Am 10. Oktober 2026 traf eine Rakete den Flughafen von Riad: zwölf Tote, über 300 Verletzte, der schwerste Angriff auf saudischem Boden seit mehr als einem Jahrzehnt. Die Huthis bekannten sich nicht ausdrücklich. Zuvor hatten sie Teile der Küste am Roten Meer und die Meerenge Bab al-Mandab besetzt; seit dem 4. Oktober läuft eine von Riad gestützte Gegenoffensive. Etwa 200.000 Menschen wurden seither vertrieben.
Gängige mediale Deutungen eines Stellvertreter- oder Konfessionskrieg greifen allerdings zu kurz. Zum besseren Verständnis des seit mehr als ein Jahrzehnt anhaltenden Kriegsschauplatz ist seine materielle Grundlage näher zu analysieren.
Ölrente als Grundrente
Die Grundrente ist aus marxistischer Sicht ein Surplus-Profit, den der Eigner an einer nicht vermehrbaren Naturbedingung abschöpft. Beim Öl ist das so erklärbar: Die saudischen Ölfördermengen werden zu einem günstigeren Preis als der festgelegte Weltmarkpreis abgegeben. Die Differenz fällt nicht als Profit an einen Unternehmer, sondern als Rente an den Staat der Eigentümer der Lagerstätten ist.
Diese Ölrente finanziert Königshaus, Staatsapparat und das Klientelsystem des Rentierstaats, der eine eigentümliche Klassenstruktur aufweist. Die wertschöpfende Arbeit verrichten weitgehend rechtlose Arbeitsmigranten, während den Staatsbürgern ein Teil der Rente als Gehalt, Subvention oder Pfründe zugeteilt wird. Politische Loyalität wird so gekauft, nicht erkämpft. Gerade darum ist der Rentenfluss für die Monarchie mehr als eine Einnahmequelle – er ist die Grundlage ihrer Herrschaft.
Transport-Engstelle als Machtquelle
Doch diese Rente wird erst realisiert, wenn das Barrel verkauft ist, wenn die Ware also den Sprung in die Geldform geschafft hat. Karl Marx nennt das den „Salto mortale der Ware“. Dazwischen liegt die Zirkulationssphäre: Pipeline, Hafen, Tanker, Seeweg. Der Transport ist kein Nebenaspekt, sondern als Fortsetzung des Produktionsprozesses innerhalb der Zirkulation zu verstehen.
Seit dem Krieg der USA und Israels gegen Iran ist die Straße von Hormus weitgehend gesperrt. Saudi-Arabien pumpt sein Öl daher über die Ost-West-Pipeline nach Yanbu am Roten Meer; die Verladungen dort stiegen von rund 240.000 Barrel täglich im August 2025 auf etwa 3,5 Millionen im Juni 2026.
Für Asien bestimmte Tanker müssen aber durch Bab al-Mandab. Und genau dort setzt die Seeblockade an, die die Huthis im Juli 2026 verhängten.So erklärt sich die Macht eines bitterarmen Akteurs über den größten Rohölexporteur der Welt: Er besitzt kein Kapital, aber er sitzt an der Ader seines Kreislaufs.
Wer eine solche Engstelle kontrolliert, greift in den Kreislauf ein. Er kann die Realisierung verzögern: Tanker warten oder fahren Umwege, die Umschlagszeit verlängert sich. Er kann sie verteuern: Versicherungsprämien, Frachtraten und Sicherungskosten zehren an der Rente. Und er kann sie verhindern. Ein Barrel, das nicht verschifft wird, bringt keine Rente, so gewaltig die Reserven unter dem Wüstensand auch sind.
Die Rente verschwindet dabei nicht, sie wird aber umverteilt. Die Verknappung trieb Brent zeitweise auf 108 Dollar je Barrel. Davon profitieren Förderer, deren Öl ungehindert fließt. Die Kontrolle der Meerengen ist so ein Hebel im Verteilungskampf um die globale Ölrente.
Darum führt Riad diesen Krieg nicht als Grenzkonflikt, sondern als Existenzfrage seines Rentenmodells.
Wie sehr die Zirkulation den Wert der Rente bestimmt, zeigt die Reaktion des Marktes: Seit Juli wichen die meisten Tanker aus Yanbu nach Norden aus, über den Suezkanal oder eine ägyptische Pipeline ins Mittelmeer.
Die Ordnungsmacht Saudi-Arabien im US-Auftrag
Saudi-Arabien ist militärisch und finanziell als subimperiale Macht an die unter Druck geratene Hegemonie der USA gebunden und agiert als regionale Ordnungsmacht. Die Intervention im Nachbarland Jemen seit 2015 sollte eine Riad genehme Regierung sichern und das Hinterland der Rentenökonomie befrieden. Das Staatenbündnis am Golf ist dabei aber kein geopolitisch geeinter Block. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate zogen 2015 gemeinsam in den Jemen-Krieg, verfolgten aber verschiedene Ziele.
Die Vereinigten Arabischen Emirate setzten auf Häfen und Seewege: Ihre Truppen kontrollierten Aden, Mukalla und Mokka sowie die Inseln Sokotra und Mayun in der Meerenge Bab al-Mandab. Ihr Werkzeug war der Südübergangsrat, der einen eigenen Staat im Süden anstrebte.
Riad will dagegen einen geeinten, von ihm abhängigen Jemen und sucht über die Provinz al-Mahra einen Zugang zum Indischen Ozean, auch für eine Ölpipeline an Hormus vorbei.
Im Dezember 2025 besetzte der Südübergangsrat die Provinzen Hadramaut und al-Mahra an der Grenze zu Saudi-Arabien und Oman. Riad sah darin eine Bedrohung seiner Sicherheit, bombardierte in Mukalla eine Waffenlieferung aus den Emiraten und unterstützte die Forderung nach deren Abzug binnen 24 Stunden. Die Emirate zogen ihre Truppen zurück.
Hier konkurrieren zwei Rentiermächte um dasselbe: um Häfen, Transportkorridore und Zugänge zum Weltmarkt, um jene Zirkulationswege, an denen ihre Rente hängt.
Gegenmacht ohne soziale Befreiung
Die Huthis wehren sich gegen reale Aggression. Im April 2025 zerstörten Luftangriffe der USA das Treibstoffterminal Ras Isa; das US-Militär wollte so den Huthis den Treibstoff abschneiden. Israel griff wiederholt die Häfen Hodeida, Salif und Ras Isa an. Über sie laufen laut UN 70 Prozent aller Importe und 80 Prozent der humanitären Hilfe. Ein Land, das über 90 Prozent seiner Nahrung importiert, wird an der Versorgung mit Lebensmitteln, Treibstoff und Geld gehindert. Die Seeblockade der Huthis gegen Saudi-Arabien kehrt dieses Instrument um und trifft nun den saudischen Ölexport.
Als eine emanzipatorische Kraft sind die Huthis nicht einzuschätzen: Ihre Herrschaft ruht auf einer religiös-dynastischen Führung, Stammesallianzen und einer Kriegsökonomie; Gewerkschaften, Linke und Frauenorganisationen sind in ihren Aktivitäten eingeschränkt und bedroht. Nach außen ist die Bewegung Teil der iranischen Strategie der „Einheit der Fronten“. Ihr Antiimperialismus wirkt objektiv, ist aber gesellschaftlich nicht als fortschrittlich zu begreifen.
Der Konflikt hat eine lange Vorgeschichte. Die Volksdemokratische Republik Jemen im Süden war von 1967 bis 1990 der einzige sozialistisch orientierte Staat der arabischen Welt. Nach der Vereinigung und dem Krieg von 1994 wurde der Süden zur inneren Peripherie, eine Wurzel des heutigen Separatismus. Saudi-Arabien nutzte den Nachbarn zugleich als Reservoir billiger Arbeitskraft; nach dem Golfkrieg 1990/91 wies es Hunderttausende jemenitische Arbeiter aus und traf eine Ökonomie, die von Rücküberweisungen lebte.
Auf der Arabischen Halbinsel stehen sich Saudi-Arabien als Zentrum der Rentenaneignung und ein ausgebluteter Jemen an der Peripherie im Kampf um Ölrente und Seewege gegenüber. Daraus folgt eine doppelt kritische Bewertung von Intervention, Blockade und westlichen, auch deutschen, Rüstungsexporten in Kriegsregionen.
Nötig sind ein sofortiger Waffenstillstand, die Aufhebung aller Blockaden, ein Wiederaufbau ohne Vormundschaft und der Stopp der Waffenlieferungen. Für 2024 genehmigte die Bundesregierung Exporte nach Saudi-Arabien für über 134 Millionen Euro, in die Emirate für über 146 Millionen und nach Katar für über 107 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2025 waren es rund 51 Millionen Euro für die Emirate und 26 Millionen für Saudi-Arabien.
Für die Zentren Riad, und Abu Dhabi geht es um Ölpreis, Versorgungssicherheit und Rüstungsgeschäfte, kaum um das Schicksal des ärmsten arabischen Landes. Dessen Bevölkerung und die Arbeitsmigranten am Golf haben gemeinsame Interessen, die quer zu allen beteiligten Herrschaftsprojekten stehen.



