Der Name als Verdacht: Wie der Begriff „Clankriminalität“ ganze Familien kriminalisiert

Foto: jnylee

Immer wieder widmen sich deutsche Medien der so genannten „Clankriminalität„. Doch schon die Ausgangsfrage übernimmt einen Begriff, der seit Jahren als rassistisch, diskriminierend und stigmatisierend kritisiert wird. Ein Begriff, der nach Ansicht von Forschenden und Betroffenen immer wieder genutzt wird, um ein besonders hartes Vorgehen gegen bestimmte Familien öffentlich zu begründen.

Seit Jahren berichten Betroffene über die Folgen dieser pauschalen Verbindung von Familiennamen, Herkunft und Kriminalität. Die Folgen zeigen sich im Alltag: in Schulen, bei Bewerbungen, im Berufsleben und vor allem im Kontakt mit staatlichen Behörden.

Die Wirkung der Sprache

Welche Folgen diese Sprache hat, zeigen die Kommentarspalten der sozialen Medien. Ganze Familien, Nachnamen und Herkunftsgruppen werden zum Ziel rassistischer Vorurteile und Beleidigungen. Unter den Lesern sind Menschen, die als Arbeitgeber, Kollegen oder staatliche Angestellte morgen wieder diesen Familien begegnen. Menschen, die Kinder und Jugendliche mit diesen Familiennamen unterrichten, begleiten oder über ihre Zukunft mitentscheiden.

Welche Verantwortung tragen Medien, wenn solche Bilder über ganze Familiennamen entstehen? Welche Auswirkungen hat es, wenn sie selbst Kinder aufgrund ihres Namens einer diskriminierenden Kategorie zu ordnen? Wie wird reflektiert, dass Familienname wichtiger ist, als der einzelne Mensch, wird es überhaupt reflektiert?

Von der Polizeidefinition zur gesellschaftlichen Beschreibung

Der zentrale Fehler der Clan-Debatte liegt darin, dass eine polizeiliche Arbeitsdefinition zunehmend zu einer gesellschaftlichen Beschreibung ganzer Familien wird. Eine Arbeitsdefinition, die weder wissenschaftlich ausgearbeitet ist und erst Recht nicht die Folgen für die große Mehrheit der Menschen beachtet, die nicht kriminell sind, dadurch aber als mindestens Kriminalitätsnah dargestellt werden. Am Anfang medialer Berichterstattung stehen fast immer die Definitionen und Perspektiven der Polizei. Genau diese polizeiliche Betrachtung wird dadurch unkritisch zum Schwerpunkt der Debatte gemacht.

Statt über einzelne Täter und ihre Taten zu sprechen, wird die Tat allen zugeordnet, die den selben Nachnamen tragen. Ohne mit der Wimper zu zucken, werden selbst Kinder zu „Clan-Mitgliedern“ gemacht. Ein Kind wird somit indirekt zum mitverantwortlichen für eine Person, mit der sie nichts gemein hat, außer den Nachnamen und die Tatsache, das vielleicht der Ururgroßvater der Großcousin des eigenen Ururgroßvaters war. Ein Verhältnis bei dem man sonst, zu recht, nie von Familie sprechen würde.

Doch die Sprache beeinflusst die Wahrnehmung, wird über Clans gesprochen, geht es nicht mehr um einzelne Straftaten einzelner Menschen. Ein ganzer Familienname wird zum Symbol. Nicht Soziologen, Historiker, Ethnologen oder Migrationsforscher haben diese Familien als „Clans“ definiert. Der polizeiliche Feldzug gegen „Clans“ wird seit Jahrzehnten geführt und er trifft nicht jene, die kriminell sind, sondern jene, die mit ihnen nichts gemein haben, außer dem Familiennamen.

Essener Broschüre als Sinnbild

Ein Beispiel ist der Umgang mit Schulungsmaterialien der Sicherheitsbehörden. Im September 2020 veröffentlichte die Polizei Essen die Broschüre „Arabische Familienclans. Historie. Analyse. Ansätze zur Bekämpfung“ der Kriminologin Dorothee Dienstbühl. Das Papier zeichnet die Herkunft, Migrationsgeschichte und angebliche „Wertestruktur“ von Familien nach und entwickelt daraus Handlungsempfehlungen für die polizeiliche Praxis ab.

Eine ganze Bevölkerungsgruppe wird darin nicht als heterogene Gruppe von Individuen behandelt, sondern als kulturell bedingtes Sicherheitsrisiko beschrieben. Genau dieser Ansatz, Migrationsgeschichte und Familienzugehörigkeit als Erklärung für Kriminalität heranzuziehen, ist der Kern der Kritik am gesamten Clan-Diskurs. Er ersetzt die Frage nach individueller Tat und individueller Schuld durch die Frage nach Abstammung. Die Essener Broschüre steht dabei nicht allein. Landeskriminalämter mehrerer Bundesländer arbeiten seit Jahren mit Namenslisten, die bestimmte Familiennamen als „clanrelevant“ kennzeichnen. Wer einen gelisteten Nachnamen trägt, wird in polizeilichen Lagebildern erfasst, unabhängig davon, ob eine individuelle Straftat vorliegt. Diese namensbasierte Erfassung ist der methodische Kern dessen, was Kritiker als institutionellen Rassismus bezeichnen.

Junge Polizistinnen und Polizisten legen einen Eid ab, alle Menschen gleich und nach Recht und Gesetz zu behandeln. Mit solchen Bildern über Familiennamen geschult, werden sie nicht neutral vorbereitet. Sie werden mit Vorurteilen vergiftet, bevor sie überhaupt dem ersten Menschen aus diesen Familien begegnen.

Was verschwindet, wenn der Name im Mittelpunkt steht

Fluchtgeschichte, Staatenlosigkeit, jahrzehntelange Duldung, gesellschaftliche Ausgrenzung und politische Verantwortung finden kaum Beachtung, das Zerstören der Zukunftsperspektiven für hunderte junger Menschen, die wegen Kettenduldung nicht arbeiten dürfen, oder wegen des Familiennamens keine Arbeit finden, wird ignoriert, denn die Folgen des eigenen Handelns interessieren nicht. Die Folgen erleben Menschen im Alltag: bei Bewerbungen, am Arbeitsplatz, bei Polizeikontrollen. Überall dort, wo ein Name sichtbar wird.

Kriminalität muss konsequent bekämpft werden. Straftaten müssen verfolgt und Täter bestraft werden. Aber ein Rechtsstaat verfolgt Taten und Täter. Nicht Familiennamen, nicht Abstammung, nicht ethnische Herkunft. Menschen tragen Verantwortung für ihre eigenen Handlungen. Nicht für ihren Nachnamen.

Mitglied im Essener Stadtrat für die Gruppe LICHT.
https://www.instagram.com/ahmad.omeirat.ruhr/

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Ein Kommentar

  1. Jeder Mensch sollte nach seinem Ver halten beurteilt werden nicht nach seiner Herkunft. Und Gerechtigkeit bedeutet, den Einzelnen zu beurteilen, nicht ganze Familien.

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