Auf Krit:Arab verbreitet ein Geheimdienstler das Narrativ des „islamischen Antisemitismus“ – und verkauft dies als neuen, kritischen und differenzierten Forschungsansatz.
Das erklärte Ziel des 2024 ins Leben gerufenen Blogs Krit:Arab ist es, „kritische Zugänge in der Arabistik und Islamwissenschaft zu stärken“. Er wurde von zwei Studierenden der Ruhr-Universität Bochum ins Leben gerufen, von der mittlerweile nur noch eine das gesamte „Redaktionsteam“ stellt, und ist laut Impressum auch am dortigen Institut für Arabistik und Islamwissenschaften angegliedert. Offenbar erhält er auch eine gewisse finanzielle Unterstützung, denn im Mai 2025 schrieb er einen „Best Paper Award“ aus, für den die drei besten Einreichungen zusammen ein Preisgeld von immerhin 875 Euro erhalten sollen.1
Wie viel „kritische Ansätze“ aber tatsächlich in diesem Projekt stecken – und was überhaupt damit gemeint sein soll –, ist fraglich. Auf der Website gibt es dazu nur vage Andeutungen und ein paar Schlagworte wie „Geschlechterverhältnisse“, „Kapitalismus“, „(Macht-)Verhältnis“ oder auch „koloniale Einflüsse“, zu denen – „beispielsweise“ – „Überlegungen angestellt werden“ könnten.
Das Narrativ vom „islamischen Antisemitismus“
Dass das alles etwas dünn wirkt, wäre an sich natürlich noch kein Anlass, ein von Studierenden getragenes Projekt öffentlich zu kritisieren. Einen hinreichenden Grund dafür bietet jedoch ein Oktober 2025 auf dem Blog veröffentlichter Aufsatz von Armin Pfahl-Traughber mit dem Titel: „Antisemitismus – nur ein Importprodukt für die islamisch geprägte Welt?“ In diesem Text beantwortet der Autor die titelgebende Frage mit einem klaren Nein.
Das Narrativ des „islamischen Antisemitismus“ wird vor allem von neurechten, neokonservativen, und zionistischen Akteuren verbreitet. Teilweise wird dieser Begriff auch aus Unwissen genutzt. Denn während seriösere Forschende von „muslimischem Antisemitismus“ oder „unter Muslimen verbreiteten Antisemitismus“ sprechen, meint „islamischer Antisemitismus“ dezidiert, dass judenfeindliche Einstellungen unter Muslimen auf „den Islam“ zurückzuführen seien. Pfahl-Traughber selbst spricht in seinem Text sowohl von „islamisch geprägtem“ als auch von „islamischem Antisemitismus“ und auch Krit:Arab hat die Veröffentlichung mit dem Keyword „Islamischer Antisemitismus“ versehen. Dass der Autor den Begriff aus Unwissen nutzt, kann ausgeschlossen werden: Es geht in seinem Text schließlich genau darum, die angeblich genuin islamischen Wurzeln des unter Muslimen existierenden Antisemitismus aus der „Frühgeschichte des Islam“ und dessen theologischen Fundamenten abzuleiten.
Dabei achtet Pfahl-Traughber darauf, nicht allzu offensichtlich platt zu argumentieren und sich nicht in die Schmuddelecke der rechtsradikalen Islamhasser zu begeben. Vielmehr arbeitet er mit rhetorischen und argumentativen Tricks, die es zu durchschauen gilt.
Antisemitismus unter Muslimen
Gleich im ersten Satz des Artikels wird postuliert, dass Antisemitismus „nach empirischen Studien in der islamisch geprägten Welt stark verbreitet“ sei. Praktischerweise gibt Pfahl-Traughber nicht an, auf welche Studien er sich bezieht.
Die bekannteste diesbezügliche Studie stammt allerdings von der sogenannten Anti-Defamation League (ADL), die in ihrer Geschichte selbst immer wieder Teil groß angelegter Diffamierungs- und geheimdienstlicher Bespitzelungskampagnen gegen (angebliche) Kommunisten und Sozialisten, Internationalisten, Bürgerrechts-, Anti-Apartheid- und israelischen Friedensaktivisten war.2 Auch ist sie Teil der AIPAC, der größten israelischen Lobbyorganisation in den USA, und unterstützt Donald Trump,3 weshalb schon 2020 zahlreiche antirassistische, jüdische, friedenspolitische und Bürgerrechts-Organisationen in den USA zum Boykott der ADL aufriefen.4 Da die ADL jegliche Kritik an Israel und seiner Politik als antisemitisch einstuft, ist ihre Studie, der zufolge 76 Prozent der Menschen in der WANA-Region antisemitische Einstellungen hätten (gegenüber „nur“ 17 Prozent etwa in Westeuropa),5 höchst fragwürdig.
Was antisemitische Einstellungen unter Muslimen in Europa angeht, so verweist Pfahl-Traughber auf einen Aufsatz von Günther Jikeli. Dieser erschien im „Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung“, das u. a. von Pfahl-Traughber herausgegeben wird.6 Diese Buchreihe wird von der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung (HS Bund) verlegt, an der u. a. Polizisten und Bundeswehrmitarbeiter ausgebildet werden, und „versteht sich als Forum für Autoren überwiegend aus den Sicherheitsbehörden“.7 (Zu Pfahl-Traughbers Rolle bei den deutschen Geheimdiensten unten mehr.) Jikelis Aufsatz wiederum stützt sich unter anderem – und völlig unkritisch – auf Angaben der ADL. Aber auch auf das Institute for Jewish Policy Research (IJPR), einen zionistischen Think-Tank aus Großbritannien,8 und das American Jewish Committee (AJC), eine NGO, die in den USA pro-israelische Lobbyarbeit betreibt, indem es etwa der UN regelmäßig „israelbezogenen Antisemitismus“ vorwirft.9 Dass Jikeli selbst es mit Zahlen, Belegen oder Grundwissen über Westasien nicht so hat, sieht man schon daran, dass er in dem Text – ohne Angabe einer Quelle – behauptet, 2021 hätten im Gazastreifen 730.000 Menschen gelebt.10 Tatsächlich lag die Zahl 2021 laut UNO, Weltbank und EU bei 2,1 Millionen.11 Jikeli ist ein Verteidiger der IHRA-Antisemitismusdefinition und wirft ihren zahlreichen Kritiker:innen – darunter namhafte, auch jüdische Wissenschaftler – vor, „Antisemit:innen oder deren Freund:innen“ zu sein.12 Entsprechend überrascht weder, dass er die Statistiken von ADL, IJPR und AJC nicht hinterfragt, noch dass er selbst (Fundamental-)Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichsetzt.13
Wenig überzeugende Ideengeschichte und unsaubere Recherche14
Pfahl-Traughber wirft dann einen „Blick in den Koran“ und stellt fest, dass dieser „ambivalente Aussagen über die Jüdinnen und Juden im religiösen wie sozialen Sinne enthält.“ Die Kehrseite der engen religionsgeschichtlichen und theologischen Verwandtschaft, die der Islam explizit anerkennt, sei, so stellt er (nicht als erster) fest, die Konkurrenz. Dann zitiert er beispielhaft drei Suren, die negative Aussagen über Juden enthalten.
Bemerkenswerterweise greift der Autor nun zu einem Taschenspielertrick, indem er gleich zwei Mal ankündigt, etwas zu machen, was er dann aber doch nicht tut: Er behauptet nämlich zunächst, den „ideen- und realhistorische[n] Kontext für judenfeindliche Stereotype“ im Koran darzulegen, und weist sogar auf ein zentrales Problem der Geschichtsforschung in Bezug auf die Frühzeit des Islam hin: „Was genau von den überlieferten Aussagen auch den realen Ereignissen entsprach, lässt sich aufgrund des Fehlens einschlägigen Quellenmaterials nicht sagen.“ Anstatt nun verschiedene gängige Darstellungen vorzustellen, erklärt er im folgenden Satz einfach: „Es geht hier aber auch nicht um die realen Ereignisse, sondern um die breitenwirksamen Überlieferungen.“ Mit Letzterem ist gemeint, wie die damaligen Abläufe in der muslimischen Geschichtsschreibung dargestellt werden.
Aber auch eine solche Darstellung legt Pfahl-Traughber nicht vor. Stattdessen schreibt er, sich auf Rudi Paret stützend: „Demnach habe Muhammad als Prophet auch beabsichtigt, Jüdinnen und Juden für seine Religionsauffassungen zu gewinnen.“ Diese Tatsache dürfte wohl in der Tat sowohl von Muslimen als auch Nicht-Muslimen anerkannt sein, allerdings fehlt hier bereits die politische und gesellschaftliche Dimension: nämlich, dass es nicht nur um Bekehrung, sondern durchaus auch um gegenseitige Akzeptanz und nicht zuletzt um politische Bündnisse ging. Weiter: „Er soll ihnen gegenüber auch im Kultus diverse Zugeständnisse gemacht haben.“ Das dürfte wohl kaum der gängigen islamischen Sicht entsprechen, sondern vielmehr einer geschichts- und religionswissenschaftlichen. „Gleichwohl sei seine Bekehrungsarbeit gescheitert, denn die Juden blieben abgeneigt. So sei es auch zu einer militärischen Auseinandersetzung mit drei jüdischen Stämmen gekommen, welche im letzten Fall mit einem Massaker bzw. Versklavungen endete.“ Diese Darstellung bleibt unterkomplex, zumal der Autor erneut behauptet, es sei einzig und allein um die Bekehrung der Juden gegangen, die für ihre Weigerung dann grausam bestraft wurden. Mag diese Darstellung zumindest teilweise zu der Ausweisung bzw. Vernichtung der jüdischen Stämme Medinas passen, so gilt dies jedenfalls nicht für den Feldzug nach Khaybar, bei dem es – selbst nach islamischer Darstellung – nicht um Bekehrung, sondern primär um Bündnis- sowie um Machtpolitik ging.15
Von dieser verzerrt-lückenhaften Grundlage aus fährt Pfahl-Traughber fort, den angeblichen Mythos einer „von Wohlgefallen gegenüber Jüdinnen und Juden“ geprägten „Geschichte der islamischen Welt“ zu „widerlegen“, und zwar in drei aufeinanderfolgenden Sätzen, die es in sich haben: Er schreibt, dass „in der islamisch geprägten Welt“ – die sich damals immerhin über drei Kontinente erstreckte – „ab dem 9. Jahrhundert zahlreiche judenfeindliche Schmähschriften“ erschienen seien, die an Koran und Prophetentradition anknüpften. Weiter heißt es: „An Jüdinnen und Juden wurden immer wieder Massaker verübt, wobei tausende Menschen ihren Tod fanden oder der Vertreibung ausgesetzt wurden: 1033 in Fez, 1066 in Granada, 1145 in Tunis oder 1232 in Marrakesch. Auch im Alltagsleben gab es Diskriminierungen bezüglich des Rechtsstatus, galten Jüdinnen und Juden doch nur als „Schutzbefohlene“ mit Sondersteuerpflichten.“ Der Dreiklang ist perfekt: Die theologischen Grundlagen des „islamischen Antisemitismus“ sind durch Koran und Hadith gelegt. Auf diesen bauen ab dem 9. Jahrhundert zahlreiche Hetzschrift auf, die ab dem 11. Jahrhundert in Massakern münden. Das Ganze wird durch die permanente Diskriminierung und Ausbeutung der Juden gekrönt.
Unsaubere Recherche
Schauen wir uns zunächst die Quellen an, auf die sich Pfahl-Traughber stützt – oder besser gesagt: die Literatur, denn eigene Forschung betreibt er ja gar nicht. In seiner Aussage zu den „judenfeindlichen Schmähschriften“ stützt er sich auf einen Aufsatz von Haggai Ben-Shammai, ohne allerdings konkrete Textstellen anzugeben. Tatsächlich spricht Ben-Shammai davon, dass sich ab dem 9. Jahrhundert „eine Literatur der Polemik“ gegen Juden, Christen und generell Nicht-Muslime“ entwickelte.16 Er bringt diese Entwicklung mit dem Abbasiden-Kalifen al-Mutawakkil in Verbindung,17 der Mitte des 9. Jahrhunderts herrschte – und ganz nebenbei auch gegen Schiiten vorging.
Inwiefern diese Kampagne mit den vier Gewaltexzessen gegen Juden im 11. bis 13. Jahrhundert in Nordafrika und Grenada – von denen drei übrigens in Gebieten stattfanden, über die die Abbasiden nie geherrscht haben – steht, erklärt Pfahl-Traughber nicht. Zeit und Raum sind relativ – alles „islamische Welt“… John Bunzl, den er selbst zitiert, liefert folgenden Erklärungsansatz: Seiner Einschätzung nach „richteten sich die Verfolgungen“ in Marokko „auch deshalb so heftig gegen die Juden, weil diese dort – anders als in Ägypten, Syrien, Irak, Türkei oder Iran – die einzige religiöse Minderheit waren“.18
Pfahl-Traughbers oben zitierter Satz über den Status der Juden als „Schutzbefohlene“ (dhimmi) stützt sich auf eben dieses Buch von Bunzl. Allerdings fasst er dessen Darstellung schlecht zusammen: Bunzl nämlich ordnet diese Diskriminierung historisch ein, wenn er darauf hinweist, dass einige der dhimmi-Vorschriften für Juden bereits unter den Byzantinern gegolten hatten.19 Außerdem „vergisst“ Pfahl-Traughber auch hier, zu erwähnen, dass nicht nur Juden, sondern alle (monotheistischen) Nicht-Muslimen von derlei Regelungen betroffen waren. Noch bezeichnender ist, dass er Bunzl nur in Bezug auf die Kapitel zum dhimmi-Status und zu „Autonomie und Diskriminierung“ (S. 14-18) anführt – wobei er den Aspekt der Autonomie ebenso übergeht. Das anschließende Kapitel über die „Gemeinsame Blüte“ (S. 18-20) jüdisch-islamischer Hochkultur passt nicht in seine Darstellung.
Das gilt auch für Bunzls Feststellung, dass „jüdisch-islamische Polemiken“ – wohlgemerkt in beide Richtungen – „nicht sehr intensiv und häufig“ waren, weil „der Hauptgegensatz zwischen Islam und Christentum bestand“.20 Letztere Bemerkung über das muslimisch-christliche Verhältnis entspricht übrigens der gängigen Meinung in der Forschung, nämlich dass Christen in der islamischen Welt gegenüber Juden eher als Gefahr angesehen und daher stärker diskriminiert wurden.
Interessanterweise scheint Pfahl-Traughber Léon Poliakov allein aufgrund des deutschen Titels des dritten Bandes seiner „Geschichte des Antisemitismus“ zu unterstellen, dem „Mythos“, den er selbst zerstören will, anzuhängen.21 Jedenfalls verweist er an der entsprechenden Stelle auf dessen Buch – wiederum ohne Seitenzahlen. Er selbst zitiert Bernhard Lewis – allerdings nur dessen Bericht über das oben erwähnte Massaker von Grenada, nicht seinen Kommentar, dass es solche Gräueltaten wie auch die von Pfahl-Traughber angeführten „zahlreichen“ antijüdischen Schmähschriften „in der islamischen Geschichte selten gegeben“ habe.22 Insgesamt ist Lewis’ Darstellung positiver bzw. differenzierter als die Poliakovs. Zentral bei Lewis ist beispielsweise die „jüdisch-islamische Tradition“, die ihm zufolge erst im 20. Jahrhundert zerbrach. Daher liegt der Verdacht nahe, dass Pfahl-Traughber Poliakovs Buch wegen dessen Titel „Religiöse und soziale Toleranz unter dem Islam“ gar nicht erst gelesen hat, während er sich lieber darauf konzentrierte, den für seinen Neokonservativismus bekannten Lewis (allerdings höchst selektiv) zu zitieren.
Wenig überzeugende Ideengeschichte – Teil 2
Auch Pfahl-Traughber muss eingestehen, dass es „den Jüdinnen und Juden in den christlich geprägten Ländern weitaus schlechter“ ging als jenen „in der islamisch geprägten Welt.“ Diese unumstößliche Tatsache wendet er aber argumentativ ins Negative, indem er hierin den Grund für die von ihm ausgemachte und bekämpfte „verbreitete Auffassung von religiöser und sozialer Toleranz“ unter muslimischer Herrschaft ausmacht. Aber genau dieser Vergleich zwischen parallel existierenden Gesellschaften mit grundsätzlich ähnlichen, „vormodernen“ sozioökonomischen, ideologischen und kulturellen Strukturen ist aus wissenschaftlicher Perspektive zentral. Eine rein moralische Bewertung des Status von Juden und anderen religiösen Minderheiten in der WANA-Region im 8. bis 19. Jahrhundert aus Perspektive eines im Westen sozialisierten Menschen aus dem 21. Jahrhundert kann dagegen natürlich nur negativ ausfallen – aus erkenntnistheoretischer Sicht macht eine solche Bewertung jedoch wenig Sinn. Hier merkt man, dass Pfahl-Traughber nicht wissenschaftlich argumentiert, sondern primär von einer politischen Agenda getrieben ist.
Der kurze Blick, den der Autor auf die Geschichte der westlichen Judenfeindlichkeit wirft, offenbart allerdings nicht viel weniger Schwächen als seine Behandlung des „islamischen Antisemitismus“: Pfahl-Traughber verweist einzig auf das Neue Testament als Quelle des europäischen Judenhasses. Materielle Ursachen und die gesellschaftliche Rolle, in die Juden im Feudalismus wie im Kapitalismus gedrängt wurden, spielen für ihn offenbar keine Rolle.
Dieser Mangel an geschichtlichem und sozialökonomischem Denken drückt sich schließlich darin aus, dass der Autor völlig unvermittelt ins 19. Jahrhundert springt und verkündet, dass die „gegenwärtige Judenfeindschaft unter Muslim:innen […] sich von den Auffassungen vor dem 19. Jahrhundert“ unterscheide. Offenbar führt er diesen nun doch primär auf „externe Einflüsse“, also auf „Import“ aus Europa zurück. Nicht unerwähnt bleiben darf hier aus seiner Sicht die „intensive Propaganda“ der deutschen Faschisten. Dabei verweist Pfahl-Traughber auf den zionistischen Historiker Jeffrey Herf und den „Antideutschen“ und „Islamkritiker“ Matthias Küntzel – seriöse Literatur von (häufig sogar deutschen) Wissenschaftlern, die auch arabische Quelle zum Thema untersucht haben,23 kennt er offenbar nicht. Aus dem alten „islamischen Antisemitismus“ als „der bloßen Ablehnung einer diskriminierten Minderheit entstand“ nun „die Struktur einer Weltanschauung.“ Die darin enthaltenen, aus Europa „importierten“ verschwörungstheoretischen Aspekte seien zentral, da „man sich so doch scheinbar viele Entwicklungen, etwa um den israelischen Staat, erklären“ konnte.
Der Elefant im Raum
Es ist in der Tat erstaunlich, dass Israel in dem ganzen Text nur viermal vorkommt: dreimal in dem Wort „Israelfeindlichkeit“, und ein einziges Mal geht es um den Staat selbst. Denn tatsächlich ist die sogenannte Palästina-Frage doch der Knackpunkt des ganzen Themas: Sie bildet den aktuellen, zeithistorischen Rahmen, in dem dieser Text erschienen ist. Und sie ist auch zentral für das Verständnis des heute unter Muslimen und Arabern existierenden Antisemitismus. Pfahl-Traughbers Umgang mit dem Thema ist typisch – typisch deutsch will man fast sagen: „Israelfeindlichkeit“ wird wiederholt postuliert, freilich ohne sie zu definieren. Über Israel selbst und seine Politik will man aber lieber nicht sprechen. Der zionistische Siedlerkolonialismus, die Nakba, Israels Aggressionen gegen die Nachbarstaaten, die völkerrechtswidrige Besetzung und Annexion der Westbank und des Golan, die illegale Blockade gegen Gaza und schließlich der Genozid seit Oktober 2023 – all das versteckt der Autor hinter der verschämten Formulierung „Entwicklungen um den Staat Israel“.
Gilbert Achcar kritisiert in seinem Buch „Die Araber und der Holocaust“ einen Aufsatz des deutschen Orientalisten Stefan Wild und wirft ihm vor, mit Blick auf die Verbreitung der antisemitischen „Protokolle der Weisen von Zion“ im arabischen Raum zu Beginn der 1950er Jahre nicht zu erkennen, „was auf der Hand lag“: Nämlich dass „die außerordentliche Zuspitzung des Palästina-Konflikts im Jahr der Nakba und des ersten arabisch-israelischen Krieges 1948“ antisemitischen Ideologien Vorschub leisten musste.24 Übrigens zitiert Pfahl-Traughber genau diese von Achcar angekreidete Stelle Wilds, freilich ohne jede eigene Kritik und erst recht ohne Verweis auf Achcar, den er mutmaßlich gar nicht kennt.
Nun dürfte er zudem für sich in Anspruch nehmen, Wilds Fehler selber gar nicht zu wiederholen, da er ja, wie zitiert, an anderer Stelle sehr wohl auf die „Entwicklungen um den Staat Israel“ verweist. Doch das Gegenteil ist der Fall: Denn in seinem idealistischen Ideengeschichtskonzept ist der fruchtbare gesellschaftliche Boden für europäische antisemitische Vorurteile in erster Linie der traditionelle „islamische Antisemitismus“ – und gerade nicht die realen politischen und sozialen Verwerfungen infolge des europäischen Imperialismus mitsamt des zionistischen Siedlerkolonialismus, der für sich auch noch in Anspruch nahm und nimmt, das Judentum zu vertreten.
Die Mechanismen, wie und wieso (legitimer) Antizionismus in (illegitimen) Antisemitismus umschlägt, haben verschiedene Autoren schon vor Jahren sehr viel schlüssiger und fundierter dargelegt, als es Pfahl-Traughber heute tut.25
„Differenziertheit“ als Nebelkerze
Pfahl-Traughber lässt sich nicht dazu hinreißen, zu behaupten, dass Judenfeindlichkeit in mehrheitlich muslimischen Ländern allein auf den Islam zurückzuführen sei. Vielmehr räumt er ein, dass „sich gute Gründe anführen“ ließen, den in diesen Regionen verbreiteten Antisemitismus „lediglich als Importprodukt“ zu betrachten. Allerdings arbeitet der Autor auch hier unsauber. Indem er nämlich behauptet, es gebe die weitverbreitete These, Antisemitismus unter Muslimen oder Arabern sei ausschließlich ein „Importprodukt“, kann er seinen eigenen Ansatz, wonach es Anknüpfungspunkte in den dortigen Gesellschaften gegeben habe, als angeblich neu darstellen. Das ist er freilich keineswegs. Pfahl-Traughber stellt hier lediglich einen Pappkameraden auf, indem er einen Zeitungsartikel vom (mittlerweile der AfD nahestehenden) Bassam Tibi aus dem Jahr 2003 und einen eher populärwissenschaftlichen Aufsatz von Manfred Sing26 von 2024 heranzieht.
Indem er das tut, verkürzt, um nicht zu sagen: verfälscht er die bestehende seriöse wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen. Entsprechend kommt sein eigener „Aufsatz“ daher: Trotz der akademischen Aufmachung handelt es sich um einen sehr seichten Text, der nichts bietet, was nicht schon hundert Mal gesagt und geschrieben worden wäre. Dafür ist er aber voller Lücken und zeichnet ein extrem einseitiges Bild. Er schrammt nur aufgrund seiner unaufgeregten Ausdrucksweise an Pamphleten vorbei, die man sonst aus den Federn rechter, islam- und araberfeindlicher und/oder offen zionistischer Autoren liest. Mit Wissenschaftlichkeit hat der Text dennoch nichts zu tun – nicht trotz, sondern gerade weil er so unpolitisch daher kommt und seine politische Agenda zu kaschieren versucht.
„Kritische Wissenschaft“ mit dem Verfassungsschutz?
Nach dieser ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Aufsatzes sollen hier abschließend einige Worte zum Autor und zu den Blogbetreibern selber fallen: Armin Pfahl-Traughber ist weder Islamwissenschaftler noch Arabist oder ähnliches, sondern Politikwissenschaftler. Er ist aber auch nicht irgendwer. Man könnte ihn als einen der „Chef-Ideologen“ des Verfassungsschutzes (VS), also des deutschen Inlandsgeheimdienstes, bezeichnen. Dieser Geheimdienst wurde nicht nur, wie die meisten bundesdeutschen Institutionen, von alten Nazis aufgebaut. Er steckt bekanntlich auch bis heute bis zum Hals in der rechtsradikalen Szene in Deutschland: Das Bundesverfassungsgericht verbot die NPD 2003 nicht, weil nicht zu erkennen sei, wo die NPD anfange und der VS aufhöre. Auch andere Neonazistrukturen wurden von dieser Behörde finanziert und aufgebaut.27 Und selbst die Terroristen des NSU konnten wohl nur mit Unterstützung des VS so lange auf freiem Fuß bleiben.28 Der jahrelange Präsident des Bundes-VS, Hans-Georg Maaßen, gehörte zum rechtesten Rand der CDU und wurde wegen seines Rechtsradikalismus 2023 aus der Partei ausgeschlossen. Aus all diesen Gründen fordern Kritiker seit Jahren, diese in ihren Augen gemeingefährliche Institution abzuschaffen.
Wenn Pfahl-Traughber einen solchen Text veröffentlicht, dann handelt es sich nicht um einen normalen wissenschaftlichen Aufsatz. Desinformation – auch in Form von „wissenschaftlichen“ Publikationen – ist Teil geheimdienstlicher Arbeit. Dieser Arbeit eine Bühne zu bieten, ist wissenschaftsethisch höchst fraglich. Das Ganze auch noch mit dem Label „kritisch“ zu versehen, ist dagegen blanker Hohn. Etwas staatstragenderes und unkritischeres, als die Propaganda eines Geheimdienstes wie dem VS zu verbreiten, ist wohl kaum vorstellbar. Dass das Label „kritisch“ jetzt auch noch von staatlichen und staatsnahen Behörden gekapert zu werden droht, ist gefährlich für die bereits massiv angegriffene Wissenschaftsfreiheit und den (wirklich) kritischen Diskurs.
Im vorliegenden Fall ist das konkrete Ziel auch noch allzu offensichtlich – und verurteilungswürdig: Der Geheimdienstmann will ein ansonsten vor allem von Rechtsradikalen und offenen Islamhassern verbreitetes Narrativ im (islam)wissenschaftlichen Gewand verpackt salonfähig machen. Und das zu einem Zeitpunkt, in dem Deutschland im Namen des Kampfes gegen angeblichen „israelbezogenen“ und „islamischen Antisemitismus“ einen Völkermord unterstützt und jede zivilgesellschaftliche Gegenbewegung im Inland mit Gewalt und Repression überzieht.
Auf Anfrage, anhand welcher wissenschaftlichen und ethischen Standards der Text redaktionell geprüft wurde und inwiefern Autor und Inhalt zum Selbstverständnis des Blogs, „kritische Perspektiven“ zu fördern, passen, antwortete die Redaktion lediglich, man habe „den Beitrag hinsichtlich der Einhaltung wissenschaftlicher Standards geprüft und dem Autor einzelne“ – nicht weiter ausgeführte – „sprachliche und inhaltliche Änderungen vorgeschlagen“. Die Frage nach der Wissenschaftsethik „erschließt sich nicht ganz“, so die anonym beantwortete Mail. Nach einer diesbezüglichen Ausführung kam keine weitere Antwort. Auch auf die mehrfach gestellte Frage, ob der Blog Pfahl-Traughber als Autoren angefragt hatte oder dieser seinerseits auf Krit:Arab zugegangen war, wurde nicht reagiert.
Tatsächlich muss davon ausgegangen werden, dass die Redaktion diesen Text nicht aus Naivität veröffentlicht hat. Im September 2023 hielt das verbliebene Redaktionsmitglied einen Vortrag zur internationalen BDS-Bewegung. Die referierende Person hangelte sich dabei von der IHRA-Definition und dem sog. „3D-Test“ bis zum Vorwurf, BDS sei eine Neuauflage des Judenboykotts der Nazis. Quellen waren u. a. die „Ruhrbarone“. Nachdem die Person erklärt hatte, dass auch der Vorwurf der Apartheid gegenüber Israel antisemitisch sei, wurde sie gefragt, ob denn nicht aber real Apartheid in Palästina herrsche. Daraufhin erklärte sie, dass sie sich mit der Situation vor Ort nicht auskenne, es darum aber nicht gehe. Diese Aussage ist bezeichnend und passt auch zu Pfahl-Traughbers Text: Um Realität und Wahrheit geht es nicht, sondern um das Setzen von Narrativen im Sinne der in Deutschland herrschenden politischen Linie, für die sich der Begriff „Staatsräson“ etabliert hat.
1 https://kritarab.hypotheses.org/1767
2 https://www.bostonreview.net/articles/emmaia-gelman-anti-defamation-league/, https://www.cs.cmu.edu/afs/cs/project/theo-11/www/naive-bayes/20_newsgroup/talk.politics.mideast/77257?fbclid=IwAR2T4ag2Q1RnE5wtqpiZDh7K6zWNzfkVEy98m0F-Li5k7HxtyVj8144V_F8
3 https://www.jpost.com/diaspora/us-jewish-groups-laud-trumps-courageous-embassy-move-556426
4 https://droptheadl.org/the-adl-is-not-an-ally/
5 https://www.adl.org/adl-global-100-index-antisemitism
6 Günther Jikeli: Antisemitismus unter Muslimen als potentielles Mobilisierungsmittel für islamistische Gruppen. Eine Auswertung von Umfragen zu muslimischem Antisemitismus in westlichen Ländern, in: Hendrik Hansen / Armin Pfahl-Traughber (Hg.): Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2021 – 2023 (II), Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung 2024, S. 146-83.
7 https://www.hsbund.de/DE/04_Forschung/35_Publikationen/20_Schriften_Extremismus_Terrorismus/Schriften_Extremismus_Terrorismus-node.html
8 https://electronicintifada.net/blogs/david-cronin/eu-ignores-court-ruling-right-boycott-israel
9 https://mondoweiss.net/2013/01/disservice-criticism-behavior/
10 Jikeli: Antisemitismus unter Muslimen, S. 150.
11 International Bank for Reconstruction and Development / The World Bank: The World Bank’s Gaza Rapid Damage and Needs Assessment, June 2021, S. 15.
12 https://kidoks.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/4342/file/CARS_WorkingPaper_014.pdf
13 Jikeli: Antisemitismus unter Muslimen, S. 181-83.
14 Ausführlich und mit Belegen bei ethos.media.
15 The Encyclopaedia of Islam. New Edition, Vol. IV, Brill 1997, S. 1138.
16 Haggai Ben-Shammai: Jew-hatred in the Islamic Tradition and the Koranic Exegesis. In: Shmuel Almog (Hg.): Antisemitism through the Ages, Pergamon Press 1988,S. 161.
17 Ebd. S. 162.
18 John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel, Junius-Verlag 1989, S. 24. Hervorhebung im Original.
19 Ebd. S. 16.
20 Ebd. S. 22.
21 Léon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus Band 3. Religiöse und soziale Toleranz unter dem Islam, Verlag Georg Heintz 1979. Im französischen Original und auf Englisch lautet der Titel dieses Bandes schlicht: „De Mahomet aux Marranes“ bzw. „From Mohammed to the Marranos“.
22 Bernhard Lewis: Die Juden in der islamischen Welt. Vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, C. H. Beck 1987, S. 49.
23 Zu nennen sind hier vor allem Edmond Cao-Van-Hoa, Israel Gershoni, Gerhard Höpp, David Motadel, Götz Nordbruch, Peter Wien und René Wildangel sowie das Zentrum Moderner Orient (ZMO). In Bezug auf nicht-arabische Muslime außerdem Stefan Petke.
24 Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust. Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen, Nautilus Verlag 2012, S. 112 f.
25 Beispielsweise Alexander Flores: Arabischer Antisemitismus in westlicher Perspektive, in: John Bunzl / Alexandra Senfft (Hg.): Zwischen Antisemitismus und Islamophobie, VSA 2008, S. 153 f.
26 Sing veröffentlichte im März 2026 eine Entgegnung auf Pfahl-Traughber, in der er ihm vorwarf, seine eigenen Thesen falsch dargestellt zu haben. Außerdem wirft er ihm vor, „Begriffsverwirrung“ um Antisemitismus und Antijudaismus zu betreiben, einseitig aus dem Koran zu zitieren, die Bedeutung Sayyid Qutbs für die Muslimbruderschaft falsch darzustellen, einen „deutschen Entlastungsdiskurs“ zu bedienen, der Muslime bzw. „Islamisten“ als Nachfolger der Nazis darstelle, und eine „monokausale Kontinuitätsbehauptung für muslimische Judenfeindschaft von der Frühzeit des Islams bis zur Gegenwart“ aufzustellen.
27 https://www.nsu-watch.info/2014/10/aufbauhilfe-welche-rolle-spielten-v-leute-fuer-das-entstehen-der-heutigen-neonazi-szene/



