Historische und aktuelle Interventionen des Westens rechtfertigen keine Relativierung der Verbrechen des iranischen Regimes; umgekehrt darf die Kritik an Teheran nicht zur Legitimation eines Krieges instrumentalisiert werden. Nima Mina über die „dritte Stimme“, die für einen eigenständigen Widerstand steht, der staatliche Repression, Hinrichtungen und Menschenrechtsverletzungen ebenso entschieden ablehnt wie militärische Intervention und äußere Gewalt.
Am 28. September 2026 erhielt die iranische Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh in Straßburg den Václav-Havel-Menschenrechtspreis der Parlamentarischen Versammlung des Europarats. Sie selbst war nicht im Saal. Ihre Tochter Mehraveh Khandan nahm die Auszeichnung entgegen; Sotoudeh meldete sich per Video aus Teheran. Sie erinnerte an vergangene Kämpfe und gemeinsame Hoffnungen und sagte, eines Tages werde auch über Iran „die Sonne der Freiheit“ scheinen.
Der Satz stand nicht im luftleeren Raum. Amnesty International zufolge war Sotoudeh am 1. April erneut festgenommen worden. Rund sechs Wochen lang erhielt ihre Familie keine Auskunft über ihren Aufenthaltsort; am 13. Mai kam sie gegen Kaution frei. Der Europarat würdigte ihre Arbeit gegen die Todesstrafe und die Zwangsverschleierung sowie ihre Verteidigung von Aktivisten, Journalisten, Minderheiten und Kindern, denen die Hinrichtung drohte. Den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments hatte sie bereits 2012 gemeinsam mit dem Regisseur Jafar Panahi erhalten.
Die Szene in Straßburg verweist auf einen politischen Konflikt, der in Debatten über Iran oft verschwindet. Zwischen der Staatsmacht in Teheran und den Regierungen, die Iran mit Krieg, Sanktionen oder Druck begegnen, handeln Menschen mit eigenen Erfahrungen, Interessen und politischen Vorstellungen. Sie wenden sich gegen Repression, ohne daraus eine Zustimmung zu Krieg oder äußerer Intervention abzuleiten.
Parastou Forouhar verkörpert diesen Widerspruch auf andere Weise. Ihre Eltern Parvaneh und Dariush Forouhar wurden 1998 von Mitarbeitern des Geheimdienstministeriums (MOIS) ermordet. Sie selbst wurde verhört, mit Ausreisesperren belegt und vor Gericht gestellt. Trotzdem kehrt sie fast drei Jahrzehnte später nach Iran zurück, um ihrer Eltern zu gedenken und die Forderung nach Aufklärung wachzuhalten. In einem Gespräch mit Radio Zamaneh beschreibt sie diese Reisen als Beharren auf einem Recht: dem Recht, das Land ihrer Eltern zu betreten und dort an sie zu erinnern.
Dass ihr inzwischen aus Teilen der Opposition Nähe zur Islamischen Republik vorgeworfen wird, hat einen anderen Grund. Forouhar lehnt einen Krieg gegen Iran ab. Ihre Gegnerschaft zur Staatsordnung hat sie deshalb nicht zurückgenommen. In einer Rede zum Internationalen Frauentag im März 2026 wandte sie sich gegen den Krieg und gegen die Politik der Islamischen Republik, die nach ihrer Darstellung selbst zur Eskalation beigetragen hatte.
Im Krieg wird diese doppelte Position schnell verdächtig. Wer einen Angriff auf Iran zurückweist, kann in Teilen der Opposition als jemand erscheinen, der die Islamische Republik schont. Wer die Repression des Staates benennt, trifft umgekehrt auf ein antiimperialistisches Denken, das Kritik danach sortiert, wem sie geopolitisch nützen könnte. Forouhar nennt die Haltung, die sich dieser Einordnung entzieht, die „dritte Stimme“. Sie meint damit keinen neuen Block und keine Mitte zwischen zwei Lagern.
Nach „Frau, Leben, Freiheit“
Am 13. September 2022 wurde Jina Mahsa Amini in Teheran von der sogenannten Sittenpolizei festgenommen. Drei Tage später starb sie im Krankenhaus. Ihre Beerdigung in Saqqez in der iranischen Provinz Kurdistan wurde zum Ausgangspunkt der Protestbewegung, deren kurdische Losung „Jin, Jiyan, Azadî“ sich über das Land verbreitete.
Die großen Straßenproteste wurden gewaltsam niedergeschlagen, doch der gesellschaftliche Konflikt verschwand nicht. Frauen widersetzten sich weiter der Zwangsverschleierung; Studenten, Arbeiter, Lehrer, Künstler, Menschenrechtsverteidiger, Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten sowie Familien politischer Gefangener hielten eigene Forderungen und Formen des Protests aufrecht.
Vier Jahre später legte Amnesty International mit „Architects of Atrocities“ eine mehr als tausend Seiten umfassende Untersuchung der Repression von 2022 vor. Die Organisation dokumentiert die Tötung von 377 Demonstranten und Unbeteiligten zwischen September und Dezember 2022, darunter 56 Kinder, und bewertet die untersuchten Taten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Im Begleitdokument „Lives Cut Brutally Short“ führt Amnesty die dokumentierten Todesopfer mit Namen, Sterbeort und Sterbedatum auf.
Der Bericht richtet den Blick auf Verantwortungswege im Staatsapparat. Amnesty wertete nach eigenen Angaben 270 Interviews, mehr als 2.000 Videos sowie amtliche und geleakte Dokumente, staatsanwaltschaftliche Anordnungen, Urteile und forensische Unterlagen aus. Die Organisation nennt 87 Amtsträger, gegen die sie strafrechtliche Ermittlungen fordert. Das ist keine Feststellung individueller Schuld, sondern eine Forderung auf Grundlage des ausgewerteten Materials.
Kurdische und belutschische Regionen waren besonders stark betroffen. Amnesty beziffert ihren Anteil an den dokumentierten Todesopfern auf 62 Prozent. Der Bericht verbindet die Gewalt von 2022 mit der fortdauernden Straflosigkeit und den erneuten Massentötungen während der Proteste Anfang 2026.
Zwischen den Schneiden
Am 20. August 2026 veröffentlichte der Guardian einen offenen Brief an politische Gefangene in Iran. Darin standen zwei Forderungen nebeneinander: Die iranischen Behörden sollten Hinrichtungen stoppen und politische Gefangene freilassen; die Vereinigten Staaten und Israel sollten Krieg und Sanktionen beenden. Das Bild, das die Debatte danach prägte, war das einer Schere: Gefangene, die zwischen zwei Schneiden geraten.
Die Metapher stammte aus Iran. Der Arbeiteraktivist und frühere politische Gefangene Keyvan Mohtadi hatte sie am 24. Juni 2025 verwendet, einen Tag nach dem israelischen Angriff auf das Evin-Gefängnis. Seine Frau, die Gewerkschafterin Anisha Asadollahi, saß dort in Haft. Mohtadi beschrieb Menschen, die vom eigenen Staat eingesperrt waren und nun zugleich durch Bomben eines fremden Staates bedroht wurden. Der Guardian-Brief griff dieses Bild auf.
Vijay Prashad widersprach wenige Tage später. In seiner Antwort auf den Guardian-Brief schrieb er, die Schere erzeuge eine falsche Symmetrie. Die Vereinigten Staaten und Israel seien militärische Angreifer, Iran der angegriffene Staat; amerikanische Intellektuelle müssten ihre politische Verantwortung deshalb zuerst gegenüber der Kriegspolitik des eigenen Landes wahrnehmen.
Für amerikanische Kriegsgegner ist die Konzentration auf die Politik der eigenen Regierung nachvollziehbar. Ein politischer Gefangener in Iran steht vor einer anderen Frage. Aus der Verantwortung amerikanischer Intellektueller folgt nicht, dass iranische Oppositionelle ihre Auseinandersetzung mit dem eigenen Staat vertagen müssten.
Das Misstrauen gegenüber der politischen Verwendung von Menschenrechten hat gute historische Gründe. Irak und Afghanistan haben gezeigt, wie die Sprache von Freiheit und Menschenrechten zur Legitimation militärischer Intervention dienen kann. Daraus folgt nicht, dass dieselben Begriffe ihre Bedeutung verlieren, wenn Menschen unter autoritärer Herrschaft sie für sich selbst beanspruchen und keinen Krieg fordern.
Anfang September antworteten mehr als hundert ehemalige politische Gefangene, Menschenrechtsaktivisten, Schriftsteller, Journalisten, Wissenschaftler und Gewerkschafter aus Iran und dem Exil. In der Erklärung „Solidarity Beyond Ideological Camps“ unterstützten sie den Grundgedanken des Guardian-Briefes: Menschen in Iran dürften nicht vor die Wahl zwischen äußerer militärischer und wirtschaftlicher Gewalt und staatlicher Repression im Inneren gestellt werden. Sie forderten die Freilassung politischer Gefangener, ein Ende der Hinrichtungen, des Krieges und der kollektiven Bestrafung.
Die Unterzeichner verteidigten ausdrücklich die Scherenmetapher. Mehrere Formen von Gewalt gleichzeitig zu benennen, schrieben sie, bedeute keine moralische oder politische Gleichsetzung. Genau hier liegt der Streit: Muss die Benennung einer Gewaltform zum Schweigen über eine andere führen?
Die Januarproteste
Diese Frage war 2026 keine abstrakte Debatte. Die Proteste, die am 28. Dezember 2025 begonnen hatten, waren im Januar mit massiver staatlicher Gewalt beantwortet worden. Am 23. Januar befasste sich der UN-Menschenrechtsrat in einer Sondersitzung mit der Niederschlagung und erweiterte das Mandat der unabhängigen internationalen Untersuchungsmission. Die Resolution A/HRC/RES/S-39/1 wurde mit 25 Ja-Stimmen, gegen sieben Nein-Stimmen und 14 Enthaltungen angenommen.
Der Bericht A/HRC/63/61 der UN-Untersuchungsmission vom 14. September 2026 kommt zu dem Schluss, dass iranische Behörden im Zusammenhang mit den Protesten Tötungen, Freiheitsentzug und Folter als Teil eines weitverbreiteten und systematischen Angriffs auf die Zivilbevölkerung begangen hätten; die Mission ordnet diese Taten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein.
Die Staatsführung erzählte die Ereignisse anders. Ali Khamenei bezeichnete die Unruhen als amerikanische „fitna“ und schrieb den USA eine steuernde Rolle zu; entsprechende Reden sind in seinem Archiv dokumentiert. Einflussnahme aus dem Ausland und die Behauptung, eine Protestbewegung sei von außen gesteuert worden, sind zwei verschiedene Aussagen. Aus der ersten folgt die zweite nicht.
Abolfazl Qadyani widersprach dieser Erzählung aus dem Evin-Gefängnis. Qadyani gehört zur Generation der Revolution von 1979, war schon unter dem Schah inhaftiert und bewegte sich später in der islamisch-revolutionären Politik. Über Jahre wurde er zu einem Gegner der Herrschaft des obersten Rechtsgelehrten. Bereits lange vor 2026 bezeichnete er die Islamische Republik als nicht reformierbar und forderte ein Referendum.
Im Krieg hielt er an dieser Forderung fest. In einer Erklärung aus Evin nannte er den Krieg verheerend für die Bevölkerung und verband die Ablehnung eines militärisch erzwungenen Machtwechsels mit der Forderung nach einem friedlichen politischen Übergang. Nach der Niederschlagung der Januarproteste bestritt er zugleich die staatliche Darstellung, wonach auslandsabhängige Terrorgruppen für die Tötungen auf den Straßen verantwortlich gewesen seien. Seine Vorwürfe gegen einzelne Amtsträger bleiben Vorwürfe; sie ersetzen keine unabhängig festgestellte individuelle strafrechtliche Verantwortung.
Wem gehört der Antiimperialismus?
Das iranische Misstrauen gegenüber ausländischen Befreiungsversprechen ist älter als die Islamische Republik. Der von russischen Offizieren geführte Beschuss des Parlaments während der Konstitutionellen Revolution 1905–1911 und der von US-amerikanischen und britischen Geheimdiensten unterstützte Staatsstreich gegen Mohammad Mosaddegh am 19. August 1953 gehören zu den prägenden Erfahrungen. Die später veröffentlichten US-Regierungsakten dokumentieren die amerikanische Geheimoperation zur Ablösung Mosaddeghs.
Auch der iranische Antiimperialismus begann nicht 1979. Teile der Linken kämpften schon unter dem Schah gegen dessen Herrschaft und gegen amerikanischen Einfluss. Einige Gruppen unterhielten Verbindungen zu palästinensischen Bewegungen; die Encyclopaedia Iranica beschreibt Ausbildungsaufenthalte iranischer Oppositioneller in palästinensischen Lagern in den 1960er- und 1970er-Jahren. Nach der Revolution wurden Angehörige linker Traditionen selbst verfolgt. Die Massenhinrichtungen von 1988 trafen neben Mitgliedern und Unterstützern der PMOI auch Gefangene aus säkularen und linken oppositionellen Gruppen.
Die Ablehnung ausländischer Einmischung und die Solidarität mit Palästina sind deshalb kein politisches Eigentum der Islamischen Republik. Genau darauf zielt auch „Solidarity Beyond Ideological Camps“: Die außenpolitische Lage eines Staates hebt die Ansprüche seiner Gefangenen auf Freiheit, faire Verfahren und Schutz vor Folter oder Hinrichtung nicht auf.
Der Konflikt verläuft auch innerhalb der internationalen Linken. Der Guardian-Brief zeigt, dass antiimperialistische Positionen nicht zwangsläufig zur Verteidigung der iranischen Staatsordnung führen. Prashad warnt seinerseits davor, den Krieg zum bloßen Hintergrund einer Menschenrechtsdebatte zu machen. Beide Einwände berühren eine reale Frage: Wer spricht, aus welcher Lage heraus, und wessen Erfahrungen werden zum Maßstab?
Wer Iran fast ausschließlich als Schauplatz des Konflikts zwischen Washington, Israel und Teheran betrachtet, sieht Armeen, Sanktionen und Machtblöcke. Die Gesellschaft erscheint dann leicht nur noch als Beweisstück: auf der einen Seite für die Rechtfertigung eines Krieges, auf der anderen für die Rechtfertigung staatlicher Herrschaft. Beides macht Menschen zu Material für fremde Erzählungen.
Der kleine Lebensnerv
Forouhars Reisen nach Iran waren nie ein unbeschwertes Heimkehren. Im Gespräch mit Radio Zamaneh erzählt sie, das Gedenken an ihre Eltern sei über viele Jahre verhindert worden. Sicherheitskräfte hätten die Straße am Haus der Familie abgesperrt, Besucher zurückgewiesen, zeitweise festgenommen oder angegriffen. Sie berichtet von wiederholten Verhören, sieben Ausreisesperren und eingezogenen Pässen. Eine dieser Sperren habe länger als drei Monate gedauert und ihr ihre damalige Arbeitsstelle gekostet.
Später klagte das Geheimdienstministerium sie wegen Beleidigung religiöser Heiligtümer und Propaganda gegen die Staatsordnung an. Obwohl sie außerhalb Irans lebte, kehrte sie für das Verfahren zurück. Nach ihrer Darstellung endete es mit einer fünfjährigen Bewährungsstrafe. Auch diese Rückkehr verstand sie nicht als Annäherung an den Staat, sondern als Beharren auf ihrem Recht, sich nicht aus dem Land ihrer Eltern verdrängen zu lassen.
Für die Verbindung zum Haus ihrer Eltern und zum jährlichen Gedenken verwendet Forouhar einen kleinen, fast privaten Ausdruck: einen „Lebensnerv des Widerstands“. Gemeint ist keine heroische Pose, sondern Kontinuität. Menschen kamen trotz Verboten zum Haus; andere sorgten außerhalb Irans dafür, dass die Erinnerung nicht verschwand. Familien der 1988 hingerichteten politischen Gefangenen hielten über Jahrzehnte ähnlich an Khavaran als Ort der Trauer und des Protests fest.
Während des Krieges bekam Forouhar nachts einen Anruf aus Iran. Ihr Gesprächspartner bedankte sich für ihre Antikriegshaltung und stellte sich erst gegen Ende als Vizepräsident der Islamischen Republik vor. Forouhar machte die Episode später öffentlich. Sie antwortete ihm, Menschen wie sie könnten sich gegen den Krieg aussprechen; für politisch Verantwortliche reiche das nicht. Sie verfügten über Mittel und trügen Verantwortung dafür, einen Krieg zu verhindern.
Der Vorgang zeigt, wie Vereinnahmung funktioniert. Ein Vertreter des Staates kann sich auf die Antikriegshaltung einer Oppositionellen berufen. Daraus wird keine Loyalitätserklärung. Ebenso wenig macht internationale Anerkennung eine Menschenrechtsanwältin zur Vertreterin einer fremden Regierung.
Forouhars „dritte Stimme“ ist deshalb keine geometrische Mitte. Ihre Eltern wurden von Mitarbeitern des Staates ermordet; sie selbst wurde verhört, mit Ausreisesperren belegt und angeklagt. Ihre Ablehnung des Krieges steht neben dieser Erfahrung und ist aus ihrer Sicht mit ihr vereinbar.
Nasrin Sotoudehs Auszeichnung in Straßburg führt zu derselben Frage zurück. Eine Gesellschaft besteht nicht nur aus denen, die über sie herrschen, und denen, die von außen auf sie einwirken. Sie besteht auch aus Menschen, die unter eigenen Namen handeln, streiten, organisieren und widersprechen.
„Frau, Leben, Freiheit“ enthält diesen Anspruch schon in seinem mittleren Wort. Leben meint mehr als Überleben. Es meint die Möglichkeit, als Bürgerin oder Bürger zu handeln und eine politische Zukunft zu entwerfen. Die dritte Stimme ist in diesem Sinn kein weiterer Platz zwischen zwei Lagern. Sie ist der Anspruch, dass über die Bedingungen dieser Zukunft nicht an den Menschen vorbei entschieden wird.



