getanzt, aber auch mit Reden an das Leid in Palästina und die inhaftierten Aktivist*innen der Global Sumud Flotilla in Tunesien erinnert.
Die Aktivisten der deutschen Delegation, die in Barcelona vor Ort sind, sind beeindruckt von der Solidarität, untereinander aber auch mit Palästina und dem Kollektiven Verständnis für den Widerstand unterdrückter Völker der Welt. Bei dieser Flotilla sind viele dabei, die vorher nicht auf den Booten waren und auch noch neu bei der Flotilla sind. Viele sind schon lange in Deutschland aktiv und versuchen in Deutschland zu mobilisieren und fühlen gleichzeitig, dass es andere Aktionsformate benötigt: “Ich habe einfach gefühlt, dass jetzt irgendwas passieren muss. Und dann habe ich mich gefragt, was meine Skills sind, was ich tun kann, und als Mediziner kann ich einen Beitrag leisten auf den Booten. Das freut mich.” Ein weiterer Aktivist berichtet: “Besonders in Deutschland wird aktuell wieder so wenig über Palästina berichtet und es ist besonders hier zu erleben, dass so viele Länder aus der ganzen Welt sich zusammenschließen und es nicht vergessen haben. Es tut gut zu sehen, wie viel Freude und wie viel Möglichkeiten es gibt im Vergleich zu Deutschland sich zu solidarisieren und zusammenzukommen. ”From the river…” kann hier laut von Tausenden gesungen werden. Journalistinnen und Journalisten können ihren Job machen. Schön und gleichzeitig, wenn man aus Deutschland kommt, sehr überraschend.”
Zwischen Heldentum und Realität
Der Start der Flotillas wird in sozialen Medien von Kritik begleitet. Instagram-Accounts veröffentlichen Testimonials, die von verbaler Gewalt und sexuellem Fehlverhalten in der letzten Mission berichten. Die Vorwürfe wurden in der Nacht vor der Abfahrt der Boote in Barcelona veröffentlicht und sind inzwischen wieder gelöscht worden. Die Veröffentlichungen richten sich gegen die letzte Mission und insbesondere die Global Sumud Flotilla. Die Organisation reagiert mit der Aufforderung, dass es einen Meldelink und einen unabhängigen Ethikrat gibt, über den diese Meldungen besprochen werden sollten und nicht über Instragram-Kommentare. Eine betroffene Aktivistin hat sich über ihren Instagram Account gewehrt und sagt, dass es sich hierbei um Gerüchteküche handelt und nichts an den Vorwürfen wahr ist. In einem öffentlichen Statement verpflichtet sich die Global Sumud Flotilla weiter bessere dezentrale Strukturen zu bauen. Nicht nur die Gerüchte und Kritik setzt die Bewegung aktuell unter Druck. Das Sicherheitsrisiko für die Menschen auf den Booten wird deutlich höher eingeschätzt als bei der letzten Mission. Bei den Haftbedingungen in israelischen Gefängnissen kann jeder längere Aufenthalt mehr psychische und physische Bedrohung bedeuten. Da einige Länder ihre Diplomat*innen in Israel abgezogen oder reduziert haben, kann das Aktivist*innen stärker gefährden. Zusätzlich befinden sich die Boote mitten in der Gemengelage der Kriege in der Region und das Risiko von Attacken wird noch höher eingeschätzt als bei der letzten Mission. Auch Francesca Albanese fand deutliche Worte beim Global Sumud Congress in Brüssel und warnte davor, wenn immer wieder die gleiche Aktion durchgeführt wird, ohne Analyse und Reflektion, die Aktionen scheitern können. Sie kritisierte, dass die Flotilla zu sehr zur Show werden kann ohne direkte Wirkung. Gleichzeitig unterstrich sie ihre grundsätzliche Unterstützung für die Bewegung und die Menschen, die auf den Booten ihr Leben riskieren. Ihre Kritik soll ein Aufruf sein, dass die Bewegung effektiver wird.
Vielleicht ist diese Mission, die Mission wo die Flotilla ein wenig ihres heldenhaften Images abgeben muss. Alle müssen aushalten, dass auch zivile Bewegungen nicht perfekt sind, und gleichzeitig dass es die Flotilla weiterhin braucht und sie unterstützt werden muss, wenn es ein freies Palästina geben soll. Denn die Perspektive auf Regierungen zu warten, ist aussichtslos.
Zwischen Träumen und Trauer
In Deutschland wird von vielen palästinasolidarischen Gruppen der Start der Flotilla in Barcelona verfolgt. Livestreams und Solidaritätskundgebungen werden organisiert. Beispielsweise in Mannheim schaut die palästinensische Diaspora den Livestream. Einzelne filmen den Bildschirm und die Aktionen, um sie ihren Familien in Palästina zu schicken. Sie möchten zeigen: Schaut, ihr seid nicht vergessen. Ein Palästinenser, der den Livestream schaut, erklärt: “Selbst wenn die Boote nicht ankommen. Das Leben in Gaza ist hart. Die Boote geben Kraft, nicht aufzugeben und zu wissen, dass andere auch mit dir kämpfen.” In einem Video der Flotilla taucht ein junger Mann auf. Ein Palästinenser ruft: “mein Freund”. Der junge Mann ist der Italiener Vittorio Arrigoni aus Italien, der 2008 bei der “Free Gaza Mission” im Hafen von Gaza angekommen ist. Arrigoni engagierte sich nach seiner Ankunft in Gaza als human shield für die Fischer in Gaza. Für drei Jahre lebte er in Gaza. Er engagierte sich gegen die israelische Besatzungsmacht, die schon vor 2008 den Bereich in dem Palästinenser fischen dürfen eingrenzten und immer wieder auch Fischerboote angriffen. Er war Verfechter der Menschlichkeit und erklärte seiner Mutter: “In uns muss immer Menschlichkeit sein. Wir müssen sie den anderen entgegenbringen.” Arrigoni wurde in Gaza entführt und ermordet. Verurteilt wurde dafür eine Al-Qaida nahe islamistische Gruppe. Hamas hat nach eigenen Angaben versucht, den Aktivisten zu retten. Während für viele die sich mit Gaza und Palästina in den letzten drei Jahren befasst haben, die Flotilla eine neue Bewegung ist, sollte nicht vergessen werden, welche Menschen in ihren Ursprüngen für die Freiheit Palästinas aufgestanden sind. Arrigoni sagte über die Ankunft in Gaza mit der damaligen Flotilla, dass es einer der glücklichsten und emotionalsten Momente seines Lebens war. Als die zwei Boote am 23. August 2008 an der Küste Gazas ankamen, wurden sie von tausenden Palästinenser*innen begrüßt. Mit an Board der Palästinenser Musheir El-Farra, Menschenrechtsaktivist, der ursprünglich in Khan Younis in Gaza geboren und aufgewachsen ist, aber dann nach Sheffield gezogen war: “Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich nach Gaza gereist, ohne gedemütigt zu werden, ohne Israel um Erlaubnis bitten zu müssen. Wir haben es geschafft. Wir haben es endlich geschafft. Und jetzt müssen sich andere uns anschließen und es ebenfalls tun.“ Zu Gedenken gilt es auch den zahlreichen Missionen, die nach 2008 folgten. Eine davon im Mai 2010, bleibt besonders in Erinnerung, da die israelische Besatzungsmacht alle sieben Schiffe gewaltsam angriff und dabei neun Menschen auf der Mavi Marmara tötete, ein weiterer Passagier starb später an seinen Verletzungen und über 50 Personen wurden verletzt.
Der Palästinenser schaut den Livestream weiter und singt ein arabisches Fischerlied, weil, wie er sagt, Musik manchmal besser beschreibt, was Wörter gar nicht mehr ausdrücken können.
Die Boote und die Bewegung der Flotillen ist eine Erinnerung an alle, die sich schon sehr lange für ein freies Palästina stark machen. Die Boote sind ein Weckruf für Menschen in westlichen Ländern, deren Regierungen weiterhin nichts tun, um Israel in Gaza zu stoppen. Ohne Druck auf Regierungen, ohne dass die Flotilla Zuschauer*innen hat, ohne Aktionen auf deutschen Straßen, bleibt die Abfahrt der Boote nur ein kurzer Moment der Hoffnung. Langfristige politische Veränderungen geschehen selten plötzlich. Es braucht langfristige Strukturen und anhaltenden Druck, um Systeme ins Wanken und irgendwann zum Kollabieren zu bringen. Das erhofft sich die Flotilla aus der Bewegung. In Palästina gibt es noch zwei weitere Worte, die neben Sumud eine essentielle Rolle spielen: Sabr und Sulha – tiefe Geduld und emotionale Disziplin. Alle drei wird es brauchen, damit die Flotilla erfolgreich sein kann.



