Bedřiška und das halbe Haus

(Bild: Ian Nadge)

Am Rand von Ostrava kämpfen die Bewohner*innen von Bedřiška um eine Siedlung, die einst für Bergarbeiter*innen gebaut wurde und heute teilweise abgerissen werden soll. Noch 2020 wollte die Stadt das Viertel erhalten und ausbauen – ausdrücklich unter Beteiligung der Bewohner*innen. Sechs Jahre später kämpfen dieselben Menschen darum, dass Bedřiška überhaupt bestehen bleibt.

Roma und Nicht-Roma haben sich gemeinsam organisiert, Häuser und Dächer besetzt und eine Genossenschaft gegründet. Aus dem Streit um einige alte Holzhäuser ist eine Auseinandersetzung um Eigentum und politische Verfügung geworden: darum, welchen Wert eine bestehende Nachbarschaft hat und wer über ihre Zukunft entscheidet.

Der Weg nach Bedřiška

Eigentlich sitzen Finn und ich nur in einem Café in Ostrava und reden, als das Gespräch irgendwann auf Bedřiška kommt. Finn unterstützt die Bewohner*innen der Siedlung seit etwa einem Jahr. Er erzählt von Holzhäusern, Abrissplänen und Menschen, die beschlossen haben, ihr Zuhause nicht kampflos aufzugeben. Je länger er erzählt, desto neugieriger werde ich. Bedřiška liegt nicht weit entfernt. Finn hat Zeit, ich auch. Also fahren wir hin.

Die Straßenbahn bringt uns an den Rand der Stadt. Nach einigen Stationen steigen wir aus. Doch Bedřiška ist noch nicht erreicht. Zunächst müssen wir eine breite Straße überqueren. Für Finn ist das kaum der Rede wert. Für mich, mit Stock und nicht besonders schnell zu Fuß, wird daraus eine kleine logistische Herausforderung. Die Autos zeigen wenig Interesse daran, ihre Geschwindigkeit meinem Tempo anzupassen. Irgendwann stehe ich trotzdem auf der anderen Seite.

Von dort führt ein schmaler Weg durch hohes Gras, Sträucher und Bäume. Während wir gehen, erzählt Finn weiter: von den Bewohner*innen, von Gesprächen mit Behörden und davon, wie aus einzelnen Gesprächen unter Nachbar*innen allmählich gemeinsames Handeln entstand. Erst nach einigen Minuten tauchen zwischen den Bäumen die ersten Häuser auf.

Sie wirken unscheinbar. Holzfassaden, kleine Gärten, Obstbäume. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Ort seit Jahren Gegenstand politischer Auseinandersetzungen ist. Eher scheint die Siedlung zufällig aus einer anderen Zeit übrig geblieben zu sein.

Finn führt mich zwischen den Häusern hindurch. Plötzlich bleibe ich stehen. Eines der Gebäude sieht auf den ersten Blick völlig gewöhnlich aus. Erst als wir daran vorbeigehen, kippt das Bild. Dort, wo die zweite Haushälfte stehen müsste, endet das Haus abrupt. Die Schnittkante liegt offen. Kacheln, Tapetenreste und Teile einer Innenwand sind sichtbar. Im Café hatte Finn mir von Abrissen erzählt, jetzt stehe ich davor.

Erst später denke ich darüber nach, wie wir überhaupt hierhergekommen sind: mit der Straßenbahn, über eine breite Straße und schließlich zu Fuß durch überwachsenes Gelände. Bedřiška liegt nicht am Ende der Welt, aber man kommt nicht zufällig hierher.

Eine Nachbarschaft

Wir gehen noch ein Stück weiter und setzen uns vor ein Mehrfamilienhaus aus roten Backsteinen. Die Nachmittagssonne liegt auf der Fassade. Aus den Gärten sind Kinderstimmen zu hören. Zwei Nachbarinnen unterhalten sich über einen Zaun hinweg. Ein Hund bellt beharrlich in unsere Richtung und scheint überzeugt, dass wir hier noch immer nicht ganz dazugehören.

Nach dem Weg durch das hohe Gras und dem Anblick des halb abgerissenen Hauses wirkt die Szene beinahe überraschend gewöhnlich. Gerade das macht den Ort bemerkenswert.

Während wir dort sitzen, erzählt Finn von Eva Lehotská. Sie lebte selbst mehrere Jahre in Bedřiška und gehört seit langem zu den sichtbarsten Stimmen der Siedlung. Auch nach ihrem Wegzug blieb sie eng mit der Community verbunden.

Was sie an Bedřiška verteidigt, beschreibt sie auffallend wenig abstrakt. Gegenüber dem tschechischen Fernsehen nannte sie im April 2026 Kastanien, Linden, großartige Menschen, die Ruhe, den Himmel und die Sterne. „Das Wichtigste daran sind die Menschen“, sagte im selben Beitrag die Bewohnerin Lydie Habustová.

Das passt zu dem Ort, vor dem wir gerade sitzen: Gärten, Nachbar*innen, Kinderstimmen, ein bellender Hund. Nichts davon ist spektakulär. Gerade darum geht es.

Lehotská ist nicht die Einzige, die so über Bedřiška spricht. Petr Delev lebt seit zehn Jahren in einem Haus, das zuvor seiner Großmutter gehörte. Als sein Mietvertrag 2025 auslief, erklärte er gegenüber Český rozhlas: „Ich bin hier zu Hause.“ Freiwillig werde er nicht gehen.

Antonín Baláž, seit rund dreißig Jahren in Bedřiška, formulierte es im selben Bericht noch konkreter: Er habe hier drei Kinder großgezogen und inzwischen Enkelkinder. Dann komme jemand und sage: Sachen packen, ihr zieht um. Seine Frage: „Und wohin, wo und warum? Vor allem: warum?“

Die Geschichte der Siedlung reicht weit über diese Auseinandersetzung hinaus. Nach dem Zweiten Weltkrieg benötigte Ostrava dringend Arbeitskräfte für Bergbau und Schwerindustrie. 1950 wurden 28 sogenannte finnische Doppelhäuser fertiggestellt. In unmittelbarer Nachbarschaft entstand anschließend eine Werkssiedlung für Beschäftigte des Staatsbetriebs Vítkovické stavby.

Die Wohnungen waren klein: einschließlich Vorraum, Bad, Toilette und Kammern etwa 57 Quadratmeter. Vorgesehen waren die Häuser für lediglich dreißig bis vierzig Jahre. Mehr als siebzig Jahre später stehen sie noch immer.

Viele Bewohner*innen haben selbst in die Häuser investiert. Dokumentiert sind von Mieter*innen finanzierte Umbauten, neue Böden und Verbesserungen der Wärmedämmung. Aus einer Arbeitersiedlung wurde ein Zuhause. Und dieses Zuhause wird heute als Fläche behandelt, über deren künftige Verwendung neu entschieden werden kann.

Wie eine Nachbarschaft politisch wird

Bedřiška veränderte sich mit der Stadt. Als Bergwerke schlossen und die Schwerindustrie Arbeitsplätze verlor, wandelte sich auch die soziale Struktur der Siedlung. Viele der ursprünglichen Bewohner*innen zogen weg, andere kamen hinzu. Roma-Familien und Menschen mit geringem Einkommen fanden hier bezahlbaren Wohnraum. Die Häuser alterten, Investitionen blieben aus und Bedřiška wurde von den Behörden über Jahre als „sozial ausgeschlossene Lokalität“ geführt.

In Dokumenten zur sozialen Inklusion hielt die Stadt allerdings selbst fest, dass dort Menschen sowohl aus der Minderheits- als auch aus der Mehrheitsgesellschaft lebten. Bedřiška war nie so eindeutig eine „Roma-Siedlung“, wie der Begriff später häufig nahelegte. Aus gesellschaftlicher Ausgrenzung wurde so leicht ein vermeintliches Problem des Ortes und seiner Bewohner*innen.

Die Bewohner*innen begannen, sich zu organisieren, kümmerten sich um das Umfeld und entwickelten gemeinsame Aktivitäten. Auch die historische Darstellung der Ostravaer Arbeitersiedlungen beschreibt eine Stabilisierung der Wohn- und Bevölkerungsverhältnisse durch die lokale Community.

Entscheidend wurde weniger, wer Roma war und wer nicht, als eine gemeinsame Frage:

Können wir hier bleiben?

Finn beschreibt diesen Prozess als langsam und beinahe unspektakulär. Eine Nachbarin sprach die nächste an. Aus Gesprächen wurden Treffen, aus Treffen gemeinsame Forderungen. Politik begann hier nicht mit Parteiprogrammen oder Wahlplakaten, sondern mit der Erfahrung, dass sich viele Probleme nur gemeinsam lösen ließen.

Gemeinsam mit anderen trug Eva Lehotská dazu bei, den Protest sichtbar zu machen. Daraus entstand Bedřiška přežije – Bedřiška wird überleben.

In einem Interview vom Juni 2026 beschreibt Lehotská Bedřiškas Entwicklung als einen Prozess von unten. Die Siedlung habe sich aus eigener Kraft von einem gefürchteten Ghetto zu einer funktionierenden, zusammenhaltenden Gemeinschaft entwickelt. Dass sie trotz Abrissplänen und jahrelangem Druck noch existiere, sei für Lehotská ein Beleg dafür, dass Veränderung von unten möglich ist.

Als die Abrisspläne konkreter wurden, blieb es nicht bei Gesprächen. Bewohner*innen und Unterstützer*innen besetzten Häuser und Dächer. Bei einem der betroffenen Doppelhäuser hielten Aktivist*innen die Dachbesetzung 25 Tage lang aufrecht. Bilder davon gingen durch tschechische Medien. Die Menschen, über die jahrelang gesprochen worden war, sprachen nun selbst.

Ende 2025 wurden dennoch fünf Häuser abgerissen. Besonders drastisch zeigte sich das bei den Doppelhäusern: In mindestens einem Fall verschwand eine Hälfte, während in der anderen weiterhin Menschen mit gültigem Mietvertrag lebten.

Im Januar 2026 hob der Ostravaer Magistrat die Abrissgenehmigung auf. Nach seiner Entscheidung war sie unter Verstoß gegen Vorschriften und auf Grundlage unzureichender Unterlagen erteilt worden. Insbesondere sei nicht ausreichend berücksichtigt worden, dass die jeweils anderen Hälften der Doppelhäuser weiterhin von Menschen mit gültigen Mietverträgen bewohnt wurden.

Die Bezirksverwaltung von Mariánské Hory a Hulváky weist den Vorwurf rechtswidrigen Handelns zurück: Zum Zeitpunkt der Abrisse habe eine rechtskräftige und vollstreckbare Genehmigung vorgelegen; deren spätere Aufhebung wirke nicht rückwirkend.

Weitere Abrisse wurden zunächst ausgesetzt. Im März nahm die Ostravaer Stadtvertretung den Beschluss des Bezirks zur vorläufigen Aussetzung zur Kenntnis. Nun sollen weitere Grundlagen und mögliche Szenarien für die Zukunft des Gebiets geprüft werden. Vom Tisch sind die Abrisspläne damit nicht.

Widerstand vor Gericht

Das Gemeinschaftszentrum ist mehr als ein Gebäude. Hier organisierte sich ein Teil jener Nachbarschaft, die sich gegen die Abrisse wehrt. Inzwischen wird auch um diesen Ort gestritten.

Der Verein Nová ostravská Bedřiška lidem (N.O.B.L., deutsch etwa: „Ein neues Bedřiška für die Menschen“) betreibt das Zentrum. 2025 kündigte die Bezirksverwaltung den Mietvertrag ohne Angabe eines Grundes zum 30. November. N.O.B.L. wehrt sich dagegen vor Gericht, während der Bezirk die Räumung des Gebäudes verlangt.

Im Juni 2026 erklärte Eva Lehotská vor dem Bezirksgericht Ostrava, N.O.B.L. habe seine vertraglichen Verpflichtungen erfüllt und das Zentrum selbst instand gesetzt. Nach ihrer Darstellung verschlechterte sich das Verhältnis zur Verwaltung, als der Bezirk begann, überwiegend Roma-Bewohner*innen aus Bedřiška umzusiedeln und der Verein sich dagegen stellte.

Bürgermeister Patrik Hujdus widersprach vor Gericht. Schwerwiegende Auseinandersetzungen mit dem Verein habe es nicht gegeben. Der Bezirk wolle das Gebäude weiterhin als Gemeinschaftszentrum nutzen, allerdings mit einem anderen Betreiber. Die Verhandlung wurde vertagt.

Während der Bezirk vor Gericht die Räumung des Gemeinschaftszentrums verlangt, erhielt N.O.B.L. für seine Arbeit in Bedřiška weiterhin öffentliche Förderung.

Bedřiška den Menschen

Im Frühjahr 2026 gründeten Bewohner*innen und Unterstützer*innen die Sozialgenossenschaft Bedřiška lidem – Bedřiška den Menschen. Am 15. Mai 2026 wurde sie offiziell eingetragen. Eva Lehotská steht dem dreiköpfigen Vorstand vor, Lydie Habustová und Antonín Baláž gehören ihm ebenfalls an.

Neben Erhalt durch die Kommune oder Abriss eröffnet sich damit eine dritte Möglichkeit: Häuser gemeinschaftlich zu übernehmen, zu sanieren und langfristig als bezahlbaren Wohnraum zu sichern.

Das tschechische Netzwerk Sdílené domy – Geteilte Häuser beteiligt sich an der Genossenschaft. Nach eigenen Angaben soll so sichergestellt werden, dass Immobilien, die Bedřiška künftig übernehmen könnte, dauerhaft bezahlbare Mietwohnungen bleiben und dem spekulativen Immobilienmarkt entzogen werden. Das Netzwerk orientiert sich unter anderem am deutschen Mietshäuser Syndikat.

Ein Umzug bedeutet mehr als den Austausch einer alten Wohnung gegen eine neue. Wer geht, verliert womöglich den Garten, die Nachbarin nebenan, Menschen, die auf die Kinder aufpassen oder helfen, wenn etwas kaputtgeht.

Ob das Genossenschaftsmodell umgesetzt werden kann, ist offen. Dafür wären Geld, erhebliche Sanierungsarbeiten und eine Einigung über Eigentum und Grundstücke notwendig. Doch die Bewohner*innen fordern nicht mehr nur, die Häuser stehen zu lassen. Sie entwickeln eine Vorstellung davon, wie Eigentum und Verwaltung anders organisiert werden könnten.

Wem gehört die Stadt?

Wer die Auseinandersetzung um Bedřiška nur flüchtig verfolgt, könnte sie für einen Streit um einige alte Holzhäuser halten. Tatsächlich geht es darum, welchen Wert eine bestehende Nachbarschaft in der Stadtplanung besitzt – und wer über sie verfügen kann.

Der Bezirk verweist auf den schlechten baulichen Zustand. Wasserleitungen, Kanalisation, Straßen und Beleuchtung müssten teilweise grundlegend erneuert werden. Auch die Zahl der Bewohner*innen ist stark zurückgegangen: 1970 lebten im statistischen Gebiet Bedřiška noch 257 Menschen, während die Stadt für 2025 55 Menschen nennt, die dort auf Grundlage von Mietverträgen lebten.

Die Stadt führt die geringe Bevölkerungsdichte, den Zustand der technischen Infrastruktur und die erwarteten Kosten als Argumente gegen eine umfassende Revitalisierung nach den früheren Plänen an. Nach ihrer Rechnung wären für eine Bebauung für rund 540 Menschen Investitionen von bis zu 800 Millionen Kronen erforderlich.

Der vollständige Abriss ist jedoch nicht die einzige untersuchte Möglichkeit. Die Stadt lässt unterschiedliche Zukunftsszenarien und deren Kosten prüfen.

Gerade deshalb fällt der Blick zurück auf 2020. Damals stellte Ostrava einen Entwurf vor, der Bedřiška erhalten und grundlegend weiterentwickeln sollte. Bestehendes Wohnen sollte erhalten, neue Wohnungen und Häuser sollten gebaut und die Bewohner*innen in die Entwicklung einbezogen werden. Bis zu 540 Menschen sollten langfristig in dem Quartier leben können. Die Stadt hob ausdrücklich die Bürgerinitiative und die Verbundenheit der Community mit ihrem Wohnort hervor.

Heute beschreibt sie dasselbe Gebiet als „strategische Entwicklungsreserve“. Aus Sicht des städtischen Amts für strategische Entwicklung soll das Gelände langfristig als Reserve erhalten bleiben; vorübergehend seien eine gemischte Nutzung und schrittweise Verbesserungen des öffentlichen Raums möglich.

Dass eine Stadt ihre Planung ändert, ist nicht ungewöhnlich. Bemerkenswert ist, was sich dabei verändert hat: 2020 galten die Bewohner*innen noch als Partner*innen der Entwicklung. 2026 wird vor allem über die Zukunft der Fläche gesprochen. Eva Lehotská bringt den Konflikt in einem Interview über die Zukunft Bedřiškas auf einen einfacheren Satz: „Die Stadt sollte den Menschen gehören.“

Damit treffen zwei Vorstellungen vom Wert desselben Stücks Stadt aufeinander. Für die Bewohner*innen ist Bedřiška bereits etwas: Wohnung, Garten, Nachbarschaft und ein Netz gegenseitiger Hilfe. Für die Stadt soll das Gelände etwas bleiben können: eine Reserve für eine noch unbestimmte zukünftige Entwicklung.

Der Konflikt dreht sich deshalb nicht nur darum, was Bedřiška heute ist, sondern darum, wer darüber verfügen darf, was es morgen sein wird.

Der Oktober

Die Pause bei den Abrissen verschafft den Bewohner*innen Zeit – bis zum 9. und 10. Oktober 2026. An diesen Tagen finden nach der offiziellen Bekanntmachung des tschechischen Innenministeriums die Kommunalwahlen statt. Für Bedřiška sind sie von unmittelbarer Bedeutung. Der neu gewählte Bezirksrat von Mariánské Hory a Hulváky wird darüber mitentscheiden, welchen Kurs der Bezirk gegenüber der Siedlung einschlägt. Eva Lehotská führt die Liste Budoucnost Mariánských Hor a Hulvák an. Piraten, Budoucnost, Grüne und unabhängige Kandidat*innen treten dort gemeinsam an.

Nun versuchen einige von denen, die Häuser und Dächer verteidigt haben, auch die Institution zu verändern, die über Bedřiška mitentscheidet. Der Protest zieht nicht von der Straße ins Rathaus. Er versucht, an beiden Orten gleichzeitig stattzufinden.

Was die Wahl für Bedřiška bedeutet, bleibt offen. Eigentumsfragen, Sanierungskosten, Gerichtsverfahren und Entscheidungen verschiedener Verwaltungsebenen verschwinden mit einem Wahlergebnis nicht. Dach, Gericht, Genossenschaft, Wahlurne. Keine dieser Ebenen ersetzt die andere. Zusammen zeigen sie, wie sich die Möglichkeiten von Menschen verändern können, wenn sie beginnen, sich in die Entscheidungen über ihren Wohnort einzumischen.

Ein Zuhause vor dem Abriss

Als wir Bedřiška verlassen, nehmen wir denselben Weg zurück. Wieder geht es durch das hohe Gras, über die breite Straße und zur Straßenbahnhaltestelle. Hinter uns bleiben die Holzhäuser, die Gärten und das halb abgerissene Haus.

Auf dem Rückweg denke ich noch einmal an dieses Haus. Von vorne wirkte es beinahe unversehrt. Erst an der offenen Stirnseite wurde sichtbar, was fehlte. Kacheln und Tapetenreste markieren Räume, die einmal Teil eines Zuhauses waren.

Bedřiška wird oft auf Begriffe reduziert: Roma-Siedlung, Problemviertel, Entwicklungsfläche. Vor Ort steht etwas weniger Abstraktes: Häuser, Gärten und eine Nachbarschaft, deren Bewohner*innen beschlossen haben, sich nicht auf die Rolle eines Verwaltungsproblems reduzieren zu lassen. Ob sie damit Erfolg haben, ist offen.

Die Stadt nennt Bedřiška eine „strategische Entwicklungsreserve“. Die Menschen, die dort leben, nennen es ihr Zuhause.

Ian Nadge stammt ursprünglich aus Australien. Er ist Aktivist und Publizist und lebt seit einigen Jahren in Niedersachsen. Ian beschäftigt sich vor allem mit autoritärem Umbau, materialistischem Antifaschismus, Kapitalismuskritik und staatlicher Repression in Ost- und Mitteleuropa sowie Deutschland.

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