Der Fall einer Familie aus Leverkusen zeigt erneut, welche schwerwiegenden Folgen Abschiebungen für Betroffene und ihre Angehörigen haben können. Am frühen Morgen des 16. Oktober 2026 brachen gegen fünf Uhr uniformierte Einsatzkräfte in Leverkusen-Opladen die Wohnungstür der Familie R. auf, rissen die Familienmitglieder aus dem Schlaf und nahmen sie mit. Der schwer herzkranke Familienvater und seine 19-jährige Tochter wurden anschließend nach Sri Lanka abgeschoben und damit von der Mutter und den vier jüngeren Kindern getrennt.
Auch die Mutter und ihre drei jüngeren Kinder sollten an diesem Tag nach Sri Lanka ausreisen. Ihr 15-jähriger Sohn befand sich jedoch während des Polizeieinsatzes auf Klassenfahrt in Berlin und lebt mittlerweile im Kirchenasyl in Duisburg.
Am Montag, dem 19. Oktober, erschien die Mutter gemeinsam mit Unterstützer*innen zu einem Gespräch bei der Ausländerbehörde Leverkusen. Nach Angaben der Unterstützer*innen forderte Amtsleiter Oliver Gäcke sie auf, eine Erklärung zur freiwilligen Ausreise nach Sri Lanka zu unterschreiben und ihren Sohn aus dem Kirchenasyl zu holen. Die Mutter verweigerte ihre Unterschrift.
An der Situation der Familie änderte das Gespräch nichts. Solange sich der 15-Jährige im Kirchenasyl befindet, droht der Mutter und ihren Kindern vorerst keine unmittelbare Abschiebung. Damit hängt ihr vorläufiger Verbleib in Deutschland davon ab, dass der Sohn weiterhin getrennt von seiner Familie lebt.
Dabei hätte die Stadt Leverkusen anders entscheiden können. Der CDU-Oberbürgermeister Stefan Hebbel trägt als Chef der Stadtverwaltung politische Verantwortung für dieses Vorgehen. Die Härtefallkommission des Landes Nordrhein-Westfalen hatte sich bereits für ein Bleiberecht der Familie ausgesprochen. Sie empfahl, der Familie eine Aufenthaltserlaubnis zu erteilen. Dennoch entschied sich die zuständige Ausländerbehörde dagegen.
Die Familie steht in engem Kontakt mit der AG Bleiben, Mosaik e. V. und weiteren Unterstützer*innen. Nach deren Angaben floh die Familie 2018 aus Sri Lanka nach Deutschland und hat sich in den vergangenen acht Jahren mit viel Mühe ein Leben aufgebaut. Der Vater arbeitet in Vollzeit und zieht gemeinsam mit seiner Frau fünf Kinder groß. Die Kinder sind fest in ihre Schulgemeinschaften eingebunden, die sich auch stark an der aktuellen Solidaritätsbewegung für die Familie beteiligen. Die älteste Tochter besuchte ein Gymnasium und wollte im kommenden Jahr ihr Abitur machen. Ihr 15-jähriger Bruder engagiert sich in der Schülervertretung seiner Realschule. Nach seinem Schulabschluss plant er, eine Ausbildung zum Koch zu beginnen.
Der Fall löst große Empörung aus. Nach Angaben der Seebrücke Köln gingen noch am Tag des Polizeieinsatzes rund 700 Menschen in der Kölner Innenstadt auf die Straße, um gegen die Abschiebung zu protestieren. Auch am Termintag bei der Ausländerbehörde versammelten sich erneut zahlreiche Protestierende vor dem Leverkusener Rathaus.
Auf Instagram teilte die Seebrücke Köln den Redebeitrag einer Mitschülerin der älteren Tochter. Sie fragte in die Menge: „Wie kann so etwas nur geschehen?“
Die Mitschülerin befand sich zu diesem Zeitpunkt auf Klassenfahrt, an der die Tochter aufgrund ihres Aufenthaltsstatus nicht teilnehmen konnte. Als ihre Freundin von der Abschiebung erfuhr, eilte sie, wie viele andere Angehörige und Mitschüler*innen, noch am selben Tag zum Protest in die Kölner Innenstadt.
Die Frage, wie so etwas geschehen kann, richtet sich nicht nur an die Ausländerbehörde Leverkusen. Sie richtet sich auch an die politischen Verantwortlichen, die solche Entscheidungen ermöglichen und mittragen.
Denn der Umgang mit ausreisepflichtigen Menschen verschärft sich zunehmend. In einem Interview mit dem WDR erklärte die Ausländerbehörde Remscheid beispielsweise, dass mittlerweile sogar pensionierte Polizisten bei Rückführungen helfen. Die Behörde berichtete von der Rückführung „mehrerer größerer Familienverbände“.
Die Zahl der Rückführungen in Remscheid stieg von 28 im Jahr 2023 auf 82 im Jahr 2024. Trotzdem fordern die Verantwortlichen weitere Unterstützung von Land und Bund, beispielsweise durch zusätzliche Sammelcharterflüge und mehr Plätze in Abschiebungshafteinrichtungen.
Auch auf Bundesebene verschärft die Politik den Umgang mit ausreisepflichtigen Menschen. Am 25. September 2026 stimmten Bundestag und Bundesrat der „Modernisierung des Bundespolizeigesetzes“ zu. Die Reform sieht unter anderem vor, dass die Bundespolizei unter bestimmten Voraussetzungen selbst Anträge auf Abschiebungshaft bei Gericht stellen kann.
Die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen verändern sich. Die Folgen tragen die Betroffenen und ihre Angehörigen.
Der Fall der Familie R. zeigt aber auch, dass sich die Verantwortlichen nicht allein auf die geltende Rechtslage berufen können. Die Härtefallkommission NRW hat bereits eine andere Möglichkeit aufgezeigt. Die Stadt Leverkusen hätte dieser Empfehlung folgen können. Er zeigt, welche Konsequenzen eine Politik hat, die zunehmend auf Abschiebungen und deren konsequente Durchsetzung setzt. Familien, die sich über Jahre ein Zuhause aufgebaut haben, verlieren von einem Tag auf den anderen ihre Lebensgrundlage, ihre sozialen Beziehungen und ihre Zukunftsperspektiven. Wie kann so etwas nur geschehen?




