Wenn das Kapital Urlaub braucht, geht der Nationalismus zur Arbeit

Аутор: Ministry of Defence Republic of Serbia, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=170761133

Wer verhindern möchte, dass über Eigentum gesprochen wird, braucht heute nicht einmal die Presse zu kontrollieren. Oft genügt ein nationalistischer Skandal. Plötzlich spricht kaum jemand mehr über Korruption, soziale Ungleichheit oder die Macht großer Konzerne. Stattdessen geht es um Nation, Geschichte und Identität. Das klingt wie ein zynischer politischer Witz. Tatsächlich lässt sich dieses Muster in Krisenzeiten immer wieder beobachten.

Genau das lässt sich derzeit in Serbien beobachten.

Eine Äußerung der serbischen Ministerin Snežana Paunović sorgt derzeit international für Empörung. In einem Fernsehinterview erklärte sie, an Slobodan Miloševićs Stelle hätte sie 1998 eine ethnische Säuberung der Kosovo-Albaner durchgeführt – „ohne sie zu liquidieren“, wie sie hinzufügte, sondern indem sie sie aus dem Kosovo vertrieben hätte. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Die Europäische Union verurteilte ihre Aussagen scharf, die Regierung in Pristina sprach von einer Verherrlichung von Kriegsverbrechen, und binnen weniger Stunden richtete sich die internationale Aufmerksamkeit erneut fast ausschließlich auf Kosovo.

Die Empörung ist berechtigt. Wer ethnische Säuberungen relativiert oder rechtfertigt, überschreitet eine politische und moralische Grenze. Vučić und die Regierung haben sich von der Aussage nicht distanziert. Innenminister Ivica Dačić verteidigte Paunović offensiv und drehte den Vorwurf um: Er sprach von der Vertreibung Zehntausender Serben aus Kosovo seit 1999. Paunović selbst entschuldigte sich – nicht bei Kosovo, sondern bei Vučić, mit dem Argument, ihre Worte seien aus dem Kontext gerissen worden. Und die Aussage kommt nicht aus dem Nichts: Schon 2022 forderte Paunović als Vizeparlamentspräsidentin die Verhaftung und Ausweisung des einzigen albanischen Abgeordneten Serbiens. Gerade deshalb lohnt es sich, den Blick über den unmittelbaren Skandal hinaus zu richten. Der eigentliche Erkenntnisgewinn liegt weniger in den Worten einer Ministerin als in der Dynamik, die sie auslösen. Warum gelingt es nationalistischen Provokationen immer wieder, öffentliche Debatten zu dominieren? Weshalb geraten soziale und ökonomische Konflikte so zuverlässig aus dem Blick, sobald nationale Identität, historische Feindbilder oder kulturelle Bedrohungen die Schlagzeilen bestimmen?

Doch Nationalismus ist mehr als ein Ablenkungsmanöver. Er macht soziale Widersprüche politisch anders lesbar und richtet die daraus entstehende Wut auf neue Gegner.

Dass dieses Muster immer wieder verfängt, hat materielle Ursachen. Wirtschaftliche Unsicherheit, Abstiegsängste, prekäre Beschäftigung und der Abbau sozialer Sicherheiten schaffen ein Klima, in dem nationale Deutungsangebote besonders anschlussfähig werden. Menschen suchen nach Erklärungen für ihre Lage. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob diese Unsicherheit artikuliert wird, sondern wie. Wird sie als Folge ungleicher Eigentums- und Machtverhältnisse verstanden oder als Ergebnis nationaler, ethnischer oder kultureller Bedrohungen? Von der Antwort hängt ab, gegen wen sich gesellschaftlicher Protest richtet.

Deshalb lohnt sich der Blick auf Serbien

Noch vor wenigen Monaten kreiste die politische Debatte dort um ganz andere Fragen. Der Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad, bei dem sechzehn Menschen ums Leben kamen, löste die größte Protestbewegung seit dem Sturz Slobodan Miloševićs im Jahr 2000 aus. Für viele Serbinnen und Serben machte die Katastrophe sichtbar, was sie längst vermutet hatten: Korruption war kein Betriebsunfall des politischen Systems, sondern eines seiner tragenden Fundamente.

Studierende besetzten Universitäten landesweit. Im März 2025 versammelten sich allein in Belgrad mindestens 300.000 Menschen, zum ersten Jahrestag der Katastrophe im November 2025 rund 160.000 in Novi Sad, im Mai 2026 erneut rund 180.000 in der Hauptstadt. Plötzlich rückten Themen in den Mittelpunkt, die autoritäre Regierungen besonders ungern diskutieren: öffentliche Aufträge, Vetternwirtschaft, die engen Verflechtungen zwischen Staat und privaten Unternehmen sowie die Frage, wer von milliardenschweren Infrastrukturprojekten profitiert. Die Proteste richteten sich längst nicht mehr nur gegen einzelne Verantwortliche. Sie stellten ein Herrschaftsmodell infrage, in dem politische Macht und wirtschaftliche Interessen zunehmend miteinander verschmelzen.

Parallel dazu wuchs der Widerstand gegen das geplante Lithiumprojekt des Bergbaukonzerns Rio Tinto. Auf über 200 Quadratkilometern im Jadar-Tal wollte Rio Tinto mit einer Investition von rund 2,4 Milliarden Dollar bis zu 58.000 Tonnen Lithiumcarbonat jährlich fördern – ein Projekt, das nach Schätzungen von Umweltorganisationen rund 18.000 Menschen zur Umsiedlung gezwungen hätte. Der anhaltende Widerstand vor Ort war mit ein Grund, warum Rio Tinto das Projekt im November 2025 auf Eis legte. Ganz vom Tisch ist es damit nicht: Der Konzern selbst bezeichnet Jadar weiterhin als Lagerstätte von strategischer Bedeutung für Serbien und Europa. Umweltinitiativen, Bäuerinnen und Bauern sowie lokale Bürgerbewegungen kritisieren ein Entwicklungsmodell, bei dem internationale Konzerne Gewinne erzielen, während ökologische und soziale Kosten in den betroffenen Regionen verbleiben. Längst geht es dabei nicht mehr allein um Umweltschutz. Der Konflikt berührt den Kern der serbischen Wirtschaftsordnung: Wem gehören die natürlichen Ressourcen des Landes? Wer entscheidet über ihre Nutzung? Und wer eignet sich den daraus entstehenden Reichtum an?

Genau diese Fragen verleihen den Protesten ihre Sprengkraft. Sie richten den Blick nicht auf Symbole oder Identitäten, sondern auf Eigentum, Macht und Verteilung – kurz: auf die soziale Frage. Vielleicht erklärt gerade das, weshalb nationale Kontroversen immer wieder eine so große Anziehungskraft entfalten. Sie bieten einen Deutungsrahmen, in dem sich reale Unsicherheit ausdrücken lässt, ohne deren ökonomische Ursachen ins Zentrum der Auseinandersetzung zu rücken. Nationalismus beseitigt soziale Gegensätze nicht. Er ordnet sie entlang anderer Trennlinien neu.

Nationalismus organisiert Konflikte – er ersetzt sie nicht

Die politische Rechte inszeniert sich gern als kompromisslose Gegnerin des Establishments. Sie spricht im Namen der „kleinen Leute“, verteidigt die Nation gegen kosmopolitische Eliten und präsentiert sich als einzige Kraft, die dem herrschenden System entgegentritt. Betrachtet man jedoch genauer, worauf sich ihre Kritik richtet, fällt eine auffällige Leerstelle auf.

Nur selten stehen Banken, Großkonzerne oder Eigentumsverhältnisse im Zentrum ihrer Angriffe. Stattdessen dominieren Migration, nationale Souveränität, kulturelle Identität oder Religion die politische Agenda. Diese Themen sind weder erfunden noch belanglos. Sie spiegeln reale gesellschaftliche Konflikte wider. Entscheidend ist jedoch, wie sie gedeutet werden – und welche Fragen dadurch aus dem Zentrum der Debatte verschwinden.

Der britische Kulturtheoretiker Stuart Hall knüpfte dabei an Antonio Gramscis Begriff der Hegemonie an. Herrschaft stabilisiert sich demnach nicht allein durch staatlichen Zwang, sondern auch dadurch, dass bestimmte Deutungen der Wirklichkeit selbstverständlich erscheinen. Nationalismus kann genau diese Funktion erfüllen: Er greift reale Unsicherheit auf, ordnet sie neu und verbindet Gruppen mit unterschiedlichen materiellen Interessen unter dem Dach einer gemeinsamen nationalen Identität.

Deshalb greift die Vorstellung zu kurz, Nationalismus sei bloß ein Ablenkungsmanöver. Er organisiert gesellschaftliche Widersprüche neu. Er verschiebt den zentralen Gegensatz von oben und unten auf die Ebene von innen und außen, von „uns“ und „den anderen“. Klassenkonflikte werden nicht aufgelöst, sondern in nationale Konflikte übersetzt.

Die größte Protestbewegung seit Jahrzehnten entstand nicht wegen nationaler Fragen, sondern wegen Korruption, tödlich vernachlässigter Infrastruktur und der privaten Aneignung gesellschaftlichen Reichtums. Paunovićs Auftritt bei Kurir TV kommt keine drei Wochen, nachdem Vučić auf einer SNS-Kundgebung seinen Rücktritt „in einigen Wochen“ angekündigt und vorgezogene Präsidentschafts- und Parlamentswahlen zwischen September und November in Aussicht gestellt hat. Das ist der Moment, in dem sich die Frage stellt, worüber im Wahlkampf gestritten wird: über die Korruption, die zum Rücktritt geführt hat – oder über Kosovo und Nation. Mit dem Wiederaufleben nationalistischer Kontroversen verschiebt sich der Fokus der öffentlichen Debatte genau in diesem entscheidenden Fenster. Die sozialen Widersprüche bleiben bestehen, werden nun aber entlang nationaler statt sozialer Trennlinien artikuliert.

In wirtschaftlichen Krisenzeiten gewinnt diese Dynamik zusätzlich an Bedeutung. Steigende Mieten, sinkende Reallöhne, prekäre Beschäftigung und die Angst vor sozialem Abstieg erzeugen reale Unsicherheit. Die entscheidende Frage lautet dann nicht, ob diese Erfahrungen artikuliert werden, sondern wie. Linke Politik versteht sie als Ausdruck ungleicher Eigentumsverhältnisse und gesellschaftlicher Machtkonzentration. Nationalistische Politik deutet dieselben Erfahrungen dagegen als Folge äußerer Bedrohungen – durch Migration, fremde Nationen oder kulturellen Verfall.

Die materielle Unzufriedenheit bleibt bestehen. Nur ihre politische Richtung verändert sich.

Wer die Ursachen gesellschaftlicher Krisen in den Eigentumsverhältnissen sieht, fordert höhere Löhne, stärkere Gewerkschaften, öffentliche Investitionen oder demokratische Kontrolle zentraler Wirtschaftsbereiche. Wer dieselben Krisen als nationale Krise interpretiert, verlangt geschlossene Grenzen, mehr Polizei, höhere Militärausgaben oder die Verteidigung traditioneller Werte. Welche Politik daraus folgt, entscheidet sich daher weniger an der Erfahrung der Krise als an ihrer politischen Deutung. Der Mechanismus ist kein Automatismus. Die Proteste nach Novi Sad hielten monatelang an, obwohl es in dieser Zeit bereits mehrere nationale und kirchliche Kontroversen gab, die sie hätten verdrängen können. Das zeigt: Nationalismus gewinnt nicht immer. Er gewinnt dort, wo soziale Bewegungen keine eigene, ebenso einfache Erzählung anzubieten haben.

Serbien ist kein Sonderfall

Die Übersetzung sozialer Konflikte in nationale Konflikte gehört längst zum politischen Repertoire kapitalistischer Demokratien.

Das Muster ist keineswegs auf Serbien beschränkt. Donald Trump verbindet die Mobilisierung gegen Migration und China mit einer Steuerpolitik zugunsten von Unternehmen und Vermögenden. Viktor Orbán verteidigt die christliche Nation, während ein regierungsnahes Unternehmernetzwerk erhebliche Teile der ungarischen Wirtschaft kontrolliert. Auch die AfD lenkt soziale Konflikte um Mieten, sinkende Reallöhne und wachsende Vermögenskonzentration bevorzugt auf das Feld von Migration und kultureller Zugehörigkeit.

Die politischen Konstellationen unterscheiden sich erheblich. Die zugrunde liegende Logik dagegen erstaunlich wenig. Identitätsfragen gewinnen regelmäßig dort an Gewicht, wo Eigentumsfragen an Bedeutung gewinnen könnten. Das folgt keinem geheimen Masterplan, sondern einer politischen Dynamik, in der nationale Erzählungen leichter Mehrheiten organisieren als Forderungen nach einer Umverteilung von Macht und Reichtum.

Serbien bildet deshalb kein Gegenbeispiel, sondern einen besonders aufschlussreichen Fall. Die Proteste nach der Katastrophe von Novi Sad richteten sich gegen Korruption, Vetternwirtschaft und ein politisches System, das öffentliche Infrastruktur zunehmend den Interessen privater Investoren unterordnet. Gleichzeitig wächst der Widerstand gegen das Lithiumprojekt von Rio Tinto, weil viele Menschen darin ein weiteres Beispiel sehen, wie strategische Ressourcen privaten Profitinteressen geöffnet werden.

Im Kern geht es um Eigentum, demokratische Kontrolle und die Frage, wer über die wirtschaftliche Entwicklung des Landes entscheidet. Genau deshalb besitzen diese Auseinandersetzungen eine Sprengkraft, die weit über einzelne Skandale hinausreicht. Sobald Menschen beginnen, nach den Eigentumsverhältnissen einer Gesellschaft zu fragen, geraten zwangsläufig auch jene politischen und wirtschaftlichen Eliten unter Druck, die von ihnen profitieren.

Nationalistische Kontroversen lösen diese Konflikte nicht. Sie verschieben lediglich das politische Terrain, auf dem sie ausgetragen werden.

Wenn Werte auf Lithium treffen

Die Europäische Union reagierte zu Recht mit scharfer Kritik auf die Äußerungen der serbischen Ministerin. Wer ethnische Säuberungen relativiert oder rechtfertigt, stellt sich außerhalb des demokratischen Konsenses Europas.

Die Empörung wirft jedoch eine unbequeme Frage auf: Weshalb endet die moralische Klarheit der Europäischen Union so häufig dort, wo ihre wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen beginnen?

Die Antwort beginnt mit einem Rohstoff: Lithium.

Mit der Energiewende ist Lithium zu einer Schlüsselressource geworden. Die europäische Automobilindustrie braucht Batterien, Batterien brauchen Lithium – und Serbien verfügt über ein für Europas Batterie- und Automobilindustrie bedeutendes Vorkommen. Entsprechend groß ist das Interesse der Europäischen Union, sich langfristigen Zugang zu diesen Lagerstätten zu sichern.

Die Kritik an Paunović kam prompt und unmissverständlich, die Europäische Kommission erklärte umgehend, für eine Rhetorik, die ethnische Säuberung rechtfertige, gebe es in Europa keinen Platz. Insofern trägt der Vorwurf der Doppelmoral in diesem einen Fall nicht: Hier hat Brüssel nicht weggeschaut.

Der eigentliche Widerspruch liegt eine Ebene tiefer. Seit Jahren kritisiert Brüssel den autoritären Umbau Serbiens, den Druck auf unabhängige Medien und die Aushöhlung rechtsstaatlicher Institutionen, dokumentiert nicht zuletzt durch die brutale Polizeigewalt gegen die Studierendenproteste der vergangenen anderthalb Jahre. Das hat die Beziehungen zu Vučić nie ernsthaft belastet. Ein Grund dafür: Die EU-Kommission erklärte das Lithiumprojekt Jadar im Juni 2025 offiziell zum „strategischen Rohstoffprojekt“. Serbien liefert einen Rohstoff, den Europas Batterie- und Automobilindustrie dringend braucht. Diese Abhängigkeit erklärt nicht die Reaktion auf Paunović. Sie erklärt, warum die grundsätzliche Kritik an Vučić folgenlos bleibt.

Auch hierin ist Serbien kein Sonderfall. Demokratische Standards werden eingefordert – allerdings häufig nur so lange, wie sie mit den wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen der Europäischen Union vereinbar bleiben.

Die unsichtbare Klasse

Ebenso aufschlussreich wie das, worüber gesprochen wird, ist das, was in dieser Debatte fehlt. Die Proteste werden seit Monaten vor allem von Studierenden, Umweltinitiativen und zivilgesellschaftlichen Organisationen getragen. Auch Beschäftigte und einzelne Gewerkschaften haben sich angeschlossen oder ihre Solidarität erklärt. Beschäftigte sind in der Bewegung keineswegs abwesend, doch die organisierte Arbeiterbewegung tritt bislang nicht als eigenständiges politisches Zentrum hervor.

Das verweist auf eine Entwicklung, die weit über Serbien hinausreicht. Der Neoliberalismus hat nicht nur öffentliche Unternehmen privatisiert und Arbeitsmärkte dereguliert. Er hat auch jene kollektiven Institutionen geschwächt, über die soziale Interessen organisiert und politisch artikuliert werden konnten. Wo Gewerkschaften an Einfluss verlieren und Arbeitsverhältnisse prekärer werden, fällt es schwerer, gesellschaftliche Konflikte als Klassenkonflikte sichtbar zu machen.

Nationalismus füllt dieses Vakuum erstaunlich wirkungsvoll. Er bietet Gemeinschaft dort an, wo soziale Sicherheiten zerfallen, verspricht Zugehörigkeit in einer Gesellschaft wachsender Konkurrenz und verbindet Menschen mit sehr unterschiedlichen materiellen Interessen zu einer nationalen Schicksalsgemeinschaft. Darin liegt seine ideologische Stärke: nicht weil nationale Identitäten bloße Erfindungen wären, sondern weil sie reale soziale Gegensätze überlagern und ihnen eine andere politische Form geben können.

Mehr als ein serbischer Skandal

Die Äußerungen der Ministerin sind deshalb weit mehr als ein außenpolitischer Eklat oder eine geschmacklose Provokation. Sie machen einen politischen Zusammenhang sichtbar, der weit über Serbien hinausreicht.

Nationalismus gewinnt seinen Einfluss nicht allein durch radikale Politiker oder geschickte Propaganda. Er gewinnt an Kraft, wenn gesellschaftliche Krisen nach politischen Erklärungen verlangen und progressive Antworten schwach bleiben. Dann konkurrieren unterschiedliche Deutungen derselben Wirklichkeit miteinander. Die einen erklären soziale Unsicherheit durch Eigentumsverhältnisse, wirtschaftliche Macht und die Konzentration von Reichtum. Die anderen führen dieselbe Unsicherheit auf ethnische Minderheiten, fremde Nationen oder kulturelle Bedrohungen zurück.

Welche dieser Deutungen sich durchsetzt, entscheidet mit darüber, welche Politik anschließend möglich erscheint. Deshalb genügt es nicht, nationalistische Ausfälle moralisch zu verurteilen. Wer Nationalismus dauerhaft zurückdrängen will, muss auch jene gesellschaftlichen Bedingungen verändern, unter denen er politische Mehrheiten organisiert. Solange Unsicherheit, Ungleichheit und der Verlust demokratischer Kontrolle über wirtschaftliche Prozesse fortbestehen, wird die Versuchung groß bleiben, soziale Konflikte in nationale Konflikte zu übersetzen.

Die eigentliche Alternative zum Nationalismus besteht deshalb nicht in einem moralisch überlegenen Patriotismus. Sie besteht darin, die soziale Frage wieder ins Zentrum der Politik zu rücken: die Frage nach Eigentum, demokratischer Kontrolle der Wirtschaft und der Verteilung des gesellschaftlich erzeugten Reichtums.

Vielleicht ist das die eigentliche Arbeit des modernen Nationalismus. Er bringt Millionen Menschen dazu, darüber zu streiten, wem ein Land gehört, während kaum jemand fragt, wem seine Minen, Fabriken, Banken oder Medien gehören. Solange über Nationen gestritten wird, bleibt die Eigentumsfrage erstaunlich geräuschlos.

Ian Nadge stammt ursprünglich aus Australien. Er ist Aktivist und Publizist und lebt seit einigen Jahren in Niedersachsen. Ian beschäftigt sich vor allem mit autoritärem Umbau, materialistischem Antifaschismus, Kapitalismuskritik und staatlicher Repression in Ost- und Mitteleuropa sowie Deutschland.

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