Der größte Raub:
Venezuelas Öl und ein Imperium im Niedergang

Taumelt und fällt und wankt und will seinen Niedergang nicht wahrhaben: das U.S. Empire.
Foto: kaicologne, Adobe Stock

65 Milliarden Barrel Rohöl, ein entführter Präsident und ein Imperium im Niedergang. etos.media-Redakteur Jakob Reimann beschreibt in seinem Kommentar die historische Dimension eines Raubzugs mit Billionenpotenzial.

Nun haben sie es endlich geschafft: Die herrschende Klasse in den USA hat sich einen bedeutenden Teil des venezolanischen Erdöls geraubt. Zumindest, wenn man ihrem Erfüllungsgehilfen im Oval Office Glauben schenken mag: „Trump sagt, die USA werden die Kontrolle über 65 Milliarden Barrel venezolanischen Öls übernehmen“, titelte die Financial Times am späten Freitagabend. Dieser Raub umfasst potenziell mehrere Billionen US-Dollar, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten umgesetzt werden könnten.

Laut Financial Times geht es um die Ausbeutung von 17 bis 21 Ölfeldern, vor allem im Orinoco-Gürtel südlich der venezolanischen Küstenregion. Dafür soll ein privates Joint Venture gegründet werden, das, gemessen an den kontrollierten Vorkommen, aus dem Stand das zweitgrößte Ölunternehmen der Welt sein würde – hinter dem Riesen Saudi Aramco. Der „Deal“ wurde mit der venezolanischen Präsidentin Delcy Rodríguez geschlossen, die nach der Entführung des Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA Anfang Januar das Regierungsamt geschäftsführend übernommen hatte. Als Interimspräsidentin verfügt Rodríguez freilich über keinerlei Autorität, in diesem historischen Maß die Plünderung ihres Landes einzufädeln: Diese „unrechtmäßige Übergangsregierung“ verfüge „über keinerlei Legitimität, dieses verfassungswidrige Abkommen abzuschließen“, schreibt der ehemalige venezolanische Planungsminister und heutige Harvard-Professor Ricardo Hausmann.

Artikel 12 der venezolanischen Verfassung schreibt ausdrücklich vor, dass sämtliche Kohlenwasserstoffvorkommen „der Republik gehören und Teil des öffentlichen Eigentums“ und „daher unveräußerlich und nicht übertragbar“ sind. Der kannibalistische Raubtierkapitalismus wertewestlicher Prägung lässt sich von sentimentalem Gewäsch wie bindenden Verfassungen souveräner Staaten freilich nicht beeindrucken.

Ein Herzensprojekt

Venezuela hat mit Abstand die größten Ölvorkommen der Welt und liegt damit seit langem im gierigen Blick des U.S. Empire. 2002 scheiterte ein von der CIA unterstützter Putschversuch gegen den Sozialisten Hugo Chávez. Die Massenproteste in Caracas ab 2017 wurden tatkräftig aus den USA unterstützt, und unter Washingtons barbarischem Sanktionsregime wurden ab August 2017 allein im ersten Jahr 40.000 Menschen getötet – man muss nicht mit Panzern und Raketen in ein Land einfallen, um im großen Stil seine Bevölkerung zu ermorden.

Die Einsetzung des von Washington in Stellung gebrachten Rechtsaußen Juan Guaidó als neue US-Marionette in Caracas wollte nicht so recht klappen – nicht einmal die von den Wissenschaftlichen Diensten des Bundestags als „fragwürdig“ gerügte Anerkennung als Präsident durch Außenminister Heiko Maas höchstpersönlich konnte daran etwas ändern. Die US-Sanktionen eskalierten die venezolanische Wirtschaftskrise zu einer verheerenden Hungerkrise – vier von fünf Haushalten litten 2017 an Nahrungsmittelknappheit. Selbstredend wurde der westliche Wirtschaftskrieg gegen das zusehends verarmende Land auch unter dem Demokraten Biden fortgeführt – ist das Aushungern der Bevölkerungen widerspenstiger Regierungen in den USA schließlich ein überparteiliches Herzensprojekt.

Doch die riesigen US-Ölvorkommen lagen schließlich noch immer unter venezolanischem Boden, und so führte die US-Regierung Anfang dieses Jahres eine hollywoodreife Nacht-und-Nebel-Aktion durch: Mit der Zerstörungskraft von 150 Kampfjets und Bombern im Rücken entführten U.S. Special Forces in der Nacht zum 3. Januar Maduro und seine Frau Cilia Flores und verschleppten beide in die USA. Zwei Monate zuvor hatte Maduro den USA noch angeboten, den venezolanischen Öl- und Goldmarkt für US-Konzerne zu öffnen: Doch der gute Raubtierkapitalist will nicht reden – er will nehmen.

In den europäischen Hauptstädten und ihren Gazetten freute man sich mal offener, mal zurückhaltender über die Präsidentenentführung. Es gab Abzüge bei den Formnoten, ja, doch am Ende wurde hier schließlich einer von den Bösen abgeräumt. Die weiträumige Bombardierung von Caracas und die rund 100 Toten, Zivilisten darunter, wurden gemeinhin als neokoloniale Kollateralschäden verbucht – Freiheit, Demokratie und Menschenrechte sind bekanntlich nur mit Blutzoll zu haben.

Außenminister Johann Wadephul (CDU) verglich die Maduro-Entführung jüngst mit der Überschreitung der 50-km/h-Begrenzung in einer Ortschaft: „Es ist im Grunde das Gleiche“, weiß der promovierte Jurist.

Die Niederträchtigkeit der Bundesregierung ist wahrlich atemberaubend.

Der taumelnde Riese

Der nun offenbar formalisierte Raub des venezolanischen Öls hat ein historisches Ausmaß. Financial Times, Associated Press und Politico berufen sich in der Berichterstattung alle auf einen anonymen US-Offiziellen – ein strategisch vom Weißen Haus gesetztes Leak also –, laut dem sich die USA 55 Prozent der effektiven Fördermenge der 65 Milliarden Barrel sichern. Bei aktuellen Rohölpreisen von 80 bis 90 Dollar pro Barrel entsprächen diese Mengen potenziellen Umsätzen um die drei Billionen US-Dollar. Sollten sich die Weltmarktpreise – etwa durch spätimperiale Krisen wie aktuell rund um die Straße von Hormus – signifikant erhöhen, steigen entsprechend die Umsätze. Bei einem Barrelpreis von rund 110 Dollar wären es bereits vier Billionen US-Dollar Umsatz. Hinzu kommen Einkaufsrechte von Rohöl zum Selbstkostenpreis, was ebenfalls leicht Vorteile in Höhe dreistelliger Milliarden umfassen könnte.

Folgende These ist damit plausibel: Mit der gesicherten Kontrolle über das venezolanische Öl führen die USA den größten einzelnen Ressourcenraub in der postkolonialen Ära durch. Womöglich sogar in der Geschichte des Kapitalismus insgesamt.

Andere konkrete Raubzüge erreichen diese Zahlen nicht. Nach dem von CIA und MI6 orchestrierten Coup im Iran 1953 (Operation Ajax) schaufelten sich westliche Ölkonzerne die Taschen zwar zum Bersten mit Petrodollars voll, doch handelte es sich in den Jahrzehnten bis zur Revolution 1979 um Beträge in maximal dreistelliger Milliardenhöhe. Beim Überfall auf den Irak 2003 ging es zwar auch um Öl, aber weniger um direkte Profite, sondern in erster Linie um die Geopolitik dahinter: Ein ambitionierter Möchtegern-Regionalhegemon wie Saddam Hussein sollte ein für alle Mal kaltgestellt werden. Kontrolle über das Erdöl war hier Mittel zum höheren Zweck und dient – bis zum heutigen Tage – der Kontrolle über den irakischen Staat.

Auch andere Beispiele, in denen zur Ressourcenbeschaffung Militäre als verlängerter Arm nationaler Kapitale dienten – wie etwa die Jahrzehnte der US-amerikanischen Banana Wars ab 1898 oder Belgiens Barbarei im Kongo ab 1960 – verblassen in ihrer Dimension neben dem aktuell eingefädelten Raub venezolanischen Öls. Das US-Imperium befindet sich in der Phase imperialer Überdehnung und spätrömischer Dekadenz. Es hat seinen Zenit überschritten und verhält sich so, wie sich Imperien, die ihren Zenit überschritten haben, nun mal verhalten: bockig, blind, altersstur und altersstarr. Der taumelnde Riese will seinen Niedergang nicht wahrhaben – und während ein historischer Raubüberfall diesen Niedergang vielleicht um zwei, drei Seiten in den Geschichtsbüchern nach hinten zu verschieben mag, sitzt Beijing im Sessel, beobachtet und lernt.

Jakob Reimann ist etos.media-Redakteur für Außenpolitik und beschäftigt sich hauptsächlich mit Kriegen und Konflikten in Westasien und Nordafrika (WANA), der Jemen und Palästina/Israel als seine Schwerpunkte. Darüber hinaus schreibt er über Militarismus und Geopolitik sowie über die extreme Rechte und den autoritären Staatsumbau in der BRD. Als Gründungsmitglied des AK Antimilitarismus ist Jakob Mitherausgeber des im November bei PapyRossa veröffentlichen Sammelbands »Die große Mobilisierung«.

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