Der Krieg und die libanesische Resilienz – Über Gewöhnung, Gewalt und die Normalisierung des Untragbaren

Was als libanesische Resilienz bezeichnet wird, ist oft die erzwungene Anpassung an permanente Gewalt. Dieser Text von Dr. Carolin Loysa ordnet sie historisch und geopolitisch ein und zeigt, wie Krieg auch darüber geführt wird, was sichtbar wird und was nicht.

Als ich 2019 das erste Mal im Libanon war, sagte ich zu meinem Bruder Firas: „Libanes*innen sind ja für ihre Resilienz bekannt.“ Er saß mir gegenüber auf dem Sofa, sah mich sichtlich genervt an und antwortete nur: „Was sollen wir denn auch sonst sein?“

Dieser Satz blieb hängen, weil er den Kern dessen trifft, was mit „libanesischer Resilienz“ gemeint ist: nicht unbedingt nur eine besondere Stärke, sondern vor allem das Fehlen von Alternativen. Resilienz ist hier keine Eigenschaft, sondern eine Notwendigkeit, um zu überleben. Das ist etwas, das ich in den letzten Jahren nicht nur verstanden, sondern am eigenen Körper gelernt habe.
Meine Geschichte hat mich lange aus dem Libanon herausgelöst, aber nicht den Libanon aus mir. Im Gegenteil: Sie hat mich auf eine andere Weise mit ihm verbunden, aus der Distanz, aus dem Fehlen und dem schwierigen Aushandeln von Zugehörigkeit.¹

Historische Kontinuitäten der Gewalt

Heute ist der Libanon wieder im Krieg. Nicht als isoliertes Ereignis, sondern als Teil eines größeren Krieges zwischen Israel und den USA gegen den Iran, der sich längst über die Region ausgedehnt hat. Zugleich greift es zu kurz, den aktuellen Krieg ausschließlich als Teil dieser geopolitischen Konstellation zu verstehen. Die gegenwärtige Gewalt steht in einer längeren historischen Linie israelischer Interessen und militärischer Interventionen im Libanon, die weit vor die aktuelle Eskalation und auch vor die Islamische Republik und das Mullah-Regime zurückreichen.

Bereits 1919 erklärte Chaim Weizmann den Litani Fluss zu einer essenziellen Ressource für die Zukunft des jüdischen Nationalprojekts. In den 1940er Jahren sprach sich David Ben Gurion für eine Kontrolle des Südlibanon aus, und 1950 notierte Premierminister Moshe Sharett in seinem Tagebuch, dass das Gebiet südlich des Litani Flusses Teil Israels werden würde. Diese Logik materialisierte sich militärisch lange vor der heutigen Konstellation: 1978 startete Israel die Operation Litani und marschierte in den Südlibanon ein, offiziell zur Vertreibung der PLO. Es folgten die Besatzung des Südlibanon von 1982 bis 2000 sowie der Krieg von 2006, der große Teile der zivilen Infrastruktur zerstörte, vor allem im Süden, was die schiitische Bevölkerung besonders hart traf, und bereits damals als Warnung formulierte, dass zukünftige Kriege noch umfassender geführt würden, bekannt geworden als sogenannte Dahiya Doktrin.²

Die jüngste Eskalation begann nicht erst mit dem offiziellen Wiederaufflammen des Krieges Anfang März. Schon seit dem Waffenstillstand im November 2024 hat Israel den Libanon weiter angegriffen und das Abkommen laut Berichten rund 15.000 Mal verletzt. In dieser Zeit wurden im Libanon fast 400 Menschen von israelischen Streitkräften getötet.

Das Untragbare

Mittlerweile sind über eine Million Menschen vertrieben, nicht „evakuiert“, rund 1100 wurden getötet, darunter mehr als 200 Kinder. Während ein Fünftel der Bevölkerung vertrieben ist, bombardiert Israel mittlerweile auch ohne Vorwarnung zentrale Teile Beiruts: In Ramlet al Baida wurden Vertriebene nachts in ihren Zelten bombardiert, acht Menschen wurden getötet, auch Kinder, Dutzende verletzt. Beirut und große Teile der Bekaa Ebene werden gezielt zerstört, der Süden mit weißem Phosphor besprüht und systematisch verwüstet; landwirtschaftliche Flächen werden unbrauchbar gemacht. Auch medizinisches Personal wird gezielt getroffen, seit Kriegsbeginn wurden mindestens 38 Menschen aus dem Gesundheitssektor getötet, und auch Journalist*innen werden gezielt angegriffen.

Zentrale Infrastruktur wird ebenso gezielt zerstört, so etwa Brücken über den Litani Fluss, die Verkehrswege und Versorgungslinien der Region verbinden, mit dem Ziel, den Süden des Libanons vom Rest des Landes abzuschneiden. Rund 15 % des Landes werden derzeit durch Evakuierungsanordnungen faktisch vom Rest des Libanon abgeschnitten.

Der Krieg begann also nicht Anfang März, er wurde nur Anfang März wieder als solcher benannt, nachdem die Hizbollah zwei Raketen abfeuerte. Was als geopolitische Eskalation beschrieben wird, übersetzt sich im Alltag in etwas sehr Konkretes: in Gespräche, in Stimmen, in den Versuch, Verbindung aufrechtzuerhalten.

Mein Vater und ich telefonieren täglich, meist per Video, wir wollen uns sehen. „Mach dir keine Sorgen“, sagt er vor ein paar Tagen. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Es ist nur Beirut.“ Wir schauen uns an und lachen, weil Lachen leichter ist als Weinen, eine der wenigen Möglichkeiten, der Schwere etwas entgegenzusetzen. Wir lachen, weil Israel bereits gedroht hat, Regierungsinfrastrukturen zu bombardieren, weil mein Vater durch die Vororte muss, um nach Beirut zu gelangen, und weil die Absurdität der Situation uns überrennt, ohne dass wir sie aussprechen oder wirklich zulassen.

Mein Vater ist Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im libanesischen Parlament. Als Abgeordneter für den Chouf trägt er Verantwortung für die Gesundheitsversorgung und für rund 100.000 Geflüchtete in seiner Region, in der insgesamt etwa 150.000 Menschen leben. Die Verbindung bricht immer wieder ab, überlastet von der Vielzahl der Menschen, die sie jetzt brauchen. Erst als das Bild zurückkehrt, sagt er: „Kind, das ist das sechste Mal, dass ich mich um Geflüchtete kümmern muss. Ich bin daran gewöhnt.“

Nachdem wir auflegen, sehe ich Nachrichten von Freund*innen: Wie geht es dir? Wie geht es deiner Familie? Ich weiß diese Fragen zu schätzen, und doch weiß ich oft nicht, wie ich darauf antworten soll. Ich frage mich: Wie geht es mir? Wie geht es meiner Familie? Was sagt ein Gespräch wie das mit meinem Vater überhaupt darüber aus?

Mir fällt das arabische Wort طمني (tamminni) ein, was ich gerade gelernt habe. Es bedeutet so viel wie: „Gib mir Sicherheit“, „Nimm mir die Sorge“. Vielleicht lachen wir deshalb. Weil wir wissen, dass es dieses Versprechen nicht gibt. Dass uns niemand die Sorge wirklich nehmen kann. Wohl denen, in deren Sprache es ein solches Wort nicht geben muss.

Resilienz als Notwendigkeit

Das ist die berühmte libanesische Resilienz: die Gewöhnung, von der mein Vater spricht, eine Anpassung des Nervensystems an Unsicherheit, an Bedrohung, an die ständige Wiederkehr von Gewalt; das erzwungene Tragen des Untragbaren.

Mein eigenes libanesisches Nervensystem ist erst sieben Jahre alt. Ich würde mir nicht anmaßen, mir vorzustellen, dass ich weiß, wie es für meine gleichaltrigen Cousinen vor Ort ist, die bereits als Kinder und Teenager Krieg direkt erlebt haben.

Für mich ist dies der zweite Krieg, den ich aus der Ferne miterlebe, und ich bin wütend, frustriert und traurig, will zu meinem Baba und fühle mich nicht unbedingt resilient.

Resilienz klingt nach Stärke, nach der Fähigkeit, selbst unter extremen Bedingungen weiterzumachen, nicht nach dem Zwang, keine Alternative zu haben. Was hier als Resilienz beschrieben wird, ist oft nichts anderes als die Normalisierung des Untragbaren. Krieg, Zerstörung, Vertreibung erscheinen nicht mehr als Ausnahme, sondern als Zustand, an den mensch sich anpasst. Ich habe das nicht nur verstanden, ich spüre es: In meiner zweiten Runde im Krieg fühle ich mich auf perfide Weise besser vorbereitet: auf schlaflose Nächte, auf die ständige Anspannung im Körper, gegen die ich boxe, tanze, laufe, lache und weine und, wenn das nicht hilft, trinke. Auf die Ohnmacht und das gleichzeitige Ankämpfen dagegen, mit dem Privileg in Sicherheit zu sein und Texte wie diesen schreiben zu können. Resilienz verschiebt den Fokus: weg von der Gewalt und hin zu denen, die gezwungen sind, mit ihr zu leben. Nicht der Krieg wird zum Problem, sondern die Frage, wie gut Menschen ihn „bewältigen“.

Gewöhnung an Gewalt und wer sie (un-) sichtbar macht

Mein Vater sagt: „Ich bin daran gewöhnt.“ Mehr als Stärke ist dies die traurige Routine des Ausnahmezustands. Resilienz macht diesen Zustand erträglich und genau dadurch verlängert sie ihn. Der Fokus auf Resilienz ist kein Zufall, sondern Teil davon, wie Krieg auch über Wahrnehmung organisiert wird. Krieg wird nicht nur mit Waffen geführt: Im Krieg geht es darum, zwei Dinge zu kontrollieren: das Militär – und das Bewusstsein. Während vor Ort Städte zerstört, Menschen vertrieben, getötet und ganze Regionen unbewohnbar gemacht werden, verschiebt sich der Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Gewalt erscheint selektiv, fragmentiert, eingeordnet in Narrative, die bestimmen, was gesehen wird und was nicht.

Während sich Medienberichte in Deutschland vor allem auf die Angriffe der Hizbollah konzentrieren, bleibt ein Großteil der Realität unsichtbar. Entsprechend äußert sich auch der deutsche Kanzler jüngst auf Twitter: „Ich bin zutiefst besorgt über die eskalierende Gewalt im Libanon: Die Angriffe der Hizbollah auf Israel und die Zivilbevölkerung müssen aufhören.“

Dieser Satz beschreibt nicht den Krieg, er ist politisches Gaslighting: Gewalt wird nur dort benannt, wo sie politisch anschlussfähig ist und dort ausgeblendet, wo sie Widersprüche erzeugt. Indem der Kanzler ausschließlich die Angriffe der Hizbollah benennt, verschiebt er die Realität: Israelische Gewalt erscheint nicht mehr als Ausgangspunkt und strukturierende Kraft dieses Krieges, sondern verschwindet aus dem Bild und mit ihr die Frage nach Verantwortung. Hier entsteht ein verzerrtes Bild der Realität. Gewalt wird so geordnet, dass sie erklärbar, legitimierbar und letztlich akzeptierbar wird.

Diese Verschiebung ist kein Zufall, sondern Teil der Kontrolle von Bewusstsein im Krieg. Ebenso wie diese Form der Wahrnehmung kein Zufall ist, sondern Ausdruck konkreter Machtverhältnisse – und damit auch einer Klassenfrage,in der race als eine ihrer zentralen Modalitäten wirkt. Denn Wahrnehmung ist nie neutral, sondern strukturiert durch eine Ordnung, in der, wie Sara Ahmed beschreibt, Weißsein als unsichtbare Norm festlegt, wer überhaupt als fühlendes und betrauernswertes Subjekt erscheint. Was nicht in diese Ordnung passt, bleibt unsichtbar oder wird als Bedrohung markiert.

Denn es sind nicht „Gesellschaften“, die entscheiden, was sichtbar ist, sondern ökonomische, politische und mediale Eliten, die den Rahmen dessen setzen, was gesagt, gedacht und gefühlt werden darf. Während die materiellen Konsequenzen von Kriegen, Vertreibung, Armut, Zerstörung oder, wie bei uns in Deutschland, steigende Benzinpreise, vor allem die arbeitenden und marginalisierten Teile der Bevölkerung treffen, wird deren Deutung von jenen geprägt, die von diesen Konsequenzen weitgehend abgeschirmt sind. Wie Frantz Fanon schrieb, entsteht dafür ein Blick, unter dem andere „fixiert“ werden, sichtbar gemacht nicht als Subjekte, sondern als Objekte, deren Leben und Tod unterschiedlich gewichtet werden; eine Logik, die sich in der politischen Sprache unseres Kanzlers fortsetzt. Netanyahu wusste, was er sagte, als er meinte, Social Media sei die wichtigste Waffe im Krieg, sie schafft den Rahmen für diese Fixierung.

Im Libanon zeigt sich diese Ordnung selektiver Wahrnehmungebenso. Die gesellschaftliche Verankerung von Akteuren wie der Hizbollah lässt sich nicht ohne die jahrzehntelange Marginalisierung großer Teile der schiitischen Bevölkerung verstehen, auch sie werden „fixiert“ durch staatliche Vernachlässigung, soziale und ökonomische Ungleichheit und fehlende politische Repräsentation. Dies hat Strukturen hervorgebracht, in denen alternative Machtformen wie die Hizbollah erst entstehen konnten.

Das erklärt ihre Existenz, ohne sie zu legitimieren oder für gut oder richtig zu befinden.

Denken in klaren Fronten

Doch genau diese differenzierte Erklärung geht im öffentlichen Diskurs verloren. Statt struktureller Analyse dominiert ein Denken in klaren Fronten: hier das Gute, dort das Böse; hier Sicherheit, dort Bedrohung, hier Zivilisation dort Barbarei.

Diese Logik ist anschlussfähig, weil sie einfach ist, heute wie vor hundert Jahren. Und weil sie an eine tief verankerte binär gedachte und rassistisch geprägte Hierarchie von Leben anknüpft: daran, wessen Leben betrauert wird und wessen Zerstörung als Teil geopolitischer Realität hingenommen wird.

In dieser Hierarchie zeigt sich eine Kontinuität, die sich als Teil einer globalen Ordnung lesen lässt, die von westlichen Perspektiven geprägt ist. Eine Ordnung, in der Gewalt danach bewertet wird, von wem sie ausgeht und gegen wen sie sich richtet. Genau deshalb greift auch die Vorstellung zu kurz, politische Probleme ließen sich durch die Eliminierung einzelner Akteure oder Gruppen lösen.

Wenn in Deutschland etwa über ein Verbot der AfD diskutiert wird, sollte sich nicht nur die Frage nach der Partei selbst stellen, sondern nach den gesellschaftlichen Bedingungen, die dazu geführt haben, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung sie wählt.

Gerade hier zeigt sich, dass mit zweierlei Maß gemessen wird: Niemand würde ernsthaft argumentieren, dass sich dieses Problem lösen lässt, indem man nicht nur die Partei verbietet, sondern die Wähler*innen selbst zum Problem erklärt oder „loswerden“ will.

Der Vergleich hinkt: die Hizbollah ist nicht nur eine Partei, sondern auch eine vom Iran unterstützte Miliz mit erheblicher militärischer Macht. Doch auf struktureller Ebene zeigt sich dennoch das doppelte Maß: Während hier zwischen politischen Akteuren und Bevölkerung unterschieden wird, wird diese Unterscheidung im Kontext des Libanon systematisch aufgehoben: Teile der schiitischen Bevölkerung werden unter Generalverdacht gestellt und als der Hizbollah nah markiert, nicht nur innerhalb des Landes, sondern auch in internationalen politischen und medialen Diskursen. Was hier undenkbar wäre, wird dort implizit erwartet oder zumindest in Kauf genommen.

(Ob behauptet wird, die 200 ermordeten Kinder hätten für die Hizbollah gearbeitet? – Sarkasmus und Galgenhumor sind nämlich auch Teil der libanesischen Resilienz.)

Diese Verschiebung, weg von strukturellen Bedingungen hin zur Markierung ganzer Gruppen als Problem, ist kein Zufall. Wie Sara Ahmed und Frantz Fanon zeigen, folgt Wahrnehmung einer Ordnung, in der Leben unterschiedlich gewichtet werden.

Angst, Frust und Unsicherheit, egal woher sie stammen, sollten in einem demokratischen Miteinander ernst genommen werden. Doch genau darin zeigt sich das doppelte Maß im westlichen Blick, wie es sich auch in der Aussage des Kanzlers manifestiert: Auch hier werden sie selten konsequent als Ausdruck sozialer Bedingungen verstanden, sondern politisch kanalisiert und auf bestimmte Bevölkerungsgruppen verschoben.
Und doch folgt ein Großteil politischer Analysen genau dieser Logik: Komplexe politische Realitäten werden auf einzelne Akteure und Gruppen reduziert, während die strukturellen Bedingungen, die sie hervorgebracht haben, unangetastet bleiben. Weder die Hizbollah noch israelische Militärpolitik noch die Aussagen unseres Kanzlers lassen sich isoliert verstehen. Sie sind Ausdruck eines Gefüges aus historischer Marginalisierung, geopolitischen Interessen und sozialer Ungleichheit, dessen Kosten vor allem jene tragen, die am wenigsten Einfluss auf seine Gestaltung haben.

Was im Libanon geschieht, folgt einer klaren, über Jahrzehnte gewachsenen Logik. Die israelische Besatzung des Südlibanon von 1982 bis 2000, in deren Kontext auch die Hizbollah entstand, der Krieg von 2006 sowie wiederkehrende Angriffe zeigen eine Kontinuität: die Kontrolle von Territorium, die Verschiebung von Grenzen und die Durchsetzung politischer Ordnung mit militärischer Gewalt.

Heute setzt sich diese Logik fort. Israel hält dem Libanon faktisch eine Waffe an den Kopf: Entweder du wendest dich nach innen, gegen die Hizbollah oder wir tun es für dich und zerstören dein Land – Bürgerkrieg oder Krieg.

Gaza dient dabei als Blaupause. Die systematische Zerstörung von Lebensraum, die Vertreibung von Bevölkerung und die Herstellung von Unbewohnbarkeit werden auf andere Teile der Region übertragen. Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich kündigte an, der Süden des Libanon solle aussehen wie Khan Younis. Ähnliche Positionen finden sich auch jenseits der äußersten Rechten: Selbst Yair Lapid, lange als moderat in der Opposition zu Netanyahu gesehen, hat territoriale Ausweitungen in diesem Sinne befürwortet, und auch der US-Politiker Mike Huckabee sprach Israel ein entsprechendes Recht zu. Solche Aussagen stehen nicht isoliert. Diese historische Kontinuität zeigt sich auch darin, wie Gaza und Teile des Libanon als Räume gedacht werden, die Israel zustehen oder unter seine Kontrolle gebracht werden können, oft verhandelt unter dem Begriff eines „Groß-Israel“. Dass solche Positionen keineswegs randständig sind, zeigt eine aktuelle Umfrage, nach der 62 % der israelischen Befragten eine Besatzung des Südlibanon befürworten. Darin zeigt sich eine Logik, die über den Konflikt hinausgeht: die koloniale Verschiebung von Grenzen – die Idee, Territorien unabhängig von den Menschen, die in ihnen leben, neu zu ordnen.

Genau hier schließt sich der Kreis zur Frage des Bewusstseins: Wer entscheidet, welche Grenzen legitim sind? Wer bestimmt, welche Gewalt als notwendig, welche als nicht tragbar gilt? Wenn Gewalt selektiv benannt wird, geht es nicht nur um Sprache, sondern um Macht darum, Realität zu definieren.

Vertreibung ist kein Nebeneffekt, sondern Teil dieser Strategie.

Diese Form der Gewalt beeinflusst auch die inneren Dynamiken im Libanon: Der Frust wächst, und mit ihm der Ruf nach einem Vorgehen gegen die Hizbollah. Teile der schiitischen Bevölkerung dagegen fühlen sich vom Staat im Stich gelassen und verraten. Während führende Stimmen aus Politik und Medien die Hizbollah für den Krieg verantwortlich machen, bleibt die Rolle Israels oft unausgesprochen. In dieser Verschiebung entsteht ein Gefühl, nicht nur angegriffen, sondern auch aufgegeben worden zu sein.

Der Satz „Wahre Libanesinnen lieben jeden Zentimeter ihres Landes“ bringt diese Spannung auf den Punkt: Er ist Ausdruck von Zugehörigkeit und zugleich von dem Druck, Loyalität unter Bedingungen zu beweisen, die man selbst nicht gewählt hat.

Genau darin liegt die Gefahr: Die Externalisierung von Gewalt nach innen öffnet die Tür zu einer neuen Eskalation der Möglichkeit eines Bürgerkriegs.

Es ist eine andere Form der Gewöhnung: Israelische Gewalt wird so konstant, dass sie zum Hintergrundrauschen wird.

Resilienz als Zwang

Hier kehrt auch der Begriff der Resilienz zurück – nicht als Stärke, sondern als Anpassung an einen Zustand, der sich immer weiter normalisiert. Eine Resilienz, die aus Mangel an Kraft nicht zwingend widersteht, sondern absorbiert.3

Was historisch formuliert wurde, setzt sich heute in neuer Form fort. Initiativen wie der India–Middle East–Europe Economic Corridor (IMEC) zeigen, dass es weiterhin um die Neuordnung von Handelsrouten, Infrastruktur und Einflusszonen geht. Der Libanon erscheint darin nicht als politisches Subjekt, sondern als Raum, über den verfügt wird – gestaltet, kontrolliert und destabilisiert. Krieg erscheint hier nicht als Reaktion – sondern als Methode.

Wenn Resilienz bedeutet, sich immer wieder an Gewalt anzupassen, dann wird sie zum Problem. Aber Resilienz an sich ist nicht das, wogegen ich schreibe. Im Gegenteil.

Ich schreibe für eine andere Form von Resilienz eine, die nicht aus Zwang entsteht, sondern aus der Möglichkeit, sich ihr zu entziehen. Eine, die nicht darin besteht, Gewalt zu absorbieren, sondern darin, sich ihr zu widersetzen.

Die Realität des Libanon lässt sich nicht auf einfache Fronten reduzieren: nicht auf Hizbollah oder Israel, nicht auf Stabilität oder Zerstörung.

Ich wünsche mir einen Libanon, der frei ist von der politischen und militärischen Dominanz der Hizbollah und des Iran und vor allem frei von israelischer Gewalt, Besatzung und Krieg.

Mein Vater sagt, er sei daran gewöhnt.

Vielleicht ist es an der Zeit, nicht mehr über libanesische Resilienz zu sprechen, sondern über das Fehlen deutscher Resilienz und Verantwortung – über die Unfähigkeit, uns den unbequemen Wahrheiten unserer eigenen Geschichte und Gegenwart und ihrer Auswirkungen zu stellen.

Quellen, Anmerkungen und Kontext

  1. Ich wurde als Tochter einer deutschen Mutter und eines libanesischen Vaters geboren. Mein Vater floh während des Krieges Ende der 1970er, zunächst in die Ukraine, später nach Moskau, wo er meine Mutter kennenlernte die dort studierte. Sie war Bürgerin der DDR und lebte in einem System, das persönliche Beziehungen zu Menschen aus sogenannten „nicht-alliierten“ Ländern untersagte – eine Ordnung, die bestimmte Verbindungen als unvereinbar erklärte. Ihre Beziehung zu meinem Vater war unerwünscht, seine zu ihr ebenso. So bin ich ohne ihn aufgewachsen. Erst vor sieben Jahren haben wir uns wiedergefunden – zum ersten Mal hatte ich einen Bezugspunkt für meine eigene Erfahrung als arabisch gelesenes Kind in einer weißen Gesellschaft.
  2. Die sogenannte „Dahiya-Doktrin“, benannt nach den südlichen Vororten Beiruts (al-Dahiya), die im Libanonkrieg 2006 massiv zerstört wurden, beschreibt eine militärische Strategie der gezielten und großflächigen Zerstörung ziviler Infrastruktur zur Abschreckung. Der israelische General Gadi Eizenkot erklärte 2008, man werde in zukünftigen Konflikten „unverhältnismäßige Gewalt“ anwenden und ganze Gebiete wie militärische Ziele behandeln. Diese Logik wurde seither vielfach als prägend für spätere Militäroperationen beschrieben, insbesondere im Gazastreifen.
  3. Der „Mangel an Kraft“, von dem hier die Rede ist, ist kein individueller, sondern strukturell produziert. Seit der Revolution von 2019 befindet sich der Libanon in einer tiefen politischen und ökonomischen Krise, geprägt von Währungsabwertung, dem Zusammenbruch zentraler Infrastrukturen und wachsender Armut. Die Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 zerstörte weite Teile der Stadt und steht bis heute sinnbildlich für staatliches Versagen und ausbleibende Aufarbeitung. In diesem Kontext wird der Libanon zunehmend als „failed state“ beschrieben – ein Zustand, in dem grundlegende staatliche Funktionen kaum noch gewährleistet sind und Erschöpfung zur gesellschaftlichen Realität wird.

Die in diesem Text entwickelten Argumente stützen sich auf persönliche Erfahrungen, Berichte internationaler Medien, Untersuchungen von Menschenrechtsorganisationen, Analysen regionaler Forschungsinstitute, wissenschaftliche Literatur sowie Hintergrundgespräche. Ich danke meinem Bruder Hendrik Loysa für seinen Input sowie KI-gestützten Anwendungen für die Textkorrektur.

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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Ein Kommentar

  1. Zuerst: ich finde das einen in weiten Teilen guten und interessanten Artikel, will allerdings eine paar kritische Anmerkungen dazu machen.
    Carolin Loysa schreibt „Während führende Stimmen aus Politik und Medien die Hizbollah für den Krieg verantwortlich machen, bleibt die Rolle Israels oft unausgesprochen“ und bezieht sich dabei auf den etos-Artikel „https://etosmedia.de/politik/libanon-im-wuergegriff-hisbollah-israel-und-die-interessen-des-westens/“.
    „Führende Stimmen aus Politik und Medien“ ist eine Worthülse. Es ist ein Teil der libanesischen Regierung und der vor allem von Saudi Arabien finanzierten Medien, die die Hizbollah dafür verantwortlich machen. Dieselben „Stimmen“, die schon seit Jahren die US-Politik im Libanon umsetzen, bereit sind, Israel zu unterstützen und auch nichts dagegen hätten, den Libanon offen zu einem Vasallenstaat machen.
    Im Artikel, auf den sie sich an dieser Stelle bezieht, finde ich nichts zu „führenden Stimmen…“.
    Im Gegenteil, dort heißt es:
    „Dass die Forderung zur Entwaffnung der Hisbollah angesichts eines in Palästina genozidal agierenden Israels, von weiten Teilen der libanesischen Bevölkerung – insbesondere der Schiiten, die die direkten Nachbarn und Betroffenen potenzieller Gewalt sind und künftig auch weiterhin wären – abgelehnt wird, kann kaum überraschen. Und hierin liegt das Dilemma: Die Entwaffnung der Hisbollah ist für die demokratische Entwicklung im Libanon unablässig. Gleichzeitig ist sie in Ermangelung einer glaubhaften Abschreckung durch die libanesische Armee oder anderer verlässlicher Sicherheitsgarantien ersatzlos und damit eine Einladung an die rechtsextreme israelische Regierung zu weiterer Besetzung, Landnahme und Vertreibung. Von dieser existenziellen Bedrohung können auch verlockende Versprechen über Investitionen in eine neue ökonomische Zone im Südlibanon durch Saudi-Arabien und Katar – wie sie jüngst US-Sondergesandte Barrack in Aussicht stellte – nicht hinwegtäuschen.“
    Sie wünscht sich einen „einen Libanon, der frei ist von der politischen und militärischen Dominanz der Hizbollah und des Iran und vor allem frei von israelischer Gewalt, Besatzung und Krieg“.
    Dazu, wie das geschehen soll, schreibt Carolin Loysa nichts. Sie schreibt ebenfalls nichts darüber, dass die USA weitgehend die libanesische Politik bestimmen. Aoun z.B., der aktuelle libanesische Staatspräsident, war der Kandidat der USA.
    M.E. hat der Libanon nur dann die Möglichkeit einer selbstbestimmten Entwicklung, wenn Israel militärisch besiegt und die USA aus der Region vertrieben sind.

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