Die Diskussion über die Wiedereinführung der Wehrpflicht hat Fahrt aufgenommen. Inzwischen sind auch die ersten Wehrerfassungsschreiben versendet worden und machen die Einberufung zum Kriegsdienst für junge Menschen erschreckend konkret. Nicht zufällig bestreikten viele von ihnen am 5. Dezember des letzten Jahres in über hundert Schulen den Unterricht gegen die Wehrpflicht. In wenigen Tagen, am 5. März, wird eine zweite Schulstreikwelle stattfinden. Doch nicht nur die Schülerinnen und Schüler organisieren sich, sondern auch die Mütter und Väter. Seit Januar gibt es in Berlin eine Initiative von besorgten Eltern. etos.media-Redakteuerin Ulrike Eifler hat mit Chris und Vanessa von der Initiative „Eltern gegen Wehrpflicht“ über Hintergründe, Ziele und konkrete Schritte gesprochen. Sie sagen, eine militärische Karriere ist keine völlig normale Alternative zu anderen Berufen und das muss auch offen gesagt werden.
etos.media: Wie und wann ist die Initiative „Eltern gegen Wehrpflicht“ entstanden?
Eltern gegen Wehrpflicht: Zum ersten Mal haben wir uns als Gruppe Ende Januar 2026 getroffen. Einige von uns kannten sich entweder privat oder über andere friedensbezogene Initiativen. Manche waren bei der Demo am 5. Dezember, am Tag des ersten Schulstreiks, miteinander ins Gespräch gekommen, und dann haben wir wiederum andere potenziell Interessierte angesprochen. Die Sorge um unsere Kinder hängt unmittelbar mit den politischen Ereignissen zusammen, nicht zuletzt mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht im gesamten Kontext der zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft und des Bildungswesens. Wir verstehen uns als solidarische Unterstützer des Widerstands, den die jüngeren Menschen selbstständig organisieren. Entscheidend war auch ein Impuls aus den Streikkomitees selbst, wo engagierte Eltern ihre Kinder zu den Schulstreik-Komitees begleiteten, weil sie auch unbedingt etwas tun wollen. So gesehen haben wir uns ein Beispiel an unseren Kindern genommen und organisieren uns nun selbst.
etos.media: In wie vielen Städten gibt es die Initiative und seid ihr untereinander vernetzt?
Eltern gegen Wehrpflicht: Neben den Streikkomitees sind wir in Berlin mit der AG Frieden der GEW Berlin und mit der jungen GEW verbunden. Wir profitieren von der bereits geleisteten Arbeit anderer Bündnisse wie Unter 18 nie! oder Nein zur Wehrpflicht, mit denen wir eine Vernetzung suchen. Wir bekommen mittlerweile auch Anfragen aus anderen Städten wie beispielsweise Frankfurt am Main, wo sich ebenfalls Eltern organisieren wollen, ebenso in Kiel. Bekannt ist uns auch ein Elternaufruf aus NRW. Es gibt einfach ein enormes Bedürfnis, auch unter Eltern, etwas zu tun. Das ist auch sehr nachvollziehbar, denn die Wehrpflicht geht uns alle an!
etos.media: Warum und wie unterstützt ihr die Schulstreiks am 5. März?
Eltern gegen Wehrpflicht: Man hat am ersten Schulstreik am 5.12. gesehen, wie stark die Mobilisierung war und wie wichtig das Thema für die Schüler*innen ist. Darauf gab es keine nennenswerte Reaktion der Regierung, kein Überdenken der eingeschlagenen Richtung auf dem Weg der Wiedereinführung der Wehrpflicht. Uns scheint die Fortsetzung des Protestes eine sinnvolle Konsequenz, und wir unterstützen sie deswegen.
etos.media: Wie positioniert ihr euch zu der Kritik, dass Streiks während der Schulzeit „unangemessen“ seien?
Eltern gegen Wehrpflicht: Auftrag der Schule ist laut dem Berliner Schulgesetz, „das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie, des Friedens, der Freiheit, der Menschenwürde, der Gleichstellung der Geschlechter und im Einklang mit Natur und Umwelt zu gestalten.“ Dies stimmt mit den Forderungen der streikenden Schüler*innen zu einhundert Prozent überein, insofern erscheint uns eine Demonstration inhaltlich angemessen – ausgerechnet in der Schulzeit.
etos.media: Es gibt Berichte über mögliche Disziplinarmaßnahmen gegen streikende Schüler*innen. Wie reagiert eure Initiative darauf? Bietet ihr betroffenen Jugendlichen und ihren Familien konkrete Unterstützung an?
Eltern gegen Wehrpflicht: Das machen wir über einen Vergleich der Erfahrungen sowie Beratungen auf Augenhöhe. Keine Schule muss Disziplinarmaßnahmen verhängen – der Ermessensspielraum ist da. Es steht jeder Schule frei, den punktuellen Widerspruch zwischen Schulpflicht und Versammlungsrecht im Sinne der Schüler*innen aufzulösen. Darüber informieren wir, wir sammeln positive Beispiele, wirksame Argumente und möglichst rechtssichere Herangehensweisen.
etos.media: Wie beurteilt ihr das Verhalten von Schulen und Bildungsbehörden im Umgang mit politischem Engagement junger Menschen?
Eltern gegen Wehrpflicht: Es gibt durchaus auch positive Erfahrungen, die teilweise aus den Zeiten von Fridays for Future stammen – einige Lehrer*innen und Schulleitungen sind unterstützend. Das Thema Wehrpflicht scheint uns aber mehr Konfliktpotenzial zu bergen. Es wurde erzählt, dass Schüler*innen in anderen Bundesländern in Schulen eingesperrt wurden, um den Besuch der Demo zu verhindern. Das wäre absolut unzulässig, wir kennen aber keine solchen Fälle aus erster Hand. In Berlin hat uns ein Schüler über Drohungen eines Schulleiters berichtet, dass sie nicht zum Abitur zugelassen werden würden, wenn sie der Schule fernblieben. Das ist zwar im Sand verlaufen, und es folgte nichts daraus, aber die Taktik, den Schüler*innen Angst zu machen und sie damit in die Defensive zu treiben, ist kein Einzelfall. Deshalb müssen wir den Schüler*innen Mut machen und ihnen den Rücken stärken als Eltern. Es gibt keine rechtliche Grundlage für solche Maßnahmen.
Andererseits ist das Risiko der Vereinnahmung und Verdünnung des Protests seitens der Politik auch groß. Pistorius bezeichnete den Streik als „großartig“ und lobte das „Interesse“ und „Engagement“ – ein Zeichen für gelebte Demokratie, die ja gerade die Bundeswehr schützen würde. Das sehen wir als einen besonders perfiden Entschärfungsversuch: Der Protest wird als eine inhaltsleere Demokratieübung umgedeutet, und es geschieht keine substantielle Auseinandersetzung mit den Forderungen.
etos.media: Welche langfristigen Ziele verfolgt „Eltern gegen Wehrpflicht“ über den aktuellen Streik hinaus? Gibt es bereits Pläne für weitere Aktionen oder öffentliche Kampagnen?
Eltern gegen Wehrpflicht: Einer unserer Schwerpunkte ist, die Auftritte der Bundeswehr in Schulen im Auge zu behalten. Die Auftritte der Bundeswehr an Schulen müssen pro Quartal vom Verteidigungsministerium bekannt gegeben werden, wenn eine Partei im Bundestag eine Anfrage dazu an die Bundesregierung stellt. Diese Liste mit den Auftritten von Jugendoffizieren und Karriereberatern muss viel bekannter gemacht werden. Wir, Eltern gegen Wehrpflicht in Berlin, kritisieren diese Auftritte und klären darüber auf. Wir achten darauf, dass das Kontroversitätsgebot der politischen Bildung an Schulen beachtet wird. Der Beutelsbacher Konsens ist hier das zentrale Stichwort! Wir bieten Unterstützung, wenn Kinder an diesen „Angeboten“ nicht teilnehmen wollen.
Wir monitoren die Präsenz der Bundeswehr auf Bildungsmessen, wir erstellen und verteilen Informationsmaterial über die realen Arbeitsbedingungen und den realen Auftrag der Bundeswehr hinter der Werbefassade. Wir nennen das Töten und Sterben beim Namen. Wir sprechen uns dagegen aus, eine militärische Karriere als völlig normale Alternative zu anderen Berufen darzustellen, und belegen dies mit Daten und Fakten.
Wir wollen Eltern und Lehrer vernetzen und stärken, die sich grundsätzlich eine Schule ohne Militärpräsenz wünschen, und mit ihnen zusammen Strategien entwickeln, um die Schulgremien einzubeziehen. Im Moment sammeln wir auch Erfahrungen im Umgang mit dem „Wehrerfassungsschreiben“ und wollen perspektivisch Jugendliche und Eltern in Bezug auf Wehrdienstverweigerung beraten.
etos.media: Welche Botschaft möchtet ihr den Schüler*innen und Eltern mitgeben, die überlegen, sich zu engagieren?
Eltern gegen Wehrpflicht: In unserer Gruppe und in den anderen Initiativen, die wir anfangs genannt haben, kann jede*r ein Zuhause finden, der gegen Krieg und für Frieden und Solidarität steht. Die Streikkomitees und all diese Bündnisse sind an sich positive Beispiele gelebter Solidarität, und wir laden alle ein, sich anzuschließen und mitzumachen. Das setzen wir der Rhetorik der Alternativ- und Perspektivlosigkeit entgegen, die auf dem Hintergrund von Sozialkürzungen und unzumutbaren Einsparungen im Bildungs- und Kulturbereich anstrebt, junge Menschen zum Kriegsdienst zu überzeugen oder zu zwingen.
etos.media: Herzlichen Dank für das Gespräch. Wir wünschen euch für den 5. März und alle weiteren Aktivitäten gegen die Wehrpflicht viel Erfolg.



