Junge, palästinasolidarische Frauen als Projektionsfläche für rassistische Erzählungen aus der Kolonialzeit, das liefert die BILD-Zeitung in einer Kolumne der vergangenen Woche. Es überrascht nicht, dass sich die Kolumne aus einer Kombination von Rassismus und Sexismus zusammensetzt. Der Mangel an Niveau ist jedoch bezeichnend.
Der Kolumnist Harald Martenstein unterstellt jungen Frauen, die sich mit den Menschen in Palästina solidarisieren, sie täten dies vor allem, weil sie arabische Männer attraktiv fänden. Damit verrät er mehr über das eigene Weltbild als über uns Frauen, über die er schreibt. Die Behauptung, politische Solidarität lasse sich auf sexuelles Begehren zurückführen, bedient ein Arsenal von Bildern, das eine lange koloniale und frauenfeindliche Geschichte hat.
Frauen als unpolitische Wesen
Die der Kolumne zugrundeliegende Idee ist einerseits, dass junge Frauen keine politischen Subjekte sind, die sich mit Fragen von Menschenrechten, internationalem Recht, Besatzung, Gewalt und Menschenwürde auseinandersetzen, sondern ihre politischen Positionen letztlich aus ihrem Liebes- oder Sexleben ableiten. Frauen wird damit die Fähigkeit abgesprochen, aus politischen und moralischen Gründen eine Haltung einzunehmen. Ihre Argumente werden nicht widerlegt, dies versucht der Autor erst gar nicht, vielmehr werden Frauen entmündigt und als dumm verkauft.
Das ist eine bemerkenswert alte Form der Herabsetzung. Frauen, die sich politisch äußern, werden nicht in ihrer politischen Analyse und Einstellung ernst genommen, sondern auf ihre Körper, ihre Beziehungen und ihre vermeintlichen sexuellen Motive reduziert. Was bei einem männlichen politischen Aktivisten als Überzeugung, Haltung oder Engagement gelten würde, wird bei einer jungen Frau zur Frage von Erotik und Begehren.
Antipalästinensischer Rassismus
Ebenso erschreckend wie der offensichtliche Sexismus des Kolumnisten ist seine offene Darlegung des eigenen Rassismus: Arabische, insbesondere palästinensische Männer kommen bei Martenstein nur als begehrenswerte Machos und gleichzeitig als Opfer vor und werden automatisch in eine Reihe mit den Remmos und mit organisierter Kriminalität gestellt. Auf mehreren Ebenen ist das spannend: Es bedient das Bild, nach dem Frauen immer auf „bad guys“ stehen würden, und die „guten“ Männer keine Frauen „abbekämen“, weil sie zu nett seien. Zudem spannt der Kolumnist schnell den Bogen zur „Clankriminalität“. Entscheidend an der Kolumne ist darüber hinaus, dass sie auf die rassistische und koloniale Vorstellung zurückgreift, in der der „arabische Mann“ als triebhaft, gewalttätig, patriarchal und bedrohlich (insbesondere für weiße Frauen) konstruiert wird.
Hinzu kommt die klassische rassistische Erzählung, wonach der Islam von Grund auf frauenfeindlich sei. Der Kolumnist schreibt: „Der Islam ist kein bisschen feministisch, Frauen müssen gehorchen. […] Wieso macht das alles nichts mit fortschrittlichen jungen Frauen?“. Abgesehen davon, dass es unterschiedliche Auslegungen des Islams gibt und viele Muslim*innen Geschlechtergerechtigkeit leben, gehört zu unserem Verständnis von Menschenrechten, dass sie auch für diejenigen gelten, die andere politische Auffassungen vertreten als wir. Solidarität bedeutet nicht, jede politische Position eines Menschen zu übernehmen. Sie bedeutet auch nicht, patriarchale Strukturen zu leugnen. Menschenrechte sind schließlich kein Bonus, den man nur bei den richtigen Einstellungen bekommt. Menschenrechte gelten universell, für jede und jeden von uns.
Die doppelte Reduktion
Diese BILD-Kolumne ist, wenig überraschend, keine ernsthafte politische Analyse: Es ist Propaganda. Es ist eine doppelte Reduktion: Palästinenser werden auf ein rassistisches Klischee reduziert, Frauen auf ihr vermeintliches sexuelles Begehren.
Der Kolumnist der BILD-Zeitung stört sich zweifelsohne daran, dass junge Frauen in Deutschland bei den vergangenen Wahlen mehrheitlich links gewählt haben. Die BILD-Zeitung, deren Agenda es ist, emanzipatorische, linke Stimmen zu diffamieren, sorgt sich offensichtlich vor diesem Wahltrend. Und es ist nicht einfach nur ein Trend: Die politische Entwicklung junger Frauen resultiert aus der Erfahrung krasser gesellschaftlicher Rückschritte und enormer Gewalt, regional wie international. Angesichts der hohen Zahl an Femiziden in Deutschland (übrigens unabhängig von der Herkunft der Täter) und der Vielzahl an Kriegen, insbesondere des Völkermords in Gaza, den die deutsche Bundesregierung mit Waffenlieferungen und diplomatischer Unterstützung ermöglichte, besteht die „Radikalisierung“ junger Frauen in der Anerkennung von Menschenwürde, Völkerrecht und Gleichberechtigung. Das Gegenteil von dem, was die Zeitung vertritt.
Beunruhigend ist die Kolumne vor allem auch deshalb, weil sie eine Einladung an die anonyme Internet-Öffentlichkeit ist, über sexualisierte Gewalt an jungen (palästinasolidarischen) Frauen zu philosophieren. Martenstein schreibt: „[…] dass viele junge Frauen unbewusst oder halbbewusst Machos superattraktiv finden. Natürlich keine Vergewaltiger. Aber autoritäre Gangstertypen irgendwie schon.“ Er öffnet damit, ob nun bewusst oder unbewusst, Tür und Tor für all die digitale (und physische) sexualisierte Gewalt, die wir Frauen fürchten und erleben müssen.
Die Niveaulosigkeit des BILD-Kolumnisten ist grotesk, doch zeigt sie vor allem, wie hilflos er ist: Er versucht verzweifelt, mit sexualisierter Sprache ein wenig Raum zu gewinnen, ein wenig Macht über uns junge Frauen zurückzuerobern. Doch seine Versuche, mit Altherrenwitzen die Vergangenheit wiederzubeleben, werden scheitern. Wir werden uns von ihm keine Angst machen lassen.
Wir wissen: Solidarität ist eine Waffe. Viva Palästina.
Martha Kleedörfer ist stellvertretende Vorsitzende der Berliner Linken und neu ins Abgeordnetenhaus gewählt.



