Serbien: Wenn die Straße ins Parlament ziehen will

Protest gegen die Regierung unter Aleksandar Vučić in Belgrad 2025
(Bild: Emilija Кnezevic, CC BY 4.0)

Nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs von Novi Sad wurde aus Trauer Protest und aus Protest eine landesweite Bewegung. Nun treten Serbiens Studierende zur Parlamentswahl an. Doch wer die Macht herausfordert, muss irgendwann mehr beantworten als die Frage, wer gehen soll: Was soll an seine Stelle treten – und wem soll Serbien gehören?

Das Vordach

Es ist Freitag, der 1. November 2024, 11.52 Uhr. In Novi Sad sind es 19 Grad. Der Himmel ist klar, die Sonne scheint. Vor dem Hauptbahnhof sitzen Menschen auf Bänken, andere gehen zum Eingang. Jemand wartet auf jemanden, Rollkoffer rattern über den Platz. Ein milder Herbstvormittag, an dem es keinen besonderen Grund gibt, nach oben zu schauen.

Sara und Valentina Firić sind mit ihrem Großvater Đorđe am Bahnhof. Sara ist sechs Jahre alt, Valentina neun. Milica Adamović ist sechzehn, Nemanja Komar siebzehn.

Menschen kommen an, andere wollen weiter. Einige sitzen unter dem weit auskragenden Betondach vor dem Eingang. Über ihnen liegt eine Konstruktion, die seit Jahrzehnten zum Bahnhof gehört. Um 11.52 Uhr gibt die Konstruktion nach.

Innerhalb weniger Sekunden begraben Beton und Trümmer die Menschen darunter. Vierzehn Menschen sterben bei dem Einsturz. Zwei weitere erliegen später ihren Verletzungen, der letzte von ihnen im März 2025. Am Ende sind es sechzehn Tote.

Sara, Valentina und ihr Großvater Đorđe gehören zu den Toten. Ebenso Milica, Nemanja und Stefan. Sie waren keine politischen Symbole. Sie warteten auf den nächsten Zug.

Wenige Monate zuvor war der Bahnhof nach umfangreichen Renovierungsarbeiten wiedereröffnet worden. Behörden und beteiligte Unternehmen erklärten nach der Katastrophe, das eingestürzte Vordach selbst sei nicht Teil der Renovierungsarbeiten gewesen. Der damalige Bauminister Goran Vesić trat wenige Tage später zurück und sprach von moralischer Verantwortung, bestritt jedoch eine persönliche Schuld. Gegen 13 Personen, darunter Vesić, liegt inzwischen eine bestätigte Anklage vor. Der Prozess hat noch nicht begonnen.

Vier Tage später kommen Tausende Menschen nach Novi Sad. Vor dem Bahnhof werden die Namen der Toten verlesen. Rote Handabdrücke erscheinen auf Transparenten und öffentlichen Gebäuden. „Eure Hände sind blutig“ wird zum Symbol der Proteste. Für die Demonstrierenden steht der Einsturz bald für den Verdacht, dass Korruption, politische Beziehungen und mangelnde Kontrolle bei staatlichen Großprojekten Menschenleben kosten können.

Studierende besetzen Fakultäten und berufen Plena ein. Sie verlangen die vollständige Veröffentlichung der Unterlagen zum Umbau des Bahnhofs und eine politische wie juristische Aufarbeitung. Universitäten und Straßen werden blockiert. Landwirt*innen kommen mit Traktoren, Beschäftigte und Gewerkschaften schließen sich Protesten und Arbeitsniederlegungen an, Nachbar*innen bringen Lebensmittel.

Immer wieder kehrt die Studierendenbewegung zu 11.52 Uhr zurück. Zunächst schweigen Menschen fünfzehn, später – als Vukašin Crnčević am 21. März 2025 an seinen schweren Verletzungen stirbt – sechzehn Minuten: eine Minute für jedes Todesopfer.

Unter ihnen ist Dijana Hrka. Ihr Sohn Stefan wurde unter dem Vordach getötet. Sie unterstützt die Bewegung und stellt die Frage, die seit dem Einsturz unbeantwortet ist: Wer trägt die Verantwortung für den Tod ihres Sohnes?

Eine Generation geht auf die Straße

Die Bewegung bringt keine einzelne Person hervor, die für sie sprechen könnte. Entscheidungen werden in Plena getroffen, Sprecher*innen wechseln und öffentliche Gesichter sollen nicht zu Anführer*innen werden. In einem politischen Betrieb, in dem Parteien gerne aussehen, als wären sie nach ihren Vorsitzenden benannt worden, ist schon das ungewöhnlich.

Doch hinter dem Sammelbegriff „Studierende“ stehen Menschen, die einen beträchtlichen Teil ihres Lebens in diesen Protest stecken. Olga Pantić studiert Kommunikationswissenschaften in Novi Sad. Als die Blockade ihrer Fakultät beginnt, arbeitet sie in der Mensa. Sie verlässt ihre Schicht und schließt sich den anderen an. Danach wird die Fakultät zeitweise zu ihrem Zuhause. „Alles dreht sich um die Blockade. Es ist wie ein Job“, erzählt sie der Deutschen Welle.

Das ist weniger romantisch, als Revolutionen auf Plakaten aussehen. Widerstand besteht hier aus Schichtplänen, der Organisation von Essen, Schlafplätzen, Hygieneartikeln und der Frage, wer beim nächsten Protest den Verkehr absichert.

Auch Branislav, ein 22-jähriger Student aus Novi Sad, gehört zu dieser Generation. „Ungefähr eine Stunde bevor es zusammenbrach, stand ich unter diesem Dach“, erzählt er Euronews. Danach geht er zur ersten großen Demonstration seiner Stadt.

Die Studierenden haben kein fertiges Regierungsprogramm. Ihre Ausgangspunkte sind die Aufklärung des Einsturzes und die Forderung, dass staatliche Institutionen tatsächlich funktionieren. In einem Staat, in dem Zehntausende dafür auf die Straße gehen, kann schon das erstaunlich störend wirken.

Proteste gegen Vučić sind in Serbien nicht neu. Schon 2017 berichtete etos.media über einen „serbischen Frühling“. Auch spätere Protestwellen brachten Zehntausende auf die Straße. Doch diesmal werden Demonstrationen zu Blockaden, aus spontaner Mobilisierung entstehen dauerhafte Strukturen.

Der Menschenrechtskommissar des Europarats berichtet nach seinem Besuch im Mai 2026 von exzessiver Polizeigewalt, Festnahmen friedlicher Demonstrierender und erniedrigender Behandlung in Gewahrsam. Substanziierte Beschwerden über unzulässiges Polizeiverhalten seien offenbar nicht untersucht oder strafrechtlich verfolgt worden.

Für die Studierenden ist Gewalt da längst keine abstrakte Möglichkeit mehr. Als sie im Juni 2025 in Novi Sad gegen Angriffe und Festnahmen demonstrieren, sagt die Studentin Anđela gegenüber N1: „Gewalt ist ihre einzige Waffe.“ Anschließend ziehen Demonstrierende zu einem Büro der regierenden Serbischen Fortschrittspartei SNS, das mit Eiern und Mehl beworfen wird. Gendarmerie schützt das Gebäude.

Ein halbes Jahr später sagt der Medizinstudent Petar Sorak: „Keiner von uns hat mehr das Recht, Angst vor den Konsequenzen zu haben.“ Die Folgen des Schweigens seien schlimmer, erklärt er, als geschlagen zu werden oder eine Prüfung nicht zu bestehen.

Aleksandar Vučić stellt die Proteste wiederholt als Ergebnis ausländischer Einflussnahme dar. Studierende, Professor*innen und zivilgesellschaftliche Organisationen werden in regierungsnahen Medien als Teil einer gegen den Staat gerichteten Kampagne dargestellt. Belege für eine ausländische Steuerung der Protestbewegung hat Vučić nicht vorgelegt.

Am 1. Juni 2025 kündigen die Studierenden bei Protesten in mehr als 30 Städten zivilen Ungehorsam an: „Wir werden nicht die Öffentlichkeit behindern, wir werden Lügen, Ungerechtigkeit und Korruption behindern.“
Damit verschiebt sich der Konflikt von der Aufarbeitung des Einsturzes zur Frage, wer Serbien regiert. Studierende marschieren durch das Land, gehen von Tür zu Tür und suchen die Verbindung zu Menschen außerhalb der Universitätsstädte. Aus den besetzten Hörsälen führt der Weg in Dörfer und Kleinstädte – und schließlich in die Wahlpolitik.

Am 14. September 2026 ziehen Tausende Menschen vom Rektorat der Universität Belgrad zur staatlichen Wahlkommission. Dort reichen die Studierenden ihre Liste „Studentska lista – Studenti pobeđuju“ („Studierendenliste – Studierende gewinnen“) für die vorgezogene Parlamentswahl am 25. Oktober ein. Einen Tag später wird sie zugelassen. Auf ihr stehen 250 Kandidat*innen. Die Wahlkommission bestätigt 69.099 gültige Unterstützungsunterschriften. Notwendig sind 10.000.

Ob die Wahl unter fairen Bedingungen stattfindet, ist allerdings keine nebensächliche Frage. Bei der Parlamentswahl 2023 stellte die OSZE fest, dass sie technisch gut organisiert war und politische Alternativen zur Auswahl standen. Zugleich schufen die dominante Rolle Vučićs und systemische Vorteile der Regierungspartei ungleiche Bedingungen. Die Beobachter*innen dokumentierten eine einseitige Medienberichterstattung, Druck auf Beschäftigte des öffentlichen Dienstes und den Missbrauch staatlicher Ressourcen.

Auch bei den Kommunalwahlen 2024 berichtete die OSZE erneut von solchen Problemen; am Wahltag kamen Verletzungen des Wahlgeheimnisses, Fälle von Stimmenkauf und einzelne gewaltsame Zwischenfälle hinzu.

2026 beginnt nicht auf einer weißen Seite. Die serbische Wahlbeobachtungsorganisation CRTA dokumentierte bereits bei der Sammlung der Unterstützungsunterschriften rechtswidrige Vorgänge zugunsten der Regierungsliste sowie Behinderungen der Studierendenliste und der Opposition. Die OSZE hat erneut eine Wahlbeobachtungsmission entsandt.

Vučić will den Stuhl wechseln

Aleksandar Vučić war von 2014 bis 2017 Ministerpräsident und von 2017 bis zum 27. September 2026 Präsident. Seine Serbische Fortschrittspartei SNS regiert seit 2012. Ministerpräsident*innen kommen und gehen, Kabinette werden umgebaut. Vučić bleibt.

Das ist nicht allein das Ergebnis gewonnener Wahlen. Freedom House beschreibt Serbien 2026 weiterhin als Mehrparteiensystem, sieht politische Rechte und bürgerliche Freiheiten jedoch zunehmend ausgehöhlt und die Macht immer stärker um Vučić personalisiert. Formal blieb Serbien eine parlamentarische Republik; politisch konzentrierte sich Macht weit über die verfassungsmäßigen Kompetenzen des Präsidenten hinaus.

Am 27. September legte Vučić sein Präsidentenamt nieder – sieben Monate vor dem regulären Ende seiner zweiten Amtszeit. Bei der Parlamentswahl am 25. Oktober steht er nun an der Spitze der Liste „Aleksandar Vučić – Ujedinjena Srbija“. Sollte seine Koalition anschließend die Regierung bilden, könnte Vučić ins Amt des Ministerpräsidenten zurückkehren.

An erster Stelle der Studierendenliste steht Ilija Srdanović, Kardiologe und Professor an der Medizinischen Fakultät in Novi Sad. „Studierendenliste“ beschreibt eher die Herkunft des Projekts als die politische Identität aller Kandidat*innen. Auf ihr stehen etwa der Soziologe Jovo Bakić, eine prominente Stimme der serbischen Linken, der frühere Zentralbankgouverneur und Wirtschaftsprofessor Dejan Šoškić sowie der Landwirt und Anti-Lithium-Aktivist Zlatko Kokanović. Mit Feđa Dimović von der Hip-Hop-Gruppe Beogradski sindikat kandidiert zugleich jemand, der nationalistische Positionen zum Kosovo vertritt.

Nationalismus ist dabei keineswegs eine Besonderheit der Studierendenliste. Er sitzt längst mit am Regierungstisch. Milica Đurđević Stamenkovski, Vorsitzende der nationalistischen Zavetnici, ist Arbeitsministerin. Auch der russlandnahe Nationalkonservative Nenad Popović gehört der Regierung an.
Und rechts von der Regierung endet das Spektrum nicht. Zur Wahl tritt die Koalition „Autentična desnica“ – „Authentische Rechte“ um Miloš Jovanović an, zu der die Neue Demokratische Partei Serbiens und die monarchistische Bewegung POKS gehören.

Die politische Trennlinie verläuft deshalb nicht sauber zwischen einer progressiven Studierendenliste und einer nationalistischen Regierung. Linke, liberale, konservative und nationalistische Positionen durchziehen das politische Feld – teilweise auch die Studierendenliste selbst.

Das betrifft nicht irgendeine historische Nebenfrage. Nach dem Tod Ratko Mladićs am 27. August erschienen in Belgrad neue Wandbilder mit seinem Porträt und Parolen wie „Danke, General“. Tausende kamen zu seiner Beerdigung. Der frühere bosnisch-serbische General war wegen des Genozids von Srebrenica sowie weiterer Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit rechtskräftig verurteilt worden. Sein Leichnam wurde mit einem Flugzeug der serbischen Regierung nach Belgrad gebracht. Angehörige des serbischen Militärs trugen den Sarg nach der Landung.

Vom Plenum ins Parlament

Eine Straßenblockade braucht keinen Staatshaushalt. Ein Plenum muss nicht entscheiden, welche Unternehmen Subventionen bekommen, wem Infrastruktur gehört oder welche Rechte Beschäftigte gegenüber ihren Arbeitgeber*innen haben. Wer parlamentarische Macht übernimmt, bekommt nicht nur einen Sitzplatz, sondern einen Staat mitgeliefert.

Im Parlament stellt sich damit eine neue Frage: Wem sind Abgeordnete verantwortlich – den Plena, ihren Wähler*innen oder ihrem eigenen Gewissen? Teile der etablierten Opposition haben ihre eigenen Kandidaturen zurückgestellt. Die Demokratische Partei und Kreni-Promeni unterstützen die Studierendenliste und treten nicht mit eigenen Listen an.

Wahlkämpfe brauchen Geld, juristische Kenntnisse, Infrastruktur und Menschen in Tausenden Wahllokalen. Je stärker die Studierendenliste auf vorhandene oppositionelle Strukturen zurückgreift, desto wichtiger wird die Frage, ob sie nur deren Ressourcen übernimmt oder irgendwann auch deren politische Logik.

Denn aus einer anderen Form politischer Organisation folgt nicht automatisch eine andere Wirtschafts- und Sozialpolitik. Und genau dort beginnt für eine linke Kritik die schwierigere Frage: Wem gehört Serbien?

Serbiens Wirtschaftsmodell setzt stark auf ausländische Investitionen. Der Internationale Währungsfonds nennt neben der geografischen Lage ausdrücklich Serbiens „cost-competitive labor force“, also seine vergleichsweise kostengünstigen Arbeitskräfte, als einen Grund für die Attraktivität des Landes für ausländisches Kapital.

„Kostengünstige Arbeitskräfte“ klingt in einem Investorenprospekt freundlicher als auf einer Lohnabrechnung. Nach Angaben des serbischen Statistikamtes lag der Median des monatlichen Nettolohns im Dezember 2025 bei 90.819 Dinar, rund 774 Euro. Die Hälfte der Beschäftigten verdiente höchstens diesen Betrag.

Wie eng politische Entscheidungen und Eigentumsinteressen miteinander verbunden sein können, zeigt der Konflikt um das Jadar-Projekt. Der geplante Lithiumabbau von Rio Tinto löste große Proteste aus. Nachdem die Regierung das Projekt 2024 wiederbelebt hatte und die Europäische Union es später zum strategischen Rohstoffprojekt erklärte, versetzte Rio Tinto Jadar in den Status „care and maintenance“. Aufgegeben ist es nicht. Mit Zlatko Kokanović steht einer der prominentesten Gegner dieses Projekts nun selbst auf der Studierendenliste.

Korruption zu bekämpfen beantwortet deshalb noch nicht die Frage, wem eine korruptionsfreie Wirtschaft gehört. Auch eine transparente Regierung kann öffentliche Betriebe privatisieren, Investor*innen subventionieren und niedrige Arbeitskosten zum Standortvorteil erklären. Der Kapitalismus benötigt keine braunen Umschläge unter Restauranttischen. Er funktioniert auch mit ordentlichen Ausschreibungen. Damit steht die Studierendenbewegung vor Fragen, die sich mit Transparenz allein nicht beantworten lassen: nach Löhnen und Arbeitsrechten, Gewerkschaften, öffentlichem Eigentum, Bergbau und Privatisierungen.

Studierende können Universitäten blockieren, Beschäftigte die Produktion stilllegen und Landwirt*innen Straßen mit Traktoren sperren. Ob daraus auch andere Eigentums- und Arbeitsverhältnisse entstehen, bleibt offen. Vielleicht ist der Weg ins Parlament leichter als der Weg durch das Parlament hindurch.

Doch in Novi Sad kehrt die Bewegung immer wieder zum Bahnhof zurück. Noch im Sommer 2026 stehen dort Menschen um 11.52 Uhr vor dem Gebäude und schweigen sechzehn Minuten. Eine Minute für Sara, Valentina, Đorđe, Milica, Nemanja, Stefan und die anderen, die unter dem Vordach starben.
Hier hat die Bewegung begonnen – nicht mit einem Wahlprogramm und nicht mit der Frage, wer Serbien regieren soll, sondern mit Menschen, die an einem Bahnhof warteten. Und mit einer Frage, die bis heute nicht beantwortet ist.

Ian Nadge stammt ursprünglich aus Australien. Er ist Aktivist und Publizist und lebt seit einigen Jahren in Niedersachsen. Ian beschäftigt sich vor allem mit autoritärem Umbau, materialistischem Antifaschismus, Kapitalismuskritik und staatlicher Repression in Ost- und Mitteleuropa sowie Deutschland.

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