Mit Bomben an die Macht im Iran: Warum die monarchistische Diaspora Krieg als Chance sieht

Hinter ihm die Flagge seiner Verbündeten: „Kronprinz“ Reza Pahlavi.

Photo by Gage Skidmore, licensed under CC BY-SA 2.0.

Teile der iranischen Diaspora setzen längst nicht mehr auf Solidarität mit den Kämpfen im Land. Stattdessen fordern sie äußere Interventionen und verfolgen einen restaurativen Machtanspruch ohne demokratische Grundlage. Monarchistische Akteure bedienen sich Erinnerungspolitik, medialer Präsenz und westlicher Unterstützung, um sich als vermeintliche Alternative zu inszenieren, dabei delegitimieren sie reale oppositionelle Bewegungen, befürworten Sanktionen sowie Militärschläge und blenden die Vielfalt des iranischen Widerstands aus. Shoan Vaisi zeigt, warum eine demokratische Zukunft des Iran weder Turban noch Krone braucht – und weshalb die Gegenüberstellung von Mullahs und Monarchie eine falsche Dualität ist. Stattdessen entsteht Wandel aus Selbstorganisation von innen, von unten – aus der Gesellschaft heraus.

Seit einigen Jahren zeigt sich deutlich, dass Monarchist:innen in der iranischen Diaspora längst keine nostalgische Minderheit aus der Schah-Ära mehr sind. Sie vereinen große Teile des rechten bis rechtsextremen Spektrums der im Ausland lebenden Iraner:nnen, treten als politische Stimme auf und versuchen, Einfluss auf den Diskurs zu nehmen – trotz fehlender demokratischer Legitimation im Iran oder gesellschaftlicher Verankerung. Ihr Anspruch speist sich vor allem aus Namen, Symbolwirkung, Medienpräsenz sowie der Unterstützung westlicher Akteure, die in ihnen oft eine Gruppe sehen, die bereit ist, geopolitische Interessen im Nahen Osten mitzutragen. Auch die israelische Regierung und deren Unterstützer im Westen betrachten Teile dieser Szene inzwischen als politische Verbündete, die äußeren Druck auf den Iran als legitimes Mittel befürworten.

Ein zentrales Element ihrer politischen Strategie ist die Konstruktion einer geschönten Erinnerung an die Monarchie. Über TV und soziale Medien wird ein Bild der Schah-Zeit verbreitet, das Modernisierung, wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftliche Offenheit betont, während Folter, Repression, Klassenunterschiede und politische Ausgrenzung dieser Epoche ausgeblendet werden. Diese Form der Nostalgie ersetzt keine Analyse; sie dient als politisches Werkzeug, um eine Vergangenheit als Zukunftsversprechen zu verkaufen, insbesondere an Menschen, die nach der Revolution 1979 geboren wurden, heute keine Perspektive sehen und deshalb anfälliger sind für Glorifizierung und Propaganda.

Keine Dichotomie „Islamische Republik vs. Monarchie“

Die heutige iranische Gesellschaft lässt sich jedoch nicht auf die Dichotomie „Islamische Republik vs. Monarchie“ reduzieren. Die tatsächliche Opposition im Iran wird von vielfältigen, voneinander unabhängigen Bewegungen getragen. Dazu gehören Frauen, Arbeiter:innen, Studierende, Jugendliche, säkulare Initiativen, religiöse Minderheiten und politische Gefangene, die ihren Widerstand im Gefängnis wie auf der Straße fortsetzen. Eine zentrale Rolle spielen auch kurdische Organisationen: Obwohl Kurd:innen nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, stellten sie über 30 Prozent der während der Jina-Proteste Getöteten und einen Großteil aller seit 1979 politisch Inhaftierten. Dieser Widerstand ist plural, dezentral, selbstorganisiert und nicht auf eine zentrale Figur ausgerichtet – genau das Gegenteil dessen, was monarchistische Logik voraussetzt.

Damit verbunden ist eine gezielte Delegitimierung anderer oppositioneller Stimmen. Kaum eine Gruppe blieb in den letzten Jahren von Angriffen und Diffamierungen verschont. Begriffe wie „links“ oder „regimenah“ dienen weniger der Beschreibung politischer Positionen als der Verdrängung aus Debatten. Trifft es einerseits die Linke, die aufgrund historischer Brüche seit 1979 ohnehin kaum Machtperspektive besitzt, geraten ebenso Künstler:innen, unabhängige Aktivist:innen, feministische Gruppen, kurdische Organisationen oder säkulare Demokrat:innen ins Visier. Besonders deutlich zeigte sich dies in einer Kampagne, in der politische Gefangene diffamiert wurden, nicht aufgrund ihres Handelns, sondern einzig, weil sie sich nicht der monarchistischen Linie unterordneten.

Hinzu kommt der Umgang mit ethnischen Minderheiten. Forderungen nach Gleichberechtigung, politischer Teilhabe und Selbstbestimmung von Kurd:innen, Belutsch:innen, Araber:innen oder Aserbaidschaner:innen werden selten ernsthaft aufgegriffen. Stattdessen werden jene, die gleiche Rechte einfordern, schnell als „Separatisten“ etikettiert, ein politisches Werkzeug, das Kritik ersetzt, Rechte delegitimiert und einen erneuten zentralistischen Staat ankündigt, der Vielfalt nicht anerkennt, sondern abwehrt.

Die politische Haltung pro-monarchistischer Akteure zeigt sich ebenfalls im Blick auf äußere Kräfte. Während viele Menschen im Iran sehr genau wissen, welche Folgen Krieg und Sanktionen für ihren Alltag hätten, wurde in Teilen der Exilszene der zwölf Tage währende völkerrechtswidrige Angriff Israels und der USA gegen den Iran im vergangenen Juni als „Chance“ begrüßt. In monarchistischen Kanälen kursierten Sätze wie: „Schlag sie, Israel.“ Insbesondere in seiner ersten Präsidentschaft (2017–2021) versammelte Donald Trump eine Vielzahl außenpolitischer Falken um sich, die sich teils offen für einen Regime Change durch die Volksmudschahedin beziehungsweise die Pahlavisten aussprachen; darunter Michael Pompeo, John Bolton und Rudolph Giuliani. Parallel wird die US-Politik des „Maximum Pressure“, die unter der ersten Trump-Administration eingeführt, unter Biden fortgesetzt und der jetzigen Trump-Regierung weiter eskaliert wurde, durch die Monarchisten offen unterstützt, ohne dabei zu benennen, wen Sanktionen am härtesten treffen: Arbeiter:innen, Kranke, Familien, Kinder. Entscheidend ist für diese Strömung allein, ob äußerer Druck ein politisches Vakuum schaffen könnte, das sie selbst ausfüllen kann.

Dass diese Szene in Deutschland Sichtbarkeit erhält, liegt an politischen Anschlussstellen. In TV-Formaten und Interviews wurden Anhänger der Monarchie wiederholt eingeladen, darunter unkritische Gespräche im ZDF oder bei Deutsche Welle, aber auch Journalist:innen oder angebliche Iranexpert:innen wie Natalie Amiri, die den Sohn des letzten Schahs teilweise als Hoffnungsträger präsentiert, verbreiten entsprechende Narrative. Auch in der Politik zeigen sich Öffnungen: Der Hamburger SPD-Abgeordnete Danial Ilkhanipour brachte Reza Pahlavi als mögliche Alternative in Teheran ins Gespräch; der CDU-Bundestagsabgeordnete Reza Asghari entschuldigte sich öffentlich – auf Persisch – dafür, früher gegen die Schah-Diktatur demonstriert zu haben. In einer Demokratie zu leben und sich dafür zu entschuldigen, gegen eine Diktatur gewesen zu sein, macht die Wirkmacht des monarchistischen Narrativs sichtbar.

Begleitet wird dieser Diskurs durch mediale Verstärkung im exilpolitischen Raum. Während etwa der in London ansässige TV-Sender Manoto offen monarchistisch auftritt, wahrt der ebenfalls in London ansässige und maßgeblich vom saudischen Königshaus finanzierte Sender Iran International nach außen hin Distanz, dennoch zeigt sich eine klare Nähe zum monarchistischen Spektrum, sichtbar an einer konsistent pro-israelischen Berichterstattung. Während des 12-Tage-Kriegs interviewte der Moderator Pouria Zeraati Benjamin Netanjahu – ein Gespräch, das journalistisch kaum Einordnung bot und „eher einer Propagandaplattform als einem journalistischen Austausch ähnelte“, wie Armin Messager auf Qantara treffend einschätzt. Iran International veröffentlichte im September 2022 zudem als erstes persischsprachiges Medium einen exklusiven Beitrag aus einer Iron-Dome-Basis, erneut ohne Stimmen aus Gaza oder dem Westjordanland einzubeziehen. Symbolisch war schließlich ein Beitrag, in dem ein iranischer Journalist „Frau, Leben, Freiheit“ auf die Ruinen eines palästinensischen Hauses schrieb, eine Szene, die die politische Vereinnahmung eines revolutionären Slogans sichtbar macht.

All dies führt zu einer Schlussfolgerung, die unbequem, aber notwendig ist: Der Kurs der Monarchist:innen ähnelt in seinen Mustern eher dem Regime, das sie ersetzen wollen – Militarismus, Fremdenfeindlichkeit gegenüber Afghan:innen, Ausgrenzung von Minderheiten, Ablehnung demokratischer Kräfte. Wer einen anderen Iran möchte, kämpft deshalb nicht nur gegen die Islamische Republik, sondern auch gegen eine Exilopposition, die vorgibt, „für Freiheit zu stehen“, während sie die Vielfalt der iranischen Gesellschaft negiert. Eine demokratische Zukunft ist möglich – ohne Turban, ohne Krone. Denn Veränderung entsteht nicht durch Nostalgie, nicht durch Namen und nicht durch äußeren Druck, sondern durch Menschen im Iran, die Verantwortung übernehmen, streiten, organisieren, Auswege schaffen und trotz aller Risiken weitermachen.

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