Die Muharram-Intifada: Saudi-Arabiens kommunistischer Aufstand

Demonstranten in der Stadt Safwa während der Unruhen im November 1979 in der Ostprovinz, Saudi-Arabien. (Bild: public domain)

Wenn wir an Saudi-Arabien denken, denken wir an eine absolute Monarchie, an Ölreichtum und an einen Staatsapparat, in dem Thron und religiöses Establishment eng miteinander verflochten sind. Was dagegen kaum jemand mit Saudi-Arabien verbindet, ist eine kommunistische Bewegung. Und doch gab es eine solche Bewegung fast ein halbes Jahrhundert lang. Sie entstand im Schatten des mächtigsten Ölkonzerns der Welt und wurde erst nach Jahrzehnten der Verfolgung und Repression zerschlagen. Vor 47 Jahren trug sie dazu bei, das Königreich an den Rand seines ersten Volksaufstands zu bringen.

Die roten Ölarbeiter von Aramco

Die Geschichte beginnt in den Ölfeldern der Ostprovinz. Seit den 1930er Jahren zog die amerikanische Ölgesellschaft Aramco Zehntausende Arbeiter in den Osten des Landes: Saudis, die ihre Dörfer verlassen mussten, ebenso wie Palästinenser, Ägypter, Iraker, Bahrainer und viele andere. Mit ihnen kamen auch die politischen Ideen und Erfahrungen ihrer Herkunftsländer.

In den streng getrennten Wohnlagern von Aramco waren die Widersprüche des Systems kaum zu übersehen. Während amerikanische Angestellte in klimatisierten Häusern lebten, Zugang zu Swimmingpools hatten und hohe Gehälter bezogen, wurden arabische Arbeiter in heruntergekommenen Baracken untergebracht. In diesem Umfeld verbreiteten sich Ideen des arabischen Nationalismus, des Sozialismus und des Kommunismus. Studienzirkel entstanden, Bücher wurden heimlich weitergegeben, Bibliotheken aufgebaut und eine kleine radikale Presse entwickelt. Unter den Ölarbeitern begann sich ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein herauszubilden.

1953 schlug dieses Bewusstsein erstmals in offenen Widerstand um. Tausende Arbeiter bei Aramco traten in den Streik. Sie forderten höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und ein Ende eines Arbeitssystems, das offen auf Diskriminierung und rassischer Ungleichbehandlung beruhte. Es war der erste große Arbeitskampf in der Geschichte Saudi-Arabiens.

Drei Jahre später folgte eine noch größere Streikwelle. Die Reaktion der Monarchie ließ keinen Zweifel daran, wie sie mit solchen Herausforderungen umzugehen gedachte: Gewerkschafts- und Streikführer wurden verhaftet, Streiks per königlichem Erlass verboten und die entschlossensten Aktivisten in den Untergrund oder ins Exil gedrängt.

Mitglieder der Arabischen Nationalen Befreiungsfront (ANLF) nutzten in den folgenden Jahren schiitische Versammlungshäuser, die sogenannten Husainiyya, um ihre politischen Ideen zu verbreiten. 1975 organisierte sich die Bewegung schließlich offiziell als Kommunistische Partei Saudi-Arabiens.

Der König und die königliche Familie sind tot. Das Volk hat sie für ihre Zusammenarbeit mit den ausländischen Kolonisatoren bestraft. Es hat sie gestürzt, weil sie reaktionär und korrupt waren und die Arbeiter auf schändliche Weise ausbeuteten. Die Zeit der Unterwürfigkeit und der Paläste ist vorbei. An ihre Stelle tritt eine Volksdemokratie der Arbeiter.

Arbeiter! Befreit euch von den prinzlichen Schweinen und nehmt die ausbeuterische Ölgesellschaft in eure Hände!

Volk! Folgt euren treuen Führern, die für euer Wohlergehen kämpfen und die wahren Gesichter eurer Feinde enthüllen werden!

Araber, vereinigt euch! Die Arabische Halbinsel gehört den Arabern!

Aus einem Flugblatt der Bewegung. Mitglieder der ANBF nutzten schiitische Versammlungshäuser, die sogenannten Husayniyya, um ihre politischen Ideen und Vorstellungen zu verbreiten. 1975 reorganisierte sich die ANBF offiziell zur Kommunistischen Partei Saudi-Arabiens.

Die Kommunist*innen des Königreichs

Doch die Repression zerstörte die Bewegung nicht – sie machte sie entschlossener. Aus Aktivisten, die bereits 1954 die Nationale Reformfront gegründet hatten, entstand 1957/58 die Arabische Nationale Befreiungsfront (ANBF). Sie vereinte unterschiedliche oppositionelle Strömungen, besaß aber einen starken kommunistischen Kern. Ihre Basis lag in der Arbeiterklasse der Ostprovinz. Zugleich orientierte sie sich stark an den linken Bewegungen im benachbarten Bahrain, wo bereits die erste organisierte kommunistische Partei der Golfregion entstanden war.

Die ANBF richtete geheime Druckereien ein, verbreitete Flugblätter zur Unterstützung der Aramco-Arbeiter und forderte ein Ende der staatlich geförderten Diskriminierung der schiitischen Minderheit. Für viele Schiiten bot die säkulare Linke eine seltene Perspektive auf politische Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe – einen Gegenentwurf zu jenem konfessionellen System, das tief im saudischen Staat verankert war.

Mit der Zeit wurden auch die Forderungen der Bewegung radikaler. Sie trat für die Abschaffung der Monarchie ein, forderte die Verstaatlichung des saudischen Ölreichtums, eine unabhängige und blockfreie Außenpolitik im Kalten Krieg sowie den Abzug der US-Streitkräfte vom Luftwaffenstützpunkt Dhahran. Damit stellte sie nicht nur die Herrschaft des Hauses Saud infrage, sondern auch die Interessen seines wichtigsten internationalen Verbündeten, der Vereinigten Staaten. Um der Überwachung und Verfolgung durch die Sicherheitsdienste zu entgehen, nutzten die Aktivist*innen die wenigen Räume, die ihnen zur Verfügung standen. Dazu gehörten auch schiitische Versammlungshäuser, die sogenannten Husayniyya. Dort verbanden sie politische Bildungsarbeit mit alltäglichem Gemeinschaftsleben und schufen Netzwerke, die den staatlichen Behörden oft verborgen blieben.

1975 gab sich die Bewegung schließlich eine neue organisatorische Form und gründete offiziell die Kommunistische Partei Saudi-Arabiens.

Die Muharram-Intifada

Dann kam das Jahr 1979 – ein Jahr, das den gesamten Nahen Osten erschütterte. Im Iran wurde der von den USA unterstützte Schah gestürzt, und die Revolution strahlte weit über die Landesgrenzen hinaus. Auch am Golf verfolgten viele Unterdrückte die Ereignisse mit Hoffnung. In Saudi-Arabiens Ostprovinz, wo die schiitische Bevölkerungsmehrheit seit Jahrzehnten benachteiligt und vom Ölreichtum ihrer eigenen Region ausgeschlossen wurde, traf dieser Funke auf einen lange angestauten Unmut.

Ende November, während des Aschura-Gedenktag und den folgenden Tagen, gingen Zehntausende Menschen auf die Straße. Sieben Tage lang wurde die Ostprovinz zum Zentrum der größten Proteste, die das Königreich bis dahin erlebt hatte. Kommunist*innen und progressive schiitische Kräfte demonstrierten gemeinsam. Sie forderten gleiche Rechte, ein Ende der Diskriminierung und den Sturz der Monarchie. Banken und Behörden wurden angegriffen oder in Brand gesetzt, es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei, und in Teilen von Qatif verloren die staatlichen Sicherheitskräfte zeitweise die Kontrolle.

Die Antwort des Staates ließ nicht lange auf sich warten. Die Nationalgarde wurde in die Region geschickt, Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer auf Demonstrierende, und innerhalb weniger Wochen war der Aufstand niedergeschlagen. Bereits bei der unmittelbaren Repressionswelle kamen etwa zwei Dutzend Menschen ums Leben. Doch die Verfolgung endete nicht mit der Räumung der Straßen. In den folgenden Jahren gingen die Behörden systematisch gegen die Opposition vor. Schätzungen zufolge wurden zwischen 182 und 219 Menschen getötet, während Tausende weitere verhaftet, gefoltert oder zur Flucht ins Ausland gezwungen wurden.

Von diesem Schlag erholte sich die Bewegung nie wieder. Als 1991 die Sowjetunion zusammenbrach und damit auch das internationale Kräfteverhältnis verschwand, auf das sich viele kommunistische Bewegungen gestützt hatten, löste sich die Kommunistische Partei Saudi-Arabiens still und ohne großes Aufsehen auf.

Heute ist ihre Geschichte nahezu vergessen. Sie passt nicht in das offizielle Bild eines Königreichs, das sich gern als politisch geschlossen und konfliktfrei präsentiert. Die Erinnerung an die Arbeiterkämpfe, die kommunistische Bewegung und den Aufstand von 1979 wurde weitgehend verdrängt.

Doch diese Geschichte hat stattgefunden. Und sie erinnert daran, dass selbst in einem der repressivsten Staaten der Region Menschen für soziale Gerechtigkeit, politische Freiheit und eine andere Gesellschaft gekämpft haben.

Dieser Beitrag von Hüseyin Doğru wurde aus dem Englischen übersetzt und erschien zuerst am 7. Juli 2026 auf Doğrus Substack.

Weiterführende Literatur:

1. Toby Matthiesen, “Migration, Minorities, and Radical Networks: Labour Movements and Opposition Groups in Saudi Arabia, 1950–1975,” International Review of Social History 59, no. 3 (2014): 473–504 — https://www.cambridge.org/core/journals/international-review-of-social-history/article/migration-minorities-and-radical-networks-labour-movements-and-opposition-groups-in-saudi-arabia-19501975/09573B0AB9AB13154C98DB3B6EA49BBA (JSTOR: https://www.jstor.org/stable/26394689)

2. Toby Matthiesen, “The Cold War and the Communist Party of Saudi Arabia, 1975–1991,” Journal of Cold War Studies 22, no. 3 (2020): 32–73 — https://direct.mit.edu/jcws/article/22/3/32/12119

3. Toby Matthiesen, The Other Saudis: Shiism, Dissent and Sectarianism (Cambridge University Press, 2015) — https://www.cambridge.org/core/books/other-saudis/

4. “Rebellion on the Saudi Periphery: Modernity, Marginalization, and the Shia Uprising of 1979,” International Journal of Middle East Studies — https://www.cambridge.org/core/journals/international-journal-of-middle-east-studies/article/abs/rebellion-on-the-saudi-periphery-modernity-marginalization-and-the-shia-uprising-of-1979/499FCA054963D10A97B9FBCC7BACE00C

5. Robert Vitalis, America’s Kingdom: Mythmaking on the Saudi Oil Frontier (Stanford University Press, 2007) — https://www.sup.org/books/title/?id=8638

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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