Massachusetts als Vorbild: Warum Deutschland Superreiche stärker besteuern sollte

Dank der zusätzlichen Steuereinnahmen, konnte Gouverneurin Maura Healey in ihrer bisherigen Amtszeit erheblich mehr Geld in Bildung, Gesundheit und andere sozialpolitische Bereiche investieren. (Bild: Office of Governor Healey, CC BY-NC-SA 4.0, via Flickr)

Die Vermögen der deutschen Milliardäre sind allein im vergangenen Jahr um 30 Prozent auf 840 Milliarden Euro gestiegen, während das Vermögen des Normalbürgers seit Jahren mehr oder minder stagniert. Diese Entwicklungen verdeutlichen die Notwendigkeit einer Veränderung im deutschen Steuersystem. Ein Beispiel dafür könnte ausgerechnet die USA sein, genauer der Bundesstaat Massachusetts, der im November vor drei Jahren eine vierprozentige Steuer für Einkommensmillionäre einführte und damit alle Behauptungen der Lobbyverbände widerlegt.

Die Debatte um einen höheren Steuersatz, mal stärker konzentriert auf Einkommen, mal auf Vermögen, wiederholt sich alle paar Jahre. Doch die Bundesregierungen weigern sich beharrlich, etwas zu verändern, unabhängig von der Intensität des Drucks und der steigenden Ungleichheit in Deutschland.

Reichensteuer per Volksentscheid

Massachusetts führte 2022 per Volksentscheid eine sogenannte „Fair Share Tax“ ein: einen zusätzlichen Steuersatz von vier Prozent auf jedes Jahreseinkommen über einer Million US-Dollar. Im Wahlkampf beschworen Republikaner, Unternehmerverbände und Superreiche das Bild eines Landes, aus dem alle Reichen abwandern würden und dessen Haushaltslage sich massiv verschlechtern würde. Die Realität entlarvte all diese Behauptungen als Mythos. Die Zahl der Personen mit einem Nettovermögen von über einer Million Dollar wuchs um fast 40 Prozent, die Zahl der Multimillionäre und sogar der Milliardäre nahm ebenfalls zu. Die Zahlen bestätigen auch die Erkenntnisse verschiedenster Studien: Vermögen und Einnahmen sind eng an Netzwerke und Verbindungen gebunden, insbesondere bei den sehr wohlhabenden. Deutlich mobiler sind dagegen jene Gruppen, die überdurchschnittlich stark von den Folgen des Entscheids profitierten: junge Menschen und Personen mit niedrigen und mittleren Einkommen.

Deutlich mehr Geld als erwartet – Infrastruktur gestärkt

Allein in den ersten beiden vollständigen Haushaltsjahren 2023 und 2024 nahm der Bundesstaat Massachusetts durch die Steuer knapp 5,5 Milliarden US-Dollar zusätzlich ein. Im ersten vollständigen Haushaltsjahr lagen die Einnahmen bei etwa 2,46 Milliarden US-Dollar, im zweiten bei knapp 2,99 Milliarden US-Dollar. Damit wurden die ursprünglichen Erwartungen nahezu verdoppelt. Für das vergangene Jahr 2025 machten die Einnahmen aus der Fair Share Tax etwa fünf Prozent des gesamten Staatshaushalts aus, die genaue Zahl steht allerdings noch aus.

Die hohen Einnahmen sind allerdings nicht ausschlaggebend, wenn sie nicht zu gesellschaftlichen Veränderungen führen. Massachusetts nutzt das Geld, um die Infrastruktur auszubauen und die Schere zwischen Arm und Reich zu verkleinern. So wurde mit den Mitteln das kostenlose Frühstück und Mittagessen für alle Schulkinder eingeführt, um den Lernerfolg und die Gesundheit aller Kinder zu stärken. Darüber hinaus wurden Community Colleges für alle Studierenden kostenfrei, es wurde massiv in Schulgebäude und Straßen investiert und Pilotprojekte für den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr eingeführt. Die Folge: die Lebensqualität für die Gesamtbevölkerung stieg an und die finanzielle Lage des Bundesstaats wurde gestärkt.

Situation in Deutschland

In Deutschland fordern SPD, Grüne, Linke und BSW in ihren Wahlprogrammen immer wieder eine Zusatzsteuer für Einkommensmillionäre, wobei sich die Höhe unterscheidet. In der Praxis hat sich bislang jedoch keine Bundesregierung an einen höheren Spitzensteuersatz herangetraut, auch wegen der Debatten um das angebliche Hochsteuerland Deutschland. Mit der Realität hat diese Behauptung wenig zu tun: Laut Analysen des Netzwerks Steuergerechtigkeit liegt die effektive Steuerbelastung von Superreichen häufig deutlich unter der von Durchschnittshaushalten. Ein typischer Multimillionär zahlt demnach, inklusive Einkommen-, Unternehmens- und sonstiger Steuern sowie Versicherungsbeiträgen, oft nur zwischen 24 und 29 Prozent. Bei Milliardären fällt dies noch niedriger aus; sie kommen teilweise auf effektive Steuersätze von unter 20 Prozent. Demgegenüber tragen Normalverdienende durch Einkommensteuer und Sozialabgaben häufig eine Gesamtbelastung von über 40 Prozent. Das Hochsteuerland trifft demnach zu, allerdings nicht für die Gruppe, die sich am lautesten darüber beklagt, sondern für den Durchschnittsbürger.

Aus den USA lernen: Superreiche höher besteuern

Die Zahlen machen deutlich, dass das Gefühl einer ungerechten Gesellschaft in Deutschland einen realen Kern hat, und die Erkenntnisse aus Massachusetts zeigen die positiven Folgen eines Spitzensteuersatzes für Superreiche. Sie ermöglichen höhere Gesamteinnahmen und mehr öffentliche Investitionen, die bei richtigem Einsatz zu einer sozialeren Gesellschaft und besseren Bildungschancen führen. Gleichzeitig entlarvt Massachusetts die Abwanderungsdebatte als Mythos.



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